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Lotte Hartmann-Kottek: Gestalttherapie

Cover Lotte Hartmann-Kottek: Gestalttherapie. Springer (Berlin) 2008. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. 512 Seiten. ISBN 978-3-540-75743-6. 44,95 EUR, CH: 65,50 sFr.
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Thema

„Jazz is not dead – it just smells funny!“ (Frank Zappa) – Auch die Gestalttherapie scheint lebendiger zu sein, als man vermuten könnte. Aber sie riecht auch nicht komisch. Sicher, ihre „Boomzeit“ in den 1970er und 1980er Jahren liegt schon deutlich zurück. Sie galt und gilt vielen wohl als eine der eher exotischeren, schillernden Therapieformen, die immer um ihre offizielle Anerkennung, auch im Rahmen der Kassenabrechnung, kämpfen musste, die mit einer sehr eigenen Theorie und Terminologie operiert – und die mit Fritz Perls von einer sehr umstrittenen „Gründerfigur“ geprägt ist. Im Reigen der humanistischen Therapieverfahren steht sie im Bekanntheitsgrad sicher hinter der Klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie nach Rogers zurück – hat andererseits aber einen sehr breiten Kontext von Konzepten und Methoden entwickelt und mit Konzepten wie Gestaltberatung oder Gestaltpädagogik Einflüsse weit in die Beratungsarbeit sowie Pädagogik und Sonderpädagogik hinein ausgeübt. Auch arbeiten viele Psychotherapeuten mit dem Gestaltansatz, ob explizit oder auch implizit, ob in Reinform oder im Rahmen eklektischer Ansätze.

In den letzten Jahren schien es dennoch etwas still geworden um die Gestalttherapie, aber sie und ihre Vertreter sind nach wie vor sehr lebendig. Das hier betrachtete Buch ist ein sehr deutliches Zeichen dafür.

Autorin, Mitautorinnen und Mitautoren

Die Autorin, Diplom-Psychologin und Ärztin, ist Lehrtherapeutin für Gestalttherapie in Kassel. Nach zehn Jahren Leitung einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Abteilung mit stationärer Gestalttherapie hat sie eine eigene Praxis begründet. Sie arbeitet auch in der tiefenpsychologischen Aus- und Weiterbildung.

Die Mitautorinnen und Mitautoren der 2. Auflage sind in verschiedenen Praxisfeldern oder an Hochschulen tätig. Darunter sind namhafte Vertreter der Fachszene Humanistischer Psychotherapie wie Willi Butollo, Victor Chu, Wolfgang Looss oder Helmut Pauls.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch ist seit 2004 auf dem Markt und erschien 2008 in einer überarbeiteten und erweiterten 2. Auflage. 14 neue Beiträge sind hinzugekommen. Das von einer Hauptautorin (bei Mitarbeit eines anderen Autors) geschriebene Buch sollte damit durch Beiträge von Praktikern bereichert werden. Auch die entsprechenden ergänzenden Themen sind insbesondere praxisorientiert.

Aufbau und Inhalt

„Gestalttherapie“ ist in der 2. Auflage in zwölf Hauptkapitel gegliedert:

  1. „Was ist Gestalttherapie“ enthält Definitionen und Abgrenzungen, diskutiert aber recht ausführlich auch die „Schnittmengen“ zu anderen Therapieverfahren.
  2. Die kleine „Geschichte der Gestalttherapie“ orientiert sich stark an Lebensweg und Lebenswerk von Fritz und Laura (Lore) Perls. Spätere Entwicklungen bleiben hier eher außen vor.
  3. Hauptkapitel 3 widmet sich der „Gestaltpsychologie“ und ihren Grundannahmen zu Wahrnehmungsphänomenen und -prozessen (etwa Wahrnehmung von Gestalten, Feldkonzept oder den Teil-Ganzes-Bezügen).
  4. „Theoretische Bezüge zu ‚Teil und Ganzes‘“ – hier erfolgt der Bezug der Grundgedanken, insbesondere auch aus der Gestaltpsychologie, auf das gestalttheoretische Kontakt- und Persönlichkeitsmodell. Grundkonzepte wie Bewusstsein, Wachstum, Beziehung und Begegnung oder Krise kommen zur Sprache, auch illustriert und erläutert anhand graphischer Modelle.
  5. „Krankheits- und Störungslehre“: Hier wird zunächst das Verhältnis von Gesundheit und Krankheit aus gestalttheoretischer Perspektive erörtert. Ein breites Kapitel widmet sich dem für dieses Konzept typischen phänomenologischen Zugang zum Klienten. Möglichkeiten und Schwierigkeiten des Anschlusses an internationale Klassifikationssysteme werden diskutiert und, auf Basis der eigenen Krankheitslehre, ein Vorschlag für eine wachstumsorientierte Klassifikation gemacht, welche Bezug auf zentrale ICD-Kategorisierungen nimmt. Störungskategorien aus gestalttherapeutischer Perspektive beschließen das Kapitel. Verschiedene Materialien wie Diagnostikbogen oder eine Übersicht zu Krankheits- und Störungskategorien sind eingebunden.
  6. „Allgemeine Behandlungsmethodik (bei Standardbelastbarkeit)“: Nach allgemeinen werden spezielle Rahmenvorgaben vorgestellt. Letztere beinhalten auch eine sehr differenzierte Betrachtung verschiedener für die Gestalttherapie typischer Stuhl-Techniken, auch unter Einbezug der Methode des Rollentauschs. Anschließend werden Traumarbeit, Einsatz von kreativen Medien sowie Gestalt in der Körperarbeit thematisiert. Drei breite Kapitel widmen sich verschiedenen Ansatzpunkten und Methoden zum kreativen Umgang mit der Zeit, mit dem Raum sowie mit „resonanzgesteuerter Zeitregression und Zeitprojektion“ (u.a. der Arbeit mit dem „inneren Kind“).
  7. „Die therapeutische Beziehung in der Gestalttherapie“ thematisiert „Ich und Du“ in der Therapie als zentrales Moment. Beziehungsebene, Deutungsabstinenz, Balance zwischen Führen und Geführwerden, Anpassung des Beziehungsangebots in Passung zur Entwicklung des Klienten stehen hier im Fokus, ergänzt durch die wichtige Frage der Burnout-Prophylaxe für Therapeuten und den neueren Ansatz der relationalen Gestalttherapie.
  8. „Spezielle Behandlungsmethodik“ fokussiert auf die Arbeit mit bestimmten „Problemgruppen“ bzw. besonderen Störungsformen: psychosenahen Formen und Strukturlabilität, Arbeit mit Abhängigkeitskranken sowie gestalttherapeutische Traumatherapie.
  9. „Setting-Varianten und Anwendungsbereiche“: Hier werden verschiedene Formen der Therapie von der Einzelarbeit über Paartherapie und Paarsynthese bis zu Familien-Gestalttherapie, dem Familienstellen (unter Bezug auf den Ansatz von Hellinger) sowie Gruppentherapie diskutiert, auch im Hinblick auf besondere Möglichkeiten und Grenzen. Anzumerken ist, dass im Hinblick auf das Familienstellen auch das Verhältnis von Ansatz und dessen Gründerperson kritisch erörtert wird. Anschließend wird der Gestaltansatz auf zwei besondere Altersgruppen bezogen: zum einen Kinder und Jugendliche, zum anderen ältere und alte Menschen. Auch gestalttherapeutische Organisationsberatung findet hier abschließend Berücksichtigung.
  10. „Verbreitung, Ausbildung und berufspolitische Diskussion“ erörtert insbesondere die heutige Situation der Gestalttherapie, auch im Bezug zu den offiziell stärker anerkannten „Regelverfahren“. Ausbildungsmöglichkeiten und Zugangsvoraussetzungen zur Ausbildung, ethische Richtlinien der eigenen Ethik-Kommission der DVG sowie Aspekte der Qualitätssicherung werden betrachtet.
  11. „Forschungsstand der Gestalttherapie“ bietet einen breiten Überblick vorliegender Studien zu den Effekten sowie auch den Prozessen dieses Ansatzes, auch im Vergleich mit alternativen Verfahren wie etwa behavioralen Therapieformen und auch differenziert bezogen auf unterschiedliche Störungsformen. Ausführlich werden Aspekte der wissenschaftlichen Weiterentwicklung diskutiert.
  12. „Anhang ‚Gestalttherapie – weltweit – in Aktion“ stellt Ausbildungsstätten dar: in Deutschland, ausgewählt für das sonstige Europa – sowie auch weltweit. Spezielle Adressen (Fachgesellschaft, Dachverband), Zeitschriften sowie Internetforen beschließen das Buch.

Diskussion

„Gestalttherapie“ erweist sich als ein beeindruckendes Werk mit enormer Stofffülle. Diese wurde durchweg sorgfältig erarbeitet. Die Wurzeln, Herkünfte und frühen Entwicklungswege des Gestaltansatzes werden ebenso deutlich wie ein umfassendes Bild späterer und aktueller Weiterentwicklungen von theoretischen Konzepten, praktischen Arbeitsweisen, unterschiedlichen Sichtweisen, spezifischen (theoretisch subdifferenzierten) Arbeitsformen sowie Übertragungen für bestimmte Gruppen (Störungen, Altersbereiche). Die Rezeption des Buches macht klar, mit welcher Dynamik sich der Ansatz zu einem seriösen, zeitgemäßen Konzept weiterentwickelt hat (und aktuell weiterentwickelt), welches mit anderen, formal bzw. öffentlich anerkannteren Therapieformen wohl mühelos mithalten kann und die unruhigen, mitunter in schwierige Pfade führenden Gründerzeiten der 1960er und 1970er Jahre hinter sich gelassen hat.

Besonders beeindruckend deutlich wird, etwa im 6. Hauptkapitel, die erhebliche Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung gestalttherapeutischer Methodik. Ebenso klar erkennbar wird jedoch auch die Dynamik der Entwicklung der Theoriebildung und neuerer Konzepte.

Umfangreich und differenziert ist der Forschungsüberblick zur Wirkung von Gestalttherapie. Hier wurde eine große Fülle von Studien zusammengetragen, in einen Überblick gebracht und re-analysiert. Dieses von Strümpfel geschriebene Kapitel stellt eine erhebliche Bereicherung des Bandes dar und macht die Wirkungspotenziale dieser Therapieform deutlich.

In formaler Hinsicht ist das Buch dicht gesetzt und damit inhaltlich beeindruckend voluminös. Zugleich ist es jedoch durch einen sehr professionellen, modernen, graphisch aufbereiteten Zweispaltensatz sehr angenehm zu lesen. Viele Kästen, Tabellen, Abbildungen und Randhinweise bereichern die Kapitel. Wichtige Begriffe und Leitlinien werden im Text nochmals gesondert herausgehoben. Hinzu kommen die „Quintaloge“, kleine Diskussionen zu den angesprochenen Themen, die zugleich auch auf das folgende Kapitel vorbereiten und dem Leser in lockerer Form weitere gedankliche Anregungen geben sollen. Gezielt wird auch die Ebene reinen „Lehrbuchwissens“ zugunsten einer Erfahrungsebene verlassen, wie bereits Perls, Hefferline und Goodman dies in ihren Grundlegungen praktiziert haben – so wird das Kapitel zu Körperarbeit zunächst durch Übungsangebote für Leser eingeleitet, um diesen Ansatz „erlebbar“ zu machen.

Als jemanden, der im Grenzland zwischen Gestalttherapie und pädagogischer Gestaltarbeit tätig ist, erstaunt mich, dass zentrale deutsche Arbeiten, welche die Gestalttherapie in die Pädagogik gebracht haben (etwa Fatzer oder Burow) nicht einmal im sehr ausführlichen Literaturverzeichnis erscheinen. Sie finden sich auch nicht unter weiterführender Literatur (hier aber immerhin Arbeiten von Bürmann). Auch wenn es in diesem Buch – eben – um Therapie geht, macht dies doch eine gewisse Spaltung zwischen den Einsatzbereichen des Gestaltansatzes deutlich, die im Grund bedauerlich ist. Hier liegt definitiv ein Entwicklungsland des Zusammenkommens – das ja kein „Zusammenfließen“ sein müsste.

Fazit

Zentrale Zielgruppen des Buches dürften Psychologen, Pädagogen, Sozialpädagogen, Sonder- und Heilpädagogen, Psychiater und Personen aus Erzieherberufen sein, die psychotherapeutisch arbeiten, ein psychotherapeutisches Interesse haben oder in Rand- und Bezugsbereichen der Psychotherapie tätig sind. Für diese, aber auch andere Zielgruppen bietet das Buch durchweg fundierte, dichte, zugleich transparent dargestellte und attraktiv aufbereitete Grundlagen und Vertiefungen zum Ansatz der Gestalttherapie – und stellt ein rundweg sehr empfehlenswertes Grundlagenwerk dar.


Rezensent
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
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Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 28.06.2011 zu: Lotte Hartmann-Kottek: Gestalttherapie. Springer (Berlin) 2008. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-540-75743-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6546.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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