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Christine Krüger: [...] Gewaltbereitschaft und rechtsextremen Einstellungen

Cover Christine Krüger: Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen allgemeiner Gewaltbereitschaft und rechtsextremen Einstellungen. Eine kriminologische Studie zum Phänomen jugendlicher rechter Gewaltstraftäter. Forum Verlag Godesberg GmbH (Mönchengladbach) 2008. 227 Seiten. ISBN 978-3-936999-39-6. 24,00 EUR.
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Thema

Das Buch beschäftigt sich mit dem Verhältnis von rechtsgerichteten Einstellungen und Gewalt bei Jugendlichen.

  • Ist rechte Gewalt Ausdruck einer allgemeinen Gewaltbereitschaft?
  • Dienen rechte Orientierungen nur der Rechtfertigung von Taten?
  • Oder führt erst die Übernahme einer rechten Orientierung zu Gewaltbereitschaft und gewalttätigem Verhalten?

Durch die Rekonstruktion der Entwicklung von rechten Einstellungen und Gewaltverhalten in der Biographie verurteilter Gewalttäter will die Autorin derartigen Fragen auf den Grund gehen.

Autorin und Entstehungshintergrund

Krüger knüpft in ihrer rechtswissenschaftlichen Dissertation inhaltlich wie auch empirisch an der Hallenser Gewaltstudie an.

Aufbau und Inhalt

Zunächst setzt sich Krüger mit dem Stand der Forschung zu Zusammenhängen zwischen Gewalt und rechten Einstellungen auseinander. Sie wertet ein Dutzend heterogener Studien aus und richtet ihr Augenmerk dabei auf die Tatanalyse, auf die Beziehung zwischen Einstellungen und Verhalten sowie auf Faktoren, welche das Verhältnis von Einstellungen und Gewalt beeinflussen können. Krüger kommt zum Ergebnis, dass die Auswirkungen rechtsextremer Einstellungen auf Gewalt noch nicht ausreichend erforscht sind. Daher will sie in einer eigenen Untersuchung die Entwicklung von Gewalt und rechten Einstellungen genauer betrachten. Zu untersuchen sind dabei Zeitpunkt und Umstände der Entwicklung von Gewaltakzeptanz und rechtsextremer Gewalt, die subjektive Bedeutung von Gewalt für die Jugendlichen selbst, der Kontakt zu rechtsextremen Gruppen, die subjektive Bedeutung der Gruppe und die durch sie ausgelösten Verhaltensänderungen, sowie die individuelle Auseinandersetzung mit rechten Orientierungen.

Der Untersuchung liegt ein enger Gewaltbegriff zugrunde. Als Gewalt betrachtet wird nur der vorsätzliche, mit Strafe bedrohte, körperliche Krafteinsatz gegen Personen oder Sachen. Von rechtsextremen Einstellungen wird in Anlehnung an Druwe dann gesprochen, wenn mehrere der Elemente Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Ethnozentrismus, Nationalismus, antidemokratische Haltung und Antipluralismus, Autoritarismus und Vergangenheitsorientierung vorliegen. Allerdings interessiert sich Krüger auch für das, was die Jugendlichen selbst als rechte Einstellung betrachten.

Krüger nutzt in ihrer Studie zwei Datenquellen: 15 narrative Interviews der Hallenser Gewaltstudie mit rechtsextremen Gewalttätern wurden einer Reanalyse unterzogen; zusätzlich wurden mit 15 inhaftierten Gewalttätern zwischen 17 und 25 Jahren biographische Interviews geführt.

Die Interviews machen deutlich, dass die Entwicklung zum rechten Gewalttäter sehr unterschiedlich verlaufen kann. Prinzipiell lassen sich drei typische Verläufe unterscheiden:

  • Zunächst entwickelt sich Gewaltverhalten und erst später kommt ein Jugendlicher mit rechtem Gedankengut in Kontakt.
  • Gewalt und rechte Einstellungen entwickeln sich zeitgleich.
  • Rechte Einstellungen werden erst später mit einer Befürwortung von Gewalt verbunden.

Darüber hinaus können sich Gewalt und rechte Einstellungen auch völlig unabhängig von einander entwickeln.

Bei diesen vier Varianten, die als „Strukturen“ bezeichnet werden, bleibt die Analyse nicht stehen. Vielmehr werden insgesamt 7 „Konstellationen“ des Verhältnisses von Einstellungen und Gewalt unterschieden, denen die untersuchten Fälle zugeordnet werden.

  • Hauptsache Gewalt“: Gewalttätige Jugendliche, für die Gewalt auch Selbstzweck ist, kommen eher zufällig mit rechten Gruppen in Kontakt. Diese Gruppen erscheinen primär wegen ihrer Gewalttätigkeit attraktiv, rechte Überzeugungen werden hingenommen oder unreflektiert übernommen. Die Gruppenzugehörigkeit hat allenfalls indirekt Einfluss auf das Gewaltverhalten.
  • Allgemeine Gewalttätigkeit verbindet sich mit rechter Überzeugung“: Gewalt wird bereits vor dem Kontakt mit rechten Einstellungen praktiziert und ist dabei mit konkreten Zielen verbunden. Aufgrund des Kontaktes mit rechtsextremen Gruppen entwickelt der Jugendliche ein echtes Interesse an rechtsextremen Inhalten. Die Motivation für Gewalt ändert sich dadurch nicht grundlegend, Gewalt wird aber fortan gezielt auf abgelehnte Personengruppen gerichtet.
  • Allgemeine Devianz wird ergänzt durch Gewalttätigkeit“: Erst durch den Kontakt mit rechtsextremen Gruppen entwickeln Jugendliche Gewalt und rechte Einstellungen. Gewalt ist Ausdruck von Frustration und Unangepasstheit aber auch von Gruppenverbundenheit. Eigenes Interesse an rechten Orientierungen besteht nicht, die Einstellung der Gruppe ist für das eigene Verhalten nicht relevant.
  • Gewaltausübung erst nach Kontakt mit Tätern rechter Gewalt“: Jugendliche kommen durch persönliche Freundschaften mit rechten Gruppierungen in Kontakt, die ihnen aufgrund von Zusammenhalt und gemeinsamen Freizeitaktivitäten attraktiv erscheinen. Charakteristisch ist das eigenständige Interesse für rechte Einstellungen und die Begehung von Gewaltakten aus eigener rechtsextremer Motivation heraus.
  • Parallele und miteinander verbundene Entwicklung von Gewalt und Einstellung“: Jugendliche sind von rechten Inhalten überzeugt und betrachten Gewalt als sinnvolles und notwendiges Mittel zur Durchsetzung dieser Einstellung. Der Kontakt zu rechtem Gedankengut erfolgt hier über ältere Respektspersonen, deren Einstellungen unreflektiert übernommen werden.
  • Unabhängiges Nebeneinander von Gewalt und Einstellungen“: Hier besteht keine subjektive Verbindung zwischen Gewalttätigkeit und rechten Orientierungen.
  • Erst Einstellung, dann Gewalt“: Jugendliche kommen erst nach und nach zur Überzeugung, dass Gewalt ein notwendiges Mittel zum Ausdruck und zur Durchsetzung ihrer rechten Überzeugungen ist. Gewalt wird nicht nur zeitlich später entwickelt, sondern zunächst auch nur aufgrund der rechtsextremen Einstellungen praktiziert.

Nach der Präsentation der einzelnen Konstellationen und der ihnen zugeordneten Fälle, arbeitet Krüger Parallelen und Unterschiede heraus. Einige Konstellationen weisen trotz unterschiedlicher „Struktur“ partiell große Ähnlichkeiten auf. Das Verhältnis von rechten Einstellungen und Gewalt ist somit nicht einfach nur von äußeren Abläufen geprägt.

Krüger liefert auch einen konstellationsübergreifenden Überblick über die untersuchten Merkmale.

  • Gewalt hat demnach für alle Befragten eine eigenständige Bedeutung, wird von keinem Jugendlichen nur aus rechtsextremer Überzeugung heraus begangen.
  • Die Substanz der rechten Einstellung ist unabhängig vom äußeren Entwicklungsverlauf, ihr Inhalt entspricht nur selten einem wissenschaftlichen Verständnis von Rechtsextremismus. Häufig beschränkt sich die Einstellung auf Ausländerfeindlichkeit. Die eigene Einstellung konnte meist nicht begründet und nachvollziehbar dargestellt werden, wiedergegeben wurden vielmehr Floskeln und einfache Vorurteile. Dennoch wird die Einstellung teilweise vehement vertreten und hat somit subjektiv eine hohe Bedeutung, welche aber auch auf soziale und emotionale Bedürfnisse zurückzuführen ist.
  • Besonderes Augenmerk verdient der Einfluss rechter Einstellungen auf das Gewaltverhalten: Gewalttaten, die zunächst rechtsextrem motiviert erscheinen, sind bei genauerer Betrachtung auf ganz andere Beweggründen zurückzuführen. Nur in zwei der untersuchten Fällen kamen ausschließlich rechtsextreme Überzeugungen im Gewaltverhalten zum Ausdruck. Krüger betrachtet rechte Einstellungen daher als Gelegenheitsstruktur zur Befriedigung individueller Bedürfnisse.
  • Gruppen erweisen sich als wichtiger Einflussfaktor für die Entwicklung rechter Einstellungen und die Ausbildung von Gewalt. Kein Jugendlicher ist ohne äußerliche Beeinflussung dazu übergegangen, rechte Gewalttaten zu begehen. Gruppen ermöglichen Jugendlichen aber vor allem die Befriedigung individueller Bedürfnisse. Werden von der Gruppe rechte Einstellungen und die Mitwirkung an gemeinsamen Gewalttaten erwartet, akzeptieren Jugendliche diese Bedingung der Partizipation.

Abschließend kommt Krüger zum Ergebnis, dass rechte Gewalt Teil der allgemeinen Gewaltkriminalität ist und als allgemeine, menschenfeindliche und menschenverachtende Gewalt zu betrachten ist. Das Thema Prävention wird nur kurz angeschnitten: Krüger nennt mögliche Anknüpfungspunkte der eigenen Ergebnisse und verweist auf Vorschläge des Deutschen Forums für Kriminalprävention zur Prävention von Vorurteilskriminalität.

Diskussion

Krüger hat eine aufwändige qualitative Untersuchung mit durchdachter Vorgehensweise durchgeführt, wenn auch einzelne Elemente, wie die Gespräche mit Vollzugsbediensteten über die Interviewten oder die Betonung von Sozialisationsinstanzen bei der Auswertung der Interviews kritisch hinterfragt werden könnten. Gerade die ausführlichen Fallbeschreibungen hauchen dem Buch Leben ein. Es liegt in der Natur der Sache, dass in einem empirisch ausgerichteten Buch theoretische Überlegungen, etwa zu allgemeinen Zusammenhängen zwischen Einstellung und Verhalten, keine nennenswerte Rolle spielen.

Hervorragend gelingt es Krüger, die Heterogenität rechtsextremer Jugendgewalt zu verdeutlichen. Dass dabei nicht allein zeitliche Abläufe im Mittelpunkt stehen, sondern auch die komplexen Beziehungen zwischen rechten Einstellungen, Gewalt und weiteren Einflussfaktoren betrachtet werden, macht das Buch sehr lesenswert. Die Darstellung von Strukturen und Konstellationen mag zunächst irritieren, da sehr unterschiedliche Fälle ein und derselben Konstellation zugerechnet werden, während gleichzeitig frappierende Ähnlichkeiten zwischen manchen Konstellationen bestehen. Spätestens im dritten Kapitel wird aber deutlich, dass die gewählten Konstellationen durchaus ihre Berechtigung haben und sich in zentralen Aspekten deutlich unterscheiden. Vielleicht wäre es dennoch sinnvoll gewesen, auf Idealtypen zu setzen, denen reale Fälle nicht vollends entsprechen müssen.

Zurecht betont Krüger die Bedeutung subjektiver Sinn- und Handlungsstrukturen im Kontext rechtsextremer Jugendgewalt. Dass nicht jedes Mitglied einer rechtsorientierten Gruppe eigene rechte Überzeugungen hat oder dass nicht jede Gewalttat eines rechtsextrem orientierten Jugendlichen eine rechtsextrem motivierte Tat ist, zählt zu den zentralen Ergebnissen der Untersuchung. Es gelingt ihr, die unterschiedliche subjektive Bedeutung rechter Einstellungen, der rechtsorientierten Gruppe und auch der verübten Gewalttaten in nachvollziehbarer Weise zu rekonstruieren. Dass sie erfasst, was die Jugendlichen selbst als „rechts“ betrachten, ist da nur folgerichtig; dass sie sich nicht in gleicher Weise für den Gewaltbegriff der Jugendlichen interessiert, überrascht etwas. Das vereinzelt durchbrochene Interesse für die subjektiven Relevanzsysteme der Jugendlichen prägt das Buch und macht seinen Reiz aus.

Fazit

Krüger liefert eine lesenswerte Analyse der subjektiven Sinn- und Handlungsstrukturen rechtsorientierter, jugendlicher Gewalttäter. Als Einstiegs-Lektüre zu rechtsextremer Jugendgewalt ist das Buch eher ungeeignet, auch Fragen nach Ursachen und Präventionsmöglichkeiten bleiben unbeantwortet. Krüger verdeutlicht aber in überzeugender Weise die Heterogenität der Entwicklung zum rechtsextremen Gewalttäter und setzt sich differenziert mit den Zusammenhängen von Gewalt und rechtsextremen Einstellungen auseinander. Das Buch kann somit gerade für Kenner der Materie aufschlussreich sein.


Rezension von
Annette Bukowski
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Zitiervorschlag
Annette Bukowski. Rezension vom 21.11.2009 zu: Christine Krüger: Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen allgemeiner Gewaltbereitschaft und rechtsextremen Einstellungen. Eine kriminologische Studie zum Phänomen jugendlicher rechter Gewaltstraftäter. Forum Verlag Godesberg GmbH (Mönchengladbach) 2008. ISBN 978-3-936999-39-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6452.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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