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Alexandra Franz: Selbstbestimmt Leben mit Persönlicher Assistenz (Frauen)

Cover Alexandra Franz: Selbstbestimmt Leben mit Persönlicher Assistenz - Eine alternative Lebensform behinderter Frauen. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2002. 151 Seiten. ISBN 978-3-930830-33-6. 14,00 EUR.

Hrsg. von MOBILE - Selbstbestimmtes Leben Behinderter e.V.
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Hintergrund

Das Buch von Alexandra Franz steht in engem Zusammenhang mit dem zweibändigen Handbuch "Selbstbestimmt Leben mit Persönlicher Assistenz", das ebenfalls im SPAK-Verlag erschienen ist (vgl. die dazu gehörige Rezension). Alexandra Franz ist selbst Betroffene, aktiv im Verein MOBILE - Selbstbestimmt leben e.V. tätig und Mitverfasserin des genannten Handbuches, in dem sie unter anderem für einen Abschnitt zur besonderen Situation behinderter Frauen mit Assistenz verantwortlich zeichnet. Das vorliegende Buch stellt eine leicht gekürzte und veränderte Fassung der Diplomarbeit der Autorin dar.

Aufbau im Überblick

Die Arbeit umfasst zwei Hauptteile. Im ersten Teil wird ein sogenannter "theoretischer Bezugsrahmen" entfaltet. Unter dieser etwas nach Universität riechenden Überschrift stellt die Autorin die politischen Hintergründe und definitorischen Grundzüge des Begriffs "Selbstbestimmung", wie er in der Behindertenbewegung verwendet wird, vor; sie umreißt das Modell der "Persönlichen Assistenz" und präsentiert eine Skizze zur besonderen Situation behinderter Frauen. In einem zweiten Teil wird dann das Ergebnis eines "Forschungsvorhabens" präsentiert ("Auswertung und Ergebnisse"), etwas irreführend als "empirische Arbeit" bezeichnet. In Wirklichkeit handelt es sich bei dem gesamten Buch um eine Literaturarbeit. Es wurden keine eigenen Daten erhoben, sondern lediglich 14 wissenschaftliche Aufsätze, zwischen 1990 und 1999 veröffentlicht, systematisch ausgewertet, dies allerdings unter Rückgriff auf ein gebräuchliches kategorisierend vorgehendes inhaltsanalytisches Verfahren.

Inhalte im Einzelnen

Sehr gut gelungen ist der Autorin die prägnante, gut verständliche und auf die wesentlichen Punkte abhebende Darstellung des so genannten "Selbstbestimmungsparadigmas" in der Behindertenhilfe. Dabei wird - das ist ein mittlerweile bekannter Topos - der Selbstbestimmungsbegriff einerseits abgegrenzt vom Gegenbegriff der Fremdbestimmung und von Selbstständigkeit (als Nicht-Angewiesenheit auf andere Menschen) andererseits. Eine hohe Abhängigkeit von Hilfen und Unterstützung durch andere Menschen ist nicht gleich bedeutend mit mangelnder Selbstbestimmung, sondern damit verträglich: dann nämlich, wenn ich als Betroffene(r) die Regiehoheit über die Hilfe habe, die ich in Anspruch nehme. Franz grenzt das "Selbstbestimmungsparadigma" scharf ab von den bisher gängigen Leitvorstellungen der Behindertenhilfe, die sie "Rehabilitationsparadigma" nennt. In diesem werden behinderte Menschen auf die Rollen als Klient, als Patient festgelegt, sie sind "Fälle" professioneller Interventionen, Für-Sorge und Be-Handlung; die Definitionsmacht und Hilfeplanung/Regie liegt bei den Experten (Ärzten, Sozialarbeiter, Betreuer usw.). Im Selbstbestimmungsparadigma dagegen erscheint der behinderte Mensch als Experte in eigener Sache, der so weit gehend wie möglich die Kontrolle und Regie seiner eigenen Hilfen in die eigenen Hände nimmt und dabei nicht primär Expertenwissen in Anspruch nimmt, sondern eigene Erfahrungen und Erfahrungen anderer Behinderter nutzt (Peer-Counseling, Peer Support) und womöglich nicht eine Klientenrolle gegenüber einem Professionellen einnimmt, sondern eine Kundenrolle gegenüber einem Dienstleistungsanbieter. In dieser Logik stellt die Autorin in der Folge die Implikationen des Modells Professioneller Assistenz vor. Persönliche Assistenz ist eine Form selbst organisierter, persönlicher Hilfe, bei der der behinderte Mensch im Idealfall selbst Arbeitgeberin der Assistentin ist. Die Gesamtregie der Hilfe liegt damit nicht beim "Helfer", sondern bei dem, der Hilfe in Anspruch nimmt.

Die spezifische Situation behinderter Frauen behandelt das dritte Kapitel; auch hier geht es nicht um "Theorie", sondern um eine Zusammenfassung von Erkenntnissen über die besonderen Probleme behinderter Frauen. Franz plädiert hier für eine sozialkonstruktivistische Version der Dinge, d.h. sowohl Geschlecht (Gender) als auch "Behinderung" dürfen nicht als "gegebene" Faktizität aufgefasst werden, sondern sind Ergebnis eines immer auch politischer Vorgangs der aktiven sozialen Konstruktion von Rollen und damit Wirklichkeitssichten und Handlungsmöglichkeiten: man ist nicht Frau, sondern wird dazu gemacht; man ist nicht behindert, sondern man wird behindert. Im wesentlichen folgt die Autorin dabei der These einer Doppeldiskriminierung der behinderten Frau, d.h. der wechselseitigen Verstärkung und Überlagerung geschlechts- und behinderungsspezifischer Diskriminierungen. Das überzeugt im Zeitalter der Zunahme von Pin-Up-Boys in Werbung und Medien weniger im Bereich von "Schönheitsnormen", aber leuchtet insbesondere in der beruflichen Sphäre ein (hier ist der Zugang behinderter Frauen sowohl zu Bildungsmaßnahmen als auch in den allgemeinen Arbeitsmarkt im Vergleich zu behinderten Männern noch mehr erschwert; bei der Bezahlung kumulieren sich behinderungs- und geschlechtsbedingte Ungleichheiten). Andere Problembereiche sind etwa die Komplexe Schwangerschaft und Mutterschaft, die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz, ja Diskriminierung behinderter Mütter und die Frage der Ausübung geschlechtsspezifischer Gewalt.

Im zweiten Teil werden nun die Ergebnisse der Literaturauswertung präsentiert, die insgesamt dann doch durch ihren Detailreichtum überrascht, der sich dem Rückgriff auf viele konkrete Beispiele und Interviewzitate verdankt. So werden Art und Umfang verschiedener Hilfebedarfe, spezifisch auch Hilfebedarfe behinderter Frauen, vorgestellt. Unter der Überschrift "Selbstbestimmt Leben" werden Deutungsmuster behinderter Frauen präsentiert, die sich mit Hilfe von Assistenzleistungen ein Leben jenseits der stationären Vollversorgung und Fremdstrukturierung des Alltags gestalten; auch die Zwänge, die sich für behinderte Frauen im Heim- und Einrichtungsalltag ergeben, werden beleuchtet. In dem eher schwachen Kapitel "Realisierung persönlicher Assistenz" werden dann nochmals die verschiedenen Aspekte des Modells nach einem vorgefassten Schema mit Beispielen illustriert (Personalkompetenz, Anleitungskompetenz, Organisationskompetenz, Finanzkompetenz). Ein Kapitel über typische Konfliktfelder in der Beziehung zwischen Assistenznehmer und Assistent schließt das Buch ab.

Diskussion und Würdigung

Das Buch ist klar und verständlich geschrieben und vor allem in seiner politischen Botschaft eindeutig. Allerdings wäre eine weniger normative, sondern erfahrungsbezogenere, empirische Ausrichtung wünschenswert gewesen. Das hätte vor allem bedeutet, auch die Ambivalenzen des Konzeptes der Persönlichen Assistenz deutlicher heraus zu stellen. Das kommt im Buch von Franz leider erst am Ende zum Tragen. Dazu gehört beispielsweise die Herausarbeitung des Problems, dass das Modell Persönlicher Assistenz in der Praxis nach wie vor nur ein Modell für wenige und in verschiedener Hinsicht privilegierte behinderte Frauen und Männer ist. Dies gilt sowohl für die Verfügung über finanzieller Mittel (denn die Finanzierung ist derzeit sozialrechtlich unbefriedigend abgedeckt), die Mehrheit der bisherigen AssistenznehmerInnen dürfte darüber hinaus auch bildungs- und herkunftsprivilegierten Schichten angehören und schließlich betrifft das auch die Art der Behinderung. Das strikte anti-professionalistische Modell, dem Franz folgt, legt per se den Ausschluss von nicht-körperbehinderten, z.B. geistig behinderten Frauen und Männern nahe. Und auch bei körperbehinderten Frauen kann man sich fragen, ob sich in der Wirklichkeit nicht ein sehr viel differenzierteres Verhältnis zwischen professioneller, "rehabilitativer" Unterstützung und selbstbestimmter Hilfe ergibt, als dies Franz nahe legt. Eine weitere Schwäche des Buches liegt in dem Umstand, dass es eigentlich den Beweis schuldig bleibt, inwiefern Persönliche Assistenz nun spezifisch eine alternative Lebensform behinderter Frauen sein soll, wie es der Titel nahe legt. Natürlich gibt es spezifisch frauenspezifische Ansprüche an Assistenz und natürlich mag frau eine Frau als Assistentin vorziehen - aber dasselbe trifft vice versa natürlich auch auf behinderte Männer zu. Ein Großteil der sehr plastisch beschriebenen Probleme der zitierten Frauen sind keine frauenspezifischen Probleme (z.B. die Notwendigkeit sich immer auf wechselnde Assistentinnen einzustellen u.a.).

Fazit

Trotz dieser Einwände handelt es sich um ein gut und verständlich geschriebenes, klar strukturiertes Buch, das sich ebenso gut als Darstellung der Implikationen und Hintergründe des Modells Persönlicher Assistenz als solchem eignet. Es ist kürzer, dichter und prägnanter geschrieben als das Handbuch desselben Titels aus demselben Verlag und kann, wenn man nicht an praktischen Details interessiert ist, ganz gut an dessen Stelle treten. Wer allerdings das Handbuch gelesen hat, erfährt in dem Buch von Alexandra Franz nichts grundlegend Neues.


Rezensent
Prof. Dr. Jörg Michael Kastl
Professor für Soziologie der Behinderung und sozialer Benachteiligung an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, Fakultät für Sonderpädagogik. Arbeitsgebiete: Soziologie der Behinderung und sozialer Benachteiligung, Rehabilitation/Teilhabe behinderter Menschen (Persönliches Budget, IFD); Berufs- und Professionssoziologie; Sozialrecht und Sozialpolitik (spez. Rehabilitation); Sozialisationsforschung und allgemeine Soziologie
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Zitiervorschlag
Jörg Michael Kastl. Rezension vom 30.06.2003 zu: Alexandra Franz: Selbstbestimmt Leben mit Persönlicher Assistenz - Eine alternative Lebensform behinderter Frauen. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2002. ISBN 978-3-930830-33-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/657.php, Datum des Zugriffs 11.11.2019.


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