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Helmut Reiser, Andrea Dlugosch u.a. (Hrsg.): Professionelle Kooperation bei Gefühls- und Verhaltensstörungen

Cover Helmut Reiser, Andrea Dlugosch, Marc Willmann (Hrsg.): Professionelle Kooperation bei Gefühls- und Verhaltensstörungen. Pädagogische Hilfen an den Grenzen der Erziehung. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2008. 285 Seiten. ISBN 978-3-8300-3499-5. 68,00 EUR.

Schriftenreihe Sonderpädagogik in Forschung und Praxis - Band 21.
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Entstehungshintergrund und Thema

Der Sammelband „Professionelle Kooperation bei Gefühls- und Verhaltensstörungen – Pädagogische Hilfen an den Grenzen der Erziehung“ ist Ergebnis einer Fachtagung im Juni 2007 zum Thema „Wem oder was hilft die schulische Erziehungshilfe – Sonderpädagogische Unterstützung bei Erziehungsproblemen in der Schule auf dem Prüfstand“, zu der die Abteilung Pädagogik bei Verhaltensgestörten der Leibniz-Universität Hannover anlässlich der Verabschiedung von Helmut Reiser aus dem Hochschuldienst eingeladen hatte.

Aufbau und Inhalt

Im einleitenden Beitrag „Der Mann auf dem Hochrad – oder: Wie lange sind Innovationen innovativ?“ stellt Helmut Reiser Überlegungen zur Frage nach Auswirkungen von Innovationen an: Wie lange sind neue Wege der Problembearbeitung innovativ und verhelfen zu den erwünschten Erwartungen, oder stehen sie evtl. neuen Lösungen im Weg? Reiser stellt diese Frage im Zusammenhang der u.a. von ihm angeregten und begleiteten Innovationen: vom Unterricht von Schülern mit Verhaltensproblemen zur integrierten schulischen Erziehungshilfe durch Präventionslehrer – zu integrativen Klassen mit Doppelbesetzung von Klassenlehrer und Sonderpädagoge – zum Modell der inklusiven Schule – zur ambulanten sonderpädagogischen Erziehungshilfe. Er fragt danach, wie es gelingen kann, Kindern mit Entwicklungsproblemen Unterstützung und Hilfe zu bieten – und diesem Ziel evtl. auf unterschiedlichen institutionalisierten Wegen nachzukommen und warnt davor, „Arbeitsformen, die früher einmal optimal waren, nicht mit sekundären Bedeutungen aufzuladen und sie deshalb nicht verlassen zu wollen“ (S. 16). Umgekehrt lässt sich aber auch fragen, ob innovative Lösungen nicht ebenso mit sekundären Bedeutungen pädagogischer Ideologien, Zeitgeistströmungen oder politischer Interessen überlagert sein können. Die primäre Aufgabe der Entwicklungsförderung bei emotionalen und sozialen Problemen bietet den entscheidenden Horizont, vor dem jeweilige Maßnahmen und Verfahren zu betrachten sind.

Der Sammelband enthält insgesamt 15 Aufsätze sowie zusätzliche Kommentare zu zwei Fallbeispielen. Die inhaltliche Palette der Beiträge reicht von theoretischen Überlegungen zu Kategorien, die das pädagogische Denken bestimmen bis hin zu praktischen und didaktischen Vorgehensweisen in der schulischen Erziehungshilfe.

Ein erster Inhaltsschwerpunkt betrifft die Auseinandersetzung mit pädagogischen Kategorien und Theorien. So untersucht Vera Moser Begriffe, die den Gegenstand des pädagogischen Handelns benennen (Erziehung, Bildung, Kompetenz), auf die jeweils mitschwingenden Bedeutungen und macht darauf aufmerksam, dass vordergründige „Fortschritte“ im Hinblick auf Selbstbestimmung und Subjektbildung durchaus ideologiekritisch zu hinterfragen sind. In ähnlicher Ausrichtung warnt Annedore Prengel am Beispiel der Verwendung genderspezifischer Kategorien (die Jungen, die Mädchen) vor einem pauschalisierenden und vereinfachenden Sprachgestus und empfiehlt, sich der normierenden Wirkung von Kategorien bewusst zu sein. Gerd Schads Beitrag zum „Verschwinden der Pädagogik im Wissenschaftsbetrieb“ beschäftigt sich mit den durch die Bezugswissenschaften auf die pädagogischen Diskurse einwirkenden Einflüssen auf das pädagogische Denken: enthalten ihre Begrifflichkeiten und theoretischen Konstrukte keine tiefergehende pädagogische Ausrichtung, so entsteht z.B. eine unzulässig vereinfachende Ratgeberliteratur oder eine an betriebswirtschaftlicher Effizienz ausgerichtete „Pädagogik“. Rolf Göppel stellt am Beispiel der programmatischen Aussage „Kinder brauchen Grenzen“ heraus, wie eine modernistische Floskel im Gewand einer anthropologischen Grundaussage letztlich eine Leerformel ist, die weder die beschworene Grenze benennt, noch aufzeigt, mit welchen Mitteln die Grenzthematik im Sinne pädagogischer Entwicklungsförderung bearbeitet wird. Er plädiert mit Bezug auf die Berliner Rütlischule dafür, statt auf solche, die Komplexität eindampfenden Leerformeln zu setzen, sich mit bekannten und bewährten Strategien dialogischen Handelns den pädagogischen Herausforderungen zu stellen.

Ein zweiter Inhaltsschwerpunkt der Beiträge betrifft die Organisationsform von schulischen Erziehungshilfen. Günther Opp plädiert für eine Schule für Kinder und Jugendliche mit Gefühls- und Verhaltensstörungen, die sich durch ihre Besonderheiten legitimieren muss. Sie muss in der Lage sein, durch den schulischen Rahmen im Sinne einer einbindenden Kultur, durch ihre Routinen und Ressourcen den Kreislauf individueller Entwertungserfahrungen, sozialer Entwurzelung und mangelnder Anerkennung aufzubrechen, die selbstschädigenden Schutzmechanismen zu bearbeiten, um im Sinne personaler Entwicklung einen Neubeginn zu ermöglichen. Ulf Preuss-Lausitz, der eine Verbindung zwischen Konzepten der Erziehungshilfe und genderspezifischen Betrachtungen fordert, um die hohe Anzahl im Regelschulsystem scheiternder Jungen mit archaischen Männlichkeitsmustern, die männlichen Modernisierungsverlierer, nicht aus dem Auge zu lassen, sieht dagegen die pädagogischen Möglichkeiten nicht in „Ghettoklassen oder schulen“. Denn deren Lernmilieu führt durch die wechselseitige Anerkennung der „outlaws“ geradezu in eine gesellschaftliche Abwärtsspirale. Insofern gibt es für ihn nur die Konzeptionalisierung eines gemeinsamen Lernortes in der Regelschule für alle – die aber nicht als „aseptische, körperlose und scheinsanfte Schule“ ausgerichtet sein kann, sondern kraftvolle Unterstützungsangebote auf dem Weg zur männlichen Identitätsbildung bereitstellen muss. Im Anschluss an die Überlegungen zu Organisationsformen schulischer Erziehungshilfen werden zwei Fallbeispiele vorgestellt und anschließend vom Herausgeberteam kommentiert: Im ersten Beispiel aus der Arbeit der Beratungsstelle am Förderzentrum Lotte-Lemke-Schule in Braunschweig stellen Joachim Jansen und Rüdiger Kreth die systemische Vorgehensweise einer Kurzzeitberatung vor. Zusammen mit der Klassenlehrerin eines von ihr als auffällig gemeldeten Jungen zeigen sie den systemischen Ansatz einer Lösungsorientierung durch das Erzeugen „neuer Möglichkeitskonstruktionen“, mit denen sich die ehemaligen Fallbetrachtungen „verflüssigen“ und der Lehrerin ein neues Grenzbewusstsein ihrer Möglichkeiten aufzeigen. Das zweite Fallbeispiel aus der Arbeit des Zentrums für Erziehungshilfe der Berthold-Simonsohn-Schule in Frankfurt steht in deutlichem Kontrast dazu. Brigitte Nüchter und Manfred Buddenberg stellen die pädagogisch-therapeutische Arbeit intensiver Einzelfallhilfe vor. Auf der Grundlage förderdiagnostischer Fallanalyse bietet das Zentrum neben Hospitationen im Unterricht und der Beratung der Lehrerin auch Hausbesuche und Unternehmungen mit dem Kind sowie die Vermittlung an andere Stellen eines erweiterten Helfersystems an. Dabei wird die ursprüngliche Fallkonstruktion weitgehend beibehalten.

Ein dritter Inhaltsschwerpunkt betrifft unterschiedliche Handlungsformen im Zusammenhang schulischer Erziehungshilfe. Die Beiträge von Michael Urban und Marc Willmann beschäftigen sich mit den Grundlagen und Möglichkeiten der Beratung. In diesem Ansatz wird Beratung im Regelschulsystem als Alternative zur Förderschule gesehen. Sie ist in einer systemisch ausgerichteten Arbeitsweise vor allem darauf bezogen, Angebote zur Unterstützung der „Transformation des Rahmens der Problembetrachtung“ anzubieten, d.h. zu einer Erweiterung des Blicks auf den Fall zu verhelfen, sowie durch die Zusammenarbeit von Schule, Familie und Jugendhilfe fallbezogen-präventiv und integrativ zu arbeiten, auch um drohende Etikettierungsprozesse der Ausschulung zu vermeiden. Eine solche Beratungsaufgabe kann aber auch als Konsultation konzipiert werden, in der z.B. dem Lehrer psychodynamische Unterstützungen angeboten oder Schüler-zentrierte verhaltensmodifikatorische Hinweise gegeben werden. Andrea Dlugosch sieht für die Handlungsform Unterricht die übliche Anforderung, Wissen und Normen zu vermitteln und zugleich zur Identitätsstabilisierung der Schüler beizutragen, unter den Bedingungen der Erziehungshilfeproblematik verschärft. In Anlehnung an Reiser stellt sie die „thematische Kompetenz“ als eine Möglichkeit vor, dieser komplexen Vermittlungsaufgabe gerecht zu werden. Sie zeigt in ihren Ausführungen auf, wie die psychische Innenwelt der einzelnen Schüler, die Interaktionsdynamik in der Gruppe und die reale Außenwelt schulischer Stoffe miteinander verknüpft werden, so dass daraus produktive Entwicklungsprozesse entstehen können. Gerade die Kleingruppe z.B. in Klassen der schulischen Erziehungshilfe könnte dafür eine gute Arbeitsgrundlage sein.

Ein vierter Inhaltsschwerpunkt betrifft die Möglichkeiten und Schwierigkeiten institutioneller Kooperation im Sinne interprofessioneller Hilfe. Hiltrud Loeken weist auf das aus dem historischen Prozess der Professionsentwicklung wirkende Spannungsverhältnis von Regelschule, Sonderschule und Jugendhilfe hin. Diese Ausgangsproblematik macht es erforderlich, dass die Zusammenarbeit der normalerweise getrennt agierenden Systeme in Zukunft in stabilen Kooperationsstrukturen verankert werden muss. Es wird zunehmend erforderlich sein, dass die auf Grund berufskultureller Differenzen etablierten Problemdefinitionen, Aufgabenprofile und Erwartungen der jeweiligen Kooperationspartner kommunikativ bearbeitbar gemacht werden. Auch Birgit Herz sieht eine u.U. leere Kooperationsrhetorik durch die unterschiedlichen Ausrichtungen der Professionen mit ihren etablierten Selbstverständnissen und Fremdzuschreibungen, aber ebenso durch die gesellschaftspolitische Entwicklung mit Haushaltkürzungen und der Konkurrenz von Anbietern auf einem Markt der Dienstleistungen bedingt. Dies verschärft die ohnehin bestehende Widersprüchlichkeit zwischen den Anforderungen an eine intensive Beziehungsarbeit und dem Kampf um Deutungshoheit und Interventionseffizienz. Einen besonderen Aspekt der Kooperationsthematik beschreibt Philipp Walkenhorst im Zusammenhang seiner Überlegungen zu rehabilitationspädagogischen Perspektiven des Jugendstrafvollzugs. Während das vollzugliche Personal vornehmlich auf den institutionellen repressiven Rahmen der Strafanstalt ausgerichtet ist, müsste eine „vorsichtige Pädagogisierung“ des Jugendstrafvollzugs auf entwicklungspsychologische und sozialisationstheoretische Besonderheiten zurückgreifen und von da aus ihre Förderziele und –methoden bestimmen. Dies kann nur in Kooperation gelingen.

Fazit

Der Sammelband bietet einen informativen Einblick in die Standortbestimmung schulischer Erziehungshilfe. Deren Zielperspektive der Entwicklungsförderung bei Gefühls- und Verhaltensstörungen scheint mir recht einheitlich zu sein. Ihre Organisationsformen stehen dagegen im Sperrfeuer einer kontroversen Diskussion, bei der der Leser zuweilen den Eindruck hat, dass die sensible primäre Bedeutsamkeit der Entwicklungshilfe zuweilen angesichts der Aufladung mit sekundären Bedeutsamkeiten verblasst. Hilfreich scheint mir dagegen eine möglichst ideologiefreie Auseinandersetzung um mögliche Vorgehensweisen pädagogischen Handelns zu sein – der Band gibt dafür eine Vielzahl differenzierter und praxistauglicher Hinweise.


Rezension von
Prof. Dr. Walter Lotz


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Zitiervorschlag
Walter Lotz. Rezension vom 23.10.2009 zu: Helmut Reiser, Andrea Dlugosch, Marc Willmann (Hrsg.): Professionelle Kooperation bei Gefühls- und Verhaltensstörungen. Pädagogische Hilfen an den Grenzen der Erziehung. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2008. ISBN 978-3-8300-3499-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6556.php, Datum des Zugriffs 27.01.2020.


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