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Jochen Korte: Erziehungspartnerschaft Eltern - Schule

Cover Jochen Korte: Erziehungspartnerschaft Eltern - Schule. Von der Elternarbeit zur Elternpädagogik. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2008. 128 Seiten. ISBN 978-3-407-62599-1. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 38,40 sFr.

Reihe: Pädagogik - Praxis.
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Thema

Die Ergebnisse der Pisa-Studie sorgten in Deutschland für Furore. Woran mag es liegen, dass unsere Kinder im Vergleich zu Kindern aus anderen Ländern so schlecht in den schulischen Leistungen abschneiden? Werden alle pädagogischen Maßnahmen, die sich bieten, in rechter Weise genutzt? Welche Ressourcen wurden bisher nicht gesehen und nicht genutzt? Dies sind einige Fragen, die nach der Veröffentlichung der Pisa-Studie die Debatten beherrschten. Bei der kritischen Auseinandersetzung und bei der Suche nach Lücken und Versäumnissen wurde die Zusammenarbeit mit Eltern entdeckt. Fungierten bisher Eltern von Schülern und Schülerinnen überwiegend als Nachhilfelehrer, so sollen sie in Zukunft zu Partnern der Lehrer/innen werden. Die vorliegende Veröffentlichung legt dazu ein Konzept vor, das Eltern mehr an die Schule binden soll.

Entstehungshintergrund

Das Buch „Erziehungspartnerschaft Eltern – Schule“ von Jochen Korte ist das Ergebnis langjähriger Praxiserfahrungen des Autors, der als Direktor einer Förderschule in Schleswig-Holstein tätig war. Das Konzept der Elternpädagogik, das hier begründet und ausgearbeitet wird, hat sich nach Auskunft des Autors schon vielfach bewährt. Zugleich tragen die praktischen Vorschläge überzeugend den Stallgeruch der handfesten Umsetzung. Alles in allem ein Buch aus der Praxis und für die Praxis.

Aufbau

Wenngleich die handwerkliche Umsetzung der Elternpädagogik im Zentrum der Darstellung steht, so sind immerhin theoretische Überlegungen und praktische Umsetzung miteinander verknüpft. Folglich gliedert sich die Veröffentlichung in folgende zwei Teile:

  • Teil 1: Von der Elternarbeit zur Elternpädagogik
  • Teil 2: Elternpädagogik in der Praxis

1. Von der Elternarbeit zur Elternpädagogik

Im ersten Teil wird deutlich gemacht: Wegen der veränderten gesellschaftlichen Bedingungen soll in der Schule die Elternarbeit ausgeweitet und intensiviert werden hin zu einer Elternpädagogik. Wobei der Autor einräumt, dass bisher die Bezeichnung „Elternpädagogik“ kaum Eingang in die pädagogische Fachdebatte gefunden hat. Ziel und Aufgabenbereiche einer Elternpädagogik in der Schule werden so festgelegt: „Elternpädagogik erweitert das Tätigkeitsfeld von Elternarbeit in der Schule erheblich. Hier ist an Maßnahmen zu denken, die sich formal und inhaltlich von konventioneller Elternarbeit weit absetzen. Sie konkretisiert sich z.B. in der Durchführung von Elternkursen, im Angebot einer Erziehungsberatung, in der Organisation einer schulbegleitenden Elternschule, in der Organisation aufsuchender Elternarbeit und anderen Maßnahmen, die darauf abzielen, Eltern zur Erziehung anzustiften, sie bei der Erziehung ihrer Kinder zu unterstützen, ihr pädagogisches Grundwissen zu erweitern. Im Rahmen des hier vorgestellten Konzepts setzt Elternpädagogik in Fällen deutlicher Fehlerziehung oder grober Vernachlässigung von Kindern nicht nur auf Förderung, sondern auch auf Forderung und Kontrolle. Wichtig ist der Hinweis, dass über den Rahmen der Schule hinaus Einfluss auf das Verhalten der Eltern ausgeübt werden soll. Lehrkräfte, die Elternpädagogik betreiben, warten nicht bis zum Konfliktfall, um Kontakt mit Eltern herzustellen, sie gehen auf die Kinder zu und machen Angebote, um ihnen das schwierige Geschäft des Erziehens zu Erleichtern.“ (Seite 13) Die nächsten Abschnitte erörtern organisatorische Fragen zur Einführung und Durchführung einer Elternpädagogik an Schulen. Beispielsweise wird in folgenden drei Schritten gezeigt, wie dieses Konzept eingeführt werden kann: Erster Schritt: Änderung der Einstellung zur Elternarbeit. Zweiter Schritt: Bereitstellung von Ressourcen. Dritter Schritt: Erarbeitung eines Gesamtkonzepts.

2. Elternpädagogik in der Praxis

Im zweiten Teil werden die angekündigten Aktionen für den Einsatz im Alltag aufbereitet. Jedes zubereitete Arbeitsfeld der Elternpädagogik ist nach gleichem Muster aufgebaut: Kurze Vorüberlegungen von ein bis zwei Seiten machen mit dem Thema vertraut, dann folgen Praxisvorlagen in Form von Briefen, Einladungen, Protokollbögen, Handzetteln, Poster, Merkblätter, Erziehungspläne. Folgende Praxisfelder werden in der geschilderten Form aufbereitet: Individuelle Erziehungsberatung, Telefonische Erziehungsberatung, Einrichtung einer Erziehungshomepage, Anfertigung von Elternbriefen, Intervention bei schwierigen Fällen, Benennung einer Verbindungslehrkraft für Eltern, Aktion gegen Handymissbrauch, Aktion gegen zu lautes Musikhören. Dazwischen gibt es noch zwei pragmatische Abschnitte: Einer zeigt, wie es gelingen kann, Eltern für diese Aktionen zu begeistern; im zweiten Abschnitt finden sich Miniposter, die zur tatkräftigen Erziehung motivieren sollen.

Diskussion

Wie die inhaltliche Darstellung bereits deutlich werden ließ, ist die Publikation für den sofortigen Einsatz einer Elternpädagogik in der Schule konzipiert. Dies wird einmal an der rudimentären theoretischen Auseinandersetzung zum Schwerpunkt Elternarbeit deutlich und zum anderen an den umfangreichen Kopiervorlagen, Listen, Bögen und Briefen. Diese praktischen Vorschläge und Materialien nehmen nahezu die Hälfte der Veröffentlichung ein. Es ist fraglich, ob sich die Interessenten/innen einer Elternpädagogik so umfänglich mit Kopiervorlagen eindecken wollen.

Große Fragezeichen muss man bei dem Konzept einer „Elternpädagogik“ anbringen. Wenn auch vereinzelt das Wort „Partnerschaft“ fällt, so drängt sich doch insgesamt der Eindruck auf, dass Eltern in Oberlehrermanier unterrichtet und ihr Verhalten verändert werden sollte. Ein Unterfangen, das völlig an der Realität vorbeigeht. Aber es kommt noch schlimmer: Lehrer/innen sollen Erziehungsberatung anbieten, ohne jemals auf Beratungsgespräche vorbereitet worden zu sein. Deshalb gibt es in der Veröffentlichung auch keine Überlegungen dazu, wie fachgerecht eine Beratung durchzuführen sei. Äußerst missliche Voraussetzung, vor allem wenn man bedenkt, dass es den Lehrer/innen bis heute nicht gelingt, den Unterrichtsstoff so den Kindern zu präsentieren, dass sie ohne Nachhilfe gute Lernleistungen vorweisen könnten. Wenn es bei Lehrern in ihrem angestammten Arbeitsfeld so eklatante Mängel gibt, wie sollen sie dann noch fachgerechte Beratung leisten können?

Die Kurztexte und Miniposter enthalten überwiegend negative Aussagen und indirekte bzw. direkte Drohungen. Damit widersprechen sie allen motivationspsychologischen Erkenntnissen. Abgesehen von der überzogenen Zielsetzung einer Elternpädagogik lassen sich eine Reihe praktischer Vorschläge zur herkömmlichen Elternarbeit an Schulen vorteilhaft verwenden.

Fazit

Wer für die Elternarbeit in der Schule Vorlagen zum Kopieren sucht, ist mit der Veröffentlichung gut bedient. Sehr fraglich bleibt, ob ein brauchbares Konzept für die Zusammenarbeit mit Eltern in der Schule durch die Anregung auf den Weg werden kann.


Rezension von
Michael Schnabel
Staatsinstitut für Frühpädagogik, München


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Zitiervorschlag
Michael Schnabel. Rezension vom 20.05.2009 zu: Jochen Korte: Erziehungspartnerschaft Eltern - Schule. Von der Elternarbeit zur Elternpädagogik. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2008. ISBN 978-3-407-62599-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6534.php, Datum des Zugriffs 21.01.2022.


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