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Rainer K. Silbereisen, Marcus Hasselhorn (Hrsg.): Entwicklungspsychologie des Jugendalters

Rezensiert von Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner, 08.11.2008

Cover Rainer K. Silbereisen, Marcus Hasselhorn (Hrsg.): Entwicklungspsychologie des Jugendalters ISBN 978-3-8017-0592-3

Rainer K. Silbereisen, Marcus Hasselhorn (Hrsg.): Entwicklungspsychologie des Jugendalters. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2008. 945 Seiten. ISBN 978-3-8017-0592-3. 169,00 EUR. CH: 286,00 sFr.
Reihe: Enzyklopädie der Psychologie - Themenbereich C, Theorie und Forschung - Ser. 5, Entwicklungspsychologie - Band 5
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Thema

Die Forschung zum Jugendalter nahm in den letzten beiden Jahrzehnten einen gewaltigen Aufschwung. Die Beschäftigung mit der Pubertät als wichtigen Übergang sowie die Auseinandersetzung mit Jugendproblemen sind dabei von besonderer Bedeutung. Charakteristisch sind die interdisziplinären Ansätze, in denen die Psychologie eine große Rolle spielt, aber keineswegs dominiert.

Aufbau

Der Band ist in fünf Bereiche unterteilt:

  1. Grundlegende Veränderungen während des Jugendalters
  2. Wichtige Kontexte
  3. Positive Entwicklung von Persönlichkeit und Handlungskompetenzen
  4. Fehlanpassungen im Jugendalter
  5. Besondere Lebenslagen

Teil I: Grundlegende Veränderungen während des Jugendalters

In den drei Beiträgen dieses Teils werden grundlegende biologische, körperliche, kognitive und soziale Veränderungen und Übergänge besprochen.
  • Im ersten Beitrag stellen Karina Weichold und Rainer K. Silbereisen die vielfältigen biologischen Veränderungen in der Pubertät und der Adoleszenz sowie die psychosozialen Aspekte dieser körperlichen Veränderungen dar und gehen auf die normale interindividuelle Variation und deren Konsequenzen bis ins junge Erwachsenenalter ein.
  • Eva Dreher und Michael Dreher thematisieren ein zentrales Merkmal der Veränderungen im Jugendalter, die kognitive Entwicklung. Sie stellen die relevanten Aspekte des strukturgenetischen Ansatzes, des Informationsverarbeitungsansatzes und des domainspezifischen Ansatzes vor, besprechen Aspekte des Denkens (wie Rationalität oder kritisches Denken) und beleuchten den Zusammenhang von Denken und Handeln (zum Beispiel hinsichtlich Entscheidungen treffen).
  • Das dritte, etwas kürzere Kapitel beschäftigt sich mit sozialen Übergängen von der Kindheit bis ins frühe Erwachsenenalter und deren Auswirkungen, wobei die Übergänge zum Erwachsenenalter deutlich mehr Raum einnehmen (Martin Pinquart & Alexander Grob).

Teil II: Wichtige Kontexte

Fünf Beiträge beleuchten wichtige Sozialisationskontexte in der in diesem Band dargestellten Altersspanne: Familie, Schule, Beruf, aber auch Freizeit und die neuen Medien.

  • Ein facettenreiches Bild von Familien mit Jugendlichen und den Eltern-Kind-Beziehungen untereinander entwirft Sabine Walper. Sie relativiert gängige Vorstellungen von Konflikthaftigkeit und Distanz im Verhältnis zu den Eltern und der abnehmenden Bedeutung der Eltern im Verhältnis zur Bedeutung der Gleichaltrigen. Im folgenden Kapitel wird dann das Peersystem differenziert in unterschiedlichen Facetten beleuchtet (Hans Oswald & Harald Uhlendorff).
  • Schulen kommt im Jugendalter als differenzielle Entwicklungsmilieus große Bedeutung zu. Kai S. Cortina und Olaf Köller thematisieren Aspekte der kognitiven sowie der allgemeinen psychosozialen Entwicklung, aber auch die Entwicklung lernbezogener Motivation und Entwicklung von Zukunftsperspektiven im schulischen Kontext. Anschließend beschreibt Walter R. Heinz den Übergang in die Arbeitswelt, beleuchtet Veränderungen der Qualifizierungswege und Übergangskontexte in den letzten Jahrzehnten sowie als psychologische Variable die Arbeitsorientierung der Jugendlichen. Die Vorteile des viel kritisierten deutschen Systems der Berufsausbildung werden dabei deutlich, vor allem im Vergleich zu den USA oder Großbritannien.
  • Freizeit hat erheblichen Anteil am Tagesablauf deutscher Jugendlicher. Peter Noack beschreibt die Veränderung der Aktivitäten und der Freizeitkontexte im Verlauf des Jugendalters und arbeitet die Doppelnatur von Entwicklungschancen und –risiken heraus.
  • Abschließend beschäftigen sich Friedrich Krotz, Claudia Lampert und Uwe Hasenbrink mit dem Prozess der aktiven Aneignung neuer Medien im Jugendalter, thematisieren beispielsweise den Einsatz neuer Medien in Schule und Beruf und die Auswirkungen auf soziale Beziehungen mit den jeweiligen Chancen und Risiken.

Teil III: Positive Entwicklung von Persönlichkeit und Handlungskompetenzen

Die fünf Beiträge dieses Teils haben zentrale Entwicklungsaufgaben zum Thema und legen dabei das Hauptaugenmerk auf gelungene Entwicklungen.

  • Das Jugendalter ist das Lebensalter, in dem man erstmals differenzierte soziale Rollen und Positionen einnimmt. Die folgenden beiden Kapitel beschreiben die Identitätsentwicklung im Jugendalter (Tilmann Habermas) und die Transformation der Eltern-Jugendlichen-Beziehung, das Streben nach Autonomie (Manfred Hofer). Die beiden Autoren präsentieren Theorien, Mechanismen und empirische Befunde.
  • Freundschaften stellen eine wichtige Entwicklungsressource dar; im Laufe des Jugendalters werden Erfahrungen mit romantischen Beziehungen gesammelt; entscheidende Moderatoren für adaptive Bewältigungsstile sind dabei frühe Bindungserfahrungen (Maria von Salisch & Inge Seiffge-Krenke). Anschließend berichtet Barbara Krahé wichtige Fakten zur Sexualität im Jugendalte; sie geht auch auf sexuelles Risikoverhalten, gleichgeschlechtliche Orientierung und unfreiwillige sexuelle Kontakte ein.
  • Im abschließendem, eher theoretisch orientiertem Kapitel befassen sich Bärbel Kracke und Jutta Heckhausen mit Fragen der Regulation und Kontrolle über das eigene Entwicklungshandeln, beginnend mit der aktiven Lösung von Alltagsproblemen, bis hin zu Fragen der Zukunftsorientierung und von Lebenszielen.

Teil IV: Fehlanpassungen im Jugendalter

  • Karin Weichold, Anneke Bühler und Rainer K. Silbereisen informieren über den Gebrauch von Alkohol und illegalen Drogen im Jugendalter, stellen unterschiedliche Entwicklungsverläufe dar und diskutieren Einflussfaktoren.
  • Werner Greve und Daniela Hosser definieren antisoziales Verhalten als breites Spektrum sozial abweichender Verhaltensweisen mit zumeist aggressiven Komponenten, die soziale Regeln in nicht tolerierbarer Weise verletzen. Sie beschreiben unterschiedliche Entwicklungsverläufe delinquenten Verhaltens mit den jeweiligen Schutz- und Risikofaktoren.
  • Auf eine der häufigsten Störungen bei Jugendlichen gehen Cecilia A. Essau und Judith Conradt ein, Depression und depressive Störungen. Nach der Präsentation epidemiologischer Daten stellen sie de Anwendung von theoretischen Erklärungsmodellen auf das Jugendalter sowie umfassend Präventionsprogramme vor.
  • Eine weitere Quelle von Fehlanpassungen stellt das Eingehen von Gesundheitsrisiken dar. Arnold Lohaus und Johannes Klein-Heßling diskutieren Gesundheitsverhalten und die Funktion von gesundheitsriskantem Verhalten und stellen Konzepte der Prävention vor.

Teil IV: Besondere Lebenslagen

  • Armut ist für die Lebenssituation von Jugendlichen, für deren Handlungsmöglichkeiten und für die Entwicklung der Fähigkeiten und Einstellungen von Bedeutung. Lothar Krappmann beschreibt bedrohte Entwicklungsaufgaben und diskutiert Wirkmodelle der Entwicklung in (relativen) Armutsbedingungen.
  • Chronische Erkrankungen stellen ein Hindernis in der Erreichung alterspezifischer Entwicklungsaufgaben dar. Inge Seiffge-Krenke bespricht den medizinischen und den familiären Kontext sowie Entwicklungskontexte Schule, Freunde und romantische Beziehungen.
  • Die folgenden beiden relativ kurzen Kapitel berichten Befunde zur Migrationsforschung (Eva Schmitt-Rodermund) und zum politischen Extremismus (Dirk Baier & Klaus Boehnke), jeweils mit besonderem Bezug zum Jugendalter.
  • Das abschließende Kapitel beschäftigt sich mit dem übergreifenden Thema der Bedeutung des sozialen Wandels für das Jugendalter. Martin Pinquart und Rainer K. Silbereisen diskutieren Modelle und Studien zur Auswirkung sozialen Wandels auf die psychische Entwicklung, von der Weltwirtschaftskrise bis zur deutschen Wiedervereinigung, wobei es mehr Studien zu abrupten Wandelphänomen als zu langfristigen gesellschaftlichen Veränderungen gibt. Sie sehen die Jugend als Motor des sozialen Wandels und den sozialen Wandel als Motor der Jugendentwicklung; er bietet Jugendlichen die größten Chancen, setzt sie aber auch besonderen Gefährdungen aus. Es zeigt sich, dass Entwicklungstheorien, die unter früheren gesellschaftlichen Verhältnissen aufgestellt wurden, kritisch zu prüfen sind, ob sie heute noch uneingeschränkt gültig sind.

Zielgruppen

Studierende und Lehrende der Psychologie, insbesondere der Entwicklungs- und Pädagogischen Psychologie, Psychologen in der Praxis sowie Wissenschaftler aus Nachbardisziplinen

Fazit

Der vorliegende Band der Enzyklopädie gibt einen fundierten Überblick über grundlegende Veränderungen während des Jugendalters, thematisiert wichtige Entwicklungskontexte, geht auf gelingende und Risikoverläufe sowie die Entwicklungsverläufe in besonderen Lebenslagen ein. Die Autorinnen und Autoren, ausgewiesene Experten aus dem deutschsprachigen Raum, geben einen zeitnahen Überblick über den aktuellen Wissenstand, in der Konzept- und Theoriebildung wie in der empirischen Forschung. Wo möglich werden deutsche Untersuchungen vorgestellt, die durch vor allem amerikanische Befunde ergänzt werden. Die meisten Beiträge ziehen auch Schlussfolgerungen für Wissenschaft (zukünftige Forschungsschwerpunkte) und Praxis (Prävention).

Die Enzyklopädie richtet sich vor allem an Lehrende und Studierende; es lohnt sich aber auch für den Praktiker, zur Auffrischung seines Wissensstandes das ein oder andere Kapitel zu lesen.

Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
ehem. Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen in Dorfen, Erding und Markt Schwaben im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Es gibt 175 Rezensionen von Lothar Unzner.

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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 08.11.2008 zu: Rainer K. Silbereisen, Marcus Hasselhorn (Hrsg.): Entwicklungspsychologie des Jugendalters. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2008. ISBN 978-3-8017-0592-3. Reihe: Enzyklopädie der Psychologie - Themenbereich C, Theorie und Forschung - Ser. 5, Entwicklungspsychologie - Band 5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6576.php, Datum des Zugriffs 18.05.2022.


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