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Andrea Brebeck: Wissen und Agieren in der feministischen Mädchenarbeit

Cover Andrea Brebeck: Wissen und Agieren in der feministischen Mädchenarbeit. Ein Beitrag zur reflexiven Professionalität. Ulrike Helmer Verlag (Sulzbach/Taunus) 2008. 308 Seiten. ISBN 978-3-89741-260-6. 29,90 EUR, CH: 49,90 sFr.
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Thema

Im vorliegenden Buch wird ein Überblick über Theorien und entsprechende theoretische und praxisbezogene Diskussionen der letzten 30 Jahre in der feministischen Mädchenarbeit vorgestellt.

Es handelt sich um eine wissenschaftliche Arbeit, daher wird mit dem Verfahren der qualitativ-heuristischen Forschung nach einem "Drei-Schritt" Modell "vom Konkreten zum Abstrakten zum Konkreten" (s. Einführung S. 9) vorgegangen. Wichtig ist Frau Andrea Brebeck die Verknüpfung von Praxis, Theorie und Methodologie um die reflexive Professionalität in der Mädchenarbeit aufzuzeigen. Dazu wird in der beschriebenen Studie mit Expertinneninterviews gearbeitet. "Denn gleichzeitig stellt die vorliegende Arbeit ein Beispiel für eine reflexive professionelle Vorgehensweise dar, die verschiedene Ebenen berücksichtigt: miteinander analytisch sowohl verschränkt als auch trennt: Theorie, Praxis, Empirie, Selbstreflexion. Diese dialogischen und dialektischen Denkbewegungen versuchen zwischen Theorie und Praxis zu vermitteln." (s. Einführung S.11).

Frau Brebeck geht der These nach, dass feministische Mädchenarbeiterinnen durch reflexive Professionalität Theorie und somit die Fortschreibung der Mädchenarbeit im praktischen Handeln entwickelt haben. Sie liefert damit einen Beitrag zur Debatte der Theoriebasierung und Professionalisierung der Sozialen Arbeit. Mit dem Hintergrund der Interviews der Pädagoginnen werden berufliche Entwicklungen, vorhandene Wissensbestände und praktisches Handelswissen deutlich.

Autorin

Die Autorin ist seit vielen Jahren in der Mädchenarbeit bzw. mit einem geschlechtsbewusstem Arbeitsansatz in der sozialen Arbeit bekannt und war daher auch intensiv an den von ihr beschriebenen Diskussionen und Praxiserfahrungen beteiligt.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel wird Anlass und Hintergrund für die folgende Arbeit erklärt und damit gleichzeitig in vergangene und aktuelle Debatten der Mädchenarbeit und der sozialen Arbeit eingeführt. Folgende Fragestellungen werden hier aufgeworfen und durchziehen im weiteren alle Kapitel:

  • Was ist feministische Mädchenarbeit?
  • Auf welchen wissenschaftlichen Theorien basiert sie und inwiefern beeinflussen sich feministische Theorie, Geschlechterforschung und praktisch methodisches Handeln gegenseitig?

Die Autorin erläutert alle geschichtlich und aktuell relevanten Begründungszusammenhänge in der Mädchenarbeit:

  • Gleichstellung,
  • Geschlechterhierarchie,
  • Differenz und Dekonstruktion,
  • Verdeckungszusammenhang,
  • der "italienische Differenzfeminismus",
  • der Diskurs um Judith Butler, "
  • doing gender".

Das 2. Kapitel ist dem Forschungsdesign ausführlich gewidmet. Wissenschaftliche Methoden und Methodologien werden dargestellt, eingeschätzt, in Verbindung gesetzt und gewertet – immer im Bezug auf den Forschungsgegenstand (der femistischen Forschung und der Mädchenarbeit) und der "Philosophie" der Forscherin sowie der Forschung. Im Teil zwei in diesem Kapitel reflektiert Frau Brebeck ihren Perspektivenwechsel vom "Forschungsgegenstand" zur Forscherin.

Unter der Überschrift "Die Empirie" finden sich im 3. Kapitel Ergebnisse aus 19 Expertinneninterviews die Frau Brebeck mit Praktikerinnen aus der Mädchenarbeit geführt hat. Sie untersucht welches Wissen von Pädagoginnen in der Praxis verwendet wird dabei werden die bereits vorgestellten Grundlagen der Mädchenarbeit im Praxiskontext aufgezeigt und reflektiert. Deutlich wird dabei die Vielfalt der geschichtlichen Entwicklungen der feministischen Mädchenarbeit, die Verortung der Mädchenarbeit in der Jugendhilfe, die Professionalisierung der Expertinnen.

Ausführlich werden in den folgenden Kapiteln folgende Aspekte vorgestellt:

  • Kapitel 8 - Begründungs- und Erklärungswissen (Sozialisation, Lebenslagen – Geschlecht als Masterstatus);
  • Kapitel 9 - Beobachtungs- und Beschreibungswissen (Lebensweltorientierung = Defizitperspektive = Opferstatus: Zielgruppen von Mädchenarbeit);
  • Kapitel 10 – Wertewissen (Geschlechtergerechtigkeit) und
  • Kapitel 11 - Handlungs- und Interventionswissen (Ziele der Mädchenarbeit, Beziehungsarbeit und Abgrenzung, Selbstreflexion und Prinzipien der Mädchenarbeit) Erfahrungen und Diskurse der Praktikerinnen aus den einzelnen Bereichen der Mädchenarbeit.

Das Schlusskapitel widmet sich den Wissensbeständen in der Mädchenarbeit, deren reflexiver Professionalität sowie den immer wieder auftauchenden Ambivalenzen als produktiver Herausforderung für die Begründung und Weiterentwicklung von Mädchenarbeit. Somit enthält es auch durchdachte und in Zusammenhang gebrachte Suchbewegungen der Pädagoginnen im Feld der Mädchenarbeit und der Mädchenpolitik.

Zielgruppen

Dieses Buch ist für alle Fachfrauen interessant, die sich seit langem im Feld der Mädchenarbeit sowohl praktisch als auch lehrend bzw. supervidierend bewegen – diese finden Zusammenfassungen, Erläuterungen und Verbindungen der ihnen weitgehend bekannten Sachverhalte. Für Studierende oder "Anfängerinnen" in der Mädchenarbeit kann es wertvolle Basis für das (theoretische und geschichtliche) Verständnis von Mädchenarbeit, für die praktische Arbeit und für die Diskussionen mit den Kolleginnen und Kollegen sein. Für Genderstudies ist es als "Lehrbuch" dringend zu empfehlen.

Diskussion

Das Buch basiert auf einer wissenschaftlichen Studie von Frau Brebeck. Das ist der bestimmende Duktus, daher ist der Lesefluss häufig durch Verweise auf AutorInnen behindert. Frau Brebeck gibt sozusagen aus der Binnensicht (da sie selbst eine Mädchenarbeiterin der ersten Stunde ist) einen sehr guten Überblick über Theorien und Praxisansätze, die in der "Szene" heftig und auch kontrovers diskutiert worden sind und werden. Theoretische Modelle und Erklärungen für vorfindbare Phänomene (z.B. den sog. "Verdeckungszusammenhang" von Bitzan/Daigler) werden von ihr erläutert und fundiert begründet.

Im zweiten Teil (S. 63-118) gibt die Autorin einen Überblick über die von ihr verwendeten Forschungsansätze. Diese bringen auch für die nichtwissenschaftliche Praktikerin immer wieder erhellende Einblicke. Direkten Nutzen können angehende Wissenschaftlerinnen aus diesem Kapitel ziehen, da Frau Brebeck ihren durchaus auch kritischen wissenschaftlichen Ansatz ausführlich vorstellt

Die Auswertung der Interviews und der resümierenden Absätze im Schlusskapitel bieten viele wertvolle Informationen und Theorie-Praxisverschränkungen zu schon benannten Diskursen und Debatten in der Mädchenarbeit. Wertvolle differenzierte Ausarbeitungen zu Phänomenen und Widersprüchen bezüglich der Lebenslagen unterschiedlichster Mädchen, der Theorie-Praxisreaktionen und der Verortung und Entwicklung der Mädchenarbeit bieten Praktikerinnen und Organisatorinnen (z.B. Geschäftsführerinnen von Projekten der Mädchenarbeit), Lehrenden und Interessierten eine gute Grundlage für die weitere Arbeit.

Fazit

Ein wichtiges Buch sowohl zum Verständnis von feministischer Mädchenarbeit als auch für die weitere Entwicklung der Praxis der Mädchenarbeit. Frau Brebeck leistet mit ihrer Arbeit und ihrer Veröffentlichung einen ausserordentlichen Beitrag zur Professionalisierungsdebatte in der sozialen Arbeit. Sie trägt dazu bei die vorhandene Vermutung von Fachfrauen in der Mädchenarbeit , dass die Mädchenarbeit sehr reflektiert, theoriegestützt und hochprofessionell ist, wissenschaftlich zu untermauern und bringt diese Vermutung damit vom "Dunkelfeld" ins "Hellfeld".

Für "Masterstudentinnen" und angehende Doktorandinnen ist das Kapitel über das Forschungsdesign sicherlich hochinteressant. "Bachelorstudentinnen" und Praktikerinnen finden in der Einführung, im Kapitel zur Empirie und im Schluss Zusammenfassungen der Entwicklung der Mädchenarbeit und aller wichtigen geschichtlichen Diskussionsstränge sowie Ausführungen und konzentrierte Wiedergaben der Grundlagen der Mädchenarbeit. Eine engagierte und umfassende Arbeit, die vieles, was in der Community der Mädchenarbeit gedacht und gesprochen wurde, nicht nur verschriftlicht, sondern auch wissenschaftlich beleuchtet und ausgewertet hat.


Rezensentin
Hannelore Güntner
Dipl. Sozialpädagogin (FH), Erzieherin, Supervisorin (DGSv), Bildungsreferentin. Fortbildungen und Trainings in den Bereichen der Mädchenarbeit, Genderpädagogik, Gender Mainstreaming und geschlechtersensiblen Cross Work
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Zitiervorschlag
Hannelore Güntner. Rezension vom 27.01.2009 zu: Andrea Brebeck: Wissen und Agieren in der feministischen Mädchenarbeit. Ein Beitrag zur reflexiven Professionalität. Ulrike Helmer Verlag (Sulzbach/Taunus) 2008. ISBN 978-3-89741-260-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6431.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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