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Manfred Lallinger, Günter Rieger (Hrsg.): Repolitisierung sozialer Arbeit

Manfred Lallinger, Günter Rieger (Hrsg.): Repolitisierung sozialer Arbeit. Engagiert und professionell. Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart (Stuttgart) 2007. 157 Seiten. ISBN 978-3-926297-97-6. 12,00 EUR.

Reihe: Hohenheimer Protokolle - Band 64.
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Entstehungshintergrund und Thema

Der von Manfred Lallinger und Günter Rieger in der Reihe der Hohenheimer Protokolle herausgegebene Band über die "Repolitisierung Sozialer Arbeit" ist in jeder Hinsicht verdienstvoll. Die Beiträge gehen überwiegend auf eine Fachtagung zum gleichen Thema zurück, die im Sommer 2006 in Stuttgart durchgeführt wurde. Die Auseinandersetzung mit den politischen Dimensionen der Sozialen Arbeit verläuft noch zaghaft, sowohl in der Hochschule als auch in Form von Veröffentlichungen. Die vorliegende Publikation liefert  wichtige Anstöße für die wissenschaftliche und auch die professionelle Entwicklung einer politisch ausgerichteten Sozialen Arbeit.

Inhalt

  • Albert Mühlum setzt sich in seinem sozialarbeitswissenschaftlich fundierten Artikel aus historischer und aktueller Perspektive mit dem politischen Mandat der Sozialen Arbeit auseinander. Wohltuend nüchtern seziert er in seiner breit angelegten Argumentation die verbreitete Vokabel der Parteilichkeit, die häufig verkürzt als einseitige Interessenvertretung verstanden wird. Am politischen Auftrag der Sozialen Arbeit, die er auch als eine Form  angewandter Sozialpolitik beschreibt, besteht für ihn kein Zweifel. Damit umschifft er teilweise die Frage nach dem politischen Mandat, bei dem man immer nicht weiß, wer es eigentlich erteilt. Die Soziale Arbeit ist per se der sozialen Gerechtigkeit und damit der Arbeit an menschenwürdigen Lebensumständen der Zielgruppen verpflichtet.
  • Auch Michael Opielka bewegt sich in seiner Analyse des Verhältnisses von Sozialer Arbeit und Sozialpolitik auf einer allgemeinen Ebene. Er beklagt zurecht, dass politische Fragen in der deutschen Sozialarbeit gegenwärtig eine untergeordnete Rolle spielen, ganz anders als beispielsweise in Großbritannien, den USA oder in skandinavischen Ländern. Drei Themen stehen für ihn im Mittelpunkt einer sozialpolitisch verstandenen Sozialen Arbeit: Bildung, Gesundheit und Armut. Damit umgreift Opielka zentrale Lebensbereiche, die auf vielfältige Weise miteinander verzahnt sind. In der gebotenen Kürze konnten die Wechselwirkungen zwischen Armut, Gesundheit und Bildung nicht aufgegriffen werden. Diese Lücke schwächt  den instruktiven Charakter des Textes nicht, in dem sehr plausibel für eine engere Zusammenschau von Sozialer Arbeit und Sozialpolitik geworben wird.
  • Roland Merten, der 2001 ein Buch zum Thema "Hat die Soziale Arbeit ein politisches Mandat?" mit herausgegeben hat, geht von der Sozialen Arbeit als Integrationsarbeit aus. Er beklagt die politische Wirkungsarmut der Sozialen Arbeit. Indizien sind für ihn der mittlerweile nur noch marginal bedeutsame Bundeskongress Soziale Arbeit, der mit viel Schwung vor einigen Jahren angetreten ist oder der geringe Organisationsgrad der Kolleginnen und Kollegen. Weiter moniert er ein fehlendes sachliches Niveau, wenn es darum geht, inhaltliche Differenzen auszutragen, was nach seiner Beobachtung eher zu Spaltungen als zu konstruktiven Lösungen führt. Diese These belegt er mit der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit. Das ist eine abenteuerliche Lesart des ansonsten in interessanten Thesen präsentierten Textes, der provoziert und zu Differenzierungen einlädt.
  • Christian Stark erörtert Hintergründe des politischen Engagements der Sozialen Arbeit. Wie Mühlum greift er auf historische Bezüge der Sozialen Arbeit zurück, aus denen ihr politischer Charakter eindeutig hervorgeht. Er spannt den Bogen von Jane Adams über Ilse von Arlt, Saul Alinsky und Harry Specht bis zu Kharam Khella. Seine Hinweise laden ein, die historischen Bezüge zu vertiefen und von dort aus das politische Profil und die politischen Strategien der Sozialen Arbeit zu präzisieren.

Nach den vier grundlegenden Beiträgen folgen in dem gut lesbaren Band professionsbezogene Artikel, die auf die Handlungsebene eingehen. Darin werden die allgemeinen Überlegungen zur politischen Sozialarbeit auf die Praxis übertragen.

  • Günter Rieger, der sich seit Jahren mit der Frage beschäftigt, wie Soziale Arbeit "Politik machen kann", fordert dazu auf, die Rahmenbedingungen des sozialarbeiterischen Handelns zu analysieren und zu unterscheiden zwischen der Ausführung sozialpolitischer Entscheidungen durch die Soziale Arbeit und der Gestaltung sozialpolitischer Prozesse. Interessant ist sein ausdrücklicher Bezug auf Theorien der Sozialen Arbeit wie den lebensweltorientierten und den ökosozialen Ansatz, die bemerkenswerte politische Potenziale enthalten. Rieger plädiert für ein erweitertes Inklusionsverständnis, in dem auch die Inklusion der Klientel in das politische System thematisiert wird. "Politik machen" umfasst für ihn u.a. Lobbyarbeit zur Durchsetzung sozialpolitischer Interessen, politische Arbeit in Organisationen und Institutionen wie Gremienarbeit oder Gutachtenerstellung und auf einer wieder anderen Ebene die Poltikberatung. Weitere Elemente einer politisch handlungsfähigen Sozialen Arbeit können hier nicht aufgegriffen werden, sie dokumentieren in der Summe noch weitgehend nicht ausgeschöpfte Handlungsmöglichkeiten, die für umfassende Unterstützungsformen der Sozialen Arbeit unverzichtbar sind.
  • Christian Beck reflektiert Aspekte sozialer Anwaltschaft, die nicht in paternalistischen Vorgehensweisen enden darf. Für ihn hat eine unpolitische Soziale Arbeit auf Dauer keine Existenzberechtigung. Am Beispiel des Caritasverbandes vertieft er diesen Gedanken gut nachvollziehbar. Die hier gewonnenen Einsichten sind mutatis mutandis auf andere Bereiche übertragbar und haben insofern auch allgemeingültige Aussagekraft.
  • Chantal Munsch betrachtet bürgerschaftliches Engagement in Bezug auf soziale Ausgrenzung. In ihren erfahrungsbezogenen Ausführungen weist sie auf Zusammenhänge zwischen Bildung, Erwerbsarbeit, Schichtzugehörigkeit und bürgerschaftlichem Engagement hin. Höhere Bildung, höheres Einkommen und die Zugehörigkeit zu gehobenen sozialen Milieus korrelieren danach mit einem höheren Grad an gesellschaftlichem Einsatz.

Fazit

In einem Sammelbeitrag wird die Repolitisierung der Sozialen Arbeit aus der Sicht eines Wohlfahrtsverbandes rekonstruiert. Die Beiträge eines Wohlfahrtsverbandes, im vorliegenden Fall geht es um den Paritätischen, liegen darin, die öffentliche Wahrnehmung und damit auch die Definition sozialer Probleme zu beeinflussen, die Interessen benachteiligter Bevölkerungsgruppen zu vertreten und Veränderungswege aufzuzeigen.

In dem gut 150 Seiten umfassenden Band werden auf engem Raum relevante Facetten einer politischen Sozialen Arbeit entfaltet. Den Autoren gelingt es, unterschiedliche Zugänge zu öffnen und das Anliegen der Sozialen Arbeit auf ein Fundament zu stellen, das die Fallarbeit überschreitet ohne Menschen in Notlagen aus dem Blick zu verlieren. Die Lektüre der Beiträge inspiriert und lädt zu vertiefenden Auseinandersetzungen ein.   


Rezensent
Prof. Dr. Harald Ansen
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Zitiervorschlag
Harald Ansen. Rezension vom 17.09.2008 zu: Manfred Lallinger, Günter Rieger (Hrsg.): Repolitisierung sozialer Arbeit. Engagiert und professionell. Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart (Stuttgart) 2007. ISBN 978-3-926297-97-6. Reihe: Hohenheimer Protokolle - Band 64. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6598.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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