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Marianne Goltz, Gerhard Christe u.a.: Chancen für Jugendliche ohne Berufsausbildung

Cover Marianne Goltz, Gerhard Christe, Elise Bohlen: Chancen für Jugendliche ohne Berufsausbildung. Problemanalyse - Beschäftigungsfelder - Förderstrategien. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2008. 272 Seiten. ISBN 978-3-7841-1814-7. 28,50 EUR.
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Thema

Junge Menschen müssen im Übergang von der Schule in die Arbeitswelt viele Hürden überwinden; viele drohen zu scheitern, weil sie weder die „Eintrittskarte“ Schulabschluss noch die formale Befähigung durch eine Berufsausbildung erlangen. Für sie werden seit über 30 Jahren vielfältige, öffentlich finanzierte Angebote bereitgestellt: von der Berufsorientierung über Berufsvorbereitung und -ausbildung bis hin zur sozialpädagogischen Begleitung sowie Unterstützung bei der beruflichen Nachqualifizierung.

Traditionell wird dieses Arbeitsfeld unter "Benachteiligtenförderung" oder unter "Integrationsförderung" gefasst. Goltz/Christe/Bohlen hatten den Auftrag übernommen, insb. für die Gruppe der Jugendlichen ohne Berufsausbildung nach potentiellen Tätigkeitsfeldern zu suchen.

Zur Auffindung solcher Beschäftigungsmöglichkeiten wurde eine Betriebsbefragung bei 38 Unternehmen aus Privat- und Sozialwirtschaft durchgeführt.

Aufbau und Inhalt

Unter der Überschrift „Problemanalyse – Beschäftigungsfelder – Förderstrategien“ erfassen die zwei Autorinnen und ihr Mitautor das gesamte Spektrum der Benachteiligtenförderung. Dazu beschreiben sie kursorisch

  • die Voraussetzungen auf Seiten der Zielgruppe,
  • den Ausbildungsmarkt und das Übergangssystem,
  • Förderkonzepte und Initiativen und
  • Beschäftigungsperspektiven für Personen ohne Berufsausbildung.

Auf 180 Seiten referieren sie eine Vielzahl von aktuellen Quellen, um die Situation und Chancen für Jugendliche ohne Berufsausbildung aufzuzeigen. Für die berufliche Integration benachteiligter Jugendlicher kommen die Autoren zu dem Schluss, dass es sich bei der Problemstellung nach einer verbesserten Integration weniger um ein Erkenntnisproblem handelt sondern dass es darum geht, den bereits vorhandenen Erfahrungsschatz aufzugreifen und zu nutzen. (139) Eine erfolgversprechende Integrationsförderung knüpfen sie an zwei Eckpunkte:

  1. die Berücksichtigung der individuellen Voraussetzungen der Jugendlichen sowie,
  2. den Aufbau von Arbeitszusammenhängen mit Unternehmen.

Um auch den Jugendlichen ohne Ausbildungsperspektiven eine Beschäftigungsperspektive zu eröffnen, sind nach Meinung der Verfasser öffentlich geförderte Ausbildung und öffentlich geförderte Beschäftigung als Instrumente des Wiedereinstiegs unerlässlich.

Die Integrationsförderung sollte jedoch vermehrt auch einfache Tätigkeitsfelder im betrieblichen Kontext erschließen insb. für Personen, die eine Ausbildung realistischerweise nicht mehr machen werden. Das aber ist eine mehrfache Herausforderung: Die Bewerberlage auf dem Arbeitsmarkt macht es den Unternehmen z.Zt. einfach, zu günstigen Konditionen auf ausgebildetes Personal zurückzugreifen.

Ausgebildetes Personal wird zudem lieber eingestellt, weil

  • diese vorhandene Kompetenzen nachweisen können,
  • sie eine höhere Flexibilität beim Arbeitseinsatz mitbringen,
  • dem Anforderungsprofil auch einfacher Arbeitsplätze besser gerecht werden insbesondere bei der Einbindung in Geschäftsprozesse;
  • die geringe Einarbeitungszeit,
  • ein angemessener Umgang mit Kunden,
  • das selbstständige Arbeiten im Team.

Es sollte nun herausgefunden werden, wie benachteiligte Jugendliche einen Zugang zum Arbeitsmarkt finden könnten. Die Untersuchung versuchte, "einfache Tätigkeitsfelder" – neben den einfach strukturierten Hilfstätigkeiten - und die damit verbundenen Kompetenzanforderungen zu identifizieren, an der sich eine Integrationsförderung orientieren kann. Zusätzlich sollten Maßnahmen identifiziert werden, die aus betrieblicher Sicht die berufliche Integration von benachteiligten jungen Menschen besonders unterstützten könnten. So wurde u.a. gefragt nach

  • den Voraussetzungen der Bewerber/innen für die betrieblichen Anforderungen sowie
  • den Maßnahmen, die dazu beitragen könnten, junge Arbeitssuchende ohne Berufsausbildung vermehrt einzustellen.

Ein Ergebnis der Befragung war, dass vor allem die bisherigen Erfahrungen mit ungelernten Beschäftigen – seien es gute oder schlechte – auch das zukünftige Einstellungsverhalten der Personalverantwortlichen bestimmte.

Unabhängig von einer beruflichen Qualifizierung, neben den branchenbedingten Einsatzmöglichkeiten, erwarten die Unternehmen von den Bewerbern/innen vor allem

  • Flexibilität (78 Privat- bzw. 83% Sozialwirtschaft)
  • Zuverlässigkeit (83%)
  • Leistungsmotivation (89 bzw. 83%)

Die Ergebnisse der Befragung unterstreichen die Vermutung,

  • dass Betriebe für den Einsatz in einfachen Tätigkeitsfeldern in erster Linie überfachliche Qualifikationen erwarten und
  • dass die fachlich-inhaltlichen Kenntnisse in der Einarbeitungszeit vermittelt werden.

Als Maßnahme zur Verbesserung der Integration schätzen die befragten Betriebe vor allem Praktika ein (94 bzw. 83%), noch vor den schulischen Qualifikationen (83 bzw. 78%) oder sogar einer Berufsausbildung (61%)!

Daran anknüpfend fordert die Studie eine angemessene und anforderungsgerechte Vorbereitung der Praktika durch Bildungsträger. Zur „Brücke“ in die Arbeitswelt werde ein Praktikum aber erst durch eine längerfristige Begleitung des jungen Menschen und des Betriebes – auch über das Praktikumsende hinaus. Zudem stellten die Autoren fest, dass ein unprofessionell vorbereitetes und begleitetes Praktikum kontraproduktive Effekte bei den Einsatzstellen bewirkt, die nicht mehr auszugleichen sind.

Abschließend stellt die Studie fest, dass auch „die hier skizzierten Eckpunkte für die Förderung der vorliegenden Zielgruppe … keineswegs neu“ sind. Zur wirklichen Weiterentwicklung der Benachteiligtenförderung sei über die Notwendigkeit des Erfahrungstransfers hinaus "zudem ein abgestimmtes Vorgehen und mehr Transparenz über Förderaktivitäten … auf regional-lokaler Ebene“ erforderlich (234).

Fazit

In der Zusammenfassung ist den Autoren zu folgen, dass es in der Benachteiligtenförderung kaum ein Erkenntnisproblem, sondern vielmehr ein Umsetzungsproblem gibt. Ebenso ist ihnen zuzustimmen, dass die bildungspolitische Gestaltung des Feldes mit eine Ursache für den vielbeklagten Förderdschungel ist. Das Interesse des Caritasverbandes an einer eigenen Studie über Beschäftigungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten in seinen Einrichtungen zeigt aber auch, dass es noch bisher nicht ausgeschöpfte Möglichkeiten gibt.


Rezensent
Dr. Friedel Schier
Bundesinstitut für Berufsbildung, Sozialpädagoge, Wirtschaftspädagoge
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Zitiervorschlag
Friedel Schier. Rezension vom 06.02.2009 zu: Marianne Goltz, Gerhard Christe, Elise Bohlen: Chancen für Jugendliche ohne Berufsausbildung. Problemanalyse - Beschäftigungsfelder - Förderstrategien. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2008. ISBN 978-3-7841-1814-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6434.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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