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Jens Wurtzbacher: Urbane Sicherheit und Partizipation

Cover Jens Wurtzbacher: Urbane Sicherheit und Partizipation. Stellenwert und Funktion bürgerschaftlicher Beteiligung an kommunaler Kriminalprävention. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 290 Seiten. ISBN 978-3-531-15951-5. 29,90 EUR.

Reihe: Stadt, Raum und Gesellschaft.
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Thema

Ausgehend von den USA konnte man auch in Westeuropa seit Beginn der 1980er Jahre beobachten, wie sich der Umgang mit Fragen der Sicherheit und Kriminalität auf kommunaler Ebene veränderte. Im Rahmen kommunaler Kriminalprävention wuchs ein neues Selbstverständnis der beteiligten Akteure, wonach die Präventionsarbeit der Polizei stärker mit den Bürgern bzw. den Gemeinden, Institutionen und Gremien vor Ort verknüpft wurde. Wie sehen das tatsächliche Ausmaß, die Formen und Auswirkungen der nachbarschaftlichen Verankerung polizeilicher Arbeit aus? Um diese Fragen beantworten zu können, untersucht der Autor Jens Wurtzbacher anhand einer Fallstudie in Chicago die Situation in den USA und stellt ihr die kriminalpräventive Gremienarbeit in 12 deutschen Großstädten, inklusive vertiefender Fallstudien in Berlin und Stuttgart, gegenüber.

Autor

Jens Wurtzbacher, geb. 1972, studierte zunächst Sozialpädagogik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg sowie an der Evangelischen Fachhochschule Berlin. Anschließend schloss er ein Studium der Soziologie an der Freien Universität Berlin ab. Bei der vorliegenden Publikation handelt es sich um seine Dissertation, die an der Philosophischen Fakultät III der Humboldt-Universität Berlin entstand. Seit 2008 ist der Autor als wissenschaftlicher Referent beim Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. im Bereich Planung, Steuerung und Qualifizierung der sozialen Arbeit und sozialen Dienste tätig.

Aufbau

Die Studie von Jens Wurtzbacher wird von der zentralen Frage geleitet, „ob es tatsächlich zu einem dauerhaften Einbezug des lokalen Gemeinwesens in die polizeiliche Arbeit gekommen ist, (…) und wenn ja, mit welchen Folgen für die lokalen Netzwerke und die institutionellen Handlungsstrategien“ (S. 21). Sie ist unterteilt in insgesamt 11 Kapitel. Die ersten dienen der Grundlegung seiner Fragestellung und methodischen Vorgehensweise (Kap. 1-4). Im mittleren Teil stellt er die Entwicklung des Community Policing in den USA dar und vertieft dies anhand einer Fallstudie der Stadt Chicago (Kap. 5-6). Es folgt der Blick nach Deutschland. Ein Rückblick auf die Entwicklung der kommunalen Kriminalprävention wird ergänzt durch Untersuchungen in verschiedenen Großstädten und zwei Fallstudien (Kap. 7-10). Die Ergebnisse dieser Untersuchungen werden in einem abschließenden Fazit zusammengeführt (Kap. 11).

Inhalt

Um seine zentrale Forschungsfrage beantworten zu können, skizziert Jens Wurtzbacher zunächst, wie soziale Kontrolle sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte verändert hat. Dazu zeigt er zwei Tendenzen auf, Privatisierung und Vergemeinschaftung, wobei der Schwerpunkt hier deutlich auf Prozessen der Vergemeinschaftung liegt. Auch Stimmen, die diese Entwicklung kritisch betrachten, bleiben dabei nicht außen vor. Aus dieser Ausgangslage heraus findet zum Ende des 1. Kapitels die Formulierung der forschungsleitenden Fragen und Hypothesen statt. Im Anschluss setzt sich der Autor im 2. Kapitel auf einer theoretischen Ebene mit dem Begriff der Öffentlichkeit auseinander. Er kritisiert die Polarisierung von öffentlichem und privatem Leben und plädiert für eine Erweiterung dieser Dichotomie um das Element der lokalen Selbststeuerung sozialer Zusammenhänge durch gemeinschaftliche wie gesellschaftliche Handlungsprozesse. Diese Überlegung findet ihre Fortsetzung, indem in Kapitel 3 der Zusammenhang zwischen den Elementen sozialer Selbstgestaltung und den staatlichen Institutionen unter Bezugnahme auf die Diskussion um Urban Governance näher beleuchtet wird. Eingeführt wird hier auch der Begriff der „Nodal Governance“. Er geht mit der Frage einher, ob die Institutionen, die im Verlauf des sich wandelnden Verhaltens von staatlichen und lokalen Akteuren neu geschaffen wurden, nicht als spezifische Knoten in einem vielfältigen Netzwerk verschiedener Sicherheitsakteure betrachtet werden können. Auf diese Skizzierung seines forschungsleitenden Governance-Konzepts lässt der Autor im 4. Kapitel einige Überlegungen zur methodischen Vorgehensweise und der Wahl der Forschungsinstrumente folgen.

Im Anschluss wendet er sich seinem eigentlichen Forschungsgegenstand, dem Community Policing in den USA bzw. dessen Adaption in Deutschland, der kommunalen Kriminalprävention, zu. Die historische Entwicklung des Community Policing in den US-amerikanischen Städten wird nachgezeichnet (Kap. 5) und anhand einer Fallstudie der Stadt Chicago vertieft (Kap. 6). Dazu dienen eine sekundäranalytische Auswertung bereits vorliegender Erkenntnisse sowie eigene empirische Erhebungen in Form von Experteninterviews, themenzentrierten Leitfadeninterviews mit Bewohnern und teilnehmende Beobachtungen von Bewohnerversammlungen. Diese exemplarische Fallstudie zeigt, dass in Chicago mit dauerhaftem Ressourceneinsatz eine partizipative Struktur zwischen Bewohnern und Institutionen etabliert werden konnte, von der insbesondere marginalisierte Stadtbezirke profitierten. Schwierigkeiten bezüglich der Erreichbarkeit wurden vor allem bei der Altersgruppe der Jugendlichen und einigen Latinonachbarschaften verzeichnet.

Diese Ergebnisse werden im Folgenden in Bezug gesetzt zur Entwicklung der kommunalen Kriminalprävention in Deutschland (Kap. 7), bzw. kriminalpräventiver Gremienarbeit und bürgerschaftlichem Engagement (Kap. 8). Dazu wird der Stand der Implementation kriminalpräventiver Gremien in 12 deutschen Großstädten anhand der Auswertung grauer Literatur und leitfadengestützten Experteninterviews analysiert. Als gemeinsames Merkmal wird herausgearbeitet, dass überwiegend keine dringenden Sicherheitsprobleme ausschlaggebend für die Implementation von kriminalpräventiven Gremien waren. Deutliche Unterschiede wurden festgestellt im Hinblick auf die Frage, ob solche Gremien stadtweit und/oder zumindest im Hinblick auf einzelne Stadtteile eingerichtet wurden. Um diese Ergebnisse punktuell zu vertiefen, wurden zwei ergänzende Fallstudien in Berlin (Kap. 9) und Stuttgart (Kap. 10) durchgeführt. In beiden Städten wurden dazu jeweils zwei Stadtteile für eine sozialräumliche Analyse ausgewählt. Zudem kamen auch hier eine Sekundäranalyse bestehender Materialien, Interviews mit Politikern, Polizisten, Journalisten und Bewohnern und teilnehmende Beobachtungen zum Einsatz. In Berlin stellte sich heraus, dass die Einrichtung kriminalpräventiver Gremien zwar einen förderlichen Beitrag zur Bildung nachbarschaftlicher Netzwerke und zur Stärkung sozialer Kontrollstrukturen leistete, aber insgesamt keineswegs von einem umfassenden kriminalpräventiven Erfolgsmodell gesprochen werden kann. In Stuttgart wurde deutlich, dass die dortigen Sicherheitsbeiräte als Ausdruck einer landes- und kommunalpolitischen Schwerpunktsetzung entstanden, und ihre Aktivitäten nie eine hohe Frequenz erreichten.

Abschließend zieht der Autor im 11. Kapitel unter Rückbezug auf die leitenden Forschungsfragen sein Fazit. Er stellt u.a. fest, dass die kriminalpräventiven Gremien sich in Deutschland nicht als ernstzunehmende neue Kooperationsformen von Politik, Verwaltung und Bürgern etablieren konnten. Will man sie nachhaltig und wirkungsvoll einsetzen, so sind einige Voraussetzungen unabdingbar. Dazu gehört, dass tatsächliche Problemlagen und ein wahrhaftes Interesse vorliegen sollten. Zudem ist eine kontinuierliche Unterstützung von Seiten der Politik, auch mit dem spürbaren Einsatz von Ressourcen, von entscheidender Bedeutung.

Diskussion

Die Studie stellt der kommunalen Kriminalprävention in Deutschland insgesamt ein bescheidenes Zeugnis aus. Sie macht deutlich, dass ihre Umsetzung in Deutschland in einem gänzlich anderen Bedingungsgefüge statt fand, als es für ihre amerikanischen Vorgänger galt. Die Implementierung hierzulande erscheint deutlich weniger ziel- und problemfokussiert gewesen zu sein. Der Nutzen der Untersuchung wird von diesem ernüchternden Ergebnis aber keineswegs geschmälert. Wer zwischen den Zeilen liest, entdeckt, dass eine Weiterentwicklung bestehender Ansätze nicht sinn- oder aussichtslos erscheint. So findet man zum Beispiel durchaus auch einige viel versprechende Beispiele kleinräumiger Ansätze. Zudem skizziert die Studie vielfältige Faktoren, an denen Gremienarbeit scheitern kann. Auch diese Erkenntnisse können für die Reflexion der Arbeit in kriminalpräventiven Gremien ein Gewinn sein.

Fazit

Dieses Buch ist somit insbesondere für Stadt- und Politikforscher interessant, aber sicher auch für Experten, die selbst in kommunalpräventiven Gremien tätig sind. Es bietet einen fundierten, breiten Überblick über die kommunale Kriminalprävention und ihre Vorläufer sowie konkrete Ansatzpunkte für die Analyse und Weiterentwicklung kriminalpräventiver Gremien.


Rezension von
Gesa Bertels
Soziologin (M.A.) und Diplom-Sozialpädagogin (FH), wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
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Zitiervorschlag
Gesa Bertels. Rezension vom 15.02.2010 zu: Jens Wurtzbacher: Urbane Sicherheit und Partizipation. Stellenwert und Funktion bürgerschaftlicher Beteiligung an kommunaler Kriminalprävention. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-15951-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6554.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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