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Wolf Singer, Matthieu Ricard: Hirnforschung und Meditation

Rezensiert von Prof. Dr. med. et Dr. disc. pol. Andreas G. Franke, 25.07.2008

Cover Wolf Singer, Matthieu Ricard: Hirnforschung und Meditation ISBN 978-3-518-26004-3

Wolf Singer, Matthieu Ricard: Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2008. 133 Seiten. ISBN 978-3-518-26004-3. 10,00 EUR. CH: 16,50 sFr.
Reihe: Edition Unseld - 4.

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Thema und Zielsetzung

Die beiden Autoren leisten mit ihrem Buch über Hirnforschung und Meditation einen Beitrag zum Austausch von Naturwissenschaften und den kontemplativen Wissenschaften. Sie bringen dem Leser völlig verschiedene Methoden zur Ausbildung des menschlichen Geistes und von menschlichen Werten näher und wollen zur Diskussion über zwei völlig verschiedene "Wege" anregen.

Entstehungshintergrund

Wolf Singer als Leiter des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung und Matthieu Ricard als buddhistischer Mönch verfügen beide über ein klassisches naturwissenschaftliches Studium und sind sich auf zahlreichen Veranstaltungen begegnet und haben bei diesen Gelegenheiten intensive Diskurse geführt. Wenn sie auch über den gleichen naturwissenschaftlichen Hintergrund verfügen, so haben sie sich doch für die Auslotung völlig verschiedener Erkenntnisquellen entschieden. Das vorliegende Buch ist nun aus Dialogfragmenten entstanden.

Autoren

Wolf Singer studierte Medizin in München und Paris und promovierte und habilitierte sich in München auf dem Gebiet der Physiologie. Seine neurophysiologischen Studien führten zu unzähligen wissenschaftlichen Aufsätzen und Monographien. Er ist Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt am Main tätig und Gründungsdirektor des Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS) als einer der führenden Hirnforscher Deutschlands.

Matthieu Ricard studierte Molekularbiologie und promovierte beim Medizinnobelpreisträger  Fran�ois Jacob. Schließlich kehrte er seinem bisherigen Leben den Rücken und lebt seit mittlerweile 35 Jahren als buddhistischer Mönch im Himalaja. Er ist offizieller französischer Übersetzer des Dalai Lama und veröffentlichte zahlreiche Bücher.

Aufbau und Inhalt

Das auf den ersten Blick unscheinbare Büchlein gliedert sich in 46 sehr kleinschrittige  thematische Abschnitte, die fließend ineinander übergehen.

Während Ricard aus buddhistischer Perspektive argumentiert, begründet Singer stets aus neurowissenschaftlicher Sicht; so ungleich sie sich in ihrem Modus auch sind, so ähnlich sind sie sich in den Zielen ihres Gespräches und ergänzen sich vielfach gegenseitig mit ihren je eigenen methodischen Herangehensweisen.

Der Buddhismus stellt nach Ricards Aussagen keine Religion im westlichen Sinne dar. Er strebt seit Jahrtausenden nach Erkenntnis, Mitgefühl und Altruismus, wohingegen die westlichen Wissenschaften erst "vor kurzem" begonnen haben, den menschlichen Geist zu entschlüsseln.

Ricard geht es zunächst v.a. darum, Selbsterkenntnis durch Introspektion und Schärfung des inneren Auges zu erlangen und sich dazu von Emotionen zu distanzieren, die das Wahrnehmungsbild verzerren. Singer zweifelt dabei an der Objektivität der Methode. Ricard bringt nun die Meditation als Methode der Wahl ins Gespräch, die Wahrnehmungsverfälschung bestmöglich verhindere. Meditation müsse durch viel Übung erlernt werden, um eine gewisse "Umprogrammierung" des Gehirns zu erreichen. Dazu erläutern beide mehrere Beispiele aus aktuell naturwissenschaftlichem Kontext. Singer erläutert in diesem Kontext unter u.a. das Phänomen der neuronalen Plastizität und berichtet über interessante neurowissenschaftliche Studien über Meditation.

Meditation, so Ricard, erfordere ein immenses Maß an kontinuierlicher Übung, um gewisse Bewusstseinszustände zu evozieren und mit der Wahrnehmungsverfälschung von Emotionen umzugehen. Meditation verbessere die Wahrnehmung und konsekutiv die eigene Kognition, um Emotionen deutlicher wahrnehmen und kontrollieren zu können. Beide sind sich einig, dass Meditation zunächst als eine zielgerichtete Erforschung der "Innenwelt" zu verstehen sei.

Einig sind sich Singer und Ricard auch darin, dass eine ausgeprägtere und differenziertere Selbstwahrnehmung durch Meditation den Blick auf die Außenwelt schärfen könne und belegen dies mit den ihnen vertrauten Modi. Es wäre eine Methode für ein verständigeres Miteinander.

Zielgruppe

Als Zielgruppe für dieses kleine Büchlein dürfte wohl eine recht breite Öffentlichkeit gelten. Interesse an und gewisse Vorkenntnisse auf neurowissenschaftlichem Terrain sind mit Sicherheit von Vorteil. Eines benötigt der potentielle Leser aber mit Sicherheit: Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Wertesystemen und die Bereitschaft über den Tellerrand hinaus zu blicken.

Fazit

Es liegt sowohl formal als auch inhaltlich ein im wahrsten Sinne außergewöhnliches Buch vor, das Naturwissenschaften und kontemplative Wissenschaften keineswegs als unerbittliche Gegner gegenüberstellt, sondern vielmehr unterschiedliche Zugangswege zu Moral, Empathie und Mitgefühl vor allem in der Meditation aufzeigt. Singer und Ricard ist damit ein lesenswertes Experiment gelungen.

Rezension von
Prof. Dr. med. et Dr. disc. pol. Andreas G. Franke
M.A. Professur für Medizin in Sozialer Arbeit, Bildung und Erziehung. Hochschule der Bundesagentur für Arbeit Mannheim
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Es gibt 75 Rezensionen von Andreas G. Franke.

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ISSN 2190-9245