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Helmut König, Julia Schmidt u.a. (Hrsg.): Europas Gedächtnis

Cover Helmut König, Julia Schmidt, Manfred Sicking (Hrsg.): Europas Gedächtnis. Das neue Europa zwischen nationalen Erinnerungen und gemeinsamer Identität. transcript (Bielefeld) 2008. 169 Seiten. ISBN 978-3-89942-723-3. 18,80 EUR, CH: 32,00 sFr.

Reihe: Europäische Horizonte - Band 3.
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Was ist Europa ?

Auf diese uralte Frage gab es in der Geschichte und gibt es bis heute unzählige Antworten – und doch kein stimmiges Verständnis, wie etwa die aktuelle Krise der Europäischen Union in den Verfassungsauseinandersetzungen zeigt. Damit aber ein gemeinsames Europa nicht eine Illusion oder eine Vision bleibt, sondern Wirklichkeit wird, bedarf es eines intensiven Nachdenkens und politischen Bemühens, den Völkern und Gemeinschaften in Europa nicht nur eine "europäische Identität" zu ermöglichen, sondern auch ein Bewusstsein zu schaffen, dass es eines intensiven Integrationsprozesses bedarf. "Europa als Ganzes ist nicht identisch mit seinen Teilen, mit den Ländern der Europäischen Union und des Kontinents"; aber es bedarf der Erinnerung, dass es im Leben der Völker in Europa so etwas wie "europäische Werte" gibt, die Gemeinsamkeit stiften können.

Entstehungshintergrund

Dieser Aufgabe widmet sich eine bemerkenswerte Buchreihe des Bielefelder transcript Verlags: "Europäische Horizonte". Darin sollen theoretische Aspekte und praktische Gegenwarts- und Zukunftsfragen auf politischen, ökonomischen und kulturellen Gebieten diskutiert und Vorschläge unterbreitet werden, wie aus dem Vielerlei der nationalen Sonderheiten eine Europäische Einheit entstehen kann. Die einzelnen Bände der Reihe sind überwiegend Dokumentationen von wissenschaftlichen Fachtagungen, bei denen konsekutive und kontroverse Themen vorgetragen und in den Diskurs eines europäischen Einigungsprozesses eingebracht werden. In einer Vortragsreihe, die von der Aachener Initiative "Europäische Horizonte" vom 23. 4. bis 9. 5. 2007 angeboten wurde, ging es um die Frage nach "Europas Gedächtnis". Der Politikwissenschaftler am Institut für Politische Wissenschaft der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen, die Geschäftsführerin der Initiative Europäische Horizonte, Julia Schmidt und der Co-Dezernent für Wirtschaftsförderung und Europäische Angelegenheiten der Stadt Aachen und Lehrbeauftragter, Manfred Sicking, legen als Herausgeber den Tagungsband "Europas Gedächtnis. Das neue Europa zwischen nationalen Erinnerungen und gemeinsamer Identität" vor.

Inhalt

  • Helmut König fragt in dem Einführungsbeitrag, inwieweit die sich aus den neueren Tendenzen der Gedächtnisforschung entwickelten gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen in Europa ein neues Gedächtnisbewusstsein erkennen lässt, das möglicherweise Grundlage für ein identitätsstiftendes, politisches und institutionelles Selbstverständnis in Europa werden könnte. Wenn "Erinnern kein natürlicher Prozess ist, sondern auf vielfältige Weise durch soziale Bedingungen und Umstände hergestellt oder verhindert wird", dann braucht es für das politische Denken und Handeln ein Verständnis dafür, "dass die Macht der Vergangenheit (und damit des "nationalen Gedächtnisses", JS) über die Gegenwart nur aufgelöst werden kann, wenn man ihr ins Auge blickt, sie ungeschönt akzeptiert und in das Selbstbild aufnimmt"; freilich nicht als fatalistischer oder gar nationalistischer Fakt, sondern es als Element der Veränderung begreift.
  • Der ehemalige Direktor der London School of Economics and Political Science, Lord Anthony Giddens, formuliert in seinem Beitrag acht Thesen zur Zukunft Europas. Im Mittelpunkt der geschichtlich hergeleiteten Aspekte des Auf und Ab, der Brüche und Entwicklungen eines politischen Zusammenschlusses der europäischen Länder, stellt der Autor die Anforderung nach dem Wie und Warum einer europäischen Einigung. Dabei setzt Giddens weniger auf ein formales Verfassungsrecht; vielmehr "muss es für Bürger etwas geben, dem sie sich zugehörig fühlen", eine Gemeinschaft also. Diese solle sich auszeichnen dadurch, dass sie sich als Vorbild entwickelt, das gemeinschaftsstiftend wirkt. Es bedarf weiterhin des gemeinsamen Ausbaus der Bildung in Europa und der Sozialstandards; und die Europäer müssten, im Prozess des Zusammenschlusses, den demokratischen und institutionellen Machtanspruch als politisches Mittel der Europäischen Einigung entdecken, gewissermaßen "energische Multilateralität" ausüben.
  • Der Historiker der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Norbert Frei, referiert über "Deutschlands Vergangenheit und Europas Gedächtnis". Drei Aspekte sind es, die nach Meinung des Autors den Zusammenhang von Deutschlands neuerer Geschichte und Europas Gedächtnis darüber verdeutlichen: Es ist zum einen der Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit, weiterhin sind es die Wandlungsprozesse des Umgangs mit der Geschichte, und schließlich die Funktion und Bedeutung der deutschen Vergangenheit und die Konstellationen, die das europäische Gedächtnis in der Gegenwart und Zukunft bestimmen werden. Sein Ratschlag: Es ist die Kenntnis der Geschichte und ein darauf begründetes Geschichtsbewusstsein, das eine aufgeklärte europäische Identität schafft.
  • Der Geschichtswissenschaftler am Frankreich-Zentrum der Freien Universität Berlin, Etienne François, macht sich mit seinem Beitrag auf die Suche nach den europäischen Erinnerungsorten. In der eigenartigen Spannweite der öffentlichen Einschätzungen, dass es einer Erinnerung der lieux de mémoire bedürfe, weil es kein Gedächtnis an sie mehr gäbe und gleichzeitig der Wahrnehmung, dass Gedächtnis Konjunktur habe, diskutiert der Autor die Ergebnisse des wissenschaftlichen Projektes "Deutsche Erinnerungsorte", indem er nach den "Auswirkungen des Wandels des Bezugsrahmens (fragt), der durch den Prozess der europäischen Einigung (entsteht), die zunehmende Verflechtung der europäischen Gesellschaften und die damit zusammenhängende Transformierung der sozialen und kulturellen Strukturen" aufzeigt. Wenn es stimmt, dass das Gedächtnis trennt, aber die Geschichte eint, dann bedarf es eines Bewusstseins, dass ein deutsches, französisches … Gedächtnis nur ein europäisches und in der weiteren Bedeutung, ein globales sein kann, soll es zu einem freien, gerechten und humanen Leben der Menschen in unserer Einen Welt kommen.
  • Der Sprach- und Literaturwissenschaftler der Universität Zürich und ehemalige Präsident der Akademie der Künste in Berlin, Adolf Muschg, reflektiert "Identität und Andenken". Mit der Frage - "Woran haben sich Europäer, aufgrund ihrer Geschichte, zu erinnern, wenn sie wollen, dass ihr Teil der Erde, statt Teil des Problems zu sein, Teil der Lösung werde?" – macht er deutlich, dass Identität an sich keine produktive Größe und schon gar kein Wert an sich darstelle, sondern eine "Schatzkammer der Möglichkeiten", die die Vorstellungskraft der Europäer herausfordere.
  • Der Historiker der Universität Bielefeld, Hans-Ulrich Wehler, macht sich auf den Weg, um "Grenzen und Identität Europas bis zum 21. Jahrhundert" zu erkunden. Indem er die verschiedenen Optionen, die politischen und gesellschaftlichen Perspektiven zum europäischen Einigungsprozess durchspielt. Sein Plädoyer: Nicht was gut ist für ein Land, für einen beitrittswilligen europäischen Staat…, besitzt den Vorrang, sondern was gut ist für die politische Union und das jeweilige europäische Land.
  • Der ehemalige polnische Außenminister und jetzige Europapolitiker, Bronislaw Geremek, setzt sich mit der geteilten europäischen Erinnerung in Ost und West auseinander. Er sieht in der Osterweiterung der Europäischen Union als historische Bedeutung an und als Chance, die vielfach vorhandenen, den Integrationsprozess verzögernden und behindernden, jahrhundertealten Unterschiede zu überwinden.
  • Karl Schlögel, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder, plädiert dafür, durch die Rückkehr des Ostens in den europäischen Horizont Europa neu zu vermessen. Mit der Frage, was "Europäisierung des geschichtlichen Gedächtnisses" bedeuten könne, macht er zum einen deutlich, dass ein europäisches Gedächtnis nie weiter sein könne als die Kultur, die sie hervorbringe oder nötig habe; vielmehr bedürfe eine europäische Gedächtniskultur Zeit zum Wachsen; gleichzeitig aber auch der Anforderung bedürfe, zwischen forcierter Konstruktion und künstlicher Begrenzung das Ziel der europäischen Einigung nicht aus den Augen und dem politischen und gesellschaftlichen Wollen zu lassen.

Fazit

In Zeiten der Krise, die sich u. a. durch die Ablehnung des europäischen Verfassungsprozesses durch die Iren manifestiert, bedarf es eines realistischen und eines optimistischen Blicks. Die Vision eines Vereinten Europas besteht weiterhin. Schlögel macht darauf aufmerksam, dass es zu einem erfolgreichen Einigungsprozess gehört, Zumutungen auszuhalten, Resignationen zu überwinden, weil "Gedächtnis … nichts mit Gedächtnis- und Versöhnungskitsch" zu tun habe, sondern harte politische Arbeit sei, zu der wir alle herausgefordert sind.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.07.2008 zu: Helmut König, Julia Schmidt, Manfred Sicking (Hrsg.): Europas Gedächtnis. Das neue Europa zwischen nationalen Erinnerungen und gemeinsamer Identität. transcript (Bielefeld) 2008. ISBN 978-3-89942-723-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6485.php, Datum des Zugriffs 05.12.2021.


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