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Daniela Flemming, Christine Kreter: Ja zum Alten- und Pflegeheim. Wie der Übergang gelingt

Cover Daniela Flemming, Christine Kreter: Ja zum Alten- und Pflegeheim. Wie der Übergang gelingt. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2008. 199 Seiten. ISBN 978-3-407-22906-9. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 29,00 sFr.

Reihe: Beltz-Taschenbuch - 906 - Ratgeber.
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Zielsetzung und Zielgruppen

Der vorliegende Ratgeber soll seine Leser befähigen, eine Entscheidung für oder gegen ein Altenheim zu treffen und des Weiteren abzuwägen, ob eine Pflege zu Hause oder im Heim die richtige ist. Die beiden Autorinnen Daniela Flemming, examinierte Altenpflegerin und Lehrerin für Pflegeberufe mit dem Schwerpunkt Demenzkranker sowie Christine Kreter, Lehrerin für Altenpflegekräfte und Leiterin eines Alten- und Pflegeheimes in Göttingen geben wichtige Hintergrundinformationen, was der nächste Schritt sein sollte, wenn die Frage zu beantworten ist: "Pflegebedürftig - was nun?" . Interessentinnen für die Publikation dürften zuvorderst von Pflege Betroffene und deren Angehörige sein sowie jene, die in der Altenpflege tätig sind.

Aufbau und Inhalte

Das Buch ist in 12 Kapitel unterschiedlicher Länge untergliedert.

  1. Das erste Kapitel ist mit dem Titel überschrieben "Pflegebedürftig! – Was nun?". Anhand eines Fallbeispiels wird in die Thematik von der umfassenden Abneigung gegen Heime, die kollektiv den Verlust von Selbständigkeit und Selbstbestimmtheit suggerieren, eingeleitet. Die Autorinnen stellen die durchaus berechtigten Fragen: "Ist es tatsächlich das Pflegeheim selbst, in welchem das Leben unwürdig ist, oder ist …es … nicht der Zustand der eigenen Hilf- und Wehrlosigkeit? (S. 13) und "Ist mein Zustand weniger unwürdig, wenn ich weiter zu Hause lebe?" Im Folgenden werden erste Alarmzeichen benannt, die eine Hilfe für Ältere anraten lassen. Bei langsamem aber progredientem Verlauf würden sowohl Betroffene als auch ihre Angehörigen in die Pflege hinein "schleichen", die Übernahme der häuslichen Pflege, teilweise eine unfreiwillige Dauerpflege, sei also ein nicht immer beabsichtigter Prozess.
  2. Im zweiten Kapitel "Pflege zu Hause" werden anfangs erneut zwei Fragen aufgeworfen, deren Beantwortung darauf abzielen soll, ob ich bei Pflegebedürftigkeit von Familienangehörigen nicht nur helfen wolle, sondern auch helfen könne. Eine Fallschilderung soll verdeutlichen, wie die Pflege Stück für Stück am eigenen Leben nagt und mit welchen Belastungen sich pflegende Angehörige auseinander zu setzen haben. Am Ende des Kapitels wird unvermittelt und ohne einen geeigneten Übergang das Tabuthema "Gewalt in der häuslichen Pflege" (S. 41 ff) aufgegriffen, eine Auseinandersetzung die fachlich wenig begründet und oberflächlich reflektiert bleibt.
  3. Das dritte Kapitel widmet sich der "Pflege im Heim", die auf zwei Seiten wirklich nur angerissen wird, bevor Einrichtungen der stationären Altenhilfe verkürzt beschrieben werden. Es folgt daraufhin aber über sechs Seiten eine Fallgeschichte, wie gut es doch eine Dame im Wohnstift getroffen hätte. Eine m. E. eigentümliche Begründung für ein Leben im Altenheim, in das heute nur noch mit Pflegestufe und somit weitestgehend multimorbid eingezogen wird, in dem die Vorteile des Wohnstifts, die nur finanziell gut ausgestattete Menschen und das insbesondere in den alten Bundesländern in Anspruch nehmen können, die keinerlei Lobpreisung rechtfertigen sollte.
  4. Das vierte Kapitel "Was kostet Pflege? – der finanzielle Aspekt" setzt sich mit den aus der Pflegeversicherung geleisteten Beträgen und den Heimkosten dezidiert und ausführlich auseinander.
  5. Kapitel fünf "Pflege in einer Alteneinrichtung" thematisiert das Problem des Schwindens der Menschlichkeit in diesen Einrichtungen hin zu einer Dienstleistung am Kunden. Es wäre bis heute schwer zu verstehen, warum ausgerechnet in dem Bereich, in dem Menschen einer "menschlichen" Hilfe bedürfen, das soziale und der christlichen Nächstenliebe verpflichtete Pflegeverständnis einer leistungsorientierten, vertraglich festgelegten Pflege und Versorgung weichen musste (S. 74). Das Pflegeheim sei heute mit einem Hotel vergleichbar, ein Leistungsanbieter. Warum dieses Kapitel eigenständig, unterbrochen durch finanzielle Regelungen, behandelt wird und nicht im dritten "Pflege im Heim" aufgegriffen wurde, bleibt unbegründet und dürfte den Leser zumindest verwundern. Am Ende wird, obgleich im vorhergehenden Kapitel bereits geklärt, noch einmal thematisiert, warum Altenheime kosten, was sie kosten.
  6. Im sechsten Kapitel "Entscheidungshilfe" wird versucht, aus der Sicht des alten hilfs- oder pflegebedürftigen Menschen die Entscheidung für oder gegen ein Heim überlegt zu treffen. Die Ausführungen legen nahe, den Schritt in ein Altenpflegeheim wegen der eigenen Unzumutbarkeit zu wagen, denn der geschehe "…zum Wohle des Betroffenen. Hier werden die Pflege konsequent und die Betreuung optimal von speziell dafür ausgebildetem Personal weitergeführt" (S. 90/91).
  7. "Nach der Entscheidung "pro Altenheim"" folgen im Kapitel sieben Ausführungen, wie Angehörige das richtige Heim finden können. Oftmals muss es dann eine ungewollt schnelle Entscheidung sein, weil in 35% der Fälle der Übergang von einem Akutkrankenhaus, einer Reha – Klinik oder einer (geronto)psychiatrischen Einrichtung in ein Pflegeheim realisert werden muss. Eine Liste zu Fragen, die in einem Informationsgespräch im Heim gestellt werden könnten, fasst Wesentliches zusammen und erleichtert sicherlich ein auf die wichtigsten Angelegenheiten konzentriertes Beratungsgespräch.
  8. Von der Gliederung wenig stringent und nachvollziehbar folgt das achte Kapitel zum "Exkurs: Altenpflegerin – ein verkannter Beruf?" Es wird für meine Begriffe zu idealtypisch thematisiert, was AltenpflegerInnen leisten und lernen und welche Belastungen sie in der Pflege alter Menschen auf sich nehmen müssten.
  9. Im neunten Kapitel des Buches "Schritt für Schritt ins Pflegeheim" folgen Ausführungen zum Abschluss des Heimvertrages, zu erforderlichen Unterlagen, die im Heim vorzulegen sind sowie zu notwendigen Behördengängen, die für Ratsuchende ein geeigneter Handlungsleitfaden sein dürfte. Die letzten Seiten gelten einem Thema, das an dieser Stelle ebenfalls nicht begründet erscheint, wenn sich demente alte Menschen weigern, in ein Heim umzuziehen. Die Autorinnen geben den Rat "…Demenzkranke brauchen keine Erklärungen, Demenzkranke brauchen jemanden, der für sie entschlossen handelt… Ein Betreuer mit dem Aufgabenkreis der Aufenthaltsbestimmung kann seinen Betreuten gegen dessen Willen mit amtsrichterlicher Genehmigung in einem Alten- oder Pflegeheim unterbringen, wenn damit keine Freiheitsentziehung verbunden ist (BGB § 1906)", (S. 138).
  10. Das zehnte Kapitel "Die Zeit danach" greift das Problem auf, wie gut ein Heim wirklich ist und wer die Qualität dieser Einrichtungen überprüft. Ein ausführliches Fallbeispiel "Oma ist ja nicht aus der Welt, sie wohnt nur nicht mehr bei uns" (S. 150 ff) soll verdeutlichen, dass es der richtige Schritt gewesen sei, sie in ein Heim zu geben.
  11. Das vorletzte Kapitel "Licht und Schatten" setzt sich zunächst mit dem wohl sensibelsten Thema, der Zeit, die für die Betreuung aufgewandt wird, auseinander. Es werden wie in jedem Kapitel immer wieder Fallgeschichten eingefügt, die die Ausführungen bestätigen sollten.
  12. Die Abhandlungen im zwölften und damit letzten Kapitel "Ausblick" plädieren für das Zugeständnis, dass die meisten Alten- und Pflegeheime besser wären als ihr Ruf und man in diese Einrichtungen doch Vertrauen haben sollte.

Fazit

Das vorliegende Buch hat durchaus den Titel "Ratgeber" verdient, allerdings für einen eingegrenzten und wohl auch zu positiv dargestellten Bereich des Alten- und Pflegeheims. Der Leser wird die in Fachkreisen kritisch diskutierte Auseinandersetzung vermissen, ob es heute noch eine zeitgemäße Unterbringung in einer solchen Einrichtung ist. Eine begründete Kritikfähigkeit an einer heute vielfach nicht gewünschten Form, den Lebensabend mit großen Einschränkungen vollenden zu müssen, denn ein Altenheim ist notwendigerweise an eine Pflegestufe gebunden, hätte den Ausführungen zu mehr Zuversicht und Glaubwürdigkeit verholfen. So bleibt der bittere Nachgeschmack, die Existenz der Alten- und Pflegeheime als idealtypisch rechtfertigen zu müssen, wenn die Pflege zu Hause zur Überforderung der Angehörigen wird.

Die Gliederungsebenen zwischen und in den Kapiteln sind nicht immer stringent und die Ausführungen gehen über einen bekannten Allgemeinheitsgrad nicht hinaus. Dennoch ist es ein Buch, das durch die immer wieder integrierten Fallbeispiele lebensnah ist und in entscheidenden Situationen Hilfe leisten kann.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 07.10.2008 zu: Daniela Flemming, Christine Kreter: Ja zum Alten- und Pflegeheim. Wie der Übergang gelingt. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2008. ISBN 978-3-407-22906-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6585.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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