Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Bernice Y. L. Wong (Hrsg.): Lernstörungen verstehen

Rezensiert von Dr. Antje Ginnold, 16.04.2009

Cover Bernice Y. L. Wong (Hrsg.): Lernstörungen verstehen ISBN 978-3-8274-1817-3

Bernice Y. L. Wong (Hrsg.): Lernstörungen verstehen. Ein Praxishandbuch für Psychologen und Pädagogen. Spektrum Verlag (Heidelberg) 2008. 3. Auflage. 492 Seiten. ISBN 978-3-8274-1817-3. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 62,00 sFr.
Originaltitel: Learning about learning disabilities.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Bernice Y. L. Wong legt mit ihrem Buch einen Sammelband vor, der sich dem Verstehen und Kennen lernen der neuesten Erkenntnisse zum Thema Lernstörungen widmet. Da es sich um eine Übersetzung aus dem nordamerikanischen Raum handelt, beginnt man bereits beim Haupttitel des Buches zu überlegen, welches Phänomen und welche Personengruppe Gegenstand ist. Dies ist nicht ganz einfach zu beantworten, da es im englisch- und deutschsprachigen Raum Differenzen bei den Interpretationen von Fachbegriffen sowie deren Übersetzungen gibt. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe werden Lernstörungen eher als Teilleistungsstörungen (wie Legasthenie und Dyskalkulie) unter Verweis auf die ICD-10 definiert und von der Lernbehinderung abgegrenzt. Lernstörungen liegen vor, „ wenn bei durchschnittlicher oder überdurchschnittlicher Intelligenz trotz angemessener unterstützender Lernangebot schulische Leistungsergebnisse dauerhaft im weit unterdurchschnittlichen Bereich angesiedelt sind“ (S. XVII). In der deutschsprachigen Sonder-, Heil- und Integrationspädagogik bzw. Inklusiven Pädagogik wird seit langem eine kontroverse Fachdiskussion um die Definition und Abgrenzbarkeit von Lernbehinderung geführt, die hier nicht dargestellt werden kann (vgl. z.B. Eberwein 1996 und Werning/Lütje-Klose 2003). Lernstörung, Lernschwäche, Lernschwierigkeit, Lernbehinderung, Lernbeeinträchtigung – all diese Begriffe beschreiben Schwierigkeiten beim Lernen bzw. in Lehr-Lernprozessen. Die Entscheidung des Herausgebers der deutschen Übersetzung (Büttner) für den Begriff „Lernstörung“ erscheint diskussionsbedürftig, zumal der englische Originaltitel „Learning about Learning Disabilities“ andere Möglichkeiten zugelassen hätte. In der Rezension wird der Begriff „Lernstörung“ dennoch verwendet, um in der Sprache der deutschen Übersetzung des Buches zu bleiben. Die Autor/innen des vorliegenden Sammelbandes von Wong lassen ein breites Verständnis von Lernstörungen erkennen, jedoch erheblich medizinisch und psychologisch geprägter als im deutschsprachigen (sonder-) pädagogischen Diskurs üblich.

Herausgeber/in und Autor/innen

Bernice Y. L. Wong ist Professorin Emeritus an der Simon Fraser University (Burnaby, British Columbia in Kanada). Sie arbeitete nach ihrem Psychologiestudium in der Diagnostik von Lernstörungen bei Kindern. Nach ihrer Promotion in Pädagogik übernahm sie die Professur für Lerngestörtenpädagogik an der Fraser University. Sie beschäftigt sich insbesondere mit der schulischen Praxis von Lehr-Lerngemeinschaften und des Unterrichts im Schreiben (vgl. Klappentext des Buches).

Der Herausgeber der deutschen Ausgabe, Gerhard Büttner, arbeitet als Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Frankfurt /M. Er ist dort Forschungsdirektor des Zentrums für Lehrerbildung und Schul- und Unterrichtsforschung.

Die 28 Autor/innen dieses Sammelbandes kommen aus unterschiedlichen Universitäten, überwiegend aus den USA und Kanada, aber auch aus Australien und Süd Korea. Sie arbeiten an Instituten der Erziehungswissenschaften, (Schul-)Pädagogik, Sonderpädagogik, (Pädagogischen) Psychologie und Lernforschung. Sie repräsentieren somit ein breites Spektrum an Fachwissen und Forschungserfahrungen.

Entstehungshintergrund

Das Herausgeberwerk von Wong erschien erstmals 1991 und zählt laut Büttner zu den „Klassikern unter den Büchern über Lernstörungen“ im englischsprachigen Raum (S. XVII). Durch die deutsche Übersetzung der 3. überarbeiteten und ergänzten Auflage wird es nun erstmals auch einer breiteren deutschsprachigen Leserschaft zugänglich gemacht.

Wong verfolgt mit dem Buch zwei Ziele: zum einen sollen die Studierenden (insbesondere des Lehramtes) grundlegendes Wissen und aktuelle Informationen aus dem Bereich Lernstörungen erhalten. Zum anderen sollen sie angeregt werden, sich vertiefend mit den Themen zu befassen, ihren fachlichen Blick und ihr theoretisches Verständnis zu schärfen und das Denken flexibel und offen zu halten (vgl. S. XIII).

„International führende Experten […] stellen den neuesten Stand der Forschung zu kognitiven, motivationalen, sozialen und Interventionsaspekten von Lernstörungen dar.“ (S. XVII) Das Buch von Wong ist der (sonder-) pädagogischen und lernpsychologischen Forschung zuzuordnen. Gleichzeitig verweist schon der Untertitel des Buches (ein Praxishandbuch für Psychologen und Pädagogen) auf den meist pragmatischen und praxisorientierten Ansatz der Beiträge.

Aufbau

Nicht alle der ursprünglich 18 Kapitel wurden in die deutschsprachige Ausgabe übernommen. Es gab einen inhaltlichen Zuschnitt auf den Schwerpunkt von Lernstörungen im Kindes- und Jugendalter. Bedauerlicherweise entfiel in der deutschen Ausgabe ein Kapitel zu Lernstörungen im Erwachsenenalter, obwohl in verschiedenen Kapiteln des Buches darauf verwiesen wird, dass die Schwierigkeiten im Erwachsenenalter nicht verschwunden sind. Ebenso wurden jene Kapitel der englischen Ausgabe nicht übernommen, die sich zu stark auf das amerikanische Bildungssystem bezogen. Insgesamt kamen 13 Kapitel der Originalausgabe in die deutsche Übersetzung (vgl. S. XVII).

Das Buch gliedert sich in zwei große Teile. Der erste Teil widmet sich den grundlegenden Aspekten des Themas: der Konzeption, Geschichte und Forschung zu Lernstörungen. Der zweite Teil des Buches stellt Aspekte der Instruktion bei Lernstörungen dar, d.h. konkrete Interventions- und Unterstützungsmöglichkeiten vor allem im schulischen Kontext.

Neben einem sehr ausführlichen Inhaltsverzeichnis gibt es eine Aufstellung der mitwirkenden Autor/innen und ihren universitären Beschäftigungsorten.

Teil 1: Lernstörungen: Konzeption, Geschichte und Forschung

Dem ersten Teil des Buches sind sechs Kapitel zugeordnet, die sich insbesondere mit konzeptionelle Fragen und verschiedenen Forschungsbereichen wie Sprachverarbeitung, Selbstregulation und Gehirnstrukturen beschäftigen. Im ersten Kapitel werden ein Überblick über den aktuellen Status des Bereiches der Lernstörungen gegeben, die historischen Linien dazu nachgezeichnet und ein Ausblick auf künftige Themen geworfen. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der Gedächtnisentwicklung und Informationsverarbeitung im Allgemeinen und in Bezug auf Lernstörungen im Besonderen. Das dritte Kapitel widmet sich dem Thema, wie Spracherwerbsprozesse und Lesestörungen zusammenhängen. Im vierten Kapitel werden die Peerbeziehungen von Schüler/innen mit Lernstörungen untersucht, was sie auszeichnen und welche Faktoren sie beeinflussen. Gegenstand des Kapitels fünf ist die Fähigkeit der Selbstregulation bei Schüler/innen mit Lernstörungen und ADHS. Das sechste Kapitel befasst sich mit den neurowissenschaftlichen Grundlagen, weil in der Forschung und Literatur über Lernstörungen immer häufiger auf diese Erkenntnisse Bezug genommen wird.

Teil 2: Aspekte der Instruktion bei Lernstörungen

Hier stehen die Interventionsmöglichkeiten im Vordergrund. Aktuelle Forschungsergebnisse werden in sieben Kapiteln (Kapitel 7 bis 13) sehr praxis- und anwendungsorientiert dargestellt. Es geht dabei vor allem um die Förderung von Kompetenzen im Lesen, Schreiben, in Mathematik und im sozialen Bereich mit entsprechenden Instruktionen und Interventionen.

Das Kapitel sieben widmet sich den Schwierigkeiten beim Leseverständnis und wie dieses unterstützt werden kann. Im achten Kapitel wird dargestellt, wie man einen guten Schreibunterricht gestalten kann, der auch die Bedürfnisse von Kindern mit Lernstörungen berücksichtigt. Das neunte Kapitel beschäftigt sich mit dem Mathematikunterricht und welche Interventionen und Strategien hier besonders für die Zielgruppe geeignet sind. Zwei Kapitel (zehn und zwölf) haben den Erwerb sozialer Kompetenzen zum Gegenstand. Das Kapitel elf stellt allgemeine Strategien dar, die auf den schulischen Erfolg und eine gelingende spätere Lebensgestaltung der jungen Menschen zielen. Das Kapitel 15 beschäftigt sich insbesondere mit Jugendlichen mit Lernstörungen und der Notwendigkeit, andere Unterstützungsformen zu entwickeln als bei Kindern.

Diskussion

Unter der Voraussetzung, dass man als Leser/in bereit ist, sich auf unterschiedliche, z.T. medizinisch und psychologisch geprägte Sichtweisen zu diesem Thema einzulassen, trägt dieses Buch zum Verständnis von Schwierigkeiten in Lehr-Lernprozessen bei. Es gibt praktische Anregungen und methodisches Handwerkszeug, wie Lehr- und Lernprozesse besser gestaltet werden können. Somit wird auch deutlich, dass Lernstörungen nicht unbedingt ihre Ursache in individuellen Defiziten oder Störungen haben. Gleichzeitig eigenen sich viele der dargestellten Strategien dazu, gute Lernarrangements für alle Lernenden (ob mit oder ohne besondere Schwierigkeiten) zu gestalten. In dem Sammelband wird ein breites Spektrum an Themen abgedeckt, das sich u.a. auf verschiedene (schulische) Lernbereiche wie das Lesen, Schreiben und Rechnen bezieht, aber auch die sozialen Kompetenzen und Peerbeziehungen nicht vernachlässigt. Die Kapitel 2 und 6 zu Gehirn und Gedächtnis ergänzen die übrigen, eher pädagogisch und didaktisch ausgerichteten Kapitel fachlich mit einem „Blick über den Tellerrand“.

Zielgruppe

Das Buch wurde ausdrücklich für Studierende, vor allem des Lehramtes, geschrieben. Geeignet ist es für alle Lehrämter an Sonder- und Regelschulen. Es ist jedoch auch für Praktiker/innen aus unterschiedlichen Feldern interessant, die sich mit Bildungsprozessen junger Menschen befassen. Zu denken wäre hier an die berufliche Bildung von benachteiligten und behinderten Jugendlichen sowie die Erwachsenenbildung für diesen Personenkreis. In der universitären und fachhochschulischen Lehre unterschiedlicher pädagogischer Fachrichtungen kann dieser Sammelband ebenfalls gut zum Einsatz kommen.

Fazit

Der Sammelband ist insgesamt empfehlenswert. Je nach Interessenschwerpunkt kann man sich mit einzelnen Themen vertiefend beschäftigen, oder sich aber einen großen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung im englischsprachigen Raum verschaffen.

Zitierte Literatur

  • Eberwein, Hans (Hrsg.): Handbuch Lernen und Lernbehinderung. Aneignungsprobleme, neues Verständnis von Lernen, integrationspädagogische Lösungsansätze. Weinheim und Basel: Beltz, 1996.
  • Werning, Rolf/Lütje-Klose, Birgit: Einführung in die Lernbehindertenpädagogik. München und Basel: Ernst Reinhardt, 2003.

Rezension von
Dr. Antje Ginnold
Dipl. Pädagogin.
Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt berufliche Integration von Menschen mit Behinderung, langjährig tätig in den Bereichen Fort- und Weiterbildung, Lehre und Forschung sowie als Integrationsberaterin für Jugendliche mit Lernbehinderung im Übergang Schule – Beruf in Berlin
Mailformular

Es gibt 13 Rezensionen von Antje Ginnold.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Antje Ginnold. Rezension vom 16.04.2009 zu: Bernice Y. L. Wong (Hrsg.): Lernstörungen verstehen. Ein Praxishandbuch für Psychologen und Pädagogen. Spektrum Verlag (Heidelberg) 2008. 3. Auflage. ISBN 978-3-8274-1817-3. Originaltitel: Learning about learning disabilities. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6573.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht