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Andreas Heyer: Sozialutopien der Neuzeit

Cover Andreas Heyer: Sozialutopien der Neuzeit. Bibliographisches Handbuch. Band 1: Bibliographie der Forschungsliteratur. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2008. ISBN 978-3-8258-1253-9. 59,90 EUR.
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Thema

Bibliographien sind ein wenig aus der Mode gekommen. Das hat einfache Gründe: In Zeiten, in denen jeder bequem vom Schreibtisch aus auf alle großen Verbundkataloge online zugreifen kann, haben klassisch-bibliographische Werke viel von ihrer ursprünglichen Funktion eingebüßt. Die Literaturrecherche hat sich grundlegend gewandelt. Die breiten Möglichkeiten der Suchanfrage tun ihr Übriges. Der Zugriff ist in der Regel nicht nur schneller und aktueller, sondern auch deutlich präziser. Wozu also noch eine rund 600 Seiten starke Bibliographie?

Inhalt

Das beste Gegenargument liefert der von Andreas Heyer vorgelegte Band selbst. Das Ansinnen, ein "Bibliographisches Handbuch zu den Sozialutopien der Neuzeit" zu erstellen, hat nun mit Band 1, der die Forschungsliteratur referiert, erste Früchte getragen. (Ein zweiter Band, der die Primärtexte versammelt, wird folgen.) Mit der Dokumentation liegt eine Übersicht vor, wie es sie für viele Zweige der Sozialwissenschaften schlicht nicht gibt und wohl auch niemals geben wird. Heyers von der DFG gefördertes Bibliographie-Projekt hat dabei den veränderten Rahmenbedingungen des akademischen Gewerbes durchaus Rechnung getragen. Er listet nicht einfach Literatur. Vielmehr sind wichtigen Arbeiten oder Forschern kundige Kurzkommentare und Annotationen beigefügt, die sogar, wie bei einem guten Lexikon, zum Schmökern einladen. Dass Heyer dabei mit seiner eigenen Position nicht hinterm Berg hält (vgl. z.B. das harte Urteil zu Dahrendorf, S. 185), mindert zumindest nicht den Unterhaltungswert des Bandes, wenngleich etwas weniger Zuspitzung an manchen Stellen dem übergeordneten Wert der Arbeit eher Rechnung getragen hätte. Allen voran aber liefert Heyer mit seinem einleitenden Text "Entwicklung und Stand der deutschsprachigen Utopieforschung unter Berücksichtigung ihrer theoretischen Selbstreflexion" (S. 13-83) eine ausgesprochen gelungene Übersicht zur Entwicklung der Forschungssituation seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Diese Darstellung allein erfüllt den Anspruch einer bibliographischen Aufarbeitung der wichtigsten Forschungsliteratur. Heyer macht dabei keinen Hehl aus seinem apologetischen Standpunkt dem utopischen Denken gegenüber und seiner leicht genervten Haltung gegenüber Utopiekritikern konservativer oder liberaler Provenienz. Innerhalb der akademischen Landschaft beklagt Heyer vor allem die fehlende institutionelle Verankerung der Utopieforschung (S. 13) und verweist auf den Mangel eines eigenständigen Periodikums im deutschen Sprachraum, das sich der Thematik längerfristig widmet. Dieser Nachteil besitzt für den Autor aber zugleich den Vorzug, dass das Thema in Deutschland bis heute von fast allen universitären Disziplinen mit eigenständigen Beiträgen befruchtet werde, und so deutlich an Lebendigkeit und interdisziplinärer Ausrichtung gewinne.

Neben dem bibliographischen Teil verfügt der Band über ein Personenregister (S. 579-595). Dieses listet in alphabetischer Reihung alle Autoren, zu denen Sekundärbeiträge vorliegen (in erster Linie also die Urheber von Primärtexten). Beigeordnet sind ihnen die Verfassernamen der entsprechenden Sekundarliteratur, wodurch die zusätzliche Dimension einer systematischen Perspektive zumindest ansatzweise erschlossen wird. Ein Sachregister soll im zweiten Band folgen.

Der selbstformulierte Anspruch auf weitgehende Vollständigkeit der Bibliographie hat zunächst ein schlagendes Argument auf seiner Seite: Über 500 Seiten gelistetes Schrifttum dokumentiert zugleich Intensität wie Breite der gesamten Forschungslandschaft. Die Fülle der Literatur erklärt sich zum Teil aber auch aus dem sehr weit gezogenen Radius ideengeschichtlicher Sekundärtexte, die aufgenommen wurden. Dass dabei Fehler und Inkonsequenzen nicht ganz ausbleiben können, versteht sich beinahe von selbst. Ohne die Gesamtleistung ernsthaft zu schmälern, seien einige davon zumindest genannt: Trotz des Umfangs fehlen mehrere, nicht ganz unwichtige Texte; vor allem bei der Aufsatzliteratur zeigen sich mitunter größere Lücken, was ein nicht ganz unerheblicher Nachteil ist, weil gerade die Aufsatzliteratur über Online-Kataloge nur sehr rudimentär erschließbar ist. Der Anspruch, auch jeweils erschienene Neuauflagen zu berücksichtigen, wird nicht immer eingelöst (vgl. z.B. Hans Freyers aus dem Jahr 1936 stammende, inzwischen aber im Jahr 2000 neu herausgegebene Schrift "Die politische Insel"; S. 233). Unterschiedliche Autoren wurden aufgrund von Namensgleichheit oder -ähnlichkeit mitunter zu einer Person vereinigt (vgl. z.B. Ulrich Weiss / Ulrich Weiß, S. 558). Daneben wirkt auch manches Urteil über bestimmte Autoren ein wenig vorschnell abgefeuert: So gilt der ein oder andere eher moderate Utopiekritiker rasch als "unreflektiert", während der schroffe Utopiekritiker Andreas Voigt als "wissenschaftlich neutral" eingestuft wird (S. 548). Ferner erschweren falsche Schreibweisen zum Teil die Auffindbarkeit (Schimert heißt im Register zweimal "Schirmert", S. 481). Zuweilen vermisst man die Seitenangaben bei Aufsätzen (vgl. z.B. Jäckel-Eintrag, S. 305). Manche Einträge finden sich doppelt (vgl. Messac, S. 387). Auch falsche Angaben des Erscheinungsjahrs (vgl. Baumstark: "1879" nicht "1979", S. 120) oder eine uneinheitliche Zitierweise, die vor allem die Verlags- und Reihenangabe betrifft, sind weitere kleine Schwächen. Ernsthaft überrascht ist man dagegen über die Tatsache, dass eine "Bibliographie zu den Sozialutopien der Neuzeit" ausdrücklich die "Forschungsliteratur zu den Utopien der Antike und der Neuzeit" (S. 9) aufzulisten versucht; auch Richard Saage betont in seinem Geleitwort, dass sich der Untersuchungszeitraum "von der Antike bis zur Gegenwart" (S. 5) erstreckt. Tatsächlich wird der Widerspruch an keiner Stelle erklärt oder aufgelöst. Nun kann man zu Recht fragen, ob man ernsthaft darüber Klage führen soll, dass der Inhalt eines Buches mehr bietet, als sein Titel verspricht. Etwas irritierend bleibt der genannte Umstand dennoch.

Fazit

Vor dem Hintergrund der Gesamtleistung bleiben die genannten Defizite aber verzeihlich, umso mehr als der Autor in seiner Vorbemerkung bereits einen Nachtragsband oder – alternativ – eine korrigierte und ergänzte Neuauflage angekündigt hat. Alles in allem präsentiert sich Heyers Bibliographisches Handbuch als ein ausgesprochen hilfreiches Handwerkszeug, mit dem die Grundlage künftiger Utopieforschung zweifellos auf ein neues und konsolidiertes Niveau gehoben wird.


Rezension von
Dr. rer. pol. Thomas Schölderle
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Zitiervorschlag
Thomas Schölderle. Rezension vom 01.12.2008 zu: Andreas Heyer: Sozialutopien der Neuzeit. Bibliographisches Handbuch. Band 1: Bibliographie der Forschungsliteratur. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2008. ISBN 978-3-8258-1253-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6462.php, Datum des Zugriffs 03.12.2021.


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