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Antje Richter u.a., Iris Bunzendahl u.a. (Hrsg.): Dünne Rente - dicke Probleme

Cover Antje Richter u.a., Iris Bunzendahl, Thomas Altgeld (Hrsg.): Dünne Rente - dicke Probleme. Alter, Armut und Gesundheit - neue Herausforderungen für Armutsprävention und Gesundheitsförderung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2008. 239 Seiten. ISBN 978-3-940529-10-7. 23,90 EUR.
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Thema

Dass die derzeit einmalig gute ökonomische Situation der Altenbevölkerung mit unterdurchschnittlicher Sozialhilfeabhängigkeit nicht von Dauer sein wird, ist allgemein bekannt. Welche Folgen wird es haben, wenn ein Großteil der Alterseinkünfte kaum das Existenzminimum überschreitet? "Dünne Rente - dicke Probleme" haben die drei Wissenschaftler der Landsvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Hannover, Antje Richter, Iris Bunzendahl und Thomas Altgeld den von ihnen bei Mabuse Frankfurt heraus gegebenen Band zur Benachteiligung alter Menschen genannt. Sie zielen darin vor allem auf die Verbesserung der gesundheitlichen Prävention für das Alter ab.

Inhalte im Überblick

Der Sammelband "Dünne Rente - dicke Probleme" geht von der Feststellung aus, dass lebensstandard-sichernde Alterseinkünfte in Zukunft nur noch von einer Minderheit bezogen werden können. Wenn für erhebliche Bevölkerungsteile das Alterseinkommen kaum über dem Grundeinkommen im Alter liegt, werden auch die Ausgaben der alten Menschen für Gesundheit und Pflege eingeschränkt werden müssen. Besonders von diesen Beengungen betroffen sein werden Alleinlebende, in ihrer Erwerbsarbeit diskontinuierlich Beschäftigte, lebenslang an der Armutsgrenze Lebende, Menschen mit Migrationshintergrund, chronisch Kranke und Demente. Hilfen für all diese sind zu verstärken mit haushaltsnahen ambulanten Diensten, Nachbarschaftsnetzen, Mixturen aus professionellen und ehrenamtlichen Helfern, mit einer Intensivierung der Gesundheitsberichterstattung und mit Stadtteilarbeit.

Inhalte im einzelnen

Die insgesamt 16 Einzelbeiträge des Bandes "Dünne Rente - dicke Probleme" sind in zwei Hauptteile gegliedert.

Im ersten Teil behandeln fünf Aufsätze die allgemeinen Lebensbedingungen im Alter heute und morgen.

Der zweite Hauptteil schildert mit seinen elf Beiträgen einzelne Ansätze zur Verbesserung der Situation im Alter, besonders Strategien zur positiven Beeinflussung der gesundheitlichen Lage sowohl auf der Ebene der Europäischen Union als auch vor Ort in Regionen und Kommunen.

  1. Im ersten Beitrag des ersten, allgemeinen Hauptteils werden die Armutsstandards beschrieben. Der Zusammenhang zwischen niedrigem Sozialstatus und eingeschränkter Gesundheit wird festgestellt.
  2. Die verschlechterte Einkommenssituation künftiger Alterskohorten begründet Winfried Schmähl mit einigen jüngeren Änderungen im Rentenrecht wie der Entgeltumwandlung von Lohnteilen für Betriebsrenten sowie mit den schlechten Bedingungen der Lohnarbeit. Noch seien Korrekturen möglich wie die Verbreiterung der Versichertengemeinschaft, die Einführung einer Sockelrente mit beitragsäquivalenten Aufstockungen und die Erhöhung der Beitragszuweisungen für Arbeitslose durch die Arbeitsagentur.
  3. Bei Versicherten mit Migrationshintergrund ist neben der auf Integration gerichteten Außensicht auch die Innensicht auf familiale und innerethnische Hilfepotentiale wichtig.
  4. Eine Akzentuierung der präventiven Gesundheitsförderung kann sich aus einer Verbesserung der Gesundheitsberichterstattung ergeben. Daraus können resultieren Netzwerkaufbau, Gesundheitskonferenzen und der Erlass eines ersehnten Präventionsgesetzes.
  5. Die künftigen Herausforderungen an das Gesundheitssystem werden sich ergeben von Seiten der armen Alten, der chronisch Kranken und der Dementen. Hilfreich sollten dann sein der Ausbau häuslicher Hilfen und von Nachbarschaftsnetzwerken.
  6. Der konkrete Projekte schildernde zweite Hauptteil von "Dünne Rente - dicke Probleme" beginnt mit einer Schilderung von gesundheitlichen Workshops auf EU-Ebene mit dem Ziel der Organisation Betroffener.
  7. Ein in Regionen von sechs EU-Ländern angesiedeltes Kooperationsprojekt zielte auf die Integration von unter Ausgrenzung leidenden alten Menschen durch Motivierung Ehrenamtlicher und durch Implementierung von koordinierenden Diensten ab.
  8. Prävention im Wohnumfeld untersuchte das Wissenschaftszentrum Berlin an 28 Projekten und stieß auf Gruppenaktivitäten und Netzwerkbildung.
  9. Eine geschilderte Befragung bei 570 deutschen Kommunen erwies die Erwünschtheit von seniorenbezogener Prävention. Besonders wichtig zur Vorbeugung erschienen Sport und Bewegung, Wohn- und Ernährungsberatung, aufsuchende Sozialarbeit und Gedächtnistraining.
  10. In Bürger-Profi-Mixmodellen im Sozialraum mit Sozialzeit sieht Klaus Dörner die einzige Möglichkeit, künftig die Sorgearbeit für die Altenbevölkerung zu leisten.
  11. Aus Berlins Märkischem Viertel wird von der Etablierung einer Netzwerkarbeit mit einer laufend ansprechbaren Servicestelle berichtet.
  12. Von einer Koordination der Altenhilfe in Stadtbezirken ist auch aus Hannover zu hören, wo eine Infothek Wegweisungs- und Antrags-Hilfen erteilt.
  13. Auf den präventiven Hausbesuch zur Vermeidung schwerwiegender Folge- Erkrankungen setzt die AOK-Niedersachsen mit einem begleit-untersuchten Modellversuch mit Assessment, Beratung und Zielvereinbarung bei ihren Versicherten.
  14. Die Stadt Bruchsal in Baden-Württemberg betreibt mit Hilfe der ansässigen Unternehmen eine Stärkung der Gesundheitsförderung.
  15. Selbst in dem infrastrukturell ungünstigen Kölner Stadtteil Lindweiler besserte sich die Situation der alten Bewohner durch den "Lindweiler Treff" der Evangelischen Kirchengemeinde.
  16. Älteren Wohnsitzlosen ist die Diakonie Hannover mit einem Kontaktladen und einer Krankenwohnung behilflich.

Diskussion

Ein erster Blick auf die sich zunehmend spreizende Lage künftiger Alterskohorten lässt sich wohl von dem heute noch geringen Anteil der armen Altenpopulation aus schon werfen. Künftige in oder am Rande von Armut lebende alte Menschen dürften quantitativ zahlreicher werden. Und da beginnt die Frage, ob dann nicht andere Strategien als heute noch für solche Minderheiten ergriffen werden müssen. Nicht immer kann man neue Probleme mit alten Rezepten lösen. Die Abhilfe für die künftig zahlreicheren armen Alten ist zum einen eine Frage an die dann vorhandene ökonomische Produktivität der Wirtschaft, die durch Innovationen steigen, aber auch durch Friktionen fallen kann. Sodann sind zwischenzeitliche Ergebnisse der medizinischen und besonders der pharmakologischen Forschung in Rechnung zu stellen, deren Zeithorizont und Ergebnisse noch niemand kennt. Auch die dereinst virulenten politischen Strategien der dann mehrheitlich alten Menschen und ihrer Fürsprecher werden bedeutsam sein.

Dazu gibt "Dünne Rente - dicke Probleme", so, wie der Band angelegt ist, wenig Hinweise. Zu sehr werden gegenwärtig praktizierte Ansätze geschildert. Immerhin ist der weitwinklige Blick auf vielerlei kleine und mittlere Modelle zur Besserung der Alterssituation aufschlussreich. Manches lässt sich da beherzigen, wenn die vielen, von vor Ort geschilderten Projekte auch von begrenzter Reichweite sind. So ist dieser Band zur Situation der armen Alten doch etwas kleinteilig geraten.

Fazit

Der Band "Dünne Rente - dicke Probleme" informiert mit der knappen Skizzierung verschiedener Altenhilfeprojekte vor Ort über die derzeitige Situation armer älterer Bevölkerungskreise und tastet sich daraus auf ihre mögliche künftige Lage vor: Auf ihr Einkommen, ihre Gesundheit, ihre Partizipation, ihre Wohnsituation, ihre Hilfsnetze und Ressourcen sowie ihre Informationslage. Eine systematisch prognostische Vorausschau fehlt angesichts der knappen Projektschilderungen.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 07.12.2009 zu: Antje Richter u.a., Iris Bunzendahl, Thomas Altgeld (Hrsg.): Dünne Rente - dicke Probleme. Alter, Armut und Gesundheit - neue Herausforderungen für Armutsprävention und Gesundheitsförderung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2008. ISBN 978-3-940529-10-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6565.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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