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Anne Müller-Ruckwitt: "Kompetenz". Bildungstheoretische Untersuchungen [...]

Cover Anne Müller-Ruckwitt: "Kompetenz". Bildungstheoretische Untersuchungen zu einem aktuellen Begriff. Ergon Verlag (Würzburg) 2008. 290 Seiten. ISBN 978-3-89913-615-9. 37,00 EUR.

Bibiotheca academica - Reihe Pädagogik - Band 6.
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Thema

Bildungspolitische Ereignisse wie die Bekanntmachung der PISA-Studie haben zu einem inflationären und vielfach unreflektierten Gebrauch des Kompetenzbegriffes geführt, da dieser weit dehnbar ist und zur Legitimation verschiedenster Maßnahmen und Auffassungen dessen, was heute zu lehren ist, dienen kann. Müller-Ruckwitt versucht den ursprünglichen Bedeutungsgehalt des Kompetenzbegriffes aufzuspüren, um diesen für bildungstheoretische Debatten fruchtbar zu machen.

Inhalt

  1. Der Kompetenzbegriff in den PISA-Studien. In einem textanalytischen Vorgehen versucht die Autorin, den Kompetenz-Begriff der PISA-Studie zu erfassen, muss dabei jedoch zu dem Schluss kommen, dass dieser dort keinesfalls hinreichend ausdifferenziert wurde. Gleichwohl ist die heutige Relevanz, die dem Kompetenz-Begriff beigemessen wird, nicht zuletzt auf PISA zurückzuführen.
  2. Der Kompetenzbegriff in bildungspolitischen Initiativen im Umfeld von PISA. In einer weiteren Analyse bildungspolitisch relevanter Dokumente, die "Kompetenz" als Kernbegriff ihrer zentralen Aussagen und Forderungen verwenden, kann Müller-Ruckwitt wiederum keine ausreichende Begriffsbestimmung nachweisen, auch wenn ihr die Verwendung im "Bildungsplan Baden-Württemberg" ansonsten wegweisend erscheint. Der Eindruck, dass der Kompetenzbegriff zwar vielfach an prominenter Stelle Verwendung findet, ohne jedoch ausreichend auf einen theoretischen Hintergrund rückgeführt zu werden, verdichtet sich insgesamt.
  3. Das Wort Kompetenz und seine semantischen Implikationen. Nun wagt sich die Autorin auf das wissenschaftliche Gebiet der Linguistik. Die Etymologie des Wortes wird nachvollzogen wie auch seine alltagssprachliche Verwendung näher betrachtet. Dabei wird deutlich, dass die in Hinblick auf ökonomische Interessen erfolgte Bedeutungsverkürzung und Instrumentalisierung sich keinesfalls aus den tatsächlichen Intentionen des Begriffs ergeben. Hierbei muss zwischen Kompetenz im Singular und Kompetenzen im Plural unterschieden werden. Während diese auf die Subjektautonomie rekurriert, scheinen jene deutlicher eine Affinität zur Instrumentalisierung für einseitige wirtschaftliche Interessen aufzuweisen. Im synoptischen Vergleich zeigt sich zudem eine nicht analoge Verwendung und Bestimmung des Begriffs im Französischen, Englischen und Spanischen in der PISA-Terminologie.
  4. Das Wort Kompetenz und seine begriffliche Verwendung außerhalb des pädagogisch-erziehungswissenschaftlichen Kontextes. Dieses Kapitel stellt interessante Bezüge zur Verwendung des Kompetenzbegriffs in der Biologie, bei Erich Fromm und in einer antibihavioristischen Argumentationslinie Robert W. Whites heraus. Bedeutung hatte der Kompetenzbegriff ebenso in der Motivationspsychologie, in Coping-Modellen und der Entwicklungspsychologie. Nicht zuletzt Chomsky und Habermas verwenden den Kompetenzbegriff in ihren linguistischen bzw. kommunikationstheoretischen Überlegungen, ohne sein Potential jedoch aus Sicht der Autorin ausreichend zu erfassen. Bei Baake findet sie eine weitere Begriffserweiterung, jedoch keine eigenständige Theoriebildung. Auch Kohlbergs Begriffsverwendung kann sie nicht überzeugen. Selbst einem eigens für den Zweck der theoretischen Grundlegung des Kompetenzbegriffs verfassten Text der OECD gelingt dieses Ziel nicht.
  5. Das Wort Kompetenz und seine begriffliche Verwendung im pädagogisch-erziehungswissenschaftlichen Kontext. Da offenbar auch Wissenschaftler wie Chomsky, Habermas und Kohlberg zu keiner vernünftigen Begriffsverwendung und Theoriebildung gelangen, überrascht es nicht, dass die Analyse explizit pädagogisch-erziehungswissenschaftlicher Texte trotz einer nachgewiesen längeren Verwendungsgeschichte innerhalb der Wissenschaft zunächst ähnliches ergibt. Zwar wird der Kompetenzbegriff dem der Qualifikation gegenübergestellt und im Sinne der Notwendigkeit einer Rückbesinnung auf das Subjekt und seine Bedürfnisse verwendet, jedoch bleibt eine fundierte Differenzierung aus. Das Verständnis von Kompetenz erweitert jedoch das bisher reduktionistische von "Schlüsselqualifikationen". Die Bedeutung eines Kompetenz-Willens und einer ethisch-moralischen-Ebene treten als weitere Konnotationen in der Pädagogik auf.
  6. Kompetenz – eine Bilanz aus bildungstheoretischer Perpektive. Hier werden die Ergebnisse der vorherigen Kapitel noch einmal zusammengefasst.
  7. Kompetenz – eine Chance für den Bildungsdiskurs. Hier wird noch mal der nach Ansicht der Autorin vorbildliche "Bildungsplan Baden-Württemberg" hervorgehoben. Dieser reserviere zwar für den Bildungsbegriff eine von Nützlichkeitserwägungen freigesagte Kategorie, mache ihn jedoch über den Kompetenzbegriff empirisch zugänglich. Unter Einbeziehung einiger der vorhergegangenen Untersuchungen versucht die Autorin zu explizieren, inwiefern es dem Kompetenzbegriff gelingen kann, wird dieser nicht reduktionistisch und zweckrational motiviert eingesetzt, zwischen Bildung und Qualifikation zu vermitteln. Solcherlei Omipotenz des Kompetenzbegriffes sieht Müller-Ruckwitt zwar nur im deutschen Sprachraum unmittelbar gegeben, das erkannte Defizit im internationalen Raum wird jedoch sogleich in ein Forschungsdesiderat transformiert.

Fazit

Das hochgesteckte Ziel mittels eines weiteren Begriffs zwischen Bildung und Qualifikation bzw. Ausbildung zu vermitteln kann angesichts der Tradition der Kontroverse nur ausgesprochen selbstbewusst wirken. Die Gefahr, hier einen faulen Kompromiss einzugehen wird deutlich, wenn der Gehalt des Bildungsbegriffs nicht mehr "als idealtypisches Phänomen auf dem Wege der Abgrenzung gegen Bedeutungsinhalt und –gehalt von Ausbildung oder Qualifikation" (S.258) gesehen wird, sondern explizit Wege für eine Anwendungsmöglichkeit gesucht werden. Die "Dialektik der Aufklärung" taucht im Literaturverzeichnis auf, scheint jedoch in ihrem Gehalt zumindest nicht mehr ernst genommen worden zu sein. Dies macht den Text, eine Dissertation, nicht uninteressant, schließlich kann man ihre Auffassung, die jedoch auch in einer Umbewertung des Bildungsbegriffs und vielleicht auch einer Überbewertung des Kompetenzbegriffes liegt, auch teilen. Das sichere Bewegen innerhalb verschiedener Wissenschaftsdisziplinen, vielfältige Bezüge und häufig für weitergehend Interessierte nützliche Fußnoten machen das Buch lesenswert. Ob auch die Conclusio in dieser Weise nachvollzogen wird, bleibt dem Leser überlassen.


Rezensentin
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 15.09.2008 zu: Anne Müller-Ruckwitt: "Kompetenz". Bildungstheoretische Untersuchungen zu einem aktuellen Begriff. Ergon Verlag (Würzburg) 2008. ISBN 978-3-89913-615-9. Bibiotheca academica - Reihe Pädagogik - Band 6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6463.php, Datum des Zugriffs 20.07.2019.


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