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Herbert Bruhn, Reinhard Kopiez u.a. (Hrsg.): Musikpsychologie

Cover Herbert Bruhn, Reinhard Kopiez, Andreas C. Lehmann (Hrsg.): Musikpsychologie. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2008. 710 Seiten. ISBN 978-3-499-55661-6. 19,95 EUR, CH: 34,90 sFr.

Reihe: Rororo - 55661 - Rowohlts Enzyklopädie.
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Thema

Seit nunmehr 25 Jahren gibt es das „Handbuch Musikpsychologie“. Die letzte Neuausgabe liegt nun auch schon wieder 17 Jahre zurück, so dass eine völlig neu konzipierte Neuauflage des Buches dringend nötig war, zumal diese Veröffentlichung seit ihrem ersten Erscheinen als das wichtigste und umfassendste musikpsychologische Handbuch des deutschsprachigen Raum bezeichnet werden kann. Es diente vielen MusikpädagogInnen, MusikwissenschaftlerInnen, und nicht zuletzt Studierenden unterschiedlicher Studiengänge als wichtiges und unerlässliches Nachschlagewerk.

Herausgeber

Herbert Bruhn ist Professor für Musik in der Lehrerausbildung an der Universität Flensburg und durch zahlreiche Veröffentlichungen u. a. zu den Themen Wahrnehmungspsychologie und Unterrichtsforschung sowie zu Transfereffekten von Musik hervorgetreten . Herbert Bruhn war auch schon Mitherausgeber und Autor der vorhergehenden „Handbücher Musikpsychologie“.

Reinhard Kopiezist Professor für Musikpsychologie an der HfMT Hannover. Seine Forschungsschwerpunkte sind Musikalische Performanz und sozialpsychologische Aspekte der Musik.

Andreas C. Lehmann ist Professor für Systematische Musikwissenschaft und Musikpsychologie an der HfM Würzburg. Forschungsarbeiten liegen vor u. a. zu den Bereichen Expertiseforschung, empirische Musikpädagogik, generative Prozesse und Musikrezeption.

Aufbau

Der Aufbau des umfangreichen Buches zeigt deutlich, dass es sich tatsächlich um ein Neues Handbuch handelt, da schon in der Gliederung kaum noch Gemeinsamkeiten zu den älteren Ausgaben bestehen. Diese Neustrukturierung trägt auch der Tatsache Rechnung, dass die Musikpsychologie sich in den vergangenen 20 Jahren zu einer eigenständigen international anerkannten Disziplin innerhalb der systematischen Musikwissenschaft emanzipiert hat.

Das Buch besteht aus sieben großen Teilen :

  1. Musikkultur und musikalische Sozialisation
  2. Musikalische Entwicklung
  3. Musik und Medien
  4. Musikleben
  5. Grundlagen der Musikwahrnehmung
  6. Wirkungen
  7. Forschung

Diese großen Teile werden in sich noch durch zahlreiche Kapitel unterteilt.

Geänderte Inhalte in der Neuauflage

Im Folgenden werde ich vornehmlich auf die wesentlichen Veränderungen gegenüber den Vorgängerausgaben eingehen und eine kleine Auswahl der zahlreichen neuen Forschungsergebnisse vornehmen.

Sicherlich sind die einschneidendsten Veränderungen der vergangenen zwei Dekaden im Bereich des

  • Zusammenwirkens von Medien und Musik
  • der Forschungsmethodologie
  • und der Emanzipation der Popularmusik

zu verzeichnen. Grundsätzlich werden diese Veränderung in fast allen Kapiteln ausführlich berücksichtigt. Im Folgenden seien exemplarisch einige besonders beeindruckende Forschungsergebnisse der jüngsten Zeit dargestellt.

In dem von Jürgen Hellbrück bearbeiteten Kapitel über „Musikkultur und musikalische Sozialisation“ weist der Autor beispielsweise darauf hin, dass auf Grund der sich verändernden Hörkulturen durch MP3 Player und Discmans etwa 10 Prozent aller Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren an einem Hörschaden leiden. Die gesamte Problematik der Allgegegenwärtigkeit von Sound wird in unter unterschiedlichsten Aspekten dargestellt.

Günther Kleinen beschreibt in dem Abschnitt über Musikalische Sozialisation, dass es in Zeiten der Postmoderne keinen einheitlichen Musikbegriff mehr gibt: „Er ist zugunsten einer Vielzahl gesellschaftlich akzeptierter und somit legitimer Musikgenres aufgegeben worden“ (S. 37). Im gleichen Kapitel wird der Zusammenhang zwischen Musikgeschmack, Lebensalter und Schul- und Berufsbildung ausführlich mit Hilfe von Tabellen dargestellt. Bezüglich der Zugehörigkeit zu bestimmten sozioökonomischen Milieus und deren musikalischem Geschmack bietet sich der Begriff der „Teilkultur“ an. Insofern ist die musikalische Klassik mittlerweile in der gleichen Situation wie jede andere Teil- oder Subkultur.

Bemerkenswert scheint ebenfalls der Hinweis, dass sich bezüglich der Konzepte von musikalischer Sozialisation seit Anfang der 70er Jahre eine Verschiebung weg von der „Situation des Individuums als passiven Objekts äußerer Einflussnahmen hin zu einer Sicht auf das Individuum als Urheber eigenständiger, selbst initiierter und verantworteter Aktivitäten “ (S. 55), auch dieses ein Zeichen für den Wandel von der behavioristischen Medientheorie hin zu einer konstruktivistischen Betrachtungsweise.

Allein schon die wichtigsten Einzelergebnisse darzustellen würde den Rahmen einer Rezension bei weitem sprengen. Grundsätzlich findet sich in dem umfangreichen Buch eine Fülle von Informationen zum aktuellen Forschungsstand der Musikpsychologie.

Zielgruppe

Ein erklärtes Ziel der Herausgeber im Vorwort dieses Handbuches ist es, „die Ergebnisse von Wissenschaft so verständlich darzustellen, dass sie jedem Musiker, Musiklehrer, Musikliebhaber und vor allem Studierenden verschiedenster Studiengänge eine erste Orientierung über die Musikpsychologie verschaffen können“.

Fazit

In diesem Handbuch wurde eine enorme Fülle von Daten, Materialien und wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Musikpsychologie zusammen getragen und auf dem aktuellen Stand der Forschung dokumentiert. In den zahlreichen ausgezeichneten Einzelbeiträgen blieb kaum ein Aspekt der Musikpsychologie unberücksichtigt. Angesichts der von den Verfassern selbst beschriebenen rasanten Entwicklung in der musikpsychologischen Landschaft an den deutschen Hochschulen war dies Neuauflage dringend notwendig und überfällig. Damit liegt nun eine ausgezeichnet ausgewählte und sorgfältig herausgegebene Materialsammlung zum Thema vor.

Allerdings setzt die Lektüre des Handbuches eine relativ umfassende Kenntnis fundamentaler Zusammenhänge und Begriffe der (Musik)Psychologie voraus. Besonders für diejenigen die mit dem Thema Musikpsychologie bisher nicht so vertraut waren, wäre ein Glossar am Ende des Buches eine große Hilfe.


Rezension von
Prof. Dr. Hubert Minkenberg
Professor für Medienpädagogik/Musikpädagogik
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Hubert Minkenberg. Rezension vom 24.03.2011 zu: Herbert Bruhn, Reinhard Kopiez, Andreas C. Lehmann (Hrsg.): Musikpsychologie. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2008. ISBN 978-3-499-55661-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6490.php, Datum des Zugriffs 29.11.2021.


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