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Wolfgang Ilg: Evaluation von Freizeiten und Jugendreisen

Wolfgang Ilg: Evaluation von Freizeiten und Jugendreisen. Einführung und Ergebnisse zum bundesweiten Standard-Verfahren. edition aej (Hannover) 2008. 192 Seiten. ISBN 978-3-88862-088-1. 14,90 EUR.

Inkl. CD "Jugend und Europa".
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Thema

Jugendreisen und -freizeiten ermöglichen besondere Begegnungsmöglichkeiten für Jugendliche mit unterschiedlichen persönlichen Hintergründen und damit Gemeinschaftserfahrungen, die ein wöchentliches Treffen oder das Zusammensein im Jugendhaus deutlich an Dichte und Nachhaltigkeit übersteigen – so jedenfalls die pädagogische Theorie. Wie aber kann nachvollziehbar gemacht werden, ob und welche Auswirkungen Jugendreisen haben? Wie können sich die Veranstalter und Verantwortlichen von Jugendgruppenfahrten und –reisen der Daten versichern, die sie brauchen, um ihre Reisen künftig im Sinne gegebener pädagogischer Ziele angemessener und zielgruppengerecht nachhaltig zu gestalten?

Wolfgang Ilg, Autor der vorliegenden Veröffentlichung, meint, dass derjenige, der Evaluationsmethoden einsetze, rasch feststellen werde, wie emotional besetzt das Thema sei: "Während die Einen vor lauter Qualitätsmanagement am liebsten ganz auf den Kontakt mit real existierenden Jugendlichen verzichten würden, reagieren andere fast allergisch auf das Reizwort »Evaluation«." Sorge vor Kontrolle, Normierung bzw. der Einführung (Zuwendungen durchaus bedrohender) Standards führten in der Jugendarbeit auch "zur reflexartigen Abwehr aller Quantifizierungsversuche von sozialen Prozessen" (Wolfgang Ilg: Jugendreisen auswerten; in: Lindner, W. [Hg.], Kinder- und Jugendarbeit wirkt, Wiesbaden 2008, S. 260 – 277, hier S. 263; siehe hierzu die Rezension).

Autor

Wolfgang Ilg, Pfarrer und Dipl.-Psychologie, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Tübingen. Zum Thema und den ihm eigenen "Randbereichen" hat er sich wiederholt geäußert (vgl. z. B. Ilg, W., Krebs, R., und Weingardt, M.: Jugendgruppenarbeit – Auslaufmodell oder Zukunft der außerschulischen Jugendbildung? Ergebnisse aus empirischen Studien; in: deutsche jugend 4/2007, S. 155 – 161; Ilg, W.: Freizeiten auswerten – Perspektiven gewinnen. Grundlagen, Ergebnisse und Anleitung zur Evaluation von Jugendreisen im Evangelischen Jugendwerk in Württemberg. 2. Aufl. Bremen 2005; ders.: Freizeitenevaluation; in: deutsche jugend 3/2008, S. 101 - 106).

Entstehungshintergrund

Das Projekt Freizeitenevaluation siedelt sich im Umfeld des "Forscher-Praktiker-Dialogs zur internationalen Jugendarbeit" an (www.forscher-praktiker-dialog.de). In dessen Diskussionskontexten wurde der Ruf nach einem professionell ausgearbeiteten Evaluationssystem zunehmend lauter. Lange Zeit war eine systematische Auswertung bzw. Evaluation nicht notwendig erscheinen. Erst in den 1990er Jahren (auch unter den technokratischen Zwängen des Neue-Steuerungs-Hypes) entwickelten sich zunehmend differenzierte Sichtweisen, dass methodisch abgesicherte Rückmeldungen der Teilnehmer/innen von Ferienfreizeiten und internationalen Jugendbegegnungen bzw. –austauschprogrammen sinnvoll sein könnten, um den Grad der Zielerreichen festzustellen und künftige Angebote zu optimieren. Zu einem einheitlichen Vorgehen der Träger solcher Maßnahmen freilich kam es nicht; folglich war die Ernüchterung groß, wenn es um die Vergleichbarkeit und Einordnung vieler lokal und damit isoliert konzipierter erster Evaluationsvorhaben ging. Andreas Thimmel spricht in diesem Zusammenhang davon, dass ein "Defizit an empirischer Forschung wie auch konzeptioneller und theoretisch-systematischer Überlegungen zur Jugendreiseforschung zu konstatieren" sei: Es sei bislang "nur unzureichend gelungen, Wissen der Praxis und Wissen über die Praxis in den wissenschaftlichen Diskurs einzuspeisen" (S. 103f).

Auch dieser Befund führte Mitte 2004 zu einem Workshop, bei dem sich Träger und Wissenschaftler über Möglichkeiten und Bedarfslagen austauschten. Aus der Diskussion entwickelte sich auch das vorliegende Projekte Freizeitenevaluation: Grundlagenstudien im Jahr 2005 sollten zu standardisierten Fragebögen und einem allgemeinverständlichen Auswertungsverfahren führen. In diesem bundesweiten Evaluationsprojekt schlossen sich Verbandsvertreter, Praktiker und Wissenschaftler zum "Kreuznacher Beirat" zusammen. In einem zweiten Projekt zur Evaluation internationaler Jugendbegegnungen kooperierten das Deutsch-Französische und das Deutsch-Polnische Jugendwerk sowie die Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung. Die vorliegende Veröffentlichung schließt an den ersten Diskussionsfaden an und bilanziert das dabei entwickelte bundesweite Standardverfahren (weitere Hinweise, auch zu 2009 geplanten Vorhaben, unter www.freizeitenevaluation.de).

Anknüpfungspunkte bot dabei ein Evaluationssystem ("Freizeitenevaluation"), das das Evangelische Jugendwerk in Württemberg 2001 in Zusammenarbeit mit der Universität Tübingen (auch unter Aufnahme der Evaluationsmethodik von RUF-Jugendreisen) entwickelt und erfolgreich bei über 1300 Teilnehmern und 300 Mitarbeitern von Jugendfreizeiten getestet hat (vgl. Ilg, W.: Evaluation von Jugendfreizeiten, in: deutsche jugend 9/2002, S. 380 – 387).

Inhalt

Die vorliegende Veröffentlichung ist dreigegliedert:

  1. In dem vorliegenden Band werden im ersten Teil die Ergebnisse der Grundlagenstudie aus dem Sommer 2005 veröffentlicht, die als Referenzrahmen für eigene Evaluationen wichtige Hintergrundinformationen und Interpretationsansätze bereit stellen. Zunächst lässt es Mike Corsa, der Generalsekretär der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V. (aej), in einem kurzen Vorwort (S. 7f) nicht nehmen, die Befragungsmethodik der Freizeitenevaluation als "systematischere Form" zu bezeichnen, "Wissen über die Wirkung von Freizeitmaßnahmen zu erhalten. Jugendliche bewerten, was gut und was verbesserungswürdig ist, und bestimmen so die zu künftige Ausgestaltung der Freizeiten mit". Er verweist darauf, dass jede/r zweite Teilnehmer/in einer Freizeit an deren Ende festzustellen, sie habe dazu beigetragen, dass er/sie Menschen, die "ganz anders sind als ich", besser annehmen könne. Die Untersuchung dokumentiere, dass es sich um nachweisbar um "ein mögliches, realisierbares Ziel" handele; durch Freizeiten zu ermöglichen, Jugendliche unterschiedlicher sozialer Herkunft, anderen Glaubens und aus verschiedenen Bildungssystemen zusammen zu bringen, damit sie einander besser kennen lernen. Anschließend führt Günter Kistner (Leiter des Jugendreferates des Kirchenkreises "An Nahe und Glan" der Evangelischen Kirche im Rheinland) in seiner Funktion als Sprecher des Kreuznacher Beirats zur bundesweiten Freizeitenevaluation in das Vorhaben ein und erläutert die Grundsätze der Freizeitenevaluation (S. 9 - 14). In weiteren Kapiteln erläutert Wolfgang Ilgmethodische Aspekte und die Ergebnisse der Untersuchung (S. 15 – 102). Die Daten belegen, dass (jedenfalls in kirchlichen Programmen realisierte) Jugendreisen und Jugendgruppenfreizeiten Kindern und Jugendlichen neue Perspektiven eröffnen und sich als ein unverzichtbarer Bestandteil der Kinder- und Jugendarbeit erweisen. Dr. Andreas Thimmel (Professor am Institut für Kindheit, Jugend, Familie und Erwachsene der FH Köln) ordnet die Daten in die Diskussion der Jugendreisepädagogik ein (vgl. auch Friesenhahn, G. J., und Thimmel, A. [Hg.]: Schlüsseltexte. Engagement und Kompetenz in der internationalen Jugendarbeit, Schwalbach 2004; vgl. hierzu die Rezension LINK setzen http://www.socialnet.de/rezensionen/2115.php).
  2. Im zweiten Teil wird durch Ilg das Verfahren für die eigene Freizeitenevaluation vorgestellt (S. 119 – 161), während sich Jan Koch (Leiter des Projektes "die verreiser" der Kindervereinigung Chemnitz e. V.) als Praktiker kurz zu den Chancen und Grenzen einer evaluationsgestützten Weiterentwicklung der Freizeitenarbeit äußert (S. 163 – 166). Ein Tabellenanhang, der Abdruck der Standardfragebögen sowie ein Literaturverzeichnis mit den wesentlichen Publikationen zum Thema machen diesen zweiten Teil "rund". Interessant dürfte auch sein, dass im Item-Pool (S. 139 – 161) relevante Items sowohl zur Freizeiten-Evaluation (z. B. für Fahrten ins fremdsprachige Ausland) wie auch zu anderen Bereich (z. B. Items für den Bereich der Politischen Bildung) enthalten sind.
  3. Vervollständigt wird die Publikation durch eine CD, von der alle Evaluationsmaterialien wie die teilstandardisierten Fragebögen heruntergeladen werden können. Auch das von der Bundeszentrale für politische Bildung zur Verfügung gestellte statistische Auswertungsprogramm "GrafStat" (Version 5/2008, viersprachig www.bpb.de/methodik) ist auf der CD enthalten enthält. Bei "GrafStat" handelt es sich um Software für einfache sozialwissenschaftliche Umfragen, ursprünglich konzipiert für Jugendliche, um selbst erste empirische Untersuchungen durchführen zu können; üblicherweise kommen auch ungeübte Nutzer/innen mit diesem Statistiktool zurecht.

Zielgruppen

In erster Linie ist der vorliegende Band ein wichtiges Hilfsmittel für die Veranstalter und pädagogischen Praktiker/innen, die den subjektiven Ertrag ihrer Jugendfreizeiten, Jugendreisen und internationalen Begegnungen überprüfen und künftige Angebote im Blick auf die damit verbundenen pädagogischen Zielen und den Zielerreichungsgrad optimieren wollen. Die Fokussierung auf Freizeiten, die in kirchlichen Zusammenhängen durchgeführt wurden, erweist sich keineswegs als Hindernis. Damit dürfte der Veröffentlichung ein hoffentlich breites Publikum sicher sein. In zweiter Linie kann sich der Band für die Forcierung des Praxis-Theorie-Praxis-Dialogs zwischen Wissenschaft und Fachpraxis als hilfreich erweisen.

Fazit

Mit diesem Buch können Veranstalter ihre Freizeiten auf der Grundlage der Bundesweiten Freizeitenevaluation selbständig auswerten. Die Evaluationsmethodik wird verständlich dargestellt, die Ergebnisse sorgfältig präsentiert. Buch und CD ergeben zusammen ein wirklich brauchbares Evaluationspaket für die eigene quantitative Auswertung. Es kann daher Andreas Thimmel zugestimmt werden, dass mit der Veröffentlichung der Untersuchungsresultate der Grundlagenstudie einerseits eine wichtige Informationslücke geschlossen und zugleich andererseits ein Zukunftskonzept "anvisiert (wird), bei dessen Verwirklichung weitere Schritte in Richtung einer wissensbasierten Diskussion über Jugendreisen und Ferienfreizeiten vollzogen werden" (S. 103).

Thimmel macht aber auch auf einen Mangel aufmerksam, den Wolfgang Ilg mit seiner Veröffentlichung so nicht schließen kann (und auch nicht schließen will): Weiterhin fehlen qualitative Untersuchungen zu Jugendfreizeiten und –reisen, insbesondere auch solche, die unabhängig von dem hier gewählten Zugang zu kirchen Angeboten sind, etwa in kommunaler Trägerschaft. Der Fachdiskurs braucht einerseits dichte Beschreibungen (Clifford Geertz) "über das, was in den verschiedenen Formaten des Jugendreisens tatsächlich abläuft, und Studien die sich um die subjektive Perspektive der Jugendlichen bemühen"; und es fehlt ihm andererseits "Expertenwissen über die Organisation von Jugendreisen oder die Relevanz dieses Formats im Hinblick auf informelle Lernprozesse" (S. 104f).


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 31.01.2009 zu: Wolfgang Ilg: Evaluation von Freizeiten und Jugendreisen. Einführung und Ergebnisse zum bundesweiten Standard-Verfahren. edition aej (Hannover) 2008. ISBN 978-3-88862-088-1. Inkl. CD "Jugend und Europa". In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6473.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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