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Nina Baur, Jens Luedtke (Hrsg.): Die soziale Konstruktion von Männlichkeit

Cover Nina Baur, Jens Luedtke (Hrsg.): Die soziale Konstruktion von Männlichkeit. Hegemoniale und marginalisierte Männlichkeiten in Deutschland. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. 290 Seiten. ISBN 978-3-86649-110-6. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 42,70 sFr.
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Thema

Dieser Band ist der Versuch, den Status Quo der Männerforschung auf dem Hintergrund der gesellschaftsbezogenen Geschlechterforschung zu beschreiben. Darüber hinaus wird zu allgemeinen und spezifischen Themen aus diesem Bereich eine zusammenfassende Basis für weitergehende Forschung geschaffen.

AutorInnen

Bis auf wenige Ausnahmen sind die VerfasserInnen alle der jungen Generation zuzuordnen, die gerade dabei sind, sich vertiefend akademisch zu positionieren. Dies bringt vielfältige und kräftige Impulse mit sich.

Aufbau

Dieser Band teilt sich nach einer einleitenden Rundumschau zum Thema Männerforschung in drei Teile.

  1. Zunächst beleuchten drei Beitrage die Frage, wie sich Männlichkeiten heute in der Praxis konstruieren lassen.
  2. Anschließend sind vier Beiträge dem Wandel von Männlichkeiten in Hinsicht auf deren Ausgestaltung von Familie und Beruf gewidmet.
  3. Abschließend wenden sich sechs Artikel solchen Männern zu, die durch die Zugehörigkeit zu Subgruppen abweichende oder besondere Ausformungen von Männlichkeiten repräsentieren. Inhaltlich greifen die Beiträge sowohl auf bereits existierende Erkenntnisse zurück, als auch auf eigene Studien und Untersuchungen der AutorInnen.

Der einleitende Beitrag zum Stand der Männerforschung von Nina Baur und Jens Luedtke verweist zugleich auf den jeweiligen Rahmen, innerhalb dessen die thematischen Beiträge anzusiedeln sind.

1. „Mann(sein) und Männlichkeiten als soziale Konstruktion“

Im ersten Teil finden sich folgende Beiträge.

Michael Meuser beschreibt Möglichkeiten der Männlichkeitskonstruktion durch den Wettbewerb unter Männern. Zentral sind hier die Frage nach Zugehörigkeit, Ausschluss und Hierarchie.

Sabine Jösting beleuchtet die geschlechtshomogene Praxis bei Jungen. Ihr Ergebnis für den Bereich der Jungenfreundschaften hebt die Bedeutung von gemeinsamer Aktivität und ebenso die Bedeutung von Technik und Sport als gemeinsame Interessensfelder hervor.

Kathrin Huxel wendet sich der Bedeutung von Ethnizität für die Ausgestaltung von Männlichkeit zu. Sie begründet die Notwendigkeit einer differenzierten Sichtweise auf diesen Zusammenhang und problematisiert vereinfachende Erklärungszusammenhänge.

2. „`Erwachsene` Männlichkeiten im Wandel: Männer zwischen Beruf und Famile“

Im zweiten Teil finden sich folgende Beiträge:

Nina Baur und Jens Luedtke berichten über die Bedeutung der Erwerbsarbeit für männliche Identitätsstiftung bei Westdeutschen Männern anhand der Ergebnisse einer Befragung aus dem Jahr 2006. Sie unterstreichen die nach wie vor hohe Bedeutung, die der Erwerbsarbeit für Männer gegeben wird und sehen Veränderungen nur unter Vorbehalt.

Sylka Scholz wendet sich der Bedeutung von Erwerbsarbeit als Basis für Männlichkeit bei Ostdeutschen Männern zu. Anhand der Analyse von Lebensläufen beschäftigt sich die Autorin hier mit Widersprüchen, die sich aus Erlebtem und Zugeschriebenem ergeben. Die Bedeutung der Erwerbsarbeit wird auch hier als sehr hoch eingestuft.

Ana Buschmeyer beleuchtet Männlichkeitskonstruktionen Teilzeit arbeitender Väter. Sowohl in der gelebten Praxis, als auch in der Bewertung von Vätern und Müttern, die Teilzeit arbeiten finden sich enorme Unterschiede. Für die Entscheidung von Vätern zu Teilzeit Arbeit macht Ana Buschmeyer persönliche Interpretationen von Väterlichkeit und/oder den Einfluss von Milieu verantwortlich.

Karsten Kassner analysiert die Männlichkeitskonstruktionen von „neuen Vätern“. Er verweist auf einen bisherigen Mangel an Verknüpfung zwischen theoretischer Annäherung an die mit diesem Thema verbunden Fragen und entsprechender empirischer Forschung. In seiner Untersuchung wendet er sich zentralen Fragen aus diesem Lebensbereich zu.

3. „`Abweichende` Männlichkeiten in Subgruppen?“

Im dritten Teil finden sich folgende Beiträge:

Jens Luedeke untersucht Gewalt als männliches Dominanzverhalten bei Schülern. Er interpretiert dabei die Ergebnisse einer Längsschnittstudie zu diesem Thema mit den Erhebungszeitpunkten 1994, 1999 und 2004.

Paul Scheibelhofer beschreibt Ehre und Männlichkeit bei jungen türkischen Migranten. Er diskutiert auf aktuellem theoretischem Niveau und illustriert Zusammenhänge anhand von drei Fallstudien.

Anke Neuber berichtet über Gewalt und Männlichkeit bei inhaftierten Jugendlichen. Zur Erhellung verbindet sie Interpretationen aus der Gewalt – und aus der Männerforschung zu einer schlüssigen Kombination. Dies wird anhand der Beispiele zweier junger Männer untermauert.

Kurt Möller zeigt Zusammenhänge zwischen Körperpraxis und Männlichkeit bei Skinheads auf. Er beschreibt die Szene in Bezug auf ihre jugendkulturellen Erscheinungsformen und interpretiert diese Äußerungsformen hinsichtlich ihrer Relevanz für männliche Identitätsstiftung.

Christiane Howe beleuchtet Männer(bilder) im Rahmen von Prostitution. Sie nähert sich dem Thema über die allgemeine Bedeutung von Sexualität in der Geschlechterdiskussion an. Den Männern als Freier nähert sie sich über bestehende Forschung.

Claudia Krell widmet Ihren Beitrag dem Männerbild von Lesben und Schwulen. Hier greift die Autorin die Konstruktion von Männlichkeiten bei homosexuellen Männern und Frauen auf. Bei beiden Gruppen scheitert die traditionelle Konstruktion an der geschlechtshomogenen PartnerInnenwahl, dennoch sieht die VerfasserIn viele Parallelen zu herkömmlichen Konstruktionen.

Diskussion

In allen Beiträgen finden sich Erkenntnisse bundesweiter und internationaler Geschlechterforschung wieder. Die starke Präsenz von Pierre Bourdieu und Raewyn Connell zieht sich wie ein roter Faden durch diese Arbeiten und wird immer zweckhaft eingesetzt.

Besonders hervorzuheben ist der dritte Teil, da sich hier das Interesse von PraktikernInnen laben kann, wenn es um das Verständnis für die alltägliche Bedeutung des Themas bei bestimmten Zielgruppen geht.

Der Band hält was er verspricht und das aussagekräftige Inhaltsverzeichnis führt die LeserIn zielsicher zu persönlich relevanten Kapiteln.

Fazit

Unbedingt lesenswert; Viele Anregungen; Viele gute Fragen und viele gute Lösungen.


Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Gregor Prüfer
M.A. Päd. / Dipl. Soz.-Päd.(FH) War lange tätig in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit; Aktiv in der Vernetzung von Jungenarbeit in München seit 1993 (www.netzwerk-jungenarbeit.de), freiberuflicher Fortbildungsreferent zu Themen der Genderpädagogik und zu Gender Mainstreaming seit 1999. Seit 2005 Mitarbeiter im Münchner Informationszentrum für Männer mit den Schwerpunkten Männerberatung und Gruppenarbeit für Männer mit Gewalthintergrund (www.maennerzentrum.de), seit WS 2008/09 auch Lehrbeauftragter an der Katholischen Stiftungshochschule München (www.ksh.de). Seit 2011 außerdem Mitarbeiter am Pädagogischen Institut in München, zuständig für Geschlechtergerechte Pädagogik und Jungenförderung an den Städtischen Münchner Schulen (www.pi-muenchen.de).
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Zitiervorschlag
Gregor Prüfer. Rezension vom 31.10.2009 zu: Nina Baur, Jens Luedtke (Hrsg.): Die soziale Konstruktion von Männlichkeit. Hegemoniale und marginalisierte Männlichkeiten in Deutschland. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. ISBN 978-3-86649-110-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6520.php, Datum des Zugriffs 25.02.2021.


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