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Horst Mauer, Norbert R. Müllert: Moderationsfibel Soziale Kreativitätsmethoden von A bis Z

Rezensiert von Prof. Dr. Uwe Rabe, 12.07.2008

Cover Horst Mauer, Norbert R. Müllert: Moderationsfibel Soziale Kreativitätsmethoden von A bis Z ISBN 978-3-930830-91-6

Horst Mauer, Norbert R. Müllert: Moderationsfibel Soziale Kreativitätsmethoden von A bis Z. Nachschlagen - verstehen – einsetzen. Das Praxisbuch zu Problemlösungsverfahren mit Gruppen. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2007. 136 Seiten. ISBN 978-3-930830-91-6. 19,00 EUR.

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Hintergrund und Thema

Spätestens seit der "Ästhetischen Erziehung" des Menschen wissen wir, dass der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er spielt. Aber während für Schiller das Spiel bitterer Ernst war, sehen wir Heutigen eher das Leichte, das Spielerische. Darauf wollen wir bauen, wenn wir in vertrackten Situationen ganz Mensch sein wollen und im Probehandeln unsere Probleme anpacken,  die das Leben oder der Beruf verursachen - entweder uns allein oder uns als Teil einer Gruppe, eines Teams, einer Abteilung.

Weil in der Erwachsenenwelt der Begriff Spiel den Hautgoût des Kindischen hat, benutzen wir in den entsprechenden Workshops neben dem Ausdruck des Probehandelns auch gern einmal den Begriff der Methode oder des Settings, des Tools oder des Szenarios. Gemeint ist eigentlich immer das Gleiche: Es geht um die metaphorische Überformung und Darstellung eines Problems, an das man im Wirklichen nicht reicht und das man stellvertretend in einer Inszenierung darstellt und – wenn alle mitspielen – auch löst. Die Kunst dabei ist die Regie. Man muss jemand haben, der auswählt, anleitet und den Gesamtprozess moderiert. Und der wiederum braucht das Wissen um die Spielmöglichkeiten und die Spielregeln.

An dieser Stelle setzen ganze Serien von Handreichungen, Vademecen, Methodensammlungen oder einfach nur Spielebücher an, die sich in erster Linie an Moderatorinnen und Moderatoren von Workshops; Gruppenprozessen, in Coachingszenarien oder in Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen wenden – an Leute also, die gestandene Erwachsenenbildner und Coaches sind, die Gruppenprozesse in unterschiedlichsten Kontexten und mit verschiedenen Kunden- oder Klientengruppen anleiten können und die sich  nur bei ihrer Methodenwahl  noch vervollkommnen wollen. Und in diese Serie der Handreichungen will sich der vorliegende Band einreihen.

Entstehungshintergrund

Weil das Buch  aber – wie viele andere Bücher - eine eigene Geschichte hat, empfiehlt sich eine Betrachtung derselben. Das Buch mit dem Monstertitel ist das vorerst letzte einer lockeren Folge von drei so genannten  "Moderationsfibeln", die unter der Co-Regie Norbert R. Müllerts entstanden sind. Der Urahn der Fibeln war damals die Bibel der Zukunftswerkstättler (Jungk/Müllert; Zukunftswerkstätten – zuerst 1970), die Müllert dann in Zusammenarbeit mit Beate Kuhnt in einer Moderationsfibel Zukunftswerkstätten (1990) konkretisiert hat (die lange ersehnte notwendige Überarbeitung erfolgte 2006, vgl. dazu die Rezension).

Autoren

Müllert als  Zukunftswerkstättler der ersten Stunde und als der Garant für den langfristigen Erfolg dieser speziellen Moderationsform braucht eigentlich nicht vorgestellt werden. Man weiß, dass er – wie oben in der Geschichte des Buches angesprochen - mit Robert Jungk zusammen die Moderations- und Glaubensform "Zukunftswerkstatt" entwickelt hatte und - zusammen mit seiner späteren Koautorin Beate Kuhnt in einer "Moderationsfibel Zukunftswerkstätten"  auf den heutigen Stand gebracht. Daher verrät der Obertitel des hier zur Rezension anstehenden Buches, dass es sich als Folgearbeit des damaligen Projektes versteht.

Müllert arbeitet seit Jahren in einem eigenen Werkstattatelier ebenso wie als externer Coach und Weiterbildner. Er ist ganz Moderator und arbeitet ausschließlich im Team, auch wenn er schreibt. Hier ist sein "Co" der Inhaber des "ecce- Visionslabors", Horst Mauer, der bislang eher in der Werkstattszene reüssiert hat und als Buchautor noch nicht in Erscheinung getreten ist. Mauer ist ebenfalls ein erfahrener Erwachsenenbildner und Großgruppenmoderator.

Beide haben wahrscheinlich häufig erlebt, dass in bestimmten Phasen des Gruppenprozesses  die Methodik am Ende ist, dass man Auflockerung braucht und möglicherweise den "anderen" Zugang auf das Problem oder auf die Aufgabe, den spielerischen, den unkonventionellen, den kreativen. Gut, wenn man dann die Inhalte eines solchen "Spielebuches" parat hat.

Aufbau und Überblick

Der Inhalt scheint im Buchtitel bündig umrissen: Methoden von A bis Z. Damit ist auch angezeigt, warum es keinen eigentlichen Aufbau gibt; es ist ein Methoden-"Lexikon" zu erwarten. Dieses versammelt 43 "Kreativitätsmethoden", von denen ein gutes Drittel nach Beteuern der Autoren erstveröffentlicht sind. Tatsächlich fallen einem im Abgleich mit den in den vielen anderen Sammlungen veröffentlichten Methoden immer wieder die gleichen auf und andere nicht. In so weit ist diese Handreichung die etwas andere Sammlung und deswegen  auch  schon ein Gewinn, weil sie sich – gespeist durch die märchenhafte Erfahrung der Autoren -  von dem Methodenrecycling der Konkurrenz unterscheidet. Also: einen großen Teil der hier versammelten Methoden wird man schwerlich woanders finden

Der Band liefert nach einer „Einstimmung“ vier Hauptabschnitte

  1. "Soziale Kreativitätsmethoden nutzen",
  2. "Soziale Kreativitätsmethoden  von A bis Z",
  3. "Zur Sozialen Kreativitätsarbeit",
  4. "Hauptelemente des Moderierens"

Am Ende gibt es Hintergrundliteratur und Hinweise zu den Autoren. Die Hinweise haben wir schon abgearbeitet; also der Reihe nach.

Zum Titel

Beginnen wir mit dem Titel. Der Titel ist – gelinde gesagt – seltsam sperrig. Ich will mich nicht über den monströsen Nichtsatzbau aufregen, der an den hungrigen Jungen erinnert, der am Ende der Cafeteriatheke alles auf seinem Tablett hat worauf er Hunger hat.  Wohl aber will ich zumindest eine Anmerkung machen zu den "Sozialen Kreativitätsmethoden". Mich stört die Bezeichnung einer Methode als "sozial" und ich weiß auch nicht, wann eine Methode kreativ ist: "Moderationsfibel Soziale Kreativitätsmethoden von A bis Z". Dann ist der Titel noch lange nicht am Ende. Es geht weiter mit: "nachschlagen – verstehen – einsetzen. Das Praxisbuch zu Problemlösungsverfahren mit Gruppen". Spätestens hier ist mir unklar geworden, was mich erwartet. Und das wird zu einem falschen Eindruck führen können, aber der kann sich erst nach Ende der Lektüre eingestellt haben. Vorher die Chronologie der ersten Eindrücke.

0. Die Einstimmung

Die Autoren beschreiben eine typische Seminarsituation: Nichts geht, Alles stockt. Eine Teilnehmerin hat eine Idee: Ein Spiel, das die kreativen Fähigkeiten der Teilnehmenden fordert, das die sozialen Fähigkeiten anspricht. Und Alles wird gut. Beschrieben wird die Geburtsstunde des vorliegenden Buches. Klar ist hier, dass die Adressatinnen und Adressaten die gestandenen Moderatorinnen und Moderatoren sind, die mit konkreten Fragen an ein solches Buch herangehen und die keine Einführung brauchen. Sie brauchen Methodisches: Ein Ideenreservoir.

1. Soziale Kreativitätsmethoden nutzen

Es folgt eine Beschreibung des Aufbaus des Methodenteils: Die Bedienungsanleitung des Lexikons. Das Spielerische soll im Vordergrund stehen, es soll keine Hierarchie der Methoden geben, und es soll keine Methodenvorauswahl stattfinden. Alles soll vergleichbar sein und auf die Praxis bezogen. Das leuchtet ein und passiert kurz und knapp.In diesem Abschnitt taucht der Begriff "Kreativitätszusammenkünfte" auf, der noch nicht erläutert wird, und außerdem empfehlen die Autoren eine bestimmte Gruppengröße: Etwa zehn Personen. Sie haben sehr genaue Vorstellungen, von dem was sie beschreiben, ohne es bislang genau so genau zu sagen.

2. Soziale Kreativitätsmethoden von A bis Z

Es folgt der Hauptteil, der Glossar. Er ist modelliert. Auf jeweils zwei gegenüberliegenden Seiten wird eine Methode in einer vierspaltigen Tabelle vorgestellt: Schrittweise Vorgehen – Allgemeine Beschreibung – Beispielhafte Anwendung – Das Ganze ist mit Wasserzeichen graphisch unterlegt. Die Ordnung erfolgt natürlich alphabetisch, die Bezeichnung der Methoden erfolgt nach unterschiedlichen Mustern: Entweder durch ein beschreibendes Substantiv ("Schreibmeditation") oder durch eine Adjektiv-Substantivkombination ("Visuelle Synektik"). Die Begriffe sind mal treffend-typisch und mal gesucht – eine Folge des „Von A bis Z“, wenn jeder Buchstabe vorkommen muss: Dreiundvierzig Methoden mit „K“ gehen nicht. Gut wäre gewesen, wenn die in der Literatur vorkommenden anderen Namen dieser Methoden irgendwo vermerkt worden wären, ebenso wie die Kennzeichnung der „Neuen“ Methoden. Gut ist das Lesezeichen, das die Bausteine mit Seitenangabe nennt, so dass man sie fix wieder findet.Die Wasserzeichen wirken aufgesetzt und  verwirren mich, denn ich begreife deren Ikonographie nicht; außerdem erschweren sie mir das Lesen. Der Aufbau hilft nur den Erfahrenen, was aber kein Schade ist, denn diese Erfahrenen hatten wir als die  eigentlich Angesprochenen erkannt, als die Zielgruppe des Bandes. Diese Erfahrenen finden aber Stereotype in den Beschreibungen. Das "schrittweise Vorgehen" beschreibt immer gleich die ersten beiden Schritte ("Vorgehen umreißen", "Problem visualisieren") und liefert auch sonst keine wesentlichen Neuerungen. Wie sollte es auch. Die Schritte von moderierten Verfahren sind abgezählt. Dem Leser fällt auf, dass für jede dieser einzelnen Methoden  zwei bis vier Stunden veranschlagt werden. Spätestens jetzt wird klar, dass der Glossar nicht irgendwelche Anleitungen für methodische Auflockerungen kleineren Seminarbausteine enthält, die innerhalb eines Workshops eingesetzt werden können, sondern, dass es die Kurzdarstellung der Seminarbausteine selber ist. Das Buch liefert 43 verschiedene Möglichkeiten zur Gestaltung einer Kreativzusammenkunft. Wenn diese einen Tag dauerte, böte  sie die Möglichkeit zur Bearbeitung von zwei Methoden. Diese Erkenntnis kommt überraschend; sie hätte durch einen genaueren Titel vorbereitet werden können.

3. Zur sozialen Kreativitätsarbeit

  1. Es liefert zunächst einen Parforceritt durch die Geschichte der Kreativitätstheorie zwischen Krieg und Spiel.
  2. Im Anschluss   geht es um die Stärkung des Zusammenhalts der Gruppe: Es geht um das Soziale.
  3. Danach werden die Möglichkeiten „produktiver“ Ideefindungen diskutiert.
  4. Schließlich wird die Bedeutung der Grundlage des Gelingens beschrieben, die „Haltung“ der Teilnehmenden

4. Hauptelemente des Moderierens

In einer weiteren Schrittfolge beschreiben die Beiden als inhaltlichen Abschluss die Grundbedingungen moderierter Prozesse.

  1. Die Grundhaltung der Moderation
  2. Allgemeine Verläufe von Kreativzusammenkünften
  3. Methodisches (Zwölfpunkteplan als Normalablauf zur Konkretisierung von 2)
  4. Beschreibung der Rahmenbedingungen.

Gesamteindruck und Diskussion

Der Klappentext beschreibt das Praxisbuch als "nützliches Werkzeug für Leute, die Gruppen leiten". Diesen Anspruch löst der vorliegende Band nur bedingt ein, denn eigentlich geht es den Autoren um die Beschreibung von Abläufen und methodischen Verfahren  während einer Kreativzusammenkunft  und nicht um Problemlösungsverfahren mit Gruppen, wie in einem der zahlreichen Untertitel angekündigt. Den Unterschied halte ich für erheblich, denn die in diesem Buch angesprochenen Verfahren dürften insgesamt nur klappen, wenn eine Gruppe bereits eine bestimmte "Haltung" entwickelt hat (cf. "Zur Sozialen Kreativitätsarbeit" 3d), wenn für ein bereits identifiziertes Problem oder ein vorüberlegtes Ziel die Kreativzusammenkunft bereits als Mittel der Wahl gefunden worden ist.

Der Hiatus zwischen Anspruch (im Titel) und Wirklichkeit (dem eigentlichen Anspruch der Autoren) hätte vermieden werden können: Wenn das Buch etwa mit einem Titel "Bausteine zur Gestaltung von Kreativzusammenkünften: Methoden zur Aktivierung sozialer und kreativer Potentiale von Gruppen" auf den Weg gekommen wäre und mit einer entsprechenden Einleitung versehen worden wäre, hätten die Leserin oder  der Leser von Vornherein gewusst, was ihn oder sie erwartet: Und es erwartet uns mit Sicherheit keine Toolbox zum Ausbruch aus vertrackten Situationen, denn ein Großteil der vorgestellten Methoden verlangt genau die hochgradige Sensibilität, die in Krisensituationen in Gruppen bereits verloren ist.

Die Autoren hätten ihren Anspruch in einer Hinführung verdeutlichen können: ("Wir beschreiben so genannte Kreativzusammenkünfte. Das sind mindestens halbtägige Treffen von etwa zehn Menschen, die sich bei der Bearbeitung eines Problems einer unkonventionellen Lösungsstrategie bedienen wollen.")

Die Funktion der eher knappen Hinweise zu den Themen "Kreativität", "Soziales Lernen" und "Ideenfindung" bleibt unklar, denn natürlich sind sie nicht hinreichend für eine systematische Auseinandersetzung.

Die Beschreibung der "Hauptelemente des Moderierens" sind ein Kurzreferat der entsprechenden Passagen aus der "Moderationsfibel Zukunftswerkstätten". Darauf weist Müllert hin. Das ist schon zuviel für die Erfahrenen, die das Alles selber wissen und deutlich zu wenig für die Unerfahrenen, denen das als Crash-Kurs nicht ausreicht.

Die inhaltliche Rahmung des Glossars wirkt dementsprechend uneinheitlich und funktionsarm.

Fazit

Das Buch hat einen sehr spezifischen Verwendungssinn, den es ungenau expliziert, worunter der Nutzen etwas leidet.  Zur Gestaltung von Kreativzusammenkünften liefert es dem erfahrenen Moderator oder der erfahrenen Moderatorin gute Anregungen, die grafisch übersichtlicher und kundenfreundlicher gestaltet hätten sein können. Die theoretische Rahmung erfolgt allenfalls kursorisch und reicht zur Begründung des Ansatzes nicht hin.

So bleibt es bei den vielen nützlichen Tipps des "Praxisbuches". Von den Kreativen möchte man gerne mehr lernen.

Rezension von
Prof. Dr. Uwe Rabe
ehemaliger Professor für Erziehungswissenschaft an der FH Münster
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Es gibt 19 Rezensionen von Uwe Rabe.

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Zitiervorschlag
Uwe Rabe. Rezension vom 12.07.2008 zu: Horst Mauer, Norbert R. Müllert: Moderationsfibel Soziale Kreativitätsmethoden von A bis Z. Nachschlagen - verstehen – einsetzen. Das Praxisbuch zu Problemlösungsverfahren mit Gruppen. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2007. ISBN 978-3-930830-91-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6481.php, Datum des Zugriffs 29.02.2024.


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