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Roman Preist: [...] Innenansichten einer Schizophrenie

Cover Roman Preist: Mein Leben in zwei Welten. Innenansichten einer Schizophrenie. Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2008. 239 Seiten. ISBN 978-3-423-24657-6. 14,90 EUR.
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Autor

Der Autor ist promovierter Naturwissenschaftler und arbeitet heute bei einem Pharmaunternehmen in Berlin. Bei dem Namen Roman Preist handelt es sich um ein Pseudonym.

Thema

Mittlerweile gibt es einige Bücher, in denen Betroffene von der Erfahrung mit der Erkrankung  "Schizophrenie" berichten. Schnell ist man geneigt, ein weiteres Buch mit diesem Inhalt zu ignorieren. Aber eine Schizophrenie ist so unterschiedlich, wie es die Menschen sind, die an ihr erkranken, deshalb ist die Vielfalt der Publikationen zu diesem Thema zu  begrüßen.

Inhalt

Roman Preist erzählt seine Lebensgeschichte vor dem Hintergrund seiner Erkrankung von der Kindheit bis in die Zeit hinein, in der er wieder Fuß fasst und in der sich sein Leben zunehmend stabilisiert. Er wächst in einem vordergründig bürgerlichen stabilen Umfeld auf. Erste Probleme entdeckt der Autor aber schon in seiner Kindheit. So ist er in der Grundschule eher ein Außenseiter. Innerfamiliäre Konflikte, denen er auch eine Beteiligung an der Entstehung seiner Erkrankung zuschreibt, belasten ihn in frühen Jahren. Die Zeit auf dem Gymnasium ist wechselhaft, aber der Autor schließt mit einem nicht schlechten Abitur die Oberstufe ab. Während der Schulzeit kommt es auch erstmals zur Verunsicherung des Autors in Bezug auf seine geschlechtliche Identität. Diese Thematik begleitet ihn sein weiteres Leben, ohne dass sich eine wirkliche Transsexualität herausstellt aber immer wieder präsent ist.

Als LeserIn begleiten wir den Autor während dessen Bundeswehrzeit, in der er bei den Fallschirmspringern ist. Anschließend nimmt Preist ein naturwissenschaftliches Studium auf, promoviert und beginnt eine wissenschaftliche Karriere an europäischen und US-amerikanischen Universitäten, in deren Verlauf er erstmals eine psychotische Krise erlebt. Nach dieser ersten Krise kommt es immer wieder zu Phasen der Stabilisierung und erneuten Zusammenbrüchen, die schließlich zur Aufgabe der wissenschaftlichen Karriere führen. Im Anschluss daran arbeitet der Autor als Berater für einen Klinikkonzern und eine längere Zeit als Pharmareferent. Ein erneuter Klinikaufenthalt wird vom Arbeitgeber noch akzeptiert, aber langfristig kann er diese Stelle auch nicht halten. Es werden Phasen der Verwahrlosung beschrieben, in denen Freunde helfen, wieder Halt und Struktur in das Leben von Preist zu bringen. Die autobiographische Beschreibung endet mit einer positiven Perspektive. Preist wird immer seltener Patient in einer psychiatrischen Klinik. Die psychotischen Gedanken sind aufgrund von Medikamenteinnahme und Verhaltenstherapie weitestgehend aus seinem Leben verschwunden.

Das Buch endet mit der Vorstellung verschiedener Entstehungstheorien der Schizophrenie bzw. der immer wieder ausbrechenden psychotischen Krisen. Neben dem etablierten Stress-Vulnerabilitätsmodell stellt der Autor auch seine aus eigener Erfahrung gewonnenen Ideen zur Ätiologie der Erkrankung Schizophrenie vor.

Zielgruppen

Das Buch "Mein Leben in zwei Welten. Innenansichten einer Schizophrenie" eignet sich für eine Vielzahl von Zielgruppen. Aufgrund der sehr detaillierten Beschreibungen – hier übertreibt der zweite Teil des Titels wirklich nicht – aus dem psychischen Innenleben des Autors während seiner psychotischen Phasen, ist dieses Buch meines Erachtens gut für Angehörige von Betroffenen geeignet. Diese stehen oft vor einem Rätsel, was das Erleben in einer Krise für den erkrankten Menschen bedeutet. Oft fühlen sich psychoseerfahrene Menschen nicht in der Lage, ihr inneres Erleben zu formulieren, sei es aus Scham, oder aufgrund der Schwierigkeit, das erlebte in Worte zu fassen. Das Buch von Preist gibt insofern einen Einblick, zu dem die Fachliteratur in der Regel nicht verhilft. Dieser Aspekt macht es auch für Personen interessant, die sich in der Ausbildung oder im Studium befinden und sich auf den psychiatrischen bzw. komplementären Bereich spezialisieren wollen, aber noch nicht die Gelegenheit hatten, psychoseerfahrene Menschen kennen zu lernen. Und selbstverständlich ist dieses Buch auch für jene geeignet, die sich einfach für das Thema interessieren, ohne einen persönlichen Bezug zu einem betroffenen Menschen zu haben.

Diskussion

Das Buch wird beworben mit "Another "Beautiful Mind"". Sicherlich wegen einiger biographischer Parallelen zwischen den Protagonisten.  Vom Film "A Beautiful Mind" unterscheidet sich "Mein Leben in zwei Welten" wohltuend, zeigt es doch die Hintergründe und eine Entwicklung der Erkrankung auf, die im oben genannten Film dramaturgischen Überlegungen zum Opfer gefallen sind. Vielmehr erinnert mich das Buch an den Film "Das weiße Rauschen" von Baumgartner. Als LeserIn wird man in jenen Passagen, die die psychotische Gedankenwelt schildern – wie im Film – mit in einen Strudel von Assoziationen, Wirklichkeitsdeutungen und Paranoia hineingerissen. Hier liegen m.E. auch die sprachlichen Höhepunkte des Textes.

Neben diesen stellenweise schonungslos offenen Schilderungen lässt sich das Buch von Preist aber auch – fast lehrbuchgleich – als eine individuelle Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Krankheit Schizophrenie lesen. Preist erzählt von ersten Konflikten, die kurz an das glücklicherweise wissenschaftlich überholte Bild der schizophrenogenen Mutter, mit ihrer "etwas dominanten und bestimmenden Persönlichkeit" (S. 84) erinnern. Ein zentraler Punkt ist auch ein nicht angesprochener Konflikt zwischen Vater und Sohn aufgrund heimlichen Zigarettenrauchens, der ungelöst bleibt. Gerade diese Passagen zur familiären Interaktion in der Kindheit und der Jugend sind sehr lesenswert, hier hätte man gerne noch mehr erfahren. Der Autor lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass die Probleme mit den Eltern in seiner Kindheit nicht der alleinige Grund für den Ausbruch seiner Erkrankung sind, sondern dass es sich um ein Bündel von Faktoren handelt, die in unterschiedlicher Ausprägung zum Tragen kommen.

Preist beschreibt und betont neben der z.T. ungesunden Kommunikation zwischen ihm und den Eltern auch sehr eindrücklich erste präpsychotische Symptome, die erkennen lassen, dass er sich mit der Fachliteratur zur Schizophrenie ausführlich auseinandergesetzt hat. Ohne den Begriff zu nennen, wird hier detailliert die Prodromalphase beschrieben, mit den einhergehenden Verunsicherungen aufgrund erster Missempfindungen, die der Autor zum damaligen Zeitpunkt noch nicht einordnen kann.

Interessant macht die Geschichte von Preist auch die Tatsache, dass er über lange Zeiträume neben seiner Erkrankung auch ein "normales" Leben führt, in denen er z.B. sehr anspruchsvolle berufliche Tätigkeiten ausübt. Hier wird für die LeserInnen offensichtlich, dass jemand nicht schizophren "ist", sondern dass die Krankheit ein Teil des Menschen ausmacht aber eben nicht alles. Zu dieser Sicht gehört aber auch die soziale Anerkennung der betroffenen Person. Dies wird in den Schilderungen von Preist deutlich. Deshalb kann er sich immer wieder aus den schlechten Phasen seines Lebens retten. Eben weil er auch Freund, Partner, Bruder und geschätzter Arbeitskollege bzw. Mitarbeiter ist und nicht ausschließlich der Mensch, der an seiner Erkrankung leidet.

Preist betont deshalb auch die Notwendigkeit des Betroffenen selbst, sich immer wieder an den eigenen Fähigkeiten zu orientieren und auf sie zu konzentrieren, statt die Defizite zur Richtschnur des Lebens werden zu lassen.

Im letzten Kapitel entwickelt der Autor eine Theorie der Entstehung der Schizophrenie bzw. psychotischer Phasen, deren wissenschaftlichen Gehalt ich mangels tiefergehender biologischer Fachkenntnisse nicht bewerten kann. Trotzdem bieten sich Elemente dieser Theorie und die abgebildeten Illustrationen zu Veranschaulichung einzelner Sachverhalte (z.B. die Problematik der Reizüberflutung, Aspekte der Angst) an.

Fazit

Das Buch "Mein Leben in zwei Welten. Innenansichten einer Schizophrenie" ist aus mehreren Gründen lesenswert. Für Personen, die über ihr Fachbuchwissen hinausgehend etwas mehr über die Innenwelt eines Menschen, der an einer schizophrenen Psychose leidet, erfahren möchten bietet das Buch einen sehr großen Fundus. Hierin gibt Preist einen tiefen Einblick, der mit textlichen Mitteln nicht besser zu ermöglichen ist.

Noch interessanter macht das Buch aus meiner Sicht aber ein weiterer Aspekt. Der Autor erzählt eine Recovery-Geschichte, die einerseits deutlich macht, wieviel im positiven Sinne möglich ist, aber auch nicht unterschlägt, dass der Weg aus der Erkrankung steinig ist und immer wieder Geduld und Zuversicht braucht. Am Ende steht aber dann sehr viel erfüllte Hoffung.

Insofern kann dieses Buch auch besonders für Betroffene und Angehörige bereichernd sein.


Rezensent
Ilja Ruhl
Soziologe M.A.

Homepage www.gemeindepsychiatrie-sozialpsychiatrie.de
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Zitiervorschlag
Ilja Ruhl. Rezension vom 19.11.2008 zu: Roman Preist: Mein Leben in zwei Welten. Innenansichten einer Schizophrenie. Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2008. ISBN 978-3-423-24657-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6469.php, Datum des Zugriffs 22.09.2018.


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