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Albert Lenz, Johannes Jungbauer (Hrsg.): Kinder und Partner psychisch kranker Menschen

Cover Albert Lenz, Johannes Jungbauer (Hrsg.): Kinder und Partner psychisch kranker Menschen. Belastungen, Hilfebedarf, Interventionskonzepte. dgvt-Verlag (Tübingen) 2008. 352 Seiten. ISBN 978-3-87159-074-0. 28,00 EUR.

Deutsche Gesellschschaft für Verhaltenstherapie.
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Thema

Im Zuge der Psychiatriereform der 70er Jahre und der damit verbundenen reduzierten Verweildauer der Patienten in psychiatrischen Krankenhäusern hat die Rolle der Angehörigen zunehmend an Bedeutung gewonnen. Der Gesundungsprozess findet größtenteils im familiären Rahmen statt. Eine frühzeitige Integration der Angehörigen in den Therapie- und Rekonvaleszenzprozess scheint im Zuge der gemeindenahen, dezentralen Versorgung sinnvoll. Belastungen und Erfahrungen mit dem erkrankten Familienmitglied begünstigen allerdings die Entstehung eigener psychischer und somatischer Erkrankungen. Ebenso tragen gesellschaftliche Stigmatisierung und Tabuisierung psychischer Krankheiten wesentlich zu einer verhaltenen Inanspruchnahme professioneller Unterstützung der Angehörigen bei.

Angemessene Hilfeangebote und Interventionskonzepte sind in diesem Kontext dringend erforderlich.

Neben den Partnern psychisch erkrankter Menschen rückten in den letzten Jahren auch deren Kinder ins Blickfeld der Forschung. Adäquate Interventions- und Unterstützungsprogramme sind derzeit größtenteils projektgebunden installiert, gewinnen jedoch sowohl in der Kinder- und Jugendhilfe als auch im sozialpsychiatrischen Bereich zunehmend an Bedeutung. Neben der Berücksichtigung systemischer Sichtweisen sollten nach Meinung der Herausgeber bi- und multifokale Perspektiven mehr ins Blickfeld der Angehörigenforschung rücken.

Autoren

Die Herausgeber und Autoren sind Wissenschaftler und Therapeuten, die sich in den vergangenen Jahren schwerpunktmäßig mit der Thematik der Angehörigenforschung auseinandergesetzt haben.

Aufbau und Inhalt

Zu Beginn des Buches erfolgt eine umfangreiche, sehr informative Einleitung der Herausgeber. Sie schildern die Bedeutung der Thematik aus wissenschaftlicher Sicht vor dem Hintergrund des aktuellen Forschungsstandes. Ebenso werden die einzelnen Autoren und deren Beiträge vorgestellt und kommentiert. Es folgen zwei größere thematische Abschnitte, die wiederum jeweils sieben Kapitel beinhalten.

Der erste große Abschnitt befasst sich mit den spezifischen Belastungen und dem Hilfebedarf der Kinder psychisch kranker Menschen sowie exemplarischen Unterstützungsmöglichkeiten für diesen Personenkreis.Die Themen umfassen

  1. ambulante und teilstationäre Eltern-Kind-Versorgung, das Säuglings- und Kleinkindalter betreffend
  2. präventive Gruppenarbeit für Kinder von 7 bis 16 Jahren in Anlehnung an das „Auryn“-Konzept
  3. Psychoedukation und Patenschaften als flexible Kriseninterventionsmöglichkeit und kontinuierliches Beziehungsangebot in Kooperation von Jugendhilfe und Psychiatrie (mit Informationskarten im Anhang)
  4. Betroffene Kinder und ihre Chancen durch ambulante Psychotherapie der Eltern mit unterschiedlichen Diagnosen: Themenschwerpunkte sind Interaktionsverhalten von Eltern und Kindern, die Folgen dysfunktionaler Erziehung, daraus resultierende Störungen und kindliche Verhaltensauffälligkeiten sowie notwendige Kompetenzstärkung durch Elterntraining.
  5. Von besonderem Interesse ist die bislang wenig erforschte Situation der jugendlichen Kinder als betroffene Angehörige, die in Kapitel fünf Berücksichtigung findet. Bislang vorliegende Studien befassen sich eher mit erwachsenen oder jüngeren Kindern. In dem vorliegenden Beitrag wird eine explorative Studie zur aktuellen Situation der betroffenen Jugendlichen vor dem Hintergrund der anstehenden Entwicklungsaufgaben beschrieben. Inhaltliche Schwerpunkte sind die Gedanken, Sorgen und Wünsche der befragten Jugendlichen. Die Ergebnisse dienen als Grundlage für die Konzeption bedarfsgerechter Unterstützungsmöglichkeiten. Wichtig ist in diesem Kontext die Erreichbarkeit der Jugendlichen mit niedrigschwelligen, bedürfnisorientierten Hilfen unter Einbeziehung von aktuellen, jugendgerechten Medien.
  6. Grenzen und Potenzial der Systemischen Perspektive: Die elterliche Erkrankung hat großen Einfluss auf das Familiensystem und die dort vorhandenen Kommunikationsmuster. Systemische Interventionen können durch Förderung familiärer Kommunikation und gemeinsamer, konstruktiver Bewältigungsstrategien zur Erschließung interaktioneller Ressourcen beitragen und damit einen positive Entwicklung anregen. Allerdings gibt es in der Praxis Situationen, wie beispielsweise die Fremdunterbringung bei Kindeswohlgefährdung, die den Einsatz weiterer psychodynamischer Ansätze erfordern.
  7. Erwachsene Kinder psychisch Kranker und ihre biografische Identität: Der Einfluss des subjektiven Belastungserlebens auf die weitere Identitätsentwicklung ist abhängig von einer angemessenen Aufklärung und dem Verstehen der Kinder. Adäquate Informationsvermittlung hat somit eine große Bedeutung bei der Unterstützung der betroffenen Kinder.

Im zweiten Abschnitt stehen, bezogen auf unterschiedliche Störungsbilder, die Situation der Partner als Angehörige sowie deren Integration in den Therapieprozess im Vordergrund. Thematisiert werden u.a. Alltagsbelastungen und Veränderungen der Paarbeziehung bei Störungsbildern wie Depression, Schizophrenie, Angststörungen und Zwangserkrankungen. Beispielhaft für eine mögliche Unterstützung der Angehörigen werden die einzelnen Module eines an der Universität Leipzig entwickelten und erprobten Gruppenprogramms für Partner depressiver und schizophrener Patienten vorgestellt. Im Hinblick auf unterschiedliche Patienten- und Partnergruppen wäre eine Modifikation möglich.

Die Einbindung der Partner in ambulante Psychotherapie, störungsspezifische Verhaltenstrainings, Co-Therapeutenfunktion, sowie die Rolle männlicher Partner postpartal psychisch erkrankter Frauen sind neben der Relevanz emotionaler Bewältigungsprozesse und möglicher Involvierung in pathologische Rituale bei Zwangserkrankten weitere interessante Themen.

Außergewöhnlich in Bezug auf den Buchtitel erscheint die Betrachtung der Geschwister von schizophrenen Patienten im letzten Kapitel. Die besondere Bedeutung dieser intensiven, am längsten andauernden zwischenmenschlichen Beziehung im Unterstützungsprozess wurde bislang wenig erforscht und verdient unter dem Aspekt veränderter familiärer Dynamik und fehlender spezifischer Unterstützungsangebote mehr Beachtung im Rahmen der Konzeption und Installation entsprechender Hilfeangebote. Dies ist allerdings erschwert, weil Geschwister nicht einer homogenen Altersklasse angehören.

Im Anhang befinden sich heraustrennbare Informationskarten, die für den Einsatz zur altersentsprechenden Aufklärung von Kindern genutzt werden können. Qualifizierte Mitarbeiter im Kinder- und Jugendhilfebereich als auch in der Erwachsenenpsychiatrie haben damit eine Möglichkeit, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen und der Tabuisierung entgegenzuwirken.

Zielgruppe

Zu empfehlen ist das Buch all denjenigen, die sich professionell mit psychisch kranken Menschen und deren Angehörigen befassen. Dies betrifft vor allem die Bereiche Gesundheitswesen, Kinder- und Jugendhilfe sowie andere psychosoziale Berufe und Studiengänge.

Fazit

Das Buch bietet einen sehr guten Überblick über den aktuellen Forschungsstand bezüglich der Situation und möglicher Unterstützungsangebote für Partner und Kinder psychisch Erkrankter. Es ist gut zu lesen und verständlich geschrieben.

Die Beiträge sind in sich geschlossen und unabhängig voneinander lesbar. Allerdings gibt es aufgrund der unterschiedlichen Autoren gelegentlich Wiederholungen zu Beginn eines Kapitels.

Das Buch regt an, die Situation der Angehörigen im Sinne einer ganzheitlichen Sichtweise bei der Therapie und Begleitung psychisch kranker Menschen zukünftig mehr ins Blickfeld zu rücken. Ebenso stellt es die Notwendigkeit einer Kooperation der unterschiedlichen involvierten Professionen dar.

Adäquate Aufklärung und Informationsvermittlung, Stärkung sozialer und individueller Ressourcen der Betroffenen, Kooperation der beteiligten Professionen, Öffentlichkeitsarbeit zur Enttabuisierung und -stigmatisierung sind von großer Bedeutung für die konzeptionelle Entwicklung effizienter Unterstützungsmaßnahmen.


Rezensentin
Dipl.Soz.Arb./Dipl.Soz.Päd. Ingeborg Habers
Tätigkeitsfelder: Ambulantes Betreutes Wohnen komorbid erkrankter Menschen und Intensivpflegeabteilung in einem Krankenhaus der Regelversorgung
Diplomarbeit zum Thema Kinder psychisch kranker Eltern
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Zitiervorschlag
Ingeborg Habers. Rezension vom 22.09.2008 zu: Albert Lenz, Johannes Jungbauer (Hrsg.): Kinder und Partner psychisch kranker Menschen. Belastungen, Hilfebedarf, Interventionskonzepte. dgvt-Verlag (Tübingen) 2008. ISBN 978-3-87159-074-0. Deutsche Gesellschschaft für Verhaltenstherapie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6446.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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