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Frank Hatch, Lenny Maietta: Kinästhetik, Gesundheitsentwicklung und [...]

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 22.04.2003

Cover Frank Hatch, Lenny Maietta: Kinästhetik, Gesundheitsentwicklung und [...] ISBN 978-3-437-26840-3

Frank Hatch, Lenny Maietta: Kinästhetik, Gesundheitsentwicklung und menschliche Funktionen. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2003. 2., komplett überarbeitete Auflage. 235 Seiten. ISBN 978-3-437-26840-3. 29,95 EUR.
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Thema und Vorgeschichte

Vor ca. 25 Jahren fanden sich in den USA die Autoren, ein Tänzer und eine Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt körperorientierte Therapien, zusammen und entwickelten im Laufe der Zeit ihr Modell von Bewegung und Gesundheit, das sie "Kinästhetik" tauften. Es handelt sich um ein Konzept, das die Bewegungsabläufe sowohl von Pflegenden als auch von Patienten in Verbindung mit einem allgemeinen Gesundheitsmodell zum Inhalt hat. Dieser Ansatz fand in den letzten Jahren in Deutschland besonders in der Altenhilfe Verbreitung. Eine Reihe von Veröffentlichungen belegt das wachsende Interesse an diesem Modell.

Inhalt

In den ersten beiden Kapiteln wird das Gesundheitsverständnis der Autoren dargestellt, das stark vom Kompetenzansatz (die noch vorhandenen Fähigkeiten und nicht die Defizite der Patienten in den Mittelpunkt stellen) bestimmt ist. Im dritten Kapitel werden die sechs kinästhetischen Konzepte in der professionellen Pflege ("Interaktion", "Funktionale Anatomie", "Menschliche Bewegung", "Anstrengung", "Menschliche Funktionen" und "Umgebungsgestaltung") und die spezifische Terminologie der Kinästhetik vorgestellt. So wird z. B. der Körper in "Massen" (Kopf, Brustkorb, Becken, Arme und Beine) und "Zwischenräume" (Hals, Taille, Hüft- und Schultergelenke) unterteilt. Bewegungen werden in "Parallel- und Spiralbewegungen" unterschieden. Des weiteren werden die "Aktivitäten zum Studium der kinästhetischen Konzepte" angeführt: u. a. Selbstbeobachtungen, Bewegungsübungen allein und zu zweit, Berührungen des eigenen Körpers und des Körpers des Partners, Tagebuchführung über die eigene Körperhaltung und die eigenen Bewegungsabläufe.

Im Kapitel 4 werden die "Menschlichen Aktivitäten und ihre Natur" dargestellt. Mit "Menschliche Aktivitäten" bezeichnen die Autoren alltägliche Verrichtungen ähnlich den so genannten ATLs (Aktivitäten des täglichen Lebens). Folgende Aktivitäten werden im Kontext des kinästhetischen Ansatzes beschrieben: Kommunikation, Position halten, Fortbewegung, Körperpflege, An- und Auskleiden, Sexualität, Essen und Trinken, Ausscheiden, Zirkulation, Atmung, Schlafen und Aufwachen und zuletzt Sterben und Tod.

Kapitel 5 befasst sich mit der "Verhaltenskybernetik", die als "wissenschaftliche Grundlage der Kinästhetik" bezeichnet wird.

Ein Glossar bildet neben Literatur- und Sachwortverzeichnis und den Adressen der kinästhetischen Institute den Abschluss des Buches.

Kritische Würdigung

Eine Reihe von kritischen Überlegungen lassen sich nach der Lektüre dieses Buches formulieren, die auf die Konzeption, Vorgehensweise und das Selbstverständnis ausgerichtet sind.

Zum Wissenschaftsverständnis der Autoren

Im Vorwort ihres Buches distanzieren sich die Autoren von der "anmaßenden Autorität der naturwissenschaftlich dominierten Wissenschaft". Ihr Konzept von Wissenschaft basiert auf den Modellen der "Verhaltenskybernetik", die sie als eine "moderne Verhaltenswissenschaft" bezeichnen.

Hierzu lässt sich ausführen, dass die Verhaltenskybernetik keine Wissenschaft ist, sondern nur ein Erklärungs- oder Darstellungsmodell unterschiedlicher Prozesse in der belebten und unbelebten Natur. Es überrascht des Weiteren, dass die angeführte Literatur über die "moderne Verhaltenswissenschaft" nur aus den 60er und 70er Jahren und weit früher stammt.

Zum Wissensstand im Bereich der Pflege

Es existieren eine Vielzahl von Bewegungs-, Aktivierungs- und Lagerungskonzeptionen und Lehrmeinungen in den Bereichen der Pflege, Physiotherapie und Rehabilitation, die tagtäglich in den Krankenhäusern, Heimen und Rehabilitationseinrichtungen Anwendung finden.

Mit keinem Wort wird in diesem Buch auf diesen Stand der Erfahrungen und Erkenntnisse eingegangen. Beim Lesen gewinnt man den Eindruck, dass hier etwas völlig Neues entwickelt wurde.

Zur Terminologie

Neue Begriffe werden in der Regel eingeführt, wenn die bestehende Terminologie neue Sachverhalte, Prozesse und auch Gegenstandsbereiche nicht mehr angemessen auszudrücken vermag. Die Terminologie in diesem Modell hingegen wirkt willkürlich. Es hat den Anschein, dass die Einzigartigkeit dieses Modells durch eine eigene Begrifflichkeit besonders hervorgehoben werden soll.

Zum Aneignungsprozess

Etwas obskur wirken auf den Leser die angeführten Aneignungsprozesse: "Berühren und bewegen Sie die Massen Ihres Partners, der sich passiv verhält. Tun Sie das Gleiche mit seinen Zwischenräumen."(Seite 71) Dies erinnert an die körperbetonten Begegnungs-Gruppen der 70er Jahre. Auch die überzogenen Selbstbeobachtungsübungen (Listen- und Tagebuchführung) können nur mit einem hypertrophen Verständnis des Modells des feed-backs erklärt werden, das nicht dem Stand der Forschung entspricht.

Fazit

Die vorliegende Veröffentlichung vermag aufgrund der angeführten Eigentümlichkeiten nicht zu überzeugen.

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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Es gibt 220 Rezensionen von Sven Lind.

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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 22.04.2003 zu: Frank Hatch, Lenny Maietta: Kinästhetik, Gesundheitsentwicklung und menschliche Funktionen. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2003. 2., komplett überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-437-26840-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/642.php, Datum des Zugriffs 27.11.2022.


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