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Carsten Rohlfs , Marius Harring u.a. (Hrsg.): Kompetenz-Bildung (Kinder und Jugendliche)

Cover Carsten Rohlfs , Marius Harring, Christian Palentien (Hrsg.): Kompetenz-Bildung. Soziale, emotionale und kommunikative Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 362 Seiten. ISBN 978-3-531-15404-6. 29,90 EUR.
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Thema

Vor dem Hintergrund veränderter Bedingungen des Aufwachsens wird in der fachöffentlich geführten Bildungsdiskussion der Förderung sozialer, emotionaler und kommunikativer Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen eine zunehmende Bedeutung zugemessen. Neben Fachkompetenzen geht zunehmend auch um Team-, Kompromiss- und Kooperationsfähigkeit sowie Flexibilität, emotionale Belastbarkeit oder (interkulturelle) Kommunikationsfähigkeit. Die Förderung dieser soft skills kann eine Verbesserung des sozialen Klimas in einer Klasse oder Schule sowie des Leistungsverhaltens zur Folge haben. Ist aber Schule der richtige Ort, um soziale, emotionale und kommunikative Kompetenz aufzubauen? Dieser und ähnlichen Fragen gehen die Beiträge des Bandes aus einer interdisziplinär (z. B. soziologisch oder psychologisch) ergänzten Perspektive nach.

Herausgeber

Herausgeber des Bandes sind drei Wissenschaftler aus dem Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften der Universität Bremen: Dr. Christian Palentien (Professor für das Arbeitsgebiet „Bildung und Sozialisation“) und die beiden wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Carsten Rohlfs und Marius Harring.

Aufbau und Inhalt

In ihrer Einführung in die Thematik thematisieren die Herausgeber die in den zurückliegenden Jahren zugespitzte Engführung des Bildungsbegriffes - etwa im Kontext der Ergebnisse der PISA-, IGLU- und TIMSS-Studien und der Diskussion zu und über die sog. „Bildungsverlierer“; dabei stünden „pointiert formuliert … die überfachlichen Kompetenzen im Dienst der fachlichen, Persönlichkeitsentwicklung geschieht nicht auch um seiner Selbst willen, sondern als Mittel zum Zweck, zur Erhöhung der Effizienz schulischen Unterrichts“. (S. 12)

Dagegen stellen Rohlfs, Harring und Palentien, dass Allgemeinbildung „weit mehr als nur das oftmals synonym verwandte Allgemeinwissen“ sei und Bildung sich nicht auf die Entfaltung fachlicher Kompetenzen reduzieren lasse. Vielmehr müsse es um eine „Differenzierung formaler, informeller und non-formaler Bildung“ und die Konturierung „unterschiedliche(r) Bildungsorte und Formen von Bildungsprozessen“, also um einen „»neuen« Bildungsbegriff“ (vgl. S. 10f). Grundlegend für die Debatte halten sie dabei den von Franz E. Weinert entwickelten Kompetenzbegriff als „die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können“ (S. 13).

Damit müssten sowohl fachbezogene als auch überfachliche Fähigkeiten und Fertigkeiten in den Mittelpunkt der Kompetenz-Bildung gestellt werden. Bildung in diesem Sinne müsse „wieder Raum geben für die Entwicklung der gesamten Persönlichkeit“. Hier schließt der vorliegende Band an; Rohlfs, Harring und Palentien möchten die Diskussion um Bildung und Kompetenzen einem umfassenden, interdisziplinären und - dem Paradigma der aktuellen Bildungsdiskussion entsprechend - formale, informelle und non-formale Bildungsorte und -prozesse einbeziehenden Blick auf die überfachlichen Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen in ihren wichtigsten Facetten öffnen.

Diesen (Vor-) Überlegungen folgt eine sinnvolle Viergliederung der Veröffentlichung:

  1. Unter der Kapitelüberschrift „Begriffe, Möglichkeiten und Grenzen“ setzt sich zunächst Dr. Heike de Boer (Pädagogische Hochschule Freiburg/Brsg.) mit grundlegenden Begriffen des Prozesses der Bildung sozialer, emotionaler und kommunikativer Kompetenzen auseinander (S. 19 – 33), während sich anschließend Dr. Roland Reichenbach (Professor an der Universität Basel) kritisch mit destruktiven Potentialen des Kompetenzdenkens befasst (S. 35 – 52). In der theoretischen Rahmung werden die überfachlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten von Kindern und Jugendlichen in soziale, emotionale und kommunikative Kompetenzen unterschieden, um einen differenzierteren Zugang zu dem doch recht konturlosen Feld der soft skills zu eröffnen.
  2. Veränderungen in den Bedingungen des Aufwachsens junger Menschen stehen im Mittelpunkt des zweiten Kapitels („Wandel und Entwicklung“, S. 53 - 190), wobei Dr. Klaus Hurrelmann (Professor an der Universität Bielefeld) die veränderten Bedingungen des Aufwachsens klärt, Prof. Dr. Werner Thole und Davina Höblich (beide Universität Kassel) „‚Freizeit‘ und ‚Kultur‘ als Bildungsorte - Kompetenzerwerb über non-formale und informelle Praxen von Kindern und Jugendlichen“ analysieren und Dr. Anna Brake (Universität Münster) den Wandel familialen Zusammenlebens und seine Bedeutung für die (schulischen) Bildungsbiographien der Kinder“ aufarbeitet. Prof. Dr. Ursula Carle und Diana Wenzel (beide von der Universität Bremen) stellen „Facetten Frühkindlicher Bildung in Familie und Kindergarten“ dar, Dr. Hans-Günter Rolff (em. Prof. an der Universität Dortmund) diskutiert unter dem Titel „Vom Lehren zum Lernen, von Stoffen zu Kompetenzen“) diskutiert Unterrichtsentwicklung als Schulentwicklung, und abschließend geht Annette Franke (Universität Dortmund) der Frage nach, wie sich Arbeitsmarktkompetenzen im sozialen Wandel entwickeln. Die Autor/inn/en dieses schon rein quantitativ umfangreichsten Kapitels der vorliegenden Veröffentlichung zeigen damit mögliche Auswirkungen auf bzw. Anforderungen an die sozialen, emotionalen und kommunikativen Kompetenzen der Heranwachsenden und diskutieren erste Schlussfolgerungen.
  3. Stärker die Praxis reflektierend präsentieren sich die Aufsätze im dritten Teil, der Perspektiven für Schule und Unterricht in den Mittelpunkt stellt; hier werden im Anschluss an die im zweiten Kapitel aufgezeigten Wandlungstendenzen und Entwicklungslinien entfaltet: Dr. Susanne Thurn (Laborschule Universität Bielefeld) setzt sich mit emotionaler, sozialer und kommunikativer Bildung durch Teilhabe an Verantwortung (S. 191 - 207) auseinander, Dr. Susanne Miller (Professorin an der Fakultät Bildungs- und Sozialwissenschaften der Universität Oldenburg) reflektiert über den Umgang mit Heterogenität und die Stärkung der Selbst- und Sozialkompetenz von Kindern in Risikolagen (S. 209 - 224), Dr. Falko Peschel (Grundschullehrer und Dozent an den Universitäten Köln, Siegen, Bremen und Koblenz) legt einen Aufsatz unter dem Titel „Soziale, emotionale und kommunikative Kompetenzen zulassen - in konsequentes Modell der Öffnung von Unterricht“ (S. 225 - 238) vor, Dr. Ulrich Trautwein und Dr. Oliver Lüdtke (beide vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung) diskutieren die Herausforderungen und Chancen der Selbstregulation durch Hausaufgaben (S. 239 - 251), Marius Harring prüft Schule und Jugendverbände als Vermittler sozialer Kompetenzen bei der Integration jugendlicher Migrantinnen und Migranten (S. 253 - 274) und das Autorenkollektiv Falk Radisch, Dr. Ludwig Stecher, Dr. Natalie Fischer und Dr. Eckhard Klieme (Goethe-Universität bzw. Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt/Main) gehen der Kompetenzentwicklung in Ganztagsschulen nach (S. 275 - 288).
  4. Abschließend stehen im Mittelpunkt des vierten Kapitels („Projekte zur Förderung“) ausgewählte Projekte, die der Entwicklung sozialer, emotionaler und kommunikativer sowie auch fachlicher Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen dienen. Besonders dieses vierte Kapitel macht den vorliegenden Band hilfreich für die Debatte, denn hier kommen interessante Beispiele aus der Praxis zum Vorschein: Carsten Rohlfs (S. 289 – 306) reflektiert zunächst Kompetenzentwicklung als Förderung sozialer, emotionaler und kommunikativer Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen durch Mentoring am Beispiel der Bremer DINA-Initiative (Diagnose - Förderung - Ausbildung), Dr. Ariane Garlichs (Professorin an der Universität Kassel) stellt „Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung im Kasseler Schülerhilfeprojekt“(S. 307 – 325) vor, Dr. Ute Geiling (Professorin an der Universität Halle-Wittenberg) und Dr. Ada Sasse (Professorin an der Humboldt-Universität Berlin) setzen sich mit dem Schülerhilfeprojekt Halle (S. 327 – 339) sowie Dr. Gisela Steins (Professorin an der Universität Duisburg-Essen) und Dr. Michael Maas (Deutscher Kinderschutzbund Essen) mit dem Schülerhilfeprojekte Essen (S. 341 – 351) als Orten sozialen Lernens und der Aneignung sozialer Kompetenzen auseinander, während abschließend Dr. Brigitte Kottmann (Universität Bielefeld) das Bielefelder Projekt „Schule für alle“ als Vorhaben zur Förderung fachlicher und überfachlicher Kompetenzen beschreibt (S. 353 – 362).

Zielgruppen

Der Band richtet sich an Studierende der Erziehungswissenschaft, Sozialpädagogik, Soziologie und Psychologie sowie Lehrende dieser Disziplinen, Erziehungswissenschaftler/innen, Soziolog/inn/en, Lehrer/innen und Fachkräfte der Sozialen Arbeit. Sie alle können gleichermaßen profitieren: die Einen, um sich zu orientieren, die Anderen, um Diskussionsfäden aufzugreifen und in der eigenen Lehre und Praxis weiterzuspinnen.

Fazit

Die vorliegende Publikation erweist sich hilfreich für den Fachdiskurs zur Kompetenz-Bildung an Schulen, insbesondere dann, wenn in diesen Prozess eingestiegen werden soll. Auch wenn die theoretische Dimension dominiert und die Praxis (etwas) kürzer zu Wort kommt, können die Denkanstöße für die Entwicklung, Entfaltung und Gestaltung dieser Prozesse unterstützend sein, auch wenn die in der schulischen und auch außerschulischen Praxis bereits landauf, landab entwickelten Projekte einer Praxis der Kompetenz-Bildung durchaus noch poinitierter und umfangreicher Eingang hätten finden können.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 05.02.2009 zu: Carsten Rohlfs , Marius Harring, Christian Palentien (Hrsg.): Kompetenz-Bildung. Soziale, emotionale und kommunikative Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-15404-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6536.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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