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Siegfried Greif: Coaching und ergebnisorientierte Selbstreflexion

Cover Siegfried Greif: Coaching und ergebnisorientierte Selbstreflexion. Theorie, Forschung und Praxis des Einzel- und Gruppencoachings. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2008. 389 Seiten. ISBN 978-3-8017-1983-8. 44,95 EUR, CH: 76,00 sFr.

Reihe: Innovatives Management.
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Thema, Entstehungshintergrund und Autor

Coaching entwickelt sich allmählich zu einem Fach, das neben einer bewährten Praxis auch eine diskutable Theorie mitbringt. Ich halte das deshalb für besonders wichtig, weil Coaching im Sinne einer soliden Beratung von Menschen in führenden und/oder beratenden Positionen dringend abgegrenzt werden muss von vielem, das mittlerweile unter dem Label "Coaching" angeboten und vermarktet wird, aber einer wissenschaftlichen Nachfrage kaum standhalten kann. Wichtige Schritte in Richtung Professionalisierung des Faches stellen die Bemühungen der Berufsverbände dar, verbindliche Kriterien für qualitätsvolles Coaching zu erstellen. Einen anderen nicht minder wichtigen Schritt tun AutorInnen, die sich im wissenschaftlichen Diskurs zu Wort melden. Das Buch von Greif ist eine solche Wortmeldung – und zugleich die Bilanz einer langen Beschäftigung mit dem Fach: Siegfried Greif ist seit 1982 Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Osnabrück, wo er einen deutlichen Akzent auf Themen des Managements, besonders auch des Changemanagements, legt. Er ist auch Herausgeber der Buchreihe "Innovatives Management" beim Verlag Hogrefe.

Aufbau

Nach den einführenden Vorworten von Christopher Rauen und dem Autor selbst wird das Thema des Bandes in vier Kapiteln entfaltet:

  1. Selbstreflexion als Potential,

  2. Was ist Coaching?,

  3. Ergebnisorientiertes Einzelcoaching und

  4. Mehrebenencoaching als Zukunftsperspektive.

Vorwort des Autors

Greif geht, wie viele andere, mit einer "integrativen Theorie" an den Start. Nach meinem Eindruck gelingt ihm das gut. "Integrieren" ist etwas Anderes als ein bloßes Kombinieren von Ansätzen und Methoden. Das Konstrukt darf nicht wackeln, z.B. durch die Kombination im Ansatz bereits inkompatibler Bauteile. Greifs Theoriegebäude scheint mir recht stabil zu sein. Er legt dabei Wert auf eine "offene Bauweise": auf ein Theoriegerüst, das für Veränderungen und Erweiterungen offen ist und weiterentwickelt werden kann und soll. Außerdem liegt dem Autor die Praxisrelevanz am Herzen: Gerade weil Coaching ein deutlich von der Praxis geprägtes Feld ist, muss auch eine Coachingtheorie praktisch nützlich sein. Gesucht wird also eine Praxistheorie. Daher auch der Anspruch, das Buch lesefreundlich abzufassen (S.15 – Wie weit das gelingt, darüber kann man vermutlich streiten…) und es auch für solche LeserInnen nutzbar zu machen, die nicht das ganze Buch, wohl aber einzelne Kapitel lesen möchten. Die Absicht des Buches fasst Greif so zusammen: "mein wissenschaftliches Ziel ist es, Impulse zur vertiefenden Forschung und erfolgreichen Praxis beim Coaching zu geben." (S. 17)

Kapitel 1: Selbstreflexion als Potenzial

Dieses erste ist zugleich das grund-legende Kapitel des Bandes, denn hier verankert der Autor Coaching in elementaren anthropologischen Gegebenheiten: Der Mensch unterscheidet sich von anderen Lebewesen vor allem dadurch, dass er in der Lage ist, sich selbst und sein Handeln zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen. In der Interaktion mit anderen Menschen und seinem jeweiligen kulturellen Kontext entwickelt er ein Selbstkonzept, das aber dynamisch bleiben muss, um nicht an einer sich verändernden Umwelt zu scheitern. (Der Mensch als "lernende Organisation") Eine solche Lerndynamik ist möglich durch Selbstreflexionsprozesse, die aber im Gegensatz zu zielloser Selbstbeschau ergebnisorientiert organisiert sind. Komplexere Prozesse selbstreflexiven Lernens (z.B. die Reflexion solcher Reflexionen) erfordern professionelle Unterstützung und Anleitung. Dafür eignet sich besonders Coaching als Beratungsmethode.

Kapitel 2: Was ist Coaching?

Coaching als Fach wird auf den folgenden 20 Seiten umrissen, ausgehend von typischen Anlässen wird der Begriff geklärt, notwendige Abgrenzungen (z.B. zur Psychotherapie) vorgenommen und Verbindungslinien (z.B. zur Supervision) gezogen. daraus ergeben sich eine Reihe von "praktischen Folgerungen", die wichtig sind für die Qualitätsentwicklung des Faches: Zunächst muss schon der Coachingbegriff qualitätsvoll formuliert werden (Wenn alles "Coaching" ist, ist nichts "Coaching"!). Dann muss das besondere Qualitätsprofil von Coaching in Abgrenzung zu anderen Beratungsformen deutlich werden. Coaching muss seine Qualität weiter in den angewandten Analyseinstrumenten, Methoden und Konzepten erweisen. Qualität braucht schließlich Kriterien – auch die müssen im Fach entwickelt werden.

Kapitel 3 Ergebnisorientiertes Einzelcoaching

Das dritte ist zu gleich das umfangreichste, weil zentrale Kapitel. Es stellt im Grunde eine Coachingmonographie für sich dar – mit einem weitgespannten thematischen Bogen: Es beginnt mit einer "Theorie der Selbstaufmerksamkeit", die viele Ergebnisse der Psychologie, vor allem der Motivationspsychologie verarbeitet – und übrigens auch die Frage nicht ausspart, warum bestimmte Berufsgruppen (z.B. Manager) sich in starkem Maß als selbstreflexionsresistent erweisen. Dann wird die Perspektive sogleich praktisch: Es wird danach gefragt, wie selbstreflexive Prozesse bei Klienten ausgelöst werden können, welche Affekte dabei eine Rolle spielen und welche Methoden zum Einsatz kommen können. In einem weiteren Abschnitt wird die Person des Coaches selbst bedacht: Welche Qualifikationen braucht er/sie? etc. Fast folgerichtig richtet sich dann der Blick auf die Seite des Klienten: auf seine Motivation, seine Eigenschaften und Fähigkeiten. Dabei spielen neurophysiologische Aspekte ebenso eine Rolle wie die Frage von förderlichen und hinderlichen Faktoren bei der Umsetzung formulierter Handlungsabsichtlichten. Die Frage "Was nützt Coaching?" wird ggw. auf breiter Ebene gestellt und diskutiert (Vgl. z.B. Rauen, Coachingreport). Qualitätsvolles Coaching kommt an Evaluation nicht vorbei. Greif entwickelt hierzu ein entsprechendes Strukturmodell.

Kapitel 4: Mehrebenencoaching als Zukunftsperspektive

War das Kapitel 3 einem dyadischen Coachingsetting gewidmet, so kommen nun Mehrpersonensettings wie z.B. Teamcoaching und weitere Systemebenen wie Gruppe, Organisation, Gesellschaft und Welt in einer systemischen Sichtweise in den Blick. Die Interaktion zwischen den einzelnen Systemebenen und ihrer Bedeutung füreinander wird reflektiert. Daraus ergeben sich Konzepte wie Mehrebenencoaching, Organisationscoaching, Gruppencoaching etc. Auch hier wird es zur Qualitätsfrage, ob Coaching die unterschiedlichen Systemebenen erfassen und in ein Beratungskonzept integrieren kann. Hier lauert freilich Überkomplexität: ein Coach auf der einen, zahlreiche Systemebenen auf der anderen Seite. Hier kann, entsprechend systemischer Theorie, nur Differenzierung helfen: In Zukunft wird es noch mehr als bisher auf Spezialisierungen ankommen, wenn Coaching sich insgesamt als qualitätsvolles Beratungsformat beweisen will. Das Buch endet mit einem Appell: "Alle sind gefordert und können die Zukunft der Coachingforschung und eine wissenschaftlich fundierte Coachingausbildung fördern!" (S. 358)

Diskussion

Das Buch atmet spürbar universitären Geist: im Vordergrund steht die Wissenschaft. Das ist, was das Fach Coaching angeht, ungewohnt. Da beherrschen die Praxisratgeber und die Monographien zu besonderen Coaching-Feldern die Szene. Das führt leicht zu einer pragmatischen Theorieverflachung: begründet ist, was sich in der Praxis bewährt. Methodenklappern gehört zum Handwerk, und wenn Coaching nicht mehr sein will, mag das reichen. Sympathischer sind mir Konzepte, die Coaching als ein in Quellfächern wie Psychologie, Soziologie, Pädagogik, Betriebswirtschaft etc. gut verwurzeltes Beratungsformat beschreiben, das auch in akademischen Diskursen bestehen kann. Es ist anzunehmen, dass in absehbarer Zukunft psychosoziale Beratung ähnlich geregelt wird wie es im psychotherapeutischen Bereich schon geschehen ist. Vor solchen Regelungen werden nur die Beratungsformate bestehen können, die zum einen wissenschaftlich gut begründet sind und zum anderen ihre Wirksamkeit durch anerkannte Verfahren nachweisen können. Die Arbeit von Greif ist ein großer Schritt in diese Richtung.

Manche LeserInnen werden allerdings gegenüber der akademisch gefärbten Schreibweise fremdeln, vor allem Praktiker, die sich "mit allen Wassern gewaschen" haben, und Coaches, die eher aus der sozialpädagogischen Tradition kommen. Beide werden sich zum Beispiel fragen, warum sie sich umfangreich mit konfuzianisch geprägten Kulturen befassen sollen, obwohl sie gar keine Coachingaufträge in Peking haben. Oder sie werden an technokratisch klingenden Formulierungen hängenbleiben wie z.B.: "Optimales Kalibrieren der Affekte zur Förderung der bewussten Selbstreflexion" (S. 93). Ich möchte Mut mache, dem Buch gegenüber dennoch offen zu bleiben – es gibt viel zu gewinnen! Zunächst dieses: Eine anthropologische Begründung von Selbstreflexions- und Selbstentfaltungspotentialen, die durch Coaching aktiviert und gefördert werden. Weiter ein solider, wissenschaftlich reflektierter Überblick über das Fach – mit dem besonderen Akzent motivationspsychologischer Zugänge. Eine gute Einordnung in systemische Konzepte. Hilfreiche Gedanken zum Thema Evaluation. Viele (!) praxisrelevante Erkenntnisse. Eine didaktisch gut aufbereitete Darstellung: Ausblick auf den Inhalt des Kapitels am Anfang, eine Auflistung der theoretischen Grundannahmen und der Praktischen Folgerungen am jeweiligen Ende. (Am Ende des Buches findet sich zusätzlich ein "Verzeichnis der Definitionen und Annahmen!) Und schließlich bietet das Buch ein 14seitiges, enggedrucktes Literaturverzeichnis – hilfreich für die wissenschaftliche Weiterarbeit.

Allerdings ist das Buch sehr voll: viele Seiten- und Nebengedanken sind benannt, markiert, manche ausführlicher dargestellt. Der Band stellt das Fach Coaching sehr differenziert dar – möglicherweise wird das dem einen oder der anderen zu differenziert sein. Manche Differenzierung scheint auch mehr dem akademischen Kontext als dem Fach geschuldet zu sein. Vermutlich ist das der tiefere Grund für den Satz im Vorwort: "Die Leser/innen, die sich nur für bestimmte Teilthemen interessieren, sollen immer auch einzelne Kapitel getrennt lesen können." (S.15) Das können sie in der Tat!

Fazit

Das Buch stellt einen wichtigen Schritt in der wissenschaftlichen Reflexion des Faches Coaching dar. Wer an diesem Diskurs teilnehmen will, wird an dem Band nicht vorbeikommen!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 27.10.2008 zu: Siegfried Greif: Coaching und ergebnisorientierte Selbstreflexion. Theorie, Forschung und Praxis des Einzel- und Gruppencoachings. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2008. ISBN 978-3-8017-1983-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6514.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


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