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Elmar Schmidt, John N. Weatherly u.a.: Patientencoaching, Gesundheitscoaching, Case-Management

Cover Elmar Schmidt, John N. Weatherly, Klaus Meyer-Lutterloh, Rainer Sailer, Ralph Lägel: Patientencoaching, Gesundheitscoaching, Case-Management. Methoden im Gesundheitsmanagement von morgen. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2007. 177 Seiten. ISBN 978-3-939069-29-4. 29,95 EUR.

Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Bürgerorientierte Gesundheitsversorgung e. V. (DGbG.
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Thema und Autoren

Das Buch der Autorengruppe um den Allgemeinmediziner Elmar Schmid widmet sich dem in den letzten Jahren erkennbaren Wandel der Rollenerwartungen an Nutzer gesundheitsrelevanter Leistungen und den darauf ausgerichteten konzeptionellen und methodischen Anpassungsreaktionen auf Seiten der diversen Leistungsanbieter. Vorgestellt werden neue Rollen wie beispielsweise der "Patientencoach", "Gesundheitscoach" oder auch "Case Manager", die von den Autoren sogar als eigenständige Berufsbilder konturiert und als angemessene Antwort auf die aktuellen Anforderungen in der Gesundheitsversorgung angesehen werden. Patientencoach und Case Manager sollen durch Information, Beratung und die Übernahme organisatorischer Aufgaben die Effektivität und Effizienz der Gesundheitsversorgung einzelner Patienten erhöhen, wenn auch in unterschiedlicher Intensität. Dagegen ist der Gesundheitscoach nach Ansicht der Autoren in den Bereichen "Bewegung, Sport, Work-Life-Balance, Entspannung, Freizeitgestaltung" etc. und mit einem eher gesundheitsförderlichen und/oder präventiven Fokus tätig. Erklärtes Ziel des Autorenteams ist es, diese Funktionen oder Rollen vorzustellen und für ihre Anwendung im deutschen Gesundheitssystem zu werben.

Entstehungshintergrund

Entstanden ist das Buch im Kontext der "Deutschen Gesellschaft für bürgerorientierte Gesundheitsversorgung" (DGbG) – ehemals Verein für integrative Patientenversorgung (ViP) – mit Sitz in Greifenberg in Bayern (www.dgbgev.de). Auf den ersten Blick auffallend – etwa durch Logos auf dem Einband der Publikation – ist die offensichtlich große Nähe der Autoren zum medizinisch-industriellen Komplex. Zwei der fünf Autoren sind Mitarbeiter großer Pharmaunternehmen, die – so ist im Vorwort zu lesen – durch ihre "großzügige Unterstützung" die Entstehung des Buches überhaupt erst ermöglicht haben sollen. Ein weiterer Autor ist Ehrenvorsitzender des Bundesverbandes Managed Care (BMC), einer bundesweit agierenden wirtschaftsnahen Interessenorganisation im Gesundheitsmarkt (www.bmcev.de/).

Aufbau und Inhalt

Das Buch mit seinen 177 Seiten ist in zwölf unterschiedlich lange, thematisch verbundene Kapitel unterteilt, gerahmt von einer kurzen Einführung sowie einem Glossar und einigen Hinweisen zu den Autoren.

  • Das erste Kapitel (1.) skizziert den Problemhintergrund und beschäftigt sich mit der Frage, warum Patientencoaching, Gesundheitscoaching und Case Management im deutschen Gesundheitssystem überhaupt notwendig sind. Verwiesen wird auf diverse Wandlungsprozesse, strukturelle und gesetzliche Entwicklungen sowie Trends, die auf eine Neudefinition der Akteursbeziehungen in der Gesundheitsversorgung hinauslaufen. Die Notwendigkeit zur Optimierung von Strukturen und Prozessen der Leistungserbringung wird ebenso betont wie die Forderungen nach Qualitätssicherung und -entwicklung und nach Übernahme von mehr Eigenverantwortung der Bürger in gesundheitlichen Belangen. Auf all diese Entwicklungen soll mit den aufgegriffenen Innovationen reagiert werden.
  • Im zweiten Kapitel (2.) folgen dann einige Definitionen sowie  terminologisch-konzeptionelle Versuche der Abgrenzung der unterschiedlichen Interventionen voneinander.
  • Im dritten Kapitel (3.) wird ein Konzept vorgestellt – das so genannte "Brannenburger Modell" – und anhand dessen die praktische Relevanz und Umsetzung der ins Auge gefassten Instrumente und Verfahren veranschaulicht.
  • Im anschließenden Kapitel (4.) wird der zu erwartende Nutzen von Patientencoaching und Case Management dargelegt und dabei sowohl die Interessen der Patienten- bzw. Nutzer, der Leistungsanbieter wie auch der öffentlichen und privaten Leistungs- und Kostenträger thematisiert.
  • Im Folgekapitel (5.) wenden sich die Autoren sodann der grundsätzlichen Bedeutung des Patientencoaching zu, die sie vor allem in der Vermittlung zwischen Patient, Leistungserbringer und Kostenträger und in der Übernahme von Informations- und Steuerungsfunktionen sehen wollen.
  • Ob es sich beim Patientencoachung nun um eine integrative oder mit anderen Leistungsanbietern und Funktionsträgern konkurrierende Rolle handelt, wird im sechsten Kapitel gefragt und erwartungsgemäß in Richtung auf den integrierenden Auftrag beantwortet (6.).
  • Einige Praxisbeispiele aus dem In- und Ausland werden im Folgekapitel (7.) vorgestellt, darunter das der "Gemeindeschwester", des Case Management im "mammaNetz – Augsburg" oder des Schweizer "Patientenforum".
  • Unmittelbar anschließend wird nach konkreten Möglichkeiten zur Implementierung des Coachingansatzes in hierzulande derzeit intensiv diskutierte und erprobte integrierte Versorgungsmodelle gesucht (8.). Beleuchtet werden konkrete Patientengruppen oder Problembereiche (z.B. Arthrose, Diabetes), Finanzierungsfragen und unter anderem auch ökonomische Effekte.
  • Es folgen Überlegungen zur Ausbildung von Patientencoaches (9.), zum Anforderungsprofil sowie zu Ausbildungsinhalten und -wegen sowie zur Qualitätssicherung, Akkreditierung und Zertifizierung (10.) – eine Aufgabe, die nach den Vorstellungen der Autoren künftig von der "Deutschen Gesellschaft für bürgerorientierte Gesundheitsversorgung" (DGbG) wahrgenommen werden soll.
  • Die beiden letzten Kapitel tragen eher resümierenden Charakter, in dem einen Fall unter der Überschrift "Wo geht die Reise hin?" (11.), in dem anderen überschrieben mit "Bürgerorientierung als Zukunftsaufgabe im Gesundheitswesen" (12.). In diesem letzten Kapitel wird noch einmal programmatisch für die Gründungsidee der DGbG geworben, nämlich dafür, Bürgerinnen und Bürger als selbstbestimmte und informierte Nutzerinnen und Nutzer des Gesundheitssystems zu aktivieren, zu stärken und – nicht zuletzt – durch die in dem Buch vorgestellten Interventionen in der Wahrnehmung dieser Rolle zu unterstützen.

Diskussion

Das Buch ist aktuell und grundsätzlich anschlussfähig an viele in gesundheits- pflege- und sozialwissenschaftlichen Kreisen derzeit geführte Diskurse. Durch seine ansprechende Präsentation sowie die praxisnahe, kenntnisreiche und engagierte Herangehensweise der Autoren wird es ohne Zweifel für zahlreiche Leserinnen und Leser interessant sein. Immer wieder werden der Bezug zur Praxis hergestellt, unmittelbar einsichtige und nachvollziehbare Erläuterungen gegeben, die von Sachverstand und Erfahrung zeugen. Zahlreiche Grafiken dienen der Veranschaulichung der Inhalte, ebenso eine flüssige und zugleich knapp gefasste Sprache sowie eine transparente Leserführung. Das Buch wirbt erkennbar um seine Leser und für die Überzeugungen und Initiativen der Autoren. Dies ist seine Stärke und Schwäche zugleich.

Positiv zu würdigen ist, dass Bürgerinnen und Bürgern angesichts des an neoliberalen Paradigmen orientierten Wandels des Gesundheitssystems eine wichtige mitbestimmende und mitgestaltende Rolle zugemutet und sie durch Empowerment, Beratung und Begleitung zur Wahrnehmung derselben befähigt werden sollen. Hierfür die in den USA bereits seit längerem diskutierte Idee des "Coaching" aufzugreifen und für das deutsche Gesundheitssystem nutzbar zu machen, ist interessant und verdient ohne Zweifel beachtet und diskutiert zu werden. Das Buch bietet aufgrund der spezifischen Ausrichtung der Autoren einen anderen Blick auf die aktuelle Debatte um Case Management und andere Steuerungsverfahren in der Sozial- und Gesundheitsversorgung und ergänzt diese unzweifelhaft um einen interessanten, kreativen und bislang selten beachteten Aspekt.

Wenig überzeugend sind hingegen die unscharfen Definitionsversuche der Autoren und ihre zuweilen etwas ideologisch anmutenden Argumentationen. Der konzeptionelle wie auch der praktische Unterschied zwischen Patientencoaching und dem individuellen Case Management bleibt trotz der Bemühungen der Autoren um Abgrenzung diffus. Auf einen textkritischen Apparat wurde verzichtet, ebenso darauf, die verwendeten Zitate und aufgestellten Behauptungen wissenschaftlichen Standards entsprechend zu belegen. Woher die Autoren ihr Wissen haben oder auf welche Vorarbeiten sie sich beziehen, wird nicht erklärt oder belegt. Eine nachprüfbare Bezugnahme auf aktuelle (inter-)nationale Diskurse über die vorgestellten Instrumente – insbesondere das Case Management – bleiben sie schuldig. Leserinnen und Lesern bleibt auf diese Weise nur, das Gesagte zu glauben, nachprüfen können sie es nicht. Dies ist umso problematischer, als das Buch – wie den einleitenden Ausführungen dieser Rezension zu entnehmen war – industrienah und interessengeleitet entstanden ist. Bleibt also zu hoffen, dass die Leserinnen und Leser dieses Faktum bei ihrer Lektüre des Buches kritisch mitdenken und bei der Auseinandersetzung mit den Überlegungen und Entwicklungsideen der Autoren zu berücksichtigen und einzuordnen wissen.

Fazit

Wer sich derzeit hierzulande mit Fragen der Versorgungssteuerung, der Patientenberatung und Verbraucherinformation oder der Bürgerorientierung und -beteiligung befasst, wird durch die Lektüre dieser Publikation von Schmid et al. einen interessanten Einblick in die Aktivitäten, Denk- und Sichtweisen der Vertreterinnen und Vertreter der "Deutschen Gesellschaft für bürgerorientierte Gesundheitsversorgung" (DGbG), des Bundesverbandes Managed Care oder vergleichbarer Organisationen erhalten. Für Praktiker ist das Buch aus meiner Sicht nur dann zu empfehlen, wenn sie sich des Hintergrund der Autoren bewusst sind und mit einem kritischen Blick nach konzeptionell-methodischen Anregungen für ihre Arbeit suchen.


Rezensent
Prof. Dr. Michael Ewers
Pflege- und Gesundheitswissenschaftler. Professor für Gesundheitswissenschaften und ihre Didaktik an der Charité – Universitätsmedizin Berlin
Homepage www.charite.de
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Zitiervorschlag
Michael Ewers. Rezension vom 09.12.2008 zu: Elmar Schmidt, John N. Weatherly, Klaus Meyer-Lutterloh, Rainer Sailer, Ralph Lägel: Patientencoaching, Gesundheitscoaching, Case-Management. Methoden im Gesundheitsmanagement von morgen. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2007. ISBN 978-3-939069-29-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6592.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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