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Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Chancen ermöglichen - Bildung stärken

Cover Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Chancen ermöglichen - Bildung stärken. Zur Lebenssituation sozial benachteiligter Kinder in Deutschland. Verlag Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) 2008. 60 Seiten. ISBN 978-3-89204-941-8. 20,00 EUR, CH: 35,50 sFr.

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Thema

Kinderarmut und damit verbundene Bildungshindernisse werden in der Pädagogik verstärkt problematisiert. Die vorliegende Publikation will sich der Thematik zuwenden und gangbare Wege aufzeigen, um Benachteiligungen zu vermeiden, die durch die Herkunft aus einem bestimmten Elternhaus bedingt sind. Auf diese Weise sollen vorhandene Potentiale ausgeschöpft werden können, um so auch den gesellschaftlichen Wohlstand zu sichern. Das von der UN-Kinderrechtskommission festgeschriebene Recht des Kindes auf Bildung ist dabei eine wichtige Argumentationsgrundlage.

Aufbau

Das Werk besteht aus einer Broschüre mit einigen Aufsätzen und Interviews, einer Broschüre mit Handlungsempfehlungen und einer CD-ROM, die der Veranschaulichung dienen soll.

Inhalt

  • Armut-Bildung-Chancen: einführende Worte von Petra Klug, Romy Stühmeier. Nachdem im Vorwort auf einige Missstände in Deutschland hingewiesen wurde, die Kinder aus bildungsfernen Familien betreffen, werden im ersten Aufsatz auch gesellschaftliche Implikationen der Entwicklung aufgezeigt und ein Überblick über das Gesamtwerk gegeben.
  • Gibt es ein Recht auf frühe Bildung? von Mona Motakef. Auch hier wird auf der gesellschaftlichen Ebene die Notwendigkeit einer frühen Bildung betont, da die Gesellschaft veralte und gut ausgebildete Fachkräfte benötigt werden. Neben der wirtschaftlichen Notwendigkeit wird frühe Bildung auch als ein Menschenrecht herausgearbeitet sowie ein Analyseraster zur Überprüfung der Realisierung dieses Menschenrechtes erarbeitet.
  • Es folgt die Vorstellung des Projektes "Starke Mütter – Starke Kinder" zur Förderung von Wahrnehmung und Bildung von Kindern im Alter von 0 bis 3 Jahren und ein Interview mit Jens Beutel, dem Oberbürgermeister von Mainz.
  • Das KiTa-System in Deutschland – Zugang auch für sozial benachteiligte Kinder? von Gerda Holz. Hier wird Bildung als Teil des gesetzlichen KiTa-Auftrages erkannt und Bedingungen sowie Hindernisse für die Erschließung dieses Rechts auch für Kinder aus sozial benachteiligten Familien diskutiert.
  • Jedes Kind zählt – Bildungsgerechtigkeit für alle Kinder als zukunftsweisende Aufgabe einer vorsorgenden Gesellschaft von Uta Meier-Gräwe. Die Autorin gibt zunächst einen Überblick über das Phänomen der Kinderarmut in Deutschland und bemüht sich darum, den Armutsbegriff zu operationalisieren und Faktoren, die Armut bewirken oder verhindern können, aufzudecken. Sie stellt auch eine "Haushaltsbezogene Armutstypologie" vor und versucht den Gruppierungen ("Die verwalteten Armen", "Die erschöpften Einzelkämpfer", "Die ambivalenten Jongleure" und "Die vernetzten Aktivisten", ebd.:33) entsprechende Unterstützungsbedarfe zuzuordnen. Sie betont insbesondere die Notwendigkeit zur Armutsprävention und nennt unter anderem die Vernetzung von Hilfesystemen als wichtige Grundlage hierzu.
  • Resilienz – Stärkere Kinder mit besseren Chancen von Martina Teschner. Hier wird auf die Resilienzforschung Bezug genommen und das Konzept der Resilienz in Zusammenhang mit Anforderungen an KiTa und ErzieherInnen gebracht. Die Autorin orientiert sich hierbei am Beispiel der KiTa, deren Leiterin sie ist.
  • Es folgt ein Interview mit Heinz Hilgers, dem Bürgermeister von Dormagen und Präsidenten des Deutschen Kinderschutzbundes.
  • "Elementar, 5 Stunden mit Mittagessen" – Von unterschiedlichen Chancen und Ansprüchen auf Zukunft von Thomas Orthmann. Hier sollen am Beispiel von "Jonah" Perspektiven aufgezeigt werden, wie einem Kind trotz sehr schlechter Ausgangsbedingungen die Entwicklung zu einem "selbstverantwortliche[n] und eigenständige[n] Leben"(ebd.: 58) ermöglicht werden kann.
  • Handlungsempfehlungen. Die in einer gesonderten Broschüre aufgeführten Handlungsempfehlungen richten sich an kommunale Entscheidungsträger, KiTas und Träger. Die Gliederung erfolgt in 4 Punkten: "Handlungsbedarf erkennen", "Vernetzung fördern", "Bildung stärken" und "Personal unterstützen". Wesentliche Prinzipien beinhalten die Erfassung von Hilfebedarfen und den Aufbau von Netzwerken und von interinstitutioneller Kommunikation. Zentrale Forderung ist insbesondere die Ermöglichung des KiTa-Besuchs auch für Kinder aus sozial benachteiligten Familien. An diese werden anspruchsvolle Aufgaben gestellt für die umfassende Förderung der Kinder, die durch die Verbesserung des Personalschlüssels und der Qualifikation des Personals geleistet werden soll.
  • Filmbeitrag. Die den Handlungsempfehlungen beigelegte DVD übernimmt auch deren Gliederung in vier Teile. Ein Sprecher begleitet Szenen gelungener KiTa-Arbeit. Es kommen verschiedene Personen wie KiTa-Leiterinnen, ein UN-Mitarbeiter, kommunale Entscheidungsträger und Vertreter der "Arche" in Berlin zu Wort. Der Tenor des Filmbeitrags liegt vor allem in der Notwendigkeit, familiär bedingte Bildungsdefizite zu kompensieren und im grundsätzlichen Optimismus, dass dies möglich ist. Das Recht der Kinder auf Bildung wird betont.

Diskussion

Auch wenn in der Bertelsmann-Publikation immer wieder das Recht des Kindes auf Bildung betont wird, so bleibt auch eine andere Intention nicht verborgen: Letztlich geht es ebenfalls darum, den Wohlstand der Gesellschaft zu erhalten oder zu verbessern. Schlafende Potentiale, die möglicherweise in den Kindern sozial benachteiligter Familien bisher verborgen lagen, sollen durch engmaschigere Kontrollen aufgedeckt und effizient gefördert werden. Motakef beispielsweise, die auf der einen Seite für die Vermittlung der Menschenrechte als Bestandteil von Bildung eintritt, betont auf der anderen Seite auch deutlich den ökonomischen Bedarf an dem später ausreichend ausgebildeten Kind. "Denn es wird in Zukunft dringend gebraucht – auf dem Arbeitsmarkt und als Steuer- und Beitragszahler für die Sozialversicherungen." (S.12) Die Zusammenhänge von Ausbildung und Wohlstand der Gesellschaft sind natürlich auch nicht einfach von der Hand zu weisen, dennoch ist zu fragen, ob tatsächlich Menschenbildung im Zentrum steht oder Ausbildung zur Vergrößerung des Humankapitalvolumens. Der Slogan "Wir müssen in die Köpfe investieren!" (Beutel, S.20) offenbart die instrumentelle Seite des proklamierten Rechtes auf frühe Bildung. Jedes Kind zählt (Meier-Gräwe, S.29) - eben auch im ökonomischen Sinne.

Auch zu hinterfragen ist, ob nicht eine Schattenseite der geforderten Unterstützungsleistungen eine Zunahme von Kontrolle auch im Sinne von Freiheitsbeschränkungen bedeutet, wenn etwa ungebetene Hausbesuche nicht nur bei Nichteinhaltung der Termine zur medizinischen Vorsorge (Meier-Gräwe, S.39), sondern auch im Dienste der Hilfe bei der Erziehung vorgenommen werden, auch wenn betont wird, dass es sich nicht um Kontrolle handeln soll (Hilgers, S.49f.). Eine "Bedarfsanalyse", die, wie von Hilgers imaginiert, sich rasterartig über Wohngebiete erstrecken würde und Daten zur Sozialsituation von Sprachbehinderungen bis zu Übergewicht erfassen würde (S.51), mutet ebenso wie die Forderung der Bertelsmann-Stiftung nach der Etablierung einer regelmäßigen Sozialberichtserstattung (Handlungsempfehlungen, S.6) befremdlich an, wenn man neben der nach außen betonten Unterstützungsabsicht auch die Bürokratisierung und Verwaltung von Menschen in den Blick nimmt, die auf solche Weise verstärkt wird. Kategorisierungen wie die Armutstypologie Meier-Gräwes scheinen das Problem zu vereinfachen, aber auch die Verwaltbarkeit der Betroffenen zu verbessern. Wenn sie betont, dass auf frühe Selektion in verschiedene Schulformen verzichtet werden soll, so wird auch deutlich: Auf Selektion an sich kann nicht verzichtet werden. Chancengleichheit bedeutet zwar, dass allen dieselben Startvoraussetzungen gegeben werden sollen, doch selbst, wenn dies gelänge, müsste es immer noch Verlierer geben. Wer in der "Lotterie der Gene" schließlich so großes Pech gehabt hat, dass er etwa mit einer geistigen Behinderung auf die Welt gekommen ist, wird trotz aller Förderung ökonomisch nicht "verwertbar" sein. Die auf Konkurrenz ausgerichtete Marktwirtschaft macht Selektion und Hierarchie unvermeidlich. So können die geforderten Verbesserungen im Bereich der frühen Bildung zwar dazu führen, dass Verschiebungen stattfinden, sie werden jedoch keine soziale Gerechtigkeit herbeiführen.

Ob schließlich eine Gleichverteilung der Bildungschancen tatsächlich möglich ist, ist zudem zu bezweifeln. "Alle sogenannte Volksbildung – mittlerweile ist man hellhörig genug, das Wort zu umgehen – krankte an dem Wahn, den gesellschaftlich diktierten Ausschluß des Proletariats von der Bildung durch die Bildung revozieren zu können." (Adorno, Theorie der Halbbildung 2006:18) Adorno weist auf die trotz aller ideologisch besetzten Forderungen nach Bildung, die auch für die sozial Schwachen ermöglicht werden soll, gegebene Unzugänglichkeit von Bildung für diese hin. Allerdings entspricht der der Bertelsmann-Publikation zu Grunde gelegte Bildungsbegriff sicherlich auch nicht dem Adornos, sondern ist eher ein instrumenteller, der zum größten Teil in Begriffen wie "Kompetenzen" und "Qualifikationen" aufgeht, wenn auch Motakefs Forderung, das Verständnis von Menschenrechten in Bildung zu integrieren, vielleicht darüber hinausgehende Perspektiven eröffnet.

Fazit

Vor allem der Film vermittelt ein optimistisches Bild und die helfende Absicht von Vertretern entsprechender Institutionen. Bei genauerem Hinblicken offenbart sich allerdings auch die Brüchigkeit und ökonomische Bedingtheit vieler Forderungen. Nicht auszuschließen ist selbstverständlich, dass tatsächlich auf der Grundlage der angestrebten Veränderungen einigen Kindern geholfen wird. Dennoch sollte "Chancen ermöglichen – Bildung stärken" nicht gänzlich unkritisch rezipiert, sondern der politische Kontext und Ambivalenzen beachtet werden.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 22.12.2008 zu: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Chancen ermöglichen - Bildung stärken. Zur Lebenssituation sozial benachteiligter Kinder in Deutschland. Verlag Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) 2008. ISBN 978-3-89204-941-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6513.php, Datum des Zugriffs 27.01.2020.


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