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Peter Elfner: Personzentrierte Beratung und Therapie in der Gerontopsychiatrie

Cover Peter Elfner: Personzentrierte Beratung und Therapie in der Gerontopsychiatrie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2008. 126 Seiten. ISBN 978-3-497-01981-6. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 34,70 sFr.

Reihe: Personzentrierte Beratung & Therapie - Band 7.
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Thema

Das Erleben des Einzelnen steht im Fokus von personzentrierter Beratung und Therapie. Gerade in der Arbeit mit Älteren in Geriatrie und Gerontologie ist dieser Therapieansatz viel besprochen, bleibt aber oft Hülle mit nur geringfügiger Verankerung im alltäglichen Handeln. Der Autor verhilft dem Prinzip der Personzentriertheit in Pflege, Beratung und Therapie durch Ausdifferenzierung für die Gerontopsychiatrie und Rückbindung an die Grundsätze der Gesprächspsychotherapie zu inhaltlicher Fülle. Zudem werden praktische Umsetzungsbeispiele differenziert nach Interventionsformen und mit Krankheitsbezug dargelegt.

Autor

Als Fachpsychologe für Psychotherapie FSP, Personzentrierter Psychotherapeut GwG/SGGT, GwG-Ausbilder im Ausbildungsgang Personzentrierte Beratung/Grundstufe und Mitarbeiter der Integrierten Psychiatrie Winterthur in der Schweiz kennt der Psychologe Peter Elfner das Themengebiet sehr genau. Freiberuflich bietet der Autor Weiterbildungen im Gesundheitswesen mit dem Schwerpunkt psychische Erkrankungen im Alter an. Peter Elfner verfügt zudem über langjährige Berufserfahrung als Physiotherapeut in eigener Praxis.

Aufbau und Inhalt

Peter Elfners knapp 130 Seiten umfassendes Buch besteht aus sechs Kapiteln:

(1) Aspekte des Alterns folgt schon auf den ersten Seiten konsequent dem Vorhaben des Autors, die Personzentrierung in den Mittelpunkt zu rücken. Er beschreibt die Veränderungen der geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit, der Sexualität, der Persönlichkeit, die mit dem Alterungsprozess einhergehen können. An allen Stellen verweist er auf die große Varianz der möglichen Entwicklungsverläufe und führt hierzu auch kritisch in stereotype Altersbilder ein. Es entsteht ein sehr genaues Abbild der Individualität einer Jeden und eines Jeden, die natürlich auch im Altern im Zentrum allen Miteinanders in Beratung und Therapie steht. Der Autor leistet auf wenigen Zeilen in gleichermaßen einfacher und präziser Sprache Großes, zum Beispiel, indem er der Leserschaft nahebringt, dass das Alter kein statischer Zustand ist, sondern eine recht lange Lebensspanne umfasst, in der viel Neues passiert und in welcher der Mensch sich stetig neu anpasst und dabei sich selbst verändert. An einer anderen Stelle stellt er der „Unsichtbarkeit“ oder Pathologisierung der Homosexualität Älterer eine würdigende, die Selbstakzeptanz fördernde Haltung entgegen.

Im Kapitel (2) Gerontopsychiatrie werden zunächst vom Individuum ausgehend psychische Erkrankungen und deren Inzidenz im Alter benannt – Demenz, Depression und Suizidalität, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, Abhängigkeitserkrankungen – und dann die Strukturen der gerontopsychiatrischen Versorgung in der Reihenfolge „ambulant vor stationär!“ vorgestellt.

(3) Der theoretische Hintergrund führt ein in das die Subjektivität betonende Menschenbild des personzentrierten Ansatzes, die Aktualisierungstendenz des Menschen, die Perspektive des personzentrierten Ansatzes auf seelische Gesundheit und Störung sowie das Beziehungsangebot und mögliche Interventionen im personenzentrierten Ansatz. So wird der besondere Wert einer personzentrierten Haltung, Beziehungsgestaltung und therapeutischer Interventionen für ältere Menschen nachvollziehbar.

Die Kapitel (4) Personzentrierte Psychotherapie in der Gerontopsychiatrie und (5) Personzentrierte pädagogische Interventionen in der Gerontopsychiatrie beschreiben Interventionsansätze, wobei sie auf vorab bereits angedeuteten Inhalten wie dem heterogenen Verlauf des Alterns und dem individuellen Erleben des eigenen Alterns aufbauen: so können mit der Heterogenität des Alterns Anliegen wie Kompetenzerwerb, Wachstum und Selbstverwirklichung verbunden sein, und nicht bloß Trauer und Verarbeitung von Verlusterfahrungen.
Im Vergleich der beiden Kapitel bleibt die personzentrierte Psychotherapie in der Gerontopsychiatrie (4) erstaunlich kurz und geht über die Beschreibung eines Beispielanliegens und der für ältere PatientInnen häufig für die Aufnahme einer Psychotherapie notwendigen und unterstützenden Motivation nicht hinaus. Personzentrierte pädagogische Interventionen in der Gerontopsychiatrie (5) werden hingegen illustriert. Die zwei erläuternden geragogischen Beispiele – Sommerfest und Schulprojekt Seniorenfrühstück – kann man leicht in die eigene Arbeit übertragen. Analog zur Sicht des Autoren auf den Altersprozess als einen nicht-normativ verlaufenden werden hier auch Lernprozesse von normativen Lernzielen befreit und als individuelle Ziele akzeptiert.

Im Schlusskapitel (6) Fallbeispiele zu ausgewählten Störungen zeigt Peter Elfner beispielhaft anhand der gerontopsychiatrischen Erkrankungen Depression, Demenz und Anpassungsstörung, wie Personzentrierung in der gerontopsychiatrischen Therapie gelingen kann.

Diskussion

Personzentriertheit verstehen und in der eigenen Arbeit mit älteren Menschen ausprobieren – beides gelingt nach der Lektüre von Peter Elfners Buch „Personzentrierte Beratung und Therapie in der Gerontopsychiatrie“, das sich an alle in der Altenpflege tätigen Menschen richtet. Für MitarbeiterInnen, aber auch Auszubildende oder über Nebentätigkeit, Freiwilliges Soziales Jahr oder Zivildienst sowie Ehrenamt in der Pflege engagierte Menschen bietet es eine erste Einführung in den personzentrierten Ansatz.

Die zwar knappe, aber sprachlich präzise und sehr gut nachvollziehbare Beschreibung des personzentrierten Ansatzes in gerontopsychiatrischer Beratung, Therapie und Pädagogik verdeutlicht, dass auch das Leben im hohen Erwachsenenalter von Entwicklung und Lernen getragen wird und welche Unterstützung das emphatische, partnerschaftlich agierende Gegenüber hierbei bieten kann. Das Praxishandbuch gewinnt durch gut ausgewählte Fallbeispiele.

Personzentrierung ist heute ein zentraler Lehrinhalt an Pflegefachschulen und in diesem Kontakt wird Peter Elfners Buch sehr hilfreich sein. . Auch Altenpflegeheime, teilstationäre Einrichtungen und ambulante Pflegedienste bemühen sich oft deutlich um personzentriertes Arbeiten, welches doch am ehesten im Eins-zu-eins-Kontakt zwischen Pflegenden und Gepflegtem gelingt und viel zu häufig noch merkwürdig abstrakt bleibt, weil die Regeln der jeweiligen Institution stärker zu sein scheinen und das eigene Arbeiten von ganz anderen Themen und Sorgen beeinflusst wird, als von denen eines einzelnen Menschen, für den gesorgt, der gepflegt werden soll.

Die konzeptuelle Offenheit der Personzentrierung kann auch Beratern, Therapeuten und Geragogen helfen, ihre eigene Arbeit zu ergänzen. Doch für sie dürfte das Buch wohl zu knapp gehalten sei, vor allem weil die Prozesshaftigkeit der therapeutischen Arbeit nur gestreift wird und der institutionelle Rahmen und seine Regeln, die eine Integration des Ansatzes in die Arbeitsfelder dieser Berufsgruppen möglicherweise erschweren, nicht angesprochen werden.

Fazit

Peter Elfners Buch bietet für alle in der Pflege tätigen Leser oder auch Angehörige eines älteren, pflege- oder therapiebedürftigen Menschen eine erste und erfrischend klare und angenehm knappe Einführung in die Grundprinzipien und Umsetzungsmöglichkeiten personzentrierter Arbeit. Die Lektüre verhilft zu einem klaren Blick auf die individuellen Bedürfnisse des älteren Menschen und setzt ein Ausrufezeichen, diesen stets als Einzelnen mit besonderen, eigenen Bedürfnissen wahrzunehmen und ihn zu unterstützen.

Für bereits therapeutisch oder geragogisch tätige Professionelle greift das Buch teils zu kurz. Hier kann es als Appetizer bzw. Überblick für diejenigen dienen, die Personzentrierung in ihrer Arbeit stärker gewichten wollen.


Rezension von
Dipl.-Psych. Anja Born
Universität Leipzig - Medizinische Fakultät
Department für Psychische Gesundheit, Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie
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Zitiervorschlag
Anja Born. Rezension vom 30.06.2010 zu: Peter Elfner: Personzentrierte Beratung und Therapie in der Gerontopsychiatrie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2008. ISBN 978-3-497-01981-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6426.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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