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Birgit Kohlhofer, Regina Neu u.a.: E.R.N.S.T. machen

Rezensiert von Dipl.-Päd. Klaudia Kornblum, 21.07.2009

Cover Birgit Kohlhofer, Regina Neu u.a.: E.R.N.S.T. machen ISBN 978-3-927796-83-6

Birgit Kohlhofer, Regina Neu, Nicolaij Sprenger: E.R.N.S.T. machen. Sexuelle Gewalt unter Jugendlichen verhindern. mebes & noack (Köln) 2008. 192 Seiten. ISBN 978-3-927796-83-6. 29,50 EUR. CH: 49,90 sFr.
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Entstehungshintergrund und Themen

Das vorliegende, höchst ansprechend, sorgfältig und übersichtlich gestaltete Handbuch für Fachleute der Jugendhilfe ist das Ergebnis einer mehrjährigen Arbeitsgemeinschaft zum Thema „Sexuelle Gewalt zwischen Jugendlichen in Einrichtungen der Jugendhilfe“. Das Buch bietet Informationen, Erklärungen und Materialien, um auf Jugendliche, die durch sexuell aggressives Verhalten auffallen, professionell zu reagieren. Es enthält darüber hinaus, Anregungen und Vorschläge zur Reflexion des eigenen pädagogischen Handelns. Dabei umschreibt der Titel „E.R.N.S.T.“ zugleich Anspruch wie Programm; die Buchstaben stehen im Einzelnen für:

  • E RKENNEN VON ANZEICHEN SEXUELLER GEWALT
  • R UHE BEWAHREN
  • N ACHFRAGEN
  • S ICHERHEIT HERSTELLEN
  • T ÄTER STOPPEN & OPFER SCHÜTZEN

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel wird durch Beiträge von Veronica Ferres, Schirmherrin von Power-Child e.V., Dr. Werner Tschan und Dr. Dirk Bange in das Thema, sexuelle Gewalt unter Jugendlichen verhindern, eingeführt. Ausführungen zur Entstehung des Handbuches und erst dann ein sparsam kommentiertes Inhaltsverzeichnis machen Lust, sich mit den Inhalten auseinander zu setzen, also konkret, den eigenen Blick zu schulen, aufmerksam zu werden, eine eigene Haltung zu entwickeln und die bereit gestellte Materialien und Hilfen für den „Notfall“ kennen zu lernen.

Sexuelle Übergriffe durch Jugendliche in Institutionen der Jugendhilfe stehen im Spannungsfeld, ernst nehmen, verharmlosen oder dramatisieren. Anregungen und Unterstützung zunächst zur eigenen, persönlichen Auseinandersetzung mit den verschiedenen Facetten des Themas Sexualität/ sexuell auffälligen Verhaltens bieten Impulsfragen des zweiten Kapitels.

Mit kurzen Fachinformationen zur rechtlichen Dimension jugendlicher Sexualdelinquenz beginnt das dritte Kapitel, dem sich eine Diskussion und Bewertung unterschiedlicher Erscheinungsformen sexuell auffälligen Verhaltens und des Ausmaßes jugendlicher sexueller Gewalt anschließt. Etwas umfangreicher und unter Bezugnahme auf neuere, internationale Forschungsliteratur zugleich aber eher schlagwortartig werden Entstehungsbedingungen sexueller Gewalt und Pädosexualität benannt. Das Kapitel schließt mit einem Blick auf Täterinnen.

Beziehungsmuster und auch Motivationslage Jugendlicher bezüglich sexueller Gewalt und Grenzüberschreitungen werden im folgenden vierten Kapitel anhand von drei Fallbeispielen aus der stationären Jugendhilfe beschrieben und analysiert. Dieses Kapitel ermöglicht eine gute Einfühlung in verschiedene Facetten sexueller Gewalt unter Jugendlichen.

Mit dem Titel „Hinschauen ist das oberste Gebot“ ist das Interview mit Monika Egli-Alge im fünften Kapitel überschrieben und leitet nach der Bestandsaufnahme sexueller Gewalt nun zu Empfehlungen zum Umgang mit Sexualität und sexueller Gewalt, zu Darstellung pädagogischer Interventionen und zu dringend notwendiger Präventionsarbeit über.

Wichtig ist – so betonen die Autoren wiederholt -, dass Themen wie Sexualität, Grenzen und Respekt innerhalb pädagogischer Teams und in Kooperation mit Leitung kontinuierlich reflektiert werden, eine differenzierte Haltung im Umgang mit sexueller Gewalt, ein hoher Kenntnisstand und gemeinsame Handlungsstrategie erarbeitet werden. Empfehlungen zum Krisenmanagement bei sexueller Gewalt mit einem getrennten Blick auf Täter und Opfer sowie Tipps im Umgang mit Polizei und Behörden schließen das sechste Kapitel ab.

Das siebte Kapitel enthält konkrete, praxisnahe Empfehlungen und vielfältige Vorschläge: z. B. konkrete Arbeitsmaterialien für Auseinandersetzung und Diskussion im Mitarbeiterinnenkreis anhand eines Fragenkatalogs, Material zur Reflexion von Manipulations- und Täterstrategien oder Material zur konkreten Arbeit zum Thema Gewalt mit Jugendlichen. Das Kapitel sieben endet mit vier Situationsbeschreibungen, die entsprechend der bereits dargestellten Abfolge von Arbeits- bzw. Handlungsschritten ERNST- Erkennen von Anzeichen, Ruhe bewahren, nachfragen, Sicherheit herstellen, Täter stoppen und Opfer schützen- exemplarisch analysiert und reflektiert werden.

Das achte Kapitel des Buches enthält eine umfangreiche Sammlung von Arbeitsbögen zur konkreten thematischen Auseinandersetzung zu Themen wie Gefühle, Körperlichkeit, Sexualität, Umgang mit Respekt und Grenzen um mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Diese Materialien lassen sich unaufwändig in den Betreuungsalltag integrieren, regen an zu Auseinandersetzung und Reflexion mit Jugendlichen im Einzel- und Gruppensetting.

Zielgruppe und Fazit

Das vorliegende, sehr leserfreundlich gestaltete Handbuch zur Prävention sexueller Gewalt richtet sich speziell an pädagogische und therapeutische Mitarbeiterinnen von Institutionen in den sich Jugendliche aufhalten bzw. leben. Zusammenfassend gelingt mit dem vorliegenden und für seine kürze sehr vielseitiges Buch, z. B. die knappe Vermittlung von Fachinformationen verbunden mit einer grundlegenden Sensibilisierung für das Thema oder auch Anregungen zur Entwicklung einer reflektierten Haltung im Umgang mit sexueller Gewalt unter Jugendlichen und Kenntnisse über Entstehungsbedingungen. Die Anregungen des Buches unterstützen darin, immer wieder genau hinzusehen, Positionen zu beziehen, klare ethische Werte und Mut im Umgang mit dem Thema sexueller Gewalt zu entwickeln. Hilfreich und spannend erscheinen besonders die Arbeitsbögen, die konkretes und gutes Material zur Arbeit mit Jugendlichen darstellen und eine Idee entstehen lassen, wie und anhand welche Themen mit Jugendlichen gearbeitet werden kann. Dies besonders auch unter dem Aspekt, Jungen und Mädchen zu sensibilisieren und vor sexuellen Übergriffen zu schützen.

Natürlich reicht dieses vorliegende Buch nicht, um umfangreiche Kenntnis in diesem Problembereich zu erlangen. Weil aber viele Facetten angesprochen, diese so ansprechend und vielseitig dargestellt wurden, kann dieses Buch - als erste Orientierungshilfe- auch anregen, tiefer und spezialisierter in das Thema sexueller Gewalt einzusteigen.

Rezension von
Dipl.-Päd. Klaudia Kornblum
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin

Es gibt 5 Rezensionen von Klaudia Kornblum.

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Zitiervorschlag
Klaudia Kornblum. Rezension vom 21.07.2009 zu: Birgit Kohlhofer, Regina Neu, Nicolaij Sprenger: E.R.N.S.T. machen. Sexuelle Gewalt unter Jugendlichen verhindern. mebes & noack (Köln) 2008. ISBN 978-3-927796-83-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6582.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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