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Mario Gmür: Der öffentliche Mensch. Medienstars und Medienopfer

Rezensiert von Thomas Mavridis, 11.03.2003

Cover Mario Gmür: Der öffentliche Mensch. Medienstars und Medienopfer ISBN 978-3-423-36260-3

Mario Gmür: Der öffentliche Mensch. Medienstars und Medienopfer. Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2002. 218 Seiten. ISBN 978-3-423-36260-3. 11,00 EUR.
dtv 36260
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Einführung in die Themenstellung

Auf den ersten Blick scheint klar, worum es in "Der öffentliche Mensch. Medienstars und Medienopfer" geht: um die, die sich im Glanz der Öffentlichkeit sonnen und um die, die vom Rampenlicht gewissermaßen verheizt werden. Doch ganz so einfach liegen die Dinge nicht. Das Thema Medienstars und Medienopfer dient dem Autor in dem vorliegenden Buch als symptomatischer Beleg für das, was er angesichts des von ihm beobachteten "Medienopfersyndroms (MOS)" auf der Mikroebene als "total isovalente Gesellschaft" auf der Makroebene entstehen sieht.

Aufbau und Inhalte

Der Zürcher Psychiater, Psychotherapeut und Psychoanalytiker Mario Gmür befasst sich bereits seit einiger Zeit mit Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig in die Medienfalle geraten sind. Im Mittelpunkt seines Interesses steht die Frage, wie sich eine aggressive verletzende Publizistik auf die Betroffenen auswirkt, ob und - wenn ja - welche Schäden sie auch an der Gesellschaft hervorruft. In Anlehnung an den kanadischen Soziologen Marshall McLuhan und den französischen Philosophen Paul Virilio begreift Gmür die postindustrielle Gesellschaft als "globales Dorf", als "Megalopolis". Durch die weltumfassende Kommunikation sei die Menschheit zu einem einzigen Kollektiv in einer "isovalenten Postmoderne" geworden, die Mitte des 20. Jahrhunderts begonnen habe (S. 76). "Isovalent" ist der einzige Begriff, der mit dem Buch neu zu erlernen ist. Es ist ein Kunstwort, das dem Griechischen entlehnt ist, und besagt so viel wie: gleichwertig, ursprünglich gleichbedeutend. Dieses "gleichwertige" Zeitalter, in der die Grenzen zwischen privater und öffentlicher Sphäre verwischt seien, berge die Gefahr ethisch bedenklicher Entartungen in sich. Dazu gehöre ein Teil von Medienopfern, "die der vernunftlosen Freizügigkeit und Unbändigkeit der Texte ausgeliefert sind" (S. 21). Die "total isovalente Gesellschaft", die Gmür am Horizont aufsteigen sieht, sei noch schlimmer als der Überwachungsstaat Orwellscher Prägung, weil Überwachung in dem "sozialen Nudistenparadies der völligen Offenheit" (S. 194) kein Begriff, sondern eine Selbstverständlichkeit und ein Synonym für Sehen geworden sei.

Um seine These vom "isovalenten Zeitalter" zu bestätigen, bemüht der Autor Virilio und Massenhysterie, Ibsen und Outing, Canetti und Pädophilie, den amerikanischen Wahlkampf und Zlatko aus "Big Brother", den 11. September und einzelne Fallbeispiele aus der psychotherapeutischen Praxis (ab Kapitel 17). Weitschweifig gestaltet Gmür vor allem das siebte Kapitel über die "emotional-aktionistische Publizistik". Dieses wiederholt aber nur, was der Autor auch schon in den vorhergehenden Kapiteln über die von ihm kritisierten Massenmedien ausgesagt hat. Lesenswert sind dagegen die Kapitel, die die wohl entscheidenden Merkmale einer möglichen isovalenten Zeitepoche analysieren, so das Kapitel 8 über die "narzistisch-orientierte Persönlichkeit", die Triebdynamik von Seh- und Zeigelust und die dadurch hervorgerufenen Scham- und Schuldgefühle (Kapitel 10-12). In Kapitel 11 erinnert Gmür selbst an das, was Johan Huizinga bereits 1938 in seinem Homo Ludens herausgearbeitet hat: dass der Drang nach Darstellung nicht unbedingt das Merkmal für ein Dahinsiechen der Kultur sein müsse, sondern dass ein exhibitionistischer Trieb bereits in der Natur walte und nicht auf die Kultur gewartet habe. Ein naturimmanenter Darstellungszweck auf dem Jahrmarkt der Aufmerksamkeiten würde es allerdings nicht zwingend erforderlich machen, den Psychotherapeuten oder Gesellschaftskritiker auf den Plan zu rufen. So geht es in Gmürs Buch konsequenterweise auch weniger um Medienstars als um die psychische Medienwirkung auf den einzelnen Betroffenen, mit der der Autor die Schlagwörter "Medienopfersyndrom" und "isovalente Gesellschaft" in die Diskussion bringen will.

Gmürs Ausführungen implizieren - in ihrer Absolutheit isoliert für sich gelesen -, dass der Psychoterror durch die Medien quantitav eine hohe Bedeutung hat. Bei seinen Fallbeispielen zum Thema "Medienopfersyndrom" erkennt Gmür aber selbst, dass die psychischen Störungen bei manchen Personen auch ohne Medienjagd ausgelöst worden wären (S. 184). Die Bedrängnis und die Vorverurteilung durch die Medien mit der damit verbunden Prangerwirkung verstärkt sicher derlei Störungen. Die Auswirkungen einer falsch geschalteten Todesanzeige ist aber wirklich kein Beleg mehr für die vielen Vorverurteilungen und Verzerrungen in Medienberichten der isovalenten Gesellschaft (S. 185ff.). Sie geben allenfalls Auskunft darüber, welche soziale Todesangst bzw. Existenzvernichtungsangst Personen in einer solchen Situation verspüren können. Der Autor blendet bedauerlicherweise auch die wirksamen regulierenden Instanzen der Publizistik, wie den Deutschen Presserat oder den Deutschen Rat für Public Relations in der Bundesrepublik Deutschland, ebenso aus wie die umfangreiche Literatur, die sich mit Fragen publizistischer Ethik und den diversen Codices befasst.

Fazit

Gmürs Buch "Der öffentliche Mensch" präsentiert leicht verständlich Beschreibungen, Analysen, Bewertungen und Perspektiven der radikalen Öffentlichkeit, in der die Intimität, die Privatheit, der Schutz der Seele auf der Strecke bleiben können. Der Autor warnt und mahnt ein neues Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit an. Wenn auch aus seinen Ausführungen eine absolut medienfeindliche Haltung herauszuspüren ist, so lassen diese, positiv ausgedrückt, einen Interessenvertreter von Ernst und Ernsthaftigkeit erkennen, der dem öffentlichen Diskurs seine Tiefendimension zurückgeben will.

Rezension von
Thomas Mavridis
Inhaber der PR-Agentur DIE PR-KANZLEI am Bodensee (www.pr-kanzlei.de) und Lehrbeauftragter für PR, Marketing und Kommunikation an den Hochschulen München, Bamberg und Ravensburg. Auch auf Facebook und bei Twitter präsentiert und diskutiert Thomas Mavridis Wissenswertes rund um das Thema Public Relations & PR 2.0.
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Es gibt 40 Rezensionen von Thomas Mavridis.

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Zitiervorschlag
Thomas Mavridis. Rezension vom 11.03.2003 zu: Mario Gmür: Der öffentliche Mensch. Medienstars und Medienopfer. Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2002. ISBN 978-3-423-36260-3. dtv 36260. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/643.php, Datum des Zugriffs 16.05.2022.


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