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Rolf-Jürgen Korte, Hartwig Drude: Führen von Sozialleistungsunternehmen

Cover Rolf-Jürgen Korte, Hartwig Drude: Führen von Sozialleistungsunternehmen. Konfessionelle Sozialarbeit und unternehmerisches Handeln im Einklang. Duncker & Humblot GmbH (Berlin) 2008. 293 Seiten. ISBN 978-3-428-12712-2. 48,00 EUR, CH: 82,50 sFr.
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Thema

Der Untertitel skizziert bereits eine zentrale Perspektive der Autoren: der Umgang mit dem Spannungsfeld zwischen der Werteorientierung vieler (insbesondere der konfessionellen) Einrichtungen der Sozialen Arbeit einerseits und den immer deutlicher zutage tretenden Managementanforderungen andererseits. Damit wird ein Thema aufgenommen, dem sich viele werteorientierte Sozialleistungsbetriebe ausgesetzt sehen und an dessen Bearbeitung viele Einrichtungen zu scheitern drohen: die Frage, ob und in welcher Weise der normative Gehalt, die normative Tradition der Einrichtung – über die Proklamation inhaltsleerer, eher an Feiertagen oder Jubiläen beschworenen "Leitbildern" hinaus – in den alltäglichen Betriebsabläufen der Einrichtung zum Tragen gebracht werden kann. Ein wichtiger Aspekt zur Beurteilung des Buches ist also, ob die im Geleitwort angekündigte "christliche Unternehmenslehre" (S. 9) tatsächlich herausgearbeitet wird. Insgesamt kann das Anliegen – trotz einiger Kritik im Detail – als gelungen betrachtet werden. Die beiden Autoren – ein Wirtschaftswissenschaftler und ein Theologe mit langjähriger Leitungserfahrung in einer großen Diakonischen Einrichtung in Niedersachsen – haben es geschafft, die ethischen (theologisch begründeten) Grundlagen konfessioneller Einrichtungen in den Kapiteln zur betrieblichen Steuerung immer wieder aufzunehmen und damit die im Untertitel des Buches formulierte integrative Perspektive zur Geltung zu bringen. in der Lektüre des Buches wird erkennbar, wie sich christliche Ethik in unternehmerischen Kalkülen und Entscheidungen sowie in der Gestaltung des betrieblichen Alltags niederschlagen kann.

Aufbau und Inhalt

Die Autoren gliedern ihre Ausführungen in drei Teile:

  1. In einem ersten Teil werden "begriffliche und ethische Grundlagen" bearbeitet. Im Mittelpunkt stehen theologische Begründungen zur christlichen Ethik in Sozialleistungsunternehmen. Das "Gottesbild der Bibel" wird im Hinblick auf den "christlichen Sozialleistungsgedanken" (S. 26) interpretiert. Dabei kommen die Autoren zu theologisch begründeten Normen für die Soziale Arbeit, die aber ansonsten durchaus Ähnlichkeit aufweisen zu ethischen Anforderungen, die in einer sozialphilosophischen "Fach-Ethik" der Sozialen Arbeit entwickelt worden sind, was jedoch von den Autoren nicht zur Kenntnis genommen worden ist. Aus ihren theologischen Erörterungen entwickeln die Autoren  Schlussfolgerungen zum "Führen auf theologisch-ethischer Grundlage" (S. 61 ff.).
  2. Im zweiten Teil des Buches, der zwei Drittel des Buchumfangs einnimmt, geht es unter der Überschrift "Lösungsansätze in der Praxis" um betriebliche Regelungsbereiche, die für ein "Führen von Sozialleistungsunternehmen" relevant sind und in denen sich die theologisch-ethischen Grundlagen konkretisieren müssen. Dabei stehen drei betriebliche Steuerungsbereiche im Mittelpunkt: personenbezogene Steuerung ("Mitarbeiterführung und Personalmanagement"), außengerichtete Steuerungsmodalitäten ("Marketing" und (im engeren Sinne) betriebswirtschaftliche Steuerungsformen ("Controlling"). Es werden betriebswirtschaftliche Steuerungsanforderungen in den genannten drei Bereichen beschrieben, wobei jeweils versucht wird, die Relevanz der ethischen Anforderungen zu markieren. Dies ist – entsprechend den sachlichen Steuerungsgehalten – unterschiedlich intensiv: Die ethischen Anforderungen lassen sich z.B. im bereich "Personalführung" weitaus besser konkretisieren als beim Controlling. Doch insgesamt ist das Bemühen der Autoren zu konstatieren, die betriebliche Steuerung in ihren ethischen Maximen deutlich werden zu lassen.
  3. Der abschließende dritte Teil des Buches beschäftigt sich unter der Überschrift "Chancen und Risiken konfessioneller Sozialleistungsunternehmen in der Zukunft" zum einen – angesichts der sichtbaren Umstrukturierungen in der freien Wohlfahrtspflege – bezeichnenderweise mit Erwägungen zu "Rechts- und Kooperationsformen" (wobei mit "Kooperationsformen" vor allem Überlegungen zu Unternehmenszusammenschlüssen gemeint sind) und zum anderen mit unterschiedlichen, relativ unsystematisch als "Zukunftsperspektiven" bezeichneten Punkten, die die Autoren offensichtlich in ihrem Leitungsalltag als problematisch empfunden haben (mangelnde "Kundenorientierung" im Handeln der Akteure, Probleme im Umgang mit Mitarbeitern etc.); hier wird dann auch nicht sozialwissenschaftlich argumentiert, sondern es werden ("erfahrungsnah") normative Anforderungen an Leitungspersonen in konfessionellen Sozialleistungsunternehmen formuliert.

Diskussion

Eine Stärke des Buches liegt in der bereits genannten Verknüpfung zwischen theologisch begründeten ethischen Anforderungen und Prinzipien mit den betrieblichen Steuerungsmodalitäten. Auch werden die betrieblichen Steuerungsanforderungen im Grundsatz plausibel herausgearbeitet und im Sinne einer "Unternehmenslehre" für Einrichtungen der Sozialen Arbeit verdeutlicht.

Die Schwächen des Buches liegen demgegenüber in drei Aspekten:

  1. Die Autoren nehmen die mittlerweile differenzierter gewordenen Ausarbeitungen und Diskussionsbeiträge zum "Sozialmanagement" so gut wie gar nicht zur Kenntnis. Daraus ergeben sich  zum einen Schwierigkeiten in der Begriffsverwendung: so etwa, wenn ein aus theologischen Erwägungen abgeleitetes Begriffsverständnis von "Hierarchie" (verstanden als ethisch unzulässige Unterordnung eines Menschen unter ein anderen Menschen) verwendet wird und demgegenüber der mit diesem Begriff ansonsten üblicherweise verbundene (organisations-)soziologische Kontext umgangen wird, ohne dass diese Differenz jedoch thematisiert wird, sodass man beim Plädoyer der Autoren für eine "hierarchiefreie" Führung doch in Erstaunen gerät. Ebenso erscheinen angesichts der differenzierten Erwägungen zum Kundenbegriff im Sozialmanagement die sehr vereinfachenden Plädoyers der Autoren für den "Kunden" in der Sozialen Arbeit (mitsamt einer sehr vereinfachenden "kundenorientierten Qualitätsdefinition" S. 86) zu sehr komplexitätsreduzierend. Zum anderen wären eine Beachtung sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse zur Organisationsgestaltung (z.B. im Hinblick auf die Beeinflussbarkeit von "Unternehmenskultur") oder etwa eine stärkere Beachtung der Debatten zum Qualitätsmanagement in der Sozialen Arbeit (unzulässig vereinfachend die Ausführungen zum "Fachcontrolling" S. 205 f.) nützlich gewesen.
  2. In einigen Passagen wirken die Auswirkungen der Autoren stärker durch ihre Alltagserfahrungen und Alltagsprobleme inspiriert als durch das Bemühen um eine sachliche Darstellungslogik. So hätte man sich z.B. im letzten Kapitel ("Zukunft …") stärker sozialwissenschaftlich inspirierte Erwägungen wünschen können. Ein anderes Beispiel: Ein Abschnitt zu "Controlling und Supervision" hat wohl eher einen Hintergrund in Auseinandersetzungen der Autoren mit Mitarbeitern in "ihrer" Einrichtung; sachlich ist der Abschnitt völlig missraten, weil sie hier ein völlig verfehltes Verständnis von "Supervision" an den Tag legen – um es deutlich zu sagen: Sie wissen offenkundig nicht, was "Supervision ist und wovon sie reden.
  3. In formaler Hinsicht ist die von den Autoren gewählte Gliederungsform unübersichtlich und in Teilen nicht plausibel. Bei der Gliederung in fünf Ebenen ("Teil – Abschnitt – römische Ziffer – arabische Ziffern – Buchstaben") weiß der Leser bisweilen nicht, in welchem inhaltlichen Gliederungsgang er sich befindet. Ferner ist nicht plausibel, warum z.B. Fragen der Gemeinnützigkeit oder der "Unternehmensverfassung" im Abschnitt zu "Mitarbeiterführung und Personalmanagement" behandelt werden.

Fazit

Eine interessante Veröffentlichung – vor allem im Hinblick auf die Verbindung von konfessioneller Ethik und betriebswirtschaftlichem Handeln. Leider bleiben die Ausführungen ohne Verknüpfung mit dem Diskussions- und Wissensstand, der unter dem Etikett "Sozialmanagement" entwickelt wurde. Ein Einbezug solcher Elemente und entsprechender sozialwissenschaftlicher Aspekte wäre wünschenswert gewesen.


Rezension von
Prof. Dr. Joachim Merchel
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Zitiervorschlag
Joachim Merchel. Rezension vom 30.10.2008 zu: Rolf-Jürgen Korte, Hartwig Drude: Führen von Sozialleistungsunternehmen. Konfessionelle Sozialarbeit und unternehmerisches Handeln im Einklang. Duncker & Humblot GmbH (Berlin) 2008. ISBN 978-3-428-12712-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6479.php, Datum des Zugriffs 22.09.2020.


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