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Michael May: Aktuelle Theoriediskurse Sozialer Arbeit

Cover Michael May: Aktuelle Theoriediskurse Sozialer Arbeit. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 309 Seiten. ISBN 978-3-531-15647-7. 29,90 EUR.
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Thema

Eine Einführung in die Theoriediskussion der Sozialen Arbeit vorzulegen scheint für den Autor selbst ein verwegenes Unterfangen, weil in der Profession in der Theoriefrage "so gut wie nichts klar" (S. 9) ist. Dieses Dilemma versucht er dadurch zu lösen, indem er in diesem Buch den Lesern "Lernlandschaften" zur Verfügung stellt. Von den einzelnen "Theorieinseln" aus lässt sich die Theorielandschaft der Sozialen Arbeit in ihrer Vielfalt und Heterogenität überblicken.

Autor

Michael May ist Professor für Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Wiesbaden und Privatdozent für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Frankfurt am Main.

Aufbau …

Das Buch ist in 7 Kapitel gegliedert. Jedes Kapitel fasst Theorien der Sozialen Arbeit unter einem bestimmten Blickwinkel zusammen (z.B. lebensweltliche, systemtheoretische, professionalisierungstheoretische Ansätze) und stellt die Gedanken der wichtigsten Vertreter dar. Am Ende eines jeden Kapitels werden die verschiedenen Theorieansätze vom Autor einer kritischen Würdigung unterzogen.

… und Inhalt

Im ersten Kapitel setzt er sich mit dem Theorieverständnis in der Sozialen Arbeit auseinander. In einem fiktiven Disput zwischen einem Professor und einem Studenten wird plakativ das Thema erörtert, welchen Nutzen eine wissenschaftliche Theoriediskussion für die Praxis haben kann. Anschließend wird der Frage nachgegangen, wozu Theorie in der Wissenschaft notwendig ist und welche Bedeutung sie für die Profession Soziale Arbeit hat.

Das zweite Kapitel stellt die Lebenslagen- und Lebensweltansätze in der Theorielandschaft der Sozialen Arbeit vor. Hier bezieht sich May auf die Überlegungen und Ausführungen von Thiersch (Alltags- und lebensweltorientierter Ansatz), von Habermas (Lebensweltkonzept) und von Böhnisch (Lebenslage und Lebensbewältigung).

Im dritten Kapitel geht es um professionalisierungstheoretische Ansätze der Theoriebildung. Entlang der Ausführungen von Burkhard Müller wird skizziert, was eine Profession auszeichnet und was sozialpädagogisches Können ausmacht. Die Paradoxie beruflichen Handelns zwischen der Unterstützungsleistung für das Individuum und gesellschaftlichen Implikationen auf das professionelle Handeln hat Kunstreich aufgegriffen und unterschieden zwischen einer personalisierenden, klinischen, solidarischen, einer reflexiven und einer manageriellen Professionalität. Das Handlungsmodell von Maja Heiner wird von ihr als  ein empirisches Modell beruflichen Handelns angesehen, das die grundlegenden Kriterien professionellen Handelns benennt. Schließlich wird noch die Diskussion um die Dienstleistungsorientierung Sozialer Arbeit und die Chancen künftiger Profilierung aufgegriffen.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit systemtheoretischen und systemischen Ansätzen, d.h. mit der Darstellung der Luhmannschen Systemtheorie und der Problematik der sozialen Kontrolle von Hilfe. Soziale Organisationen können nur auf die Problemfälle reagieren, die sie selbst bearbeiten können, wodurch sie systemtheoretisch gesehen paradoxerweise die Abweichungen, die sie beheben sollten, noch verstärken. Das systemische Konzept Sozialer Arbeit von Staub-Bernasconi und Obrecht wird hier ebenfalls vorgestellt.

Das fünfte Kapitel steht unter der Überschrift der diskursanalytischen Theorien. Zu Beginn wird das Habermas'sche Diskursmodell vorgestellt und deren Bedeutung für die Soziale Arbeit anhand der Pädagogik von Helmut Richter analysiert. Der Diskursbegriff wird (post)strukturalistisch weiterentwickelt und mit den Grundzügen der strukturalen Erziehungswissenschaft von Dieter Lenzen, sowie mit dem Diskursbegriff Michel Foucaults ergänzt, um schließlich mit Kessels Konzept der Gouvernementalität Sozialer Arbeit bei einer Begriffsbestimmung des Sozialen zu landen. Das Soziale ist ein besonderer gesellschaftlicher Sektor, der sich aus der Verknüpfung zahlloser politischer Aktionen und Interventionen ergibt (:168). Dies führt schließlich zu Winklers Typologie des sozialen Sektors, der mit vielfältigen Verbindungen in die Gesellschaft eingebunden ist und darin spezifische Aufgaben und Funktionen erfüllt. Nach Winkler ist das soziale System prinzipiell darauf ausgerichtet, die Ware Arbeitskraft zu sichern.

Im sechsten Kapitel setzt sich May mit der psychoanalytischen Sozialarbeit und deren Theoriehintergrund auseinander. Dabei greift er zunächst auf die Basics der Freud'schen Lehre der Psyche (Strukturen der Psyche "Ich", "Es" und "Über-Ich" und die Übertragung) zurück und fragt dann danach, welche theoretischen Elemente denn die Soziale Arbeit anwenden könne. Nach Ohlmeier hat der Sozialarbeiter vor allem auf Übertragungselemente des Klienten und seine eigenen Gegenübertragungsmechanismen zu achten. Vor allem posttraumatische Reaktionen würden das Verhalten des Klientels der Sozialen Arbeit formen und zu zwanghaften Wiederholungen führen. Zum beruflichen Alltag gehören daher Situationen, in denen der Klient den Sozialarbeiter zwingt, die unerträglichen Gefühle aus einem Traumata ebenfalls zu erleben. Die Bedeutung der psychoanalytischen Theorie liegt gerade darin, solche unbewusst verlaufende psychosoziale Abwehrmechanismen erklärbar und damit bearbeitbar zu machen.

Im siebten Kapitel wird versucht, Kristallationspunkte für die professionelle und disziplinäre Theoriebildung zu benennen. Gleich zu Beginn wird der wichtigen Frage nachgegangen, wie die Theoriesysteme der Bezugswissenschaften (Soziologie, Psychologie) in eine Theorie der Sozialen Arbeit zu integrieren sind. Die Systemtheorie bleibt nach Meinung des Autors eine Theorie der Soziologie. Alle Bemühungen, diesen Theorieansatz auf die Soziale Arbeit zu transferieren machen daraus keine Theorie der Sozialen Arbeit (:237). Insgesamt bleibt für May offen, ob und wie ein theoretisches Wissenschaftsverständnis zur Lösung lebenspraktischer Anforderungen herangezogen werden kann. Geht die Theorie der Wirklichkeit voraus oder umgekehrt? Bezogen auf die Soziale Arbeit wird für diese Frage Winkler zitiert. "Ihre gegenständliche Identität gewänne eine Theorie der Sozialpädagogik somit erst dort, wo sie eine Theorie des sozialpädagogischen Problems und eine Theorie des sozialpädagogischen Handelns umklammere" (:240). So bleibt die Frage nach dem Gegenstand der Sozialen Arbeit nicht lange aus. Ist der Gegenstand der Theorie ein anderer als der der Praxis? Der Autor weist darauf hin, dass seine bisherigen Ausführungen gezeigt hätten, dass ein Konsens darüber, was der Gegenstand der Disziplin ist, nicht existiert.  Für May ist Sünkers Konzept der Sozialen Arbeit als Antwort auf die Frage nach möglichen Verhältnisbestimmungen von Individuum und Gesellschaft die allgemeinste Darstellung des Gegenstandes Sozialer Arbeit, auch wenn er im Anschluss noch andere Deutungsvarianten (Heiner, Hamburger, Merten, Bommes/Scherr, Oevermann, Böhnisch, Cremer-Schäfer, Winkler) vorstellt, die sich allerdings ebenfalls dem Spannungsfeld des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft stellen müssen. Als weitere Kristallisationspunkte werden das Theorie/Praxis-Verhältnis, die gesellschaftlichen und sozialen Voraussetzungen, die AdressatInnen, die Institutionen und die Ethik thematisiert.

Diskussion

Ein Problem für den nicht ganz theoriesicheren Leser bleibt auch nach der Lektüre bestehen: wie finde ich mich in einer Theorielandschaft zurecht, wenn ich schon lange nicht mehr in der Gegend unterwegs war. Der Praktiker wird sich mit dem Buch von May schwertun, weil die hinführenden Gedanken zu einer Theorie der Sozialen Arbeit viel zu wissenschaftslastig geschrieben sind. Wer nicht schon weiß, wo es lang geht, der kommt auch mit den teilweise sehr komplexen und komplizierten Erläuterungen von May nicht weiter. Dadurch bleiben die einzelnen Kapitel sehr unverbunden nebeneinander stehen und der Leser kann sich (allerdings von May so gewollt) seinen eigenen Reim darauf machen. Auch das entscheidende letzte Kapitel mit den Kristallisationspunkten professioneller und disziplinärer Theoriebildung kann dieses Dilemma nicht mehr auffangen. Denn das mutet dem Leser wiederum eher schwer verständliche "Theoriekost" zu, die nicht dazu beiträgt, schnell einen theoretisch fundierten Standpunkt zu finden. Um im Bild zu bleiben: Der Leser bleibt manchmal ziemlich alleingelassen in der Theorielandschaft zurück. Dabei hätte als Orientierung oft schon genügt, wenn in den einzelnen Kapiteln zu Beginn ein kurzer Überblick geboten worden wäre, der aufzeigt, aus welchem Blickwinkel und mit welchen Vertretern (und warum gerade die und keine anderen) nun ein bestimmter Standpunkt eingenommen wird und wie sich der als Kristallisationspunkt in ein Ganzes einfügen könnte. Aber vielleicht gibt es dieses (Theorie)Ganze in der Sozialen Arbeit wirklich noch nicht.

Offensichtlich wird auch, dass May aus Sicht seiner Profession der Erziehungswissenschaften argumentiert. Hier wird wieder einmal eine Schwachstelle im deutschen Ausbildungssystem der Sozialen Arbeit deutlich, das nach wie vor von den Bezugswissenschaftlern besetzt ist. Sozialarbeiter sind in diesem System die große Ausnahme. Bleibt zu hoffen, dass die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge in den nächsten Jahren auch die Profession der Sozialen Arbeit vermehrt an die Hochschulen in die Lehre bringt. Zwangsläufig wird auch die Theoriediskussion innerhalb der Sozialen Arbeit daher bis jetzt von den Vertretern der Bezugswissenschaften geführt, wie es das Werk von May offenkundig vorführt.

Fazit

Für Studierende sicher ein anspruchsvolles Lehrbuch, weil in jedem Kapitel das jeweilige Thema sofort ohne große Umschweife vertieft wird. Für interessierte Praktiker ist es ein schwieriges Nachschlagewerk, das häufig wenig Orientierung bietet. Die sind mit dem Klassiker von Engelke hinsichtlich Klarheit und Verständlichkeit nach wie vor besser bedient.


Rezension von
Dr. Winfried Leisgang
Dipl. Soz.-Päd., Master of Social Work (M.S.W.)
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Zitiervorschlag
Winfried Leisgang. Rezension vom 08.10.2008 zu: Michael May: Aktuelle Theoriediskurse Sozialer Arbeit. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-15647-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6458.php, Datum des Zugriffs 28.05.2020.


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