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Martina Wittmann: Emotionale Kompetenz und Erziehungsverhalten [...]

Cover Martina Wittmann: Emotionale Kompetenz und Erziehungsverhalten im Spiegel der Mutter-Kind-Interaktion. Verlag Dr. Köster (Berlin) 2008. 360 Seiten. ISBN 978-3-89574-667-3. 29,80 EUR.
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Thema

Die Autorin befasst sich mit der emotionalen Entwicklung im Vor- und Grundschulalter und der Bedeutung des erzieherischen Einflusses hierauf. Dabei wird insbesondere die Regulation der Emotionen in Distress-Situationen näher untersucht.

Autorin

Dr. phil. Martina Wittmann ist Diplom-Sozialpädagogin, systemische Individual-, Paar- und Familientherapeutin und Lehrbeauftragte an der Ludwig-Maximilians Universität München (LMU). Sie hat ein Forschungsprojekt an der LMU München mit geleitet und in den Fächern Psychologie und Pädagogik im Projekt FamilienTeam® zum Thema „Emotionale Kompetenz und Erziehungsverhalten“ promoviert. Sie ist als Beraterin bei verschiedenen Unternehmen tätig.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist eine Dissertationsschrift der Ludwig-Maximilians Universität München und setzt sich mit dem Forschungsstand hinsichtlich der Emotionsregulation von Kindern auseinander. Die Autorin hat hierzu zwischen 2004 und 2007 eine Untersuchung vorgenommen, welche die Kind-Mutter- Interaktion analysiert und dabei ein Auswertungsmanual entwickelt, welches die Strategien der inter- und intrapersonellen Emotionsregulation aufzuzeigen hilft.

Aufbau …

Das Buch ist in die folgenden Bereiche untergliedert.

  1. Emotionen und emotionale Kompetenz. Hier geht es um eine Darstellung der aktuellen Forschungslage und der Definition verschiedener Begrifflichkeiten, insbesondere der Emotionen, sowie der unterschiedlichen Emotionstheorien. Emotionale Kompetenz im Fokus von Erziehung, Bindung und Lerntheorie
  2. Emotionale Kompetenz im Fokus der Erziehung, Bindung und Lerntheorien. In diesem Buchteil werden vor allem verschiedene Erziehungsstile, die emotionale Kompetenz in der Bindungsforschung sowie unterschiedliche Lerntheorien vorgestellt.
  3. Emotionales erzieherisches Zusammenspiel von Eltern und Kindern. Dieses längste Kapitel des Buches setzt sich detailliert damit auseinander, wie Eltern den Verlauf der emotionalen Entwicklung beeinflussen und wie sich Emotionsausdruck und –empfinden bei Kindern und Eltern auswirken.
  4. Hypothesen. Hier werden die grundgelegten Hypothesen für die Untersuchung ausführlich vorgestellt.
  5. Methode. Das Untersuchungsdesign wird hier zusammen mit den Erhebungsinstrumenten und der statistischen Auswertungsmethode beschrieben.
  6. Ergebnisse. Die einzelnen Ergebnisse aus der Untersuchung werden hier mittels zahlreicher Tabellen dargestellt. Das Verhalten in der Emotionssituation, das beobachtete Verhalten und das Zusammenspiel von Müttern und Kindern.
  7. Diskussion und Resümee. Eine eingehende Diskussion der Forschungsergebnisse und eine Darstellung möglicher Konsequenzen für die Praxis sowie für weitere Forschungsvorhaben erfolgt in diesem Abschnitt.
  8. Verzeichnisse und Anhang. Eine 25seitiges Literatur- und Internetadressen-Verzeichnis sowie Verzeichnisse der Tabellen und Abbildungen schließen das Buch ab, ehe im Anhang die unterschiedlichen Untersuchungsdetails mitsamt den Auswertungsmanualen und –skalen aufgeführt werden

… und Inhalte

Dr. Martina Wittmann zeigt in einer kurzen Einleitung auf, welchen Fragestellungen sie bei dieser Forschungsarbeit konkret nachgeht. Ihr Interesse fokussiert besonders darauf, „in welchem Alter Kinder für welche Anregungen aus der Umwelt empfänglich sind, ab wann sie bestimmte Emotionsqualitäten empfinden können und sie zum Erwerb bestimmter Fähigkeiten und Fertigkeiten emotionaler Kompetenz in der Lage sind.“ (S. 11). Hierbei wird insbesondere das Zusammenspiel von Müttern und Kindern näher untersucht.

Zu Beginn ihrer Arbeit definiert Dr. Martina Wittmann Emotionen in Abgrenzung von Affekten, Gefühlen und Stimmungen als „affektive Erfahrungen mit kognitiven Prozessen, die physiologische Anpassungen in Gang setzen …und ein bestimmtes Verhalten nach sich ziehen können.“ (S. 48) und stellt die sechs Grund- bzw. Basisemotionen dar: Freude, Überraschung, Traurigkeit, Angst, Ekel und Ärger. Hier kommen graphische Darstellungen zu Hilfe, die noch einmal eine weitere Differenzierung aufzeigen, nämlich die Klassifikation der Emotionen in Beziehungs-, Empathie- und Zielemotionen. Die differenzierte Auseinandersetzung mit der Definition ist hilfreich für die weitere Beschäftigung damit, wie Emotionen entstehen, sich verändern lassen und wie die gewöhnliche emotionale Entwicklung verläuft. Die vorgestellten Modelle emotionaler Kompetenz bzw. Intelligenz sind wichtig, um sich darüber klar zu werden, welche unterschiedlichen Aspekte bei der emotionalen Entwicklung eine Rolle spielen. Damit leitet Frau Dr. Wittmann über in das folgende Kapitel, welches den Fragen nachgeht, in welchem Maße Erziehung – wenn überhaupt – Einfluss nehmen kann auf die emotionale Entwicklung. Dazu bedient sich die Forscherin der Erziehungsstile und erörtert, welche Funktionen die Emotionen auch im Bindungssystem zu den Eltern haben. Hier gelingt es der Autorin, in ausgesprochen klarer Weise die einzelnen Zusammenhänge aufzuzeigen; vor allem bezüglich des Bindungsverhaltens und der Selbstregulation von Kindern sowie des Einflusses der Eltern durch ihr Verhalten beim Erwerb emotionaler Kompetenzen.

Im folgenden Kapitel wird das emotional erzieherische Zusammenspiel von Eltern und Kindern kleinschrittiger behandelt. Die Autorin zeigt auf, dass sich ein umfangreiches Wissen über und Verständnis von Emotionen bei den Eltern positiv auf die Regulation der Emotionen bei den Kindern auswirkt. Verhaltensweisen von Eltern können sich elementar auf die Entwicklung von Emotionen bei Kindern auswirken; beispielsweise begünstigt das Erziehungsverhalten (hohe Einschränkungen, viel Tadel, wenig Unterstützung, intensive Strafen und inkonsistente Rückmeldungen) die Entstehung von Ängstlichkeit. Hier präzisiert Wittmann die Einflussfaktoren der Eltern in klarer Weise, wenn sie erläutert, dass Säuglinge in der frühen Entwicklung darauf angewiesen sind, dass Bezugspersonen ihre Emotionen ausdrücken können. Erst im Laufe der weiteren Entwicklung verfügen die Kinder immer mehr über ein entsprechendes Emotionsverständnis und können die Ursachen von Emotionen wie Schuld, Stolz oder Scham erst ab dem 7. Lebensjahr verstehen. Von welchen Faktoren das Emotionsempfinden beeinflusst wird macht Martina Wittmann anhand der Emotionen Freude, Ärger (Wut und Zorn), Angst, Traurigkeit, Scham und Schuld im Einzelnen deutlich, ehe sie näher untersucht, wie Kinder unterschiedlich mit Emotionen umgehen bzw. diese bewältigen. Hierzu unterscheidet sie aktionale, expressive, intrapsychische Bewältigungsformen. In welcher Weise Eltern schließlich das Bewältigungsverhalten von Kindern konstruktiv beeinflussen können, wird in den weiteren Ausführungen detaillierter dargestellt. Im Kapitel über die Hypothesen werden in den drei Hypothesen-Blöcken „Verhalten in der Emotionssituation“, „beobachtetes und repräsentiertes Verhalten“ sowie „Zusammenspiel von Müttern und Kindern“ insgesamt vierzehn Hypothesen im einzelnen beschrieben, ehe die Methode der Untersuchung genauer erläutert wird. Demnach wurden 33 Mutter-Kind-Paare für die Stichprobe der Intensivstudie herangezogen. Grundlage für die Studie waren Fragebögen und videographierte Beobachtungen von Mutter-Kind-Interaktionen. Die Mütter waren im Durchschnitt 38 Jahre alt und hatten zu über ¾ mindestens einen Bildungsabschluss auf Fachhochschul- oder Hochschulreifen-Niveau. Über die Hälfte der Mütter waren teilzeitbeschäftigt, der große Teil der Mütter war verheiratet und hatte zwei Kinder (Die Jungen machten etwas weniger als die Hälfte der Kinder aus.). Das durchschnittliche Alter der Kinder lag bei 6,5 Jahren.

Für die Untersuchung selbst wurde eine Enttäuschungssituation bei den Kindern herbeigeführt; in der Weise dass das Verhalten beim Nichtbelohnen bzw. beim Erhalt einer Belohnung im Beisein der Mutter beobachtet und im Nachhinein die Versuchsbeteiligten hinsichtlich der Emotionen befragt wurden.

Die Ergebnisse der Untersuchung werden dann in dem Kapitel „Ergebnisse“ jeweils passend zur Einzelhypothese ausgewertet und ein abschließendes Fazit dazu gegeben. Die Diskussion der Ergebnisse ermöglicht einen umfassenden Einblick in das Zusammenspiel von Müttern und Kindern. Demnach gibt es vier Muster, in denen sich die Mütter verhalten: emotions-zentrierte Unterstützung, abwertender Umgang, problemzentrierte Unterstützung und positiv-offene Haltung.

Bei der Diskussion ist es interessant, dass keine geschlechtsspezifischen, kindlichen Unterschiede beim Emotionsausdruck zu verzeichnen waren. Dr. Martina Wittmann hebt hervor, dass kindlicher Ärger und Distress insbesondere durch das Verhalten der Mütter reguliert wird und dass klare Strukturen sowie das Wissen um und aktives Handeln der Mütter beim Ausdrücken von Emotionen die Kinder bei der Bewältigung von Emotionen wesentlich unterstützen. So zeigt Dr. Martina Wittmann in ihrem Resümee klar auf, wie bedeutsam das Äußern von Emotionen, die Klarheit der Rolle der erziehenden Mutter und eine liebevolle, Grenzen setzende Unterstützung für die Entwicklung kindlich emotionaler Kompetenzen ist.

Diskussion

Die intensiv beschriebene Forschungsarbeit setzt sich ausgesprochen detailliert mit der emotionalen Kompetenz von Kindern auseinander. Die Zusammenhänge von Emotionen beim Kind und der Befindlichkeit der Mütter werden gründlich untersucht. Dr. Martina Wittmann versteht es, ihre gründlich durchgeführte Studie mit Hilfe von Forschungsliteratur zu untermauern. Bei einzelnen Graphiken wäre es gut gewesen, wenn es eine Übersetzung aus dem Englischen gegeben hätte und manche Auswertungsergebnisse nicht nur mit Zahlen, sondern auch mit beispielsweise Kuchendiagrammen dargestellt worden wären. Dies scheint den wissenschaftlichen Anforderungen an diese Dissertationsschrift geschuldet zu sein. Der Ansatz der Autorin, sich gründlicher mit der Gefühlswelt von Kindern zu befassen, ist hier sehr umfassend bearbeitet worden. Es werden einige Anregungen für eine verstärkte wissenschaftliche Erforschung aufgezeigt, die sicher auch auf die Vater-Rolle und eine größere Untersuchungspopulation ausgeweitet werden sollte. Dr. Martina Wittmann gelingt es, den Aspekt des „Emotionscoachings“, nämlich das intensiver zu vermittelnde Wissen über Emotionen und ihre Bedeutung in den unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Kinder, hervorzuheben. Eine stärker emotionszentrierte Unterstützung der Kinder durch ihre Eltern würde demnach für mehr Klarheit und Sicherheit bei den Kindern führen, eine Grundvoraussetzung für einen kompetenten Umgang mit den unterschiedlichen Emotionen.

Fazit

Das Buch ist eine intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einer sehr spezifischen Thematik. Die auch sprachlich stellenweise sehr forschungsbezogene Ausdrucksweise erfordert ein hohes Lese-Engagement und ein gründliches Maß an Interesse der Leserschaft bezogen auf die Umsetzungsrelevanz der Ergebnisse für die eigene berufliche Forschungs- oder Praxisarbeit. Möge diese Arbeit - neben dem zweifelsohne vorhandenen, weiteren Forschungsbedarf - einen Anstoß geben, weitere Konzepte (für die Elternbildung und die pädagogischen Handlungsfelder) zu entwickeln, um Eltern und sozialpädagogischen Fachkräfte hinsichtlich eines förderlichen Emotionscoachings für die Kinder zu unterstützen und für die schon so frühe Bedeutung des entwicklungsförderlichen Umgangs mit Emotionen zu sensibilisieren.


Rezension von
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut, Supervisor
Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 13.05.2009 zu: Martina Wittmann: Emotionale Kompetenz und Erziehungsverhalten im Spiegel der Mutter-Kind-Interaktion. Verlag Dr. Köster (Berlin) 2008. ISBN 978-3-89574-667-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6497.php, Datum des Zugriffs 30.03.2020.


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