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Markus Schäfers: Lebensqualität aus Nutzersicht

Cover Markus Schäfers: Lebensqualität aus Nutzersicht. Wie Menschen mit geistiger Behinderung ihre Lebenssituation beurteilen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 369 Seiten. ISBN 978-3-531-16013-9. 39,90 EUR.

Reihe: Gesundheitsförderung - Rehabilitation - Teilhabe. VS Research.
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Thema

Die Frage, wie Menschen, die traditionell als geistig behindert bezeichnet werden, ihre eigene Lebenssituation beurteilen, ist erst in jüngerer Zeit in den Focus des Interesses gerückt. Forschungsarbeiten zu dieser Frage gibt es nur wenige. Ein Hintergrund, dass diese Thematik eher zu den Forschungsdesideraten zu rechnen ist, mag u.a. in der lange vorherrschenden Annahme liegen, Menschen, die traditionell als geistig behindert bezeichnet werden, seien nicht in der Lage, bezüglich ihrer Lebensqualität Aussagen zu tätigen. Dass diese Annahme nicht haltbar ist, zeigen insbesondere international vorliegende Forschungsarbeiten zur Lebensqualität des o.g. Personenkreises. Dennoch unterliegt die Evaluation einer Einschätzung von Lebensqualität durch Menschen, die traditionell als geistig behindert bezeichnet werden, erheblichen (forschungs-)methodologischen Schwierigkeiten. Gängige Befragungsinstrumente sind nicht einfach auf den o.g. Personenkreis, der sich wiederum durch eine erhebliche Heterogenität auszeichnet, „anwendbar“ oder gar einfach zu adaptieren.

Diese Lücke versucht Markus Schäfers mit seiner Veröffentlichung, die im Jahre 2007 als Dissertation an der TU Dortmund eingereicht wurde, zu schließen, indem er eine so genannte Nutzerbefragung ausarbeitet, mit der Angebote für Menschen, die traditionell als geistig behindert bezeichnet werden, aus deren subjektiver Sicht beurteilt werden können. Es handelt sich dabei um ein Erhebungsinstrument, was aus quantitativer Sicht der Frage nach der Einschätzung der individuellen Lebenssituation der befragten Nutzerinnen und Nutzer nachgehen möchte.

Aufbau und Inhalt

Der Autor geht wie folgt vor:

Nach einem Vorwort und einer kurzen Einleitung wird in Kapitel 1 zunächst das Konzept Lebensqualität vorgestellt. Der Autor geht den Ansätzen der Lebensqualitätsforschung nach, beschreibt Kerndimensionen (emotionales, materielles und physisches Wohlbefinden, soziale Beziehungen, Selbstbestimmung, Rechte und soziale Inklusion) und konzeptionelle Prinzipien von Lebensqualität, um dann die Dimension des subjektiven Wohlbefindens, mit den Faktoren Freuden, Glück, Belastungsfreiheit und Zufriedenheit, exemplarisch und für seine Studie konstituierend heraus zu arbeiten. Dies geschieht unter Heranziehung international bedeutsamer und anerkannter Autorinne und Autoren, mit einem Schwerpunkt der Analyse von Literatur aus dem angelsächsischen Sprachraum.

Kapitel 2 zieht dann einen engeren Kreis um das Erkenntnisinteresse, indem der Autor das Konzept der Lebensqualität als Leitbegriff für soziale Dienstleistungen für Menschen, die traditionell als geistig behindert bezeichnet werden, zu etablieren versucht. Hier wird zunächst ein Abriss der gegenwärtigen Debatte um die Abkehr von institutionellen hin zu personenorientierten Orientierungen bei der Gestaltung sozialer Dienstleistungen wieder gegeben, verbunden mit der Diskussion um die Qualität sozialer Dienstleistungen. Abgeschlossen wird dieses Kapitel mit Anmerkungen zur Problematik so genannter nutzerorientierter Evaluationen und Wirkungsbeurteilungen.

Kapitel 3 wendet den Blick dann von eher inhaltlichen und funktionalen Aspekten des Lebensqualitätskonzeptes, hin zu methodologischen und methodischen Fragestellungen bzw. Problemstellen, welche mit der Erhebung von Lebensqualität einhergehen können. Die unternimmt der Autor, indem er zunächst bereits vorhandene Befragungsinstrumente zur Erhebung von Lebensqualität bei Menschen, die traditionell als geistig behindert bezeichnet werden, prüft. Hier kommt es zu einer Analyse vielfältiger Instrumente, teils aus dem deutschen (bspw. „schöner Wohnen“), zum überwiegenden Teil aber wiederum aus dem angelsächsischen Sprachraum. Die Analyse der gängigen Instrumente lässt den Autor zu dem Schluss kommen, dass „weiterführende Forschungsarbeiten zur Entwicklung von Lebensqualitätsinstrumenten gewinnbringend“ (145) sein können. Bevor dies geschieht, werden zunächst Ergebnisse der Methodenforschung zur Befragung von Menschen, die traditionell als geistig behindert bezeichnet werden, zusammen gefasst: Hier macht der Autor Angaben zu inhaltlichen und sprachlichen Aspekten bei Befragungen, zu Frageformaten und Antworttendenzen und zu Interviewsituationen bzw. -interaktionen. Den Grenzen der Befragung von Menschen, die traditionell als geistig behindert bezeichnet werden, und eventuell denkbaren methodischen Alternativen (stellvertretende Befragungen), widmet der Autor noch einen ganzen Unterpunkt, auch um herauszuarbeiten, dass er seine Befragung mit einer Population durchführt, die zwar Teil der heterogenen Gruppe der Menschen, die traditionell als geistig behindert bezeichnet werden, ist, aber zu dem Teil, der sich mittels Verbalsprache aktiv äußern kann. Empfehlungen im Sinne einer Übersicht über spezifische Probleme und Gegenmaßnahmen in Interviews schließen das dritte Kapitel ab.

In Kapitel 4 konzipiert der Autor schließlich seine empirische Studie und entwickelt das Instrument, „welches die Fehlerquellen der Befragung bestmöglich kontrolliert und der Zielgruppe der Menschen mit geistiger Behinderung gerecht wird“ (182). Der Autor verfolgt dabei drei wesentliche Zielsetzungen und Aufgaben:

  1. Die Konstruktion und empirische Überprüfung eines Befragungsinstruments zur Erhebung von Lebensqualität (in Form eines teilstandardisierten Fragebogens),
  2. die Erhebung und Analyse subjektiver und objektiver Lebensqualitätsaspekte von Menschen mit geistiger Behinderung im Kontext stationärer Wohneinrichtungen und deren Unterstützungsstrukturen,
  3. die Evaluation der Interviewmethodik und die Beurteilung ihrer Anwendbarkeit bei Menschen mit geistiger Behinderung (183).

Nachdem er die o.g. Zielsetzungen und den Untersuchungsbereich skizziert hat, werden Untersuchungsansatz und Stichprobenauswahl benannt. Bei der Studie handelt es sich letztlich um eine Befragung von 124 Menschen, die traditionell als geistig behindert bezeichnet werden (20 Personen einer Teilstichprobe des Einrichtungsträgers A und 122 Personen einer Teilstichprobe B des Einrichtungsträgers B). Folgend beschreibt der Autor den Weg zur Konstruktion seines Erhebungsinstrumentes, von der Bildung eines Itempools (entstanden aus der gezielten und gerafften Itemauswahl bereits vorliegender Instrumente) und Einer Erstversion, über eine Modifikation und einen Pretest, hin zur Endfassung.

In Kapitel 5 werden sodann die Ergebnisse interpretiert und dargestellt. Der Leserin und dem Leser werden hier vielleicht die größten Leseenergien abverlangt, denn das System aus Faktorenanalyse und Reliabilitätsanalysen, welches schließlich in eine methodenkritische Analyse mündet, erschließt sich nicht sofort.

Das Folgekapitel 6, welches die Ergebnisse diskutiert, findet hier wieder eine transparentere Sprache. Einige zentrale Ergebnisse, zu denen der Autor gelangt, sind folgende:

  • Die meisten Personen bringen insgesamt ein positives Wohlbefinden bzw. eine hohe Zufriedenheit zum Ausdruck (327).
  • Die größte Unzufriedenheit wird im Bereich ‚Freizeitmöglichkeiten‘ geäußert (327).
  • Unter den Unzufriedenen [sind] vor allem Menschen mit hohen Unterstützungsbedarfen (…), die deutliche Einschränkungen ihrer Handlungsspielräume wahrnehmen (328).
  • Mit ihrer Wohnsituation äußern sich die befragten Personen im Durchschnitt zufrieden (329).
  • Personen mit dem höchsten Hilfebedarf zeigen in allen Bereichen die geringste Zufriedenheit (331).
  • Personen, welche alleine oder in kleinen Gruppen (bis zu drei Personen) wohnen, äußern im Vergleich zu Bewohner/-innen größerer Wohngruppen die höchste Zufriedenheit mit der Wohnsituation und den Freizeitmöglichkeiten, zugleich die größten Wahlfreiheiten bzw. geringsten Reglementierungen (332).
  • Bewohner/-innen, welche mehr Reglementierungen bzw. weniger Wahlfreiheiten erleben, äußern geringere Zufriedenheit als Personen, welche weniger Vorgaben bzw. mehr Wahlfreiheiten wahrnehmen (334).

Letztlich macht der Autor noch Angaben zur Anwendbarkeit der Interviewmethodik bei Menschen, die traditionell als geistig behindert bezeichnet werden. Hier werden abschließend einige für künftige Studien richtungsweisende methodische Anmerkungen erarbeitet:

  • Bezüglich der Beantwortbarkeit der Fragen stellt der Autor fest, dass Ja/Nein-Fragen wesentlich einfacher zu beantworten sind als offene Fragen (336).
  • Weiterhin kommt er zu den Folgerungen, dass mit einem höheren Hilfebedarf tendenziell eine längere Interviewdauer einhergeht, welche zu niedrigeren Antwortquote führt (337), dass die Befragten in überzufälliger Häufigkeit mit ‚ja‘ antworten, was auf systematische Ja-Sage-Tendenzen (Akquieszenz) hinweist (337), dass kein extrem stereotypes Antwortverhalten feststellbar ist (337), dass sich bei den Kontroll-Items zwischen 6% und 35% der befragten Personen wiedersprechen (durchschnittlich 16%) (338), dass mit steigender inhaltlicher-sprachlicher Komplexität der Fragen und daraus resultierenden Schwierigkeiten der Beantwortung auch die Konsistenz der gegebenen Antworten [sinkt] (339) und letztlich, dass Antwortinkonsistenzen bei der Befragung von Menschen mit geistiger Behinderung nicht unumgänglich, sondern durch einen geeignete Auswahl und Formulierung der Fragen vermeidbar sind (339).

Resümee und Ausblick beenden die Arbeit (Kapitel 7), der sich noch ein umfangreiches Literaturverzeichnis anschließt.

Fazit

Der zentrale Erkenntnisgewinn, der sich aus der Studie von Markus Schäfers ergibt, ist der, dass es möglich ist, ein auf Güte geprüftes Verfahren bereit zu stellen, mit welchem Angebote für Menschen, die traditionell als geistig behindert bezeichnet werden, beurteilt werden können. Dies ist für die sich stetig verändernde Landschaft der Behindertenhilfe, im Sinne einer Steigerung der Beteiligungsmöglichkeiten von Menschen mit Behinderungen an diesen Veränderungsprozessen, nicht hoch genug zu würdigen.

Der Weg dorthin ist für die Leserin bzw. den Leser nicht immer leicht mitzugehen und es handelt sich bei der Studie eben auch um eine typische Dissertationsschrift. Dennoch ist es ein sehr lesenswertes Buch, das die Türe für weitergehende und notwendige Studien weit aufstößt. Ungelöst bleibt bspw. trotz dieser Studie die methodologische und methodische Herangehensweise bei Befragungen von Menschen mit komplexen Behinderungen, die durch Verbalsprache nicht erreichbar sind.

Dem Buch ist eine weite Verbreitung und Rezeption zu wünschen und muss in den nächsten Jahren Bezugsgröße für ähnliche Fragegestellungen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Erik Weber
Diplom-Heilpädagoge, Ev. Hochschule Darmstadt, Studiengangsleitung im BA-Studiengang Inclusive Education/Integrative Heilpädagogik
Homepage www.eh-darmstadt.de/hochschule/personenverzeichnis/ ...
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Zitiervorschlag
Erik Weber. Rezension vom 25.06.2010 zu: Markus Schäfers: Lebensqualität aus Nutzersicht. Wie Menschen mit geistiger Behinderung ihre Lebenssituation beurteilen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-16013-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6557.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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