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Catrin Heite: Soziale Arbeit im Kampf um Anerkennung

Cover Catrin Heite: Soziale Arbeit im Kampf um Anerkennung. Professionstheoretische Perspektiven. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-1227-9. 25,00 EUR, CH: 43,90 sFr.

Reihe: Edition Soziale Arbeit.
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Thema und Entstehungshintergrund

In der Sozialen Arbeit wird seit geraumer Zeit um die Anerkennung als Profession gerungen. Unter welchen Voraussetzungen aber erlangt Soziale Arbeit überhaupt Anerkennung als Profession und aufgrund welcher Kriterien? Catrin Heite versucht im Rahmen ihrer Veröffentlichung, die von Hans-Uwe Otto als Dissertation angenommen wurde, einen Zugang zu diesen Fragen. Und es geht insofern um die Frage, wie Soziale Arbeit als kritische Soziale Arbeit "in post-wohlfahrtsstaatlichen Arrangements als Profession angerufen, konstituiert und realisiert wird" (S. 201).

Autorin

Dr. phil. Catrin Heite ist Postdoktorandin im Graduiertenkolleg "Jugendhilfe im Wandel" an der Fakultät Pädagogik der Universität Bielefeld; ihre bisherigen Arbeitsschwerpunkte sind die Theorie Sozialer Arbeit, Professionalisierung, Anerkennungstheorie sowie Gender- und Ungleichheitsforschung.

Inhalt

Professionalisierung begreift sie als "Kampf um Anerkennung", in dem "unterschiedliche Rationalitäten" wirken, "in denen Soziale Arbeit Forderungen nach Anerkennung als Profession erhebt" (S. 7). In ihrer Argumentation bezieht sie sich auf Axel Honneth und Nancy Fraser, wobei ihr grundlegender Bezug zu Honneth deutlicher wird, wenn sie auf eine von ihm entfaltete Sichtweise von Emanzipation und Befreiung rekurriert (S. 15ff).

Anhand welcher Kriterien Soziale Arbeit in die "Statushierarchie der Anerkennung" (S. 191) eingeordnet wird bzw. wie sie dort eine "wirkmächtige Position" erlangt, lauten zentrale Fragen. Aktuelle anerkennungstheoretische Konzepte bieten ein über bisherige Betrachtungsweisen der Professionalisierung Sozialer Arbeit hinausgehendes Erkenntnispotential, das von der Autorin hinsichtlich der Frage nach den Herstellungsweisen des Status Profession erschlossen wird.

Entlang der Kategorien Geschlecht, Klasse, Wissen, Ethik, Identität und Autonomie charakterisiert sie differente Professionalisierungsstrategien, und sie analysiert, auf welche Weisen Soziale Arbeit in gesellschaftlichen Statushierarchien positioniert wird und welche Voraussetzungen sie erfüllen muss, um als Profession anerkannt zu werden.

Im Zentrum der Argumentation steht dabei Heites Annahme, dass die Professionalisierung Sozialer Arbeit als Kampf um Anerkennung verläuft. Diese These entfaltet die Autorin anhand zentraler Thematisierungen der Professionsdebatte und entwickelt daraus einen anerkennungs- und gerechtigkeitstheoretisch reflektierten Professionsbegriff, der Professionalität im Sinne der Verwirklichung von Rechtsansprüchen der Adressatinnen und Adressaten Sozialer Arbeit bestimmt: Im Anschluss an Honneth heißt das in der Lesart Heites, dass die Möglichkeit, Rechte wahrzunehmen und einzuklagen, als "moralische Dimension" gilt, die es Individuen erlaube, sich als (so Honneth) "Rechtsperson mit gleichen Ansprüchen wie alle anderen Gesellschaftsmitglieder geachtet zu wissen". Deshalb, so die Logik der Bielefelder Autorin, wird "die Realisierung sozialer Gerechtigkeit als Gewährleistung partizipatorischer Parität an ökonomischen, gesellschaftlichen, sozialen, kulturellen Gütern, Dienstleistungen und Daseinsformen" zu dem zentralen Bezugspunkt eines anerkennungs- und gerechtigkeitstheoretisch reformulierten Professionalitätsverständnisses (S. 201f). Recht wird damit eine "mögliche Form substanziell kritischer Reflexion und Positionierung Sozialer Arbeit in aktuellen Herrschaftsverhältnissen" (S. 203). Und: "Als solche sieht sie von inhaltlichen Vorgaben zur Lebensführungsweisen ab und fokussiert auf deren Ermöglichungsbedingungen" (S. 203). Insoweit sind die Akteure der Sozialen Arbeit – im Verweis auf Michael Foucault gesehen – Professionelle, die sich in der "Nicht-Einnahme spezifisch-kohärenter Subjektpositionen" konstituieren, insoweit als einer "Grenzerfahrung, die das Subjekt von sich selbst losreißt (Foucault)". Damit verweist auch Catrin Heite – nur – auf den (nicht notwendigerweise neuen) normativen Aspekt Sozialer Arbeit als Profession, eine partizipatorische Parität anzuerkennen und zu gewährleisten, dass deren Adressatinnen und Adressaten ""autonom" über ihren individuellen und kollektiven Vorstellungen zur Gestaltung ihres Lebens" befinden, weshalb "professionelle Interventionen angesichts eines Feldes möglicher und verunmöglichter Lebensweisen Handlungsräume und Veränderungsmöglichkeiten ohne Veränderungsverpflichtung" eröffnen: Damit werde "systematisch" auf fachliche Standards wie Freiwilligkeit, Ergebnisoffenheit, advokarisches Handeln, Parteilichkeit, Vertraulichkeit und andere abgestellt (S. 205f). Hierauf hat 1992 bereits Hans Thiersch in seinem Entwurf für eine lebensweltorientierte Soziale Arbeit umfassend aufmerksam gemacht.

Zielgruppen

Heite steht in Auseinandersetzung mit aktivierungspolitischen und aktivierungs"pädagogischen" Zugriffen auf die Soziale Arbeit als Gerechtigkeitsprofession (S. 205) und deren Adressatinnen und Adressaten, wie sie sich aktuell zum Beispiel in der sanktionsgeprägten Arbeitsmarktpolitik (im Kontext insbesondere des SGB II) darstellen. In erster Linie werden daher Akteure des Diskurses um die Professionalisierung der Sozialen Arbeit und deren Positionierung in den dirigistischen Engführungen aktueller Politik ihre Publikation nutzen können. Das werden voraussichtlich Lehrende an den Ausbildungsstätten sowie Entscheidungsträger/innen der Träger der Sozialen Arbeit sein können.

Fazit

Ein zweifellos Sachkunde ausstrahlender Band liegt mit der Veröffentlichung Catrin Heites vor, der durch seine intelligente emanzipatorische Argumentation überzeugt, dessen sprachlicher Code allerdings einen Zugang nicht immer erleichtert und die Nutzbarkeit des Werkes für ein breiteres (fachpraktisches) Publikum eher begrenzt. Der Text ist zu begriffsdicht, um anschlussfähig für eine (selbst-) aufgeklärte Praxis zu sein. Dies allein erklärt die eher beschränkte Zielgruppe, die sich der Band einwerben kann.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 17.01.2009 zu: Catrin Heite: Soziale Arbeit im Kampf um Anerkennung. Professionstheoretische Perspektiven. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. ISBN 978-3-7799-1227-9. Reihe: Edition Soziale Arbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6461.php, Datum des Zugriffs 26.07.2017.


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