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Claudia Löding: Snoezelen

Cover Claudia Löding: Snoezelen. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2004. 150 Seiten. ISBN 978-3-437-46590-1. 19,95 EUR.
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Zur Thematik des Buches

Die stationäre Altenhilfe nicht nur in Deutschland macht bereits seit Jahren einen Wandlungsprozess dergestalt durch, dass zunehmend die Bewohnerorientierung die Einrichtungsorientierung ablöst. Herkömmliche Versorgungsanstalten entwickeln sich mehr und mehr zu Lebenswelten für die jeweiligen Bewohnergruppen. Attribute wie Wohnlichkeit und Normalität werden zu Bestandteilen des Heimlebens. Faktoren einer angemessenen Stimulierung und Milieugestaltung besonders für die Gruppe der äußerst hilflosen Demenzkranken treten ins Zentrum der fachlichen Diskussion. Besonders in den USA sind eine Reihe von Konzepten und Modellen in diesem Rahmen entwickelt worden: u. a. die "low stimulus units", das Intervall-Konzept der Stimulierung und das Modell des eingeschränkten Belastungshorizontes. In Deutschland hat sich seit einiger Zeit der Ansatz des "Snoezelen" als ein Stimulierungsinstrument für Heimbewohner in vielen Einrichtungen etabliert.

Die Autorin ist Sozialpädagogin und unterrichtet an einem Institut für Weiterbildung in der Kranken- und Altenpflege.

Inhalt

Die Veröffentlichung ist in acht Kapitel aufgeteilt.

  • Im ersten Kapitel ("Was ist Snoezelen") wird auf die Definition und die Entstehungsgeschichte des Snoezelen eingegangen. Snoezelen kann als eine zeitlich begrenzte multisensorische Stimulierung mittels Medien und Stimulierungsgegenständen in speziell hierfür eingerichteten Räumen mit dem Ziel der Entspannung bezeichnet werden. Diese Interventionsform wurde gegen Ende der 70er Jahre in einer Einrichtung für schwerst geistig Behinderte in den Niederlanden im Rahmen der Gestaltung eines Sommerfestes entwickelt.
  • Das zweite Kapitel enthält die Ziele und Prinzipien dieses Ansatzes. Das Hauptziel besteht beim Snoezelen in der Entspannung. Um dieses Ziel erreichen zu können, bedarf es der Prinzipien der Freiwilligkeit, Motivation und Individualität. Mit Individualität sind die Stimulierungsparameter Dauer, Intensität und Form der Begleitung gemeint.
  • Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Snoezelen bei pflegebedürftigen und demenzkranken alten Menschen. Die Autorin führt hierbei u. a. die Biografie- und Erinnerungsarbeit an, des Weiteren beschreibt sie Verhaltensweisen Demenzkranker, gibt Hinweise bezüglich des Einsatzes der Snoezelen-Instrumente und der Bedeutung der Beobachtung und Begleitung demenzkranker Bewohner bei den Snoezelsitzungen.
  • Im vierten Kapitel werden die verschiedenen Modalitäten des Snoezelen beschrieben: Snoezelraum, Einzelsitzungen, Gruppensitzungen, mobiles Snoezelen und wohnbereichsintegriertes Snoezelen.
  • Kapitel 5 thematisiert die Einrichtung eines Snoezelraumes: Raumauswahl, Raumgestaltung, Wartung und Sicherheit und das erforderliche Zubehör. Hierbei handelt es sich um die Spiegelkugel mit Discospot, Schwarzlichtröhren mit Fassungen, Effekt-Projektoren, Lichtfaserobjekte, Wasserwirbelsäulen, ein Milchstraßenteppich und eine Musikanlage mit CDs. Als Materialien für das Fühlen und Tasten werden empfohlen: Tastwände und Tastsäulen, Wasserbett, Kuschel-Schafe und andere Kuscheltiere, Sitzsäcke, Decken und Kissen und Massagezubehör. Als Materialien für das Riechen und Schmecken werden elektrische und manuelle Aromaverbreiter und duftgetränkte Materialien angeführt. Die Kosten für die Ausstattung eines Snoezelraumes von 15 qm belaufen sich auf mindestens 5000 Euro.
  • In Kapitel 6 wird der Ablauf einer Snoezeleinheit im Snoezelraum erläutert, wobei zwischen Sitzungen in vorbereiteten und unvorbereiteten Räumen unterschieden wird.
  • Kapitel 7 enthält die unterschiedlichen Auswirkungen des Snoezelen bei den Heimbewohnern. Die Autorin führt hierbei die Entspannung, verschiedene Formen der Aktivierung (u. a. Erinnerungsbelebung, Ressourcenförderung und Motivation), aber auch Ablehnung und Gefühlsausbrüche an. Auch auf die Auswirkungen des Snoezelen auf das Team, die Beziehung zu den Bewohnern und die Nähe-Distanz-Problematik beim Snoezelen wird eingegangen.
  • In Kapitel 8 beschäftigt sich die Autorin mit den Möglichkeiten und Grenzen des Snoezelen. Einerseits handelt es sich um ein Freizeitangebot, obgleich Snoezelen auch "Beziehungsarbeit" beinhaltet, die sich zur "Intensivierung der Beziehung zwischen MitarbeiterInnen und BewohnerInnen" eignet (Seite 127). Andererseits erwartet die Autorin von zukünftigen Untersuchungen über die Wirkung des Snoezelen, dass eine "allgemeine Anerkennung des Snoezelens als therapeutische und pädagogische Intervention" (Seite 130) erreicht werden wird.

Den Abschluss des Buches bilden 16 Farbfotos mit Motiven eines Snoezelraumes mitsamt Einzel- und Gruppensitzungen aus einer Altenhilfeeinrichtung in Krefeld.

Kritische Würdigung

Dieses Buch wirkt in vielerlei Hinsicht äußerst befremdlich auf den Rezensenten. Folgende Aspekte sind hierbei besonders hervorzuheben:

  • Leerstellen. Es fehlt eine theoretische oder wissenschaftliche Begründung des Snoezelen. Kein Ableiten von biologischen, medizinischen oder psychologischen Erkenntnissen oder Gesetzmäßigkeiten und auch kein Einordnen in bereits bestehende Erklärungsmodelle findet sich in den Ausführungen, die jedweden Ansatz einer Reflexion des spezifischen Agierens vermissen lassen. So findet sich auch kein einziger Literaturhinweis in diesem Buch. Dieser Mangel an geistiger Auseinandersetzung mit dem Stellenwert und der Wirkung dieser Interventionsform auf die Betroffenen drückt sich auch in dem Sprachstil aus, denn die Ausdrucks- und Argumentationsweise erinnert stark an Texte von Werbebroschüren. Wie im Kontext des Fehlens eines strukturierten Erklärungs- und Bewertungsrahmens eine Ausbildung zum "Snoezelen-Therapeuten" und "Snoezelen-Pädagogen" vollzogen werden soll, bleibt dem Rezensenten rätselhaft.
  • Überforderung und Gefahr. Die sensorische Verdichtung von verschiedenen fremden Reizquellen in einem verdunkelten Raum mag für einen kognitiv nicht beeinträchtigen alten Menschen vielleicht noch zu ertragen sein, obwohl solch eine Intervention mit der bisherigen Lebensgestaltung der Hochbetagten nicht im Einklang steht. Damit kann auch die Sinnfrage solcher Aktivitäten gestellt werden. Für Demenzkranke hingegen, die aufgrund hirnpathologischer Abbauprozesse ständig damit rechnen müssen, dass ihr Bezug zur Realität durch wahnhafte Verkennungen und Eingebungen verloren geht, stellt Snoezelen ein Überforderung und Gefahr zugleich dar.
  • Das Befremdliche. Snoezelen wurde von zwei Zivildienstleistenden zur Blütezeit der Disco-Kultur ("Saturdaynight Fever" u. a.) zusammengestellt. Diese zeitgeschichtliche Verortung spiegelt sich deutlich in den Raum- und Stimulierungselementen wider. Das ganze Milieu vermittelt den Charakter einer Mischung aus Dorf-Diskothek und Esoterik-Tempel. Die abgebildeten Personen und besonders die hochbetagten Heimbewohner auf den Fotos in diesem Buch wirken in dieser Ambiente deplaziert und verloren.

Fazit

Es überrascht immer wieder, welche Modelle und Konzepte in der Altenpflege und auch in der Demenzpflege Fuß fassen können. Es bleibt zu hoffen, dass zumindestens Demenzkranken diese Interventionsform möglichst erspart bleibt.


Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.svenlind.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 25.05.2004 zu: Claudia Löding: Snoezelen. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2004. ISBN 978-3-437-46590-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/641.php, Datum des Zugriffs 04.03.2021.


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