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Silke Birgitta Gahleitner, Susanne Gerull u.a. (Hrsg.): Sozialarbeitswissenschaftliche Forschung

Cover Silke Birgitta Gahleitner, Susanne Gerull, Chris Lange (Hrsg.): Sozialarbeitswissenschaftliche Forschung. Einblicke in aktuelle Themen. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. 158 Seiten. ISBN 978-3-940755-15-5. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 31,00 sFr.

Reihe: Sozialarbeitswissenschaft.
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Entstehungshintergrund

Der 158 Seiten schmale Band stellt 15 Promotionsprojekte vor, die im Rahmen eines Promotionsprojekts an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin (ASFH) entstanden sind. Dadurch wird einmal die wissenschaftliche Arbeit der beteiligten Hochschulen (die Doktorväter und –mütter waren an kooperierenden Universitäten angesiedelt) zusammengefasst publiziert, gleichzeitig erfolgt der deutliche Hinweis, wenn nicht Nachweis, dass Soziale Arbeit als forschende Disziplin zwar über keine lange wissenschaftliche Tradition verfügt, jedoch durch das gezielte Aufgreifen praxisrelevanter Fragestellungen einen wichtigen Beitrag zur Theoriebildung der Handlungswissenschaft leistet. Die hier präsentierten Kurzfassungen der Dissertationen bieten eine große Bandbreite an Fragestellungen wissenschaftlicher Sozialarbeitsforschung und einen überzeugenden Überblick über für die Soziale Arbeit relevanten Forschungsmethoden.

Herausgeberinnen

Die Herausgeberinnen sind Absolventinnen des Promotionskollegs an der ASFH. Dieses erste (seit 1992) an einer Fachhochschule angebotene Kolleg sprach gezielt Absolventinnen aus Studiengängen der Sozialen Arbeit an. Nach erfolgreichem Berufsstart in der Praxis Sozialer Arbeit sollten sie über den Weg einer wissenschaftlichen Qualifikation das eigene berufliche Profil entwickeln; dadurch sollte auch der an den Hochschulen für Soziale Arbeit dringende Bedarf an Nachwuchswissenschaftlerinnen gedeckt werden. Entsprechend haben einzelne der Herausgeberinnen (Silke Gahleitner, Susanne Gerull) mittlerweile eine Lehrtätigkeit als Professorin an der ASFH aufgenommen.

Aufbau

Die Präsidentin der ASFH, Christine Labonté-Roset gibt in ihrem Vorwort einen knappen Überblick über das ASFH-Promotionskolleg, das seit 1992 gezielt Praktikerinnen Sozialer Arbeit anspricht um diese für eine wissenschaftliche Arbeit, auch in der Lehre an den Fachhochschulen zu qualifizieren. Die von der ASFH in diesem Zusammenhang ausgelobten Promotionsstipendien sind dabei auch als Beitrag zur Förderung der Chancengleichheit von Frauen in Forschung und Lehre konzipiert.

Im Weiteren werden 14 abgeschlossene und ein noch laufendes Promotionsprojekt als Zusammenfassung vorgestellt. Die Bandbreite der Arbeiten kann drei Forschungsbereichen zugeordnet werden.

1. Professionsforschung 

  • Brand: Die Herausbildung des professionellen Selbst in der Sozialen Arbeit

2. Zielgruppen- und Genderspzefische Fragestellungen

  • Feldhaus-Plumin: Psychosoziale Beratung im Kontext von Pränataldiagnostik
  • Gahleitner: Geschlechterspezifische Verarbeitung sexueller Gewalt – Salutogenetische Perspektiven
  • Gerull: Präventive Hilfen zum Erhalt der Wohnung bei Mietschulden. Ergebnisse einer empirischen Studie in einem Berliner Sozialamt
  • Lehmann: Migrantinnen und häusliche Gewalt im biografischen Kontext
  • Petuya Ituarte: Kontinuität und Bruch – Lebensgeschichten von Frauen im Spannungsfeld von Migration und Scheidung
  • Sauer: Kooperationsprozesse in Dauerpflegeverhältnissen
  • Streblow: Jugendhilfe im Praxisfeld Schule
  • Süzen: Geschiedene Migrantinnen im Migrationsprozess
  • Wesselmann: Lebensgeschichtliche Verläufe und Ressourcen wohnungsloser Frauen und
  • Wihofszky: Peers in der Aidsprävention in Westafrika. Erleben von Teilhabe und Empowerment

3. Sozialraumstudien

  • Lange: Zunehmende Kooperation nach kontroversem Beginn – der Lernprozess der Freien Wohlfahrtspflege mit der europäischen Integration
  • Oesterreich: Die Lebensbedingungen in den Flüchtlingslagern für DDR-Zuwanderer der 1950er Jahre
  • Radvan: Antisemitismus in der offenen Jugendarbeit – Wie kann pädagogisches Handeln aussehen
  • Schambach-Hardtke: Der Vereinigungsprozess zu ver.di aus der Gender-Perspektive

Diskussion ausgewählter Inhalte

Die Darstellung der einzelnen Forschungsprojekte folgt (meist) dem Aufbau

  • "Benennung der Fragestellung",
  • "Forschungsmethodik" und
  • "Ergebnisse", teilweise ergänzen die Autorinnen ihre Ausführungen mit
  • "Überlegungen zu Implikationen für die Praxis".

Hinsichtlich der Forschungsmethodik fällt die Dominanz qualitativer Forschungsansätze auf. Sozialarbeit als fallbezogene Handlungswissenschaft weist vom wissenschaftlichen Bezugsrahmen bereits eine hohe Affinität zu rekonstruktiven und beschreibenden Verfahren auf. Bei den Absolventinnen des Promotionskollegs führte dies zu einer entsprechenden Methodenwahl. Einzelne Promotionsberichte seien hier kurz aufgegriffen:

Die einzige rein quantitativ angelegte Forschung (Gerull) nähert sich über eine umfassende Aktenanalyse des Mietschuldenjahrgangs 1997 einer Berliner Behörde dem Kontext Mietschulden – Wohnungsverlust - Beratunsangebote. Die Evaluationsstudie belegt umfangreich dass die Komplexität des Hilfebedarfs der Hilfe suchenden MietschuldnerInnen das Beratungs- und Interventionsspektrum der behördlichen Hilfesysteme übersteigt. Strukturelle Rahmenbedingungen, welche durch den Aufbau und die Interventionsmechanismen der Behörden begründet sind, führen nicht zum gewünschten Effekt, der Vermeidung von Wohnungslosigkeit aufgrund (Miet)verschuldung. Gerull entwickelt auf Grundlage ihrer Evaluationsstudie Empfehlungen zur Umstrukturierung des Hilfesystems. Dabei kommt es vor allem auf die Erweiterung behördlicher Hilfemaßnahmen um psychosoziale Beratungsinhalte an, wodurch die vielfältigen Problemlagen (gesundheitliche Probleme, Bildungssituation, Wohnverhältnisse, Erwerbstätigkeit, Verschuldung) ganzheitlich aufgegriffen und bearbeitet werden können.

Lediglich ein Forschungsprojekt (Feldhaus-Plumin) bedient sich einer Mischform aus qualitativen und quantitativen Forschungsstrategien. Die Wissenschaftlerin ergänzt hier die qualitative Betroffenen- und ExpertInneninterviews mit einer quantitativen Versorgungsstrukturanalyse im Breich der Pränataldiagnostik und erreicht so eine besondere, mehrdimensionale Ebene in der Analyse.

Die im Band dargestellten qualitativen Studien bestechen durch ihre differenzierte Betrachtung psycho-sozialer Prozesse und Phänomene. Der Zugang zu diesen Fragestellungen wird dabei mehrheitlich über die Befragung der Betroffenen (problemzentriertes Interview, Betroffeneninterview) gewählt. Die genaue Rekonstruktion von Lebens(abschnitt)geschichten, etwa bei Gahleitner zur Frage der geschlechtsspezifischen Verarbeitung sexueller Gewalt, erlaubt einen genauen Einblick in das Verhalten und in die Verhältnisse der beforschten Zielgruppe. Beispielhaft kann diese Studie so das Ineinandergreifen von Gewalt und Geschlecht in seiner destruktiven Ausgestaltung beschreiben. Daraus ergeben sich Fragestellungen für die Praxis sozialer Arbeit vor allem in den Bereichen Opfer- und Täterarbeit: wie bestimmen Geschlechterverhältnisse das Erleben und Verhalten von KlientInnen und Professionellen. Die Praxisrelevanz dieser Ergebnisse liegt darin, Handlungsspielräume und Veränderungschancen realistisch einschätzen zu können und so passendere Interventionsmöglichkeiten zu entwickeln.

Die vier Studien die dem Bereich der Sozialraumforschung zuzuordnen sind wählen ebenfalls einen qualitativen Zugang zur Thematik; Akten- und Datenanalyse finden hier mehrheitlich Anwendung. Diese deutlich soziologisch orientierten Forschungsvorhaben benennen soziale Prozesse und Lebenswelten im Umfeld der Sozialen Arbeit. Beispielhaft dafür die Studie "Antisemitismus in der offenen Jugendarbeit" von Radvan. Antisemitische Äußerungen von Jugendlichen in den Feldern der Bildungs- und Jugendarbeit führen zu einer Verunsicherung im pädagogischen Umgang. Radvan setzt sich in ihrem Forschungsprojekt mit den Erfahrungen von PraktikerInnen in der Jugendarbeit auseinander, rekonstruiert deren Wahrnehmung und Bedeutungszuschreibung und Selbstdeutung in den Praxisbezügen. Prozesse der stereotypisierenden Beobachtung, also der nicht auf reale Bedingungen begründeten Verallgemeinerung, können in der Praxis der Jugendarbeit zu einem verengten Blick, in Folge zu einer inneren Abwehrhaltung oder unangemessenen Interventionen führen. Radvan folgert aus ihrer Analyse einen Änderungsbedarf in der Aus- und Weiterbildung von JugendpädagogInnen. Neben die Vermittlung von theoretischem Wissen über das Thema Antisemitismus muss die Vermittlung des Wie des pädagogischen Handelns und der Beziehungsarbeit treten. Mit einer derart fundierten Jugendarbeitspraxis kann dann dem Phänomen Antisemitismus professionell begegnet werden.

Im Anhang finden sich Angaben zu den Biografien und Dissertationen der Autorinnen. Knapp wird hier der berufliche Entwicklungshintergrund der Wissenschaftlerinnen dargestellt, daneben finden sich hier bibliografische Angaben zu den veröffentlichten Dissertationstiteln.

Zielgruppe

Der Band wendet sich an PraktikerInnen und Lehrende im Bereich der Sozialen Arbeit. Beispielhaft werden hier konkrete Projekte wissenschaftlicher Qualifikationsarbeiten vorgestellt. Für KollegInnen in der Praxis kann so ein Anreiz geschaffen werden, sich selbst mit der Frage einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung im Rahmen von Praxisforschung, Evaluationsstudien oder Sozialraumstudien zu beschäftigen und sich wissenschaftlich zu qualifizieren. Den Hochschulen für Soziale Arbeit wird in dem Band verdeutlicht, dass eine eigene Nachwuchspflege mit dem Ziel mehr PraktikerInnen in Forschung und Lehre zu integrieren möglich ist. Für diesen Aspekt fehlen allerdings weiterführende Hinweise über Finanzierungsmöglichkeiten und Organisationsformen von z. B. DoktorandInnenkollegs.

Fazit

Von Vorteil ist die klar verständliche Sprache, in der die einzelnen Forschungsarbeiten präsentiert werden. Auch mit wissenschaftlicher Forschungsmethodik nicht Versierte können hier problemlos in die Forschungswelt Soziale Arbeit einsteigen. Die Darstellung der (meist qualitativen) Forschungsstrategien kommt in dem Band sicher zu kurz. Dies scheint aber aufgrund der guten Verfügbarkeit entsprechender Fachliteratur auch entbehrlich. Wie in anderen Publikationen (vgl. Rezension zu Engelke/Maier u.a. (Hrsg.): Forschung für die Praxis. Zum gegenwärtigen Stand der Sozialarbeitsforschung) ergibt sich für die Leserin ein Einblick in die Themen und Möglichkeiten einer Sozialarbeitsforschung. Aktuelle Fragestellungen aus den unterschiedlichen Bereichen Sozialer Arbeit werde kompetent vorgestellt. Der Band macht Mut, Sozialarbeit als forschende Handlungswissenschaft weiter zu entwickeln und belegt, dass wissenschaftliche Karrieren aus der Sozialen Arbeit heraus in die Ausbildungseinrichtungen der Disziplin hinein nicht nur möglich, sondern höchst sinnvoll sind. Absolventen der Masterprogramme im Bereich der Sozialen Arbeit, die sich mit der Frage einer Fortsetzung ihrer wissenschaftlichen Qualifizierung nach einem Masterabschluss befassen ist der Band als Hilfe zur Entscheidungsfindung zu empfehlen.

Wünschenswert ist die Fortsetzung derartiger Forschungsberichte aus den Hochschulen in einem Verband der Hochschulen etwa als "social work research review". Die Entwicklung der Sozialarbeitsforschung und damit die Bewältigung der anstehenden Entwicklungsaufgaben Sozialer Arbeit (weitere Professionalisierung, Erhöhung des Anteils aus der Praxis stammender Lehrender in der Ausbildung, Erhöhung des Frauenanteils in Forschung und Lehre) bedarf einer stetigen Publikation und Präsentation der Forschungsaktivitäten und Programme.


Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 20.12.2008 zu: Silke Birgitta Gahleitner, Susanne Gerull, Chris Lange (Hrsg.): Sozialarbeitswissenschaftliche Forschung. Einblicke in aktuelle Themen. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. ISBN 978-3-940755-15-5. Reihe: Sozialarbeitswissenschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6459.php, Datum des Zugriffs 17.10.2017.


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