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Martina Schäufele, Sandra Lode u.a.: Demenzkranke in der stationären Altenhilfe

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 16.04.2009

Cover Martina Schäufele, Sandra Lode u.a.: Demenzkranke in der stationären Altenhilfe ISBN 978-3-17-019890-6

Martina Schäufele, Sandra Lode, Ingrid Hendlmeier, Leonore Köhler, Siegfried Weiyerer: Demenzkranke in der stationären Altenhilfe. Aktuelle Inanspruchnahme, Versorgungskonzepte und Trends am Beispiel Baden-Württembergs. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2008. 175 Seiten. ISBN 978-3-17-019890-6. 27,00 EUR.
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Thema

Demenzkranke Heimbewohner dominieren gegenwärtig die Einrichtungen der stationären Altenhilfe. Zwei Drittel und mehr der Bewohnerschaft leiden u. a. an gravierenden krankhaften kognitiven Fehl- und Minderleistungen. Strukturell und organisatorisch hingegen sind die Einrichtungen noch nicht ausreichend auf diese Personengruppe ausgerichtet, denn unterschiedliche, teils sich widersprechende Strategien der Versorgung Demenzkranker werden gegenwärtig in den Heimen praktiziert. Im Zentrum hierbei stehen der so genannte Integrationsansatz und das Homogenitätsmodell. In der integrativen Versorgung werden Demenzkranke mit kognitiv nicht beeinträchtigten Bewohnern in einem Wohnbereich gemeinsam versorgt, während hingegen beim Homogenitätsansatz ausschließlich Demenzkranke und oft auch in einem bestimmten Krankheitsstadium zusammen in einem Wohnbereich betreut werden. Damit mehr Wissen und mehr Fakten in diese Problematik als Grundlage für weitere Planungen bereitgestellt werden kann, hat das Sozialministerium Baden-Württemberg im Rahmen des Programms „Weiterentwicklung der Versorgungskonzepte für Demenzkranke in teil- und vollstationären Pflegeeinrichtungen“ das Projekt „Stationäre Versorgung Demenzkranker in Baden-Württemberg im Umbruch: neue und traditionelle Konzepte im Vergleich“ im Auftrag gegeben. Die Ergebnisse dieses Projektes bilden den Inhalt der vorliegenden Publikation.

Autorinnen und Autor

Die Autoren Dr. phil. Martina Schäufele, Sandra Lode, Ingrid Hendlmeier, Leonore Köhler und Prof. Dr. phil. Siegfried Weyerer sind am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Arbeitsgruppe Psychogeriatrie in Mannheim tätig.

Aufbau und Inhalt

Die Veröffentlichung besteht aus der Beschreibung und Darstellung der Ergebnisse einer mehrjährigen quantitativen Erhebung in Pflegeheimen in Baden-Württemberg, so dass der Aufbau der Arbeit in fünf Kapiteln gemäß den Gegebenheiten eines Untersuchungsberichtes strukturiert ist.

  1. In Kapitel 1 (Einleitung, Seite 11 – 17) werden u. a. Daten über die Anzahl der Heime, deren demenzkranker Bewohner und das Ausmaß deren Pflegebedürftigkeit angeführt. So werden bis zu 80 Prozent aller Demenzkranken im Laufe der Erkrankung in ein Pflegeheim eintreten. Des Weiteren werden epidemiologische Angaben über den Anstieg der Zahl der Demenzkranken in den nächsten Jahrzehnten gegeben.
  2. Kapitel 2 (Methodisches Vorgehen, Seite 18 – 25) enthält die wesentlichen Fakten über die Untersuchung hinsichtlich Zielgestaltung, Vorgehensweisen und Auswertung. So wurden in 58 Pflegeheimen in Baden-Württemberg ca. 5000 demenzkranke Bewohner an zwei Erhebungszeitpunkten in Abstand von 18 Monaten (Laufzeit Januar 2001 – Dezember 2003) untersucht. Die Erhebungsinstrumente bestanden aus einem Pflege- und Verhaltensassessment (PVA) für die Bewohner und einem Leitungsinterview für die Einrichtungen.
  3. In Kapitel 3 (Ergebnisse der Strukturdaten, Seite 26 – 98) sind die wesentlichen Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst: Daten über das Ausmaß der Mobilität und Bettlägerigkeit, die Urin- und Stuhlinkontinenz, die Belastung der Pflegenden bei demenzspezifischen Verhaltensauffälligkeiten wie Weglaufen, Unruhe und Aggressionen. Des Weiteren wurde der Zeitaufwand pflegerischer Handlungen bei diesen Symptomen und deren Häufigkeit erhoben. Und auch das Verhalten der Angehörigen im Heim, die Sozialkontakte der Bewohner untereinander und zum Personal wurde gemessen.
  4. Kapitel 4 (Ergebnisse zu besonderen Versorgungsformen, Seite 99 – 133) enthält die Erhebung der organisatorischen und institutionellen Rahmenbedingungen in den Untersuchungseinrichtungen, wobei u. a. folgende Faktoren erhoben wurden: Leitlinie für die Pflege Demenzkranker, regelmäßige Fallbesprechungen, Mahlzeitenmilieu, Tagesstrukturierung und Betreuungsangebote, Bezugspflege, Fortbildungsangebote und Aspekte der Möblierung.
  5. In Kapitel 5 (Zusammenfassung und Diskussion, Seite 134 – 163) werden die wesentlichen Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst und anhand des Standes der Forschung im Bereich der Versorgungsforschung interpretiert. Wichtige Ergebnisse u. a. sind: Von den 58 untersuchten Einrichtungen streben 34 Veränderungen in der Versorgungsform an; überwiegend wird hierbei die Einrichtung von speziellen Demenzwohnbereichen (25 Einrichtungen) geplant. Bei den demenzspezifischen Verhaltensweisen lagen an erster Stellen Lautäußerungen wie Fluchen, Beschimpfungen, wiederholte Fragen und Klagen (25,8 Prozent), es folgten Nahrungsverweigerung (18,8 Prozent), die Suche nach Zuwendung und Hilfe (16,5 Prozent) und deutliche Antriebsstörungen wie Apathie und Rückzugsverhalten (17,3 Prozent). Von Bedeutung ist auch das Ergebnis, dass ca. ein Drittel der Demenzkranken Probleme bei der Kooperation mit den Pflegenden bereiten, während es bei den nicht Demenzkranken bei weitem weniger sind (ca. ein Fünftel).

Fazit

Die vorliegende Veröffentlichung spiegelt die Lebenswelt der Demenzkranken in stationären Einrichtungen der Altenhilfe in Baden-Württemberg hinsichtlich der Pflege- und Betreuungsleistungen und der Verhaltensweisen der Betroffenen wider. Es zeigt sich, dass in den letzten Jahren bereits Veränderungen in der Binnenstrukturierung der Heime hinsichtlich der Demenzkranken vorgenommen wurden. Die Heime passen sich Schritt für Schritt an das Hauptklientel der Demenzkranken an. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse dieser Untersuchung, dass vieles sich noch im Werden und im Suchen bezüglich demenzspezifischer Milieu- und Pflegestrukturen angesichts der diversen und widersprüchlichen Konzepte befindet, denn es fehlen allgemeingültige Orientierungen und Richtlinien. Das Bedeutsame dieser Erhebung liegt u. a. darin, diesen nicht leichten Umwandlungsprozess in den Heimen empirisch solide und aussagekräftig erfasst zu haben. Daher kann diese Untersuchung allen Verantwortlichen in den Einrichtungen zur Lektüre empfohlen werden.

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 16.04.2009 zu: Martina Schäufele, Sandra Lode, Ingrid Hendlmeier, Leonore Köhler, Siegfried Weiyerer: Demenzkranke in der stationären Altenhilfe. Aktuelle Inanspruchnahme, Versorgungskonzepte und Trends am Beispiel Baden-Württembergs. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2008. ISBN 978-3-17-019890-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6468.php, Datum des Zugriffs 27.11.2022.


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