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Ilona Esslinger-Hinz, Hans-Joachim Fischer (Hrsg.): Spannungsfelder der Erziehung und Bildung

Cover Ilona Esslinger-Hinz, Hans-Joachim Fischer (Hrsg.): Spannungsfelder der Erziehung und Bildung. Ein Studienbuch zu grundlegenden Themenfeldern der Pädagogik. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2008. 285 Seiten. ISBN 978-3-8340-0375-1. 19,80 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Im vorliegenden Sammelband werden eine ganze Reihe unterschiedlicher „Themenfelder der Pädagogik“ behandelt. Da die einzelnen Abhandlungen einführenden Charakter haben, sprechen die Herausgeber von einem „Studienbuch“. Die verschiedenen Themenfelder werden alle unter einer und nur einer Perspektive aufgegriffen: der von „Spannungsfeldern“. Die Herausgeber entlehnen die Vorstellung der Physik (des Elektromagnetismus), der die Begriffe des Feldes und der Energie, damit auch der Spannung, wohl vertraut sind. Sie sehen darin eine „Metapher“ für viele, vielleicht alle pädagogischen Phänomene. „Spannungsfelder bauen sich erstens aus Polaritäten auf, aus gegensätzlichen Bezügen. Zweitens: Die Spannung kommt aus dieser Polarität. Sie ist nicht auflösbar… Drittens ist sie eine Kraftquelle…“ (S. 7) – in konstruktiver wie in destruktiver Hinsicht.

Damit steht der Sammelband mit seinem Anspruch in der Tradition der dialektischen Pädagogik, wie sie Friedrich Schleiermacher (1786-1834) beispielhaft vorgezeichnet hat und Theodor Litt (1880-1962) und Romano Guardini (1885-1968) in eigener Weise nachgezeichnet haben. In ihr stehen polare, auch „antinomisch“ genannte Spannungen im Fokus der Aufmerksamkeit: Dass alle Dinge „aus zwei entgegengesetzten Kräften zusammenschmelzen“ bzw. sich „in zwei einander feindseligen und doch nur durch einander bestehenden und unzertrennlichen Zwillingsgestalten“ zeigen, wie es Schleiermacher in seinen Reden „Über die Religion“ formulierte.

Herausgeberin und Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Die beiden Herausgeber, PD Dr. Ilona Esslinger-Hinz und Prof. Dr. Hans-Joachim Fischer sind Schulpädagogen und Mitarbeiter des Instituts für Erziehungswissenschaft der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. 19 der 23 Autoren, die beiden Herausgeber inbegriffen, sind ebenfalls Mitarbeiter des Instituts.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband soll „Studierende dafür ... sensibilisieren, dass [die] ... den Erziehungs- und Bildungsprozessen immanente Dialektik beachtet und in der Praxis produktiv gemacht wird“ (S. 3). Mit diesem Zugang zur Pädagogik ähnelt es den „Zeit- und Grundfragen der Pädagogik“ Theo Dietrichs, die 1998 in der letzten, nämlich 8. Auflage erschienen sind. Zugleich ist das Buch der Sache nach, wenn auch nicht so benannt, eine Festschrift zum 65. Geburtstag von Prof. Dr. Georg Unseld, der im Institut das Fach Allgemeine Pädagogik vertreten hat.

Aufbau

Nach einer „Einführung in das Studienbuch“ durch die Herausgeber folgen 18 Beiträge, die jeweils ein Spannungsfeld der Erziehung und Bildung thematisieren und mit einer kurzen, optisch abgehobenen Zusammenfassung eröffnet werden. Die meisten Texte sind der Schulpädagogik zuzuordnen. Vier kann man der Allgemeinen Pädagogik zuschlagen, während einer zur Medienpädagogik gehört. Von dieser Dreiteilung abgesehen folgt weder die Auswahl noch die Reihenfolge der Beiträge einer Systematik der Themenfelder.

Inhalt

Der Titel jedes Beitrags, außer der Einführung, wird mit dem Wort „Spannungsfeld“ eingeleitet und mit einer Nummer von 1 bis 18 versehen. Die Titel lauten, ohne diesen einleitenden Zusatz:

  1. Erziehung und Bildung zwischen religiöser und säkularer Orientierung (Karl Ernst Nipkow)
  2. Lehrerprofessionalität zwischen Lehrkunst und Selbstreflexivität (Luise Winterhager-Schmid). Im Inhaltsverzeichnis steht fälschlich „Bildung: Zwischen lebenspraktischer Nützlichkeit und individueller Entwicklung“.
  3. Erziehung und Bildung zwischen Freigeben und Behüten (Ekkehard Marschelke): Litt
  4. Erziehung und Bildung zwischen Fremd- und Selbstbestimmung (Helmut Wehr): parallel zu 3., entwickulungspsychologisch auflösbar
  5. Erziehung und Bildung im Blick verschiedener Paradigmata des Lernens (Gerhard Drees)
  6. Erziehung und Bildung zwischen Stetigkeit und Unstetigkeit (Siegfried Däschler-Seiler): Bollnow
  7. Mediale Erfahrungsräume: Chancen oder Risiken (Horst Niesyto, Petra Reinhard-Hauck, Björn Maurer)
  8. Die Schule zwischen Geschlechtergerechtigkeit und Geschlechtsneutralität (Rosemarie Godel-Gaßner): Spannung?
  9. Die gesellschaftliche Funktion der Schule: Selegieren oder integrieren? (Edeltraud Röbe)
  10. Die Schule zwischen Autonomie und gesetzlicher Bindung (Karl Zenke)
  11. Bildungskanon oder Bildungsstandards? (Gabriele Strobel-Eisele, Albrecht Wacker)
  12. Unterricht zwischen Planung und Unplanbarkeit (Ursula Carle)
  13. Unterrichtsforschung zwischen Schulpädagogik und Lehr-Lernforschung (Michaela Gläser-Zikuda)
  14. Die Aufgabe der Schule: Orientierung an der Lebenswelt oder Überschreitung der Lebenswelt? (Raffael Frick)
  15. Zeitkultur – Zeitökonomie: Dem Lernen Zeit geben oder nehmen? (Martina Knörzer, Hand-Joachim Fischer)
  16. Der Lehr-Lernprozess: Instruieren oder Konstruieren? (Heike Deckert-Peaceman, Anja Kraus)
  17. Schule zwischen Fehlervermeidung und Fehleroffenheit (Martin Weingardt)
  18. Schulkultur: Die Schule zwischen Reform und Tradition (Ilona Esslinger-Hinz)

Die allgemeinpädagogischen Beiträge (3, 4, 5 und 6) bleiben auf pädagogische Prozesse konzentriert, während die schulpädagogischen Texte neben dem Prozess des Unterrichts (12, 16) auch die Träger (2, 8) dieses Prozesses und vor allem die pädagogische Institution der Schule fokussieren (1, 9, 10, 11 und 14 mehr gesellschaftlich, 15, 15, 17 und 18 mehr instititionell gewendet). Ein Beitrag ist metatheoretisch und behandelt die Theorie des Unterrichts (13).

Zwei der Beiträge (5, 7) markieren keinen, zumindest nicht nur einen oder keinen klaren Gegensatz. Das Spannungsfeld bleibt undeutlich. Zwei andere Texte formulieren lediglich kontradiktorische Gegensätze, d.h. Gegensätze nur mit negativem und ohne positives Gegenteil: Stetigkeit versus Unstetigkeit (6), Planung (eigentlich Planbarkeit) versus Unplanbarkeit (12). Auch wenn es zugegeben schwer fällt, die Alternativen auch positiv zu formulieren, so wären die Gegensätze hier erst noch antonymisch umzuformulieren, um das gemeinte Spannungsfeld zu markieren: z.B. (fließende) Prozess- versus (sprunghafte) Ereignishaftigkeit, (zielorientierte) Planbarkeit versus (situationsorientierte) Steuerbarkeit. Die übrigen Titel signalisieren Spannungsfelder, indem sie konträre Gegensätze aufstellen.

Diskussion

Da es im Rahmen einer Rezension nicht möglich ist, auf die Vielzahl der einzelnen Beiträge gesondert einzugehen, beschränke ich mich auf Hinweise zur Gesamtanlage des Buches. Zunächst ist zu sagen, dass die fachliche Herkunft der Herausgeber auch die Mehrzahl der Beiträge prägt. Es werden mehrheitlich schulpädagogische Spannungsfelder thematisiert. Dann fällt auf, dass nur wenige der behandelten Spannungsfelder an zentrale Antinomien pädagogischer Theorie und Praxis anknüpfen. Die Dialektik von „Freigeben und Behüten“ (3) erinnert an Theodor Litts „Führen oder Wachsenlassen“, die von „Fremd- und Selbstbestimmung“ (4) an Immanuel Kants pädagogische Antinomie von Zwang und Freiheit, zu der noch kürzlich Dietmar Langer einen Entwurf vorgelegt hat: „Erziehung zur Willensfreiheit. Zur Auflösung der pädagogischen Antinomie: Mit Zwang zur Freiheit“ (2009). Das Gegensatzpaaar von „Instruieren und Konstruieren“ (16) bezieht sich auf das in Schule, Hochschule und Weiterbildung vieldiskutierte Verhältnis von Vermittlungs- und Ermöglichungsdidaktik. Leider fehlen zentrale pädagogische Antinomien, wie sie schon Schleiermacher aufgegriffen hat: zwischen der „universellen und individuellen Aufgabe der Erziehung“ (Gesellschaft und Individuum), der „Erhaltung und Verbesserung des gegenwärtigen Zustandes“ (der Gesellschaft), der Gegenwart und Zukunft (des Individuums), dem „Unterstützen und Gegenwirken“, der „häuslichen und öffentlichen Erziehung“.

Fazit

Die dialektische Tradition der „Antinomien der Pädagogik“ (Paul Luchtenberg 1923) aufzugreifen und „die antinomische Problematik des pädagogischen Denkens“ (Paul Vogel 1925) offenzulegen, verdient Anerkennung. Die letzte Studie zu diesem Thema, Rainer Winkels „Antinomische Pädagogik und kommunikative Didaktik. Studien zu den Widersprüchen und Spannungen in Erziehung und Schule“ von 1986 liegt schon eine ganze Weile zurück. Allerdings wirkt die Auflistung entsprechender Spannungsfeldern willkürlich und beliebig. Ein Versuch, zentrale von peripheren Spannungsfeldern zu unterscheiden und möglicherweise Zusammenhängen zwischen ihnen und innerhalb der zentralen Felder herzustellen, wäre ein Gewinn gewesen. So wird der Leser dem ein oder anderen Beitrag Einsichten verdanken, aber kaum zur „antinomischen Problematik des pädagogischen Denkens“ vorstoßen können.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 26.01.2010 zu: Ilona Esslinger-Hinz, Hans-Joachim Fischer (Hrsg.): Spannungsfelder der Erziehung und Bildung. Ein Studienbuch zu grundlegenden Themenfeldern der Pädagogik. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2008. ISBN 978-3-8340-0375-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6420.php, Datum des Zugriffs 18.01.2021.


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