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Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Heute Schüler, morgen Unternehmer?

Rezensiert von Prof. Dr. Manfred Liebel, 02.11.2008

Cover  Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Heute Schüler, morgen Unternehmer? ISBN 978-3-89204-973-9

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Heute Schüler, morgen Unternehmer? Youth Entrepreneurship Barometer. Unternehmerische Potenziale junger Menschen in Deutschland. Verlag Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) 2008. 168 Seiten. ISBN 978-3-89204-973-9. 25,00 EUR. CH: 43,90 sFr.
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Thema

Wer heute in den globalisierten kapitalistischen Gesellschaften eine bezahlte Arbeit sucht oder nicht verlieren will, muss sich flexibel auf die Erwartungen der Unternehmensführungen einstellen und allzeit und zu (nahezu) allem bereit sein. Vor allem muss er oder sie bemüht sein, die eigene Arbeitskraft tatkräftig zu Markte zu tragen. Arbeitsmarktforscher/innen haben dafür das Wort "Arbeitskraftunternehmer" geprägt, um damit einen neuen Typus von "Arbeitnehmer" zu kennzeichnen, der heute noch zu den "atypischen Beschäftigten" (Statistisches Bundesamt) gerechnet wird, morgen aber schon typisch für die neuen Arbeitsverhältnisse sein könnte. Es gehört zum Repertoire neoliberaler Ideologie, diese Entwicklung als einen Zugewinn an Freiheit und Selbstbestimmung zu preisen und den auf die Vermarktung seiner Arbeitskraft angewiesenen Lohnabhängigen zum "Unternehmer seiner selbst" oder gar "mündigen Bürger" zu adeln.

Um junge Menschen schon frühzeitig auf die neuen Verhältnisse einzustimmen und ihnen die entsprechenden Einstellungen und Kompetenzen zu vermitteln, erwarten Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände von den Schulen, dass sie stärker als bisher den "Unternehmergeist" fördern und ihre Schützlinge instandsetzen, sich "marktgerecht" zu verhalten. Hierzu werden "wirtschaftsfreundliche Bildungslandschaften" kultiviert, als deren Bausteine z. B. Schülerfirmen gelten, in denen die jungen Menschen unternehmerisches Handeln schon mal unbefangen üben können. Eine der wichtigsten Schaltstellen in diesem Bemühen ist die Bertelsmann Stiftung. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, junge Menschen von den Vorzügen des "Entrepreneurship" zu überzeugen und hierfür die nötigen wissenschaftlichen Voraussetzungen zu schaffen.        

Inhalt

Das von der Bertelsmann Stiftung kreierte Youth Entrepreneurship Barometer (YEB) soll herausfinden helfen, wie es um die Bereitschaft der deutschen Schuljugend zu "unternehmerischer Selbstständigkeit" bestellt ist und welche Voraussetzungen sie für "Unternehmertum" mitbringt. Im vorliegenden Band werden die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von Jugendlichen und Lehrern vorgestellt, die im Sommer 2007 durchgeführt wurde. In einem weiteren Band sollen im Lichte wissenschaftlicher Diskussion Aufschlüsse über Hintergründe und Handlungsspielräume gewonnen werden. In einem späteren dritten Teil der "Entrepreneurship-Trilogie" (Bertelsmann) soll untersucht werden, "wie andere Länder mit der Thematik umgehen und was Deutschland davon für das Design von Programmen zur Steigerung der "Youth Entrepreneurship" lernen kann" (Vorwort).

Die Bertelsmann Stiftung konstatiert erfreut das "aufsehenerregende" Ergebnis, dass sich 15 Prozent der Jugendlichen eine eigene unternehmerische Selbstständigkeit bestimmt und sogar 61 Prozent eventuell vorstellen können. Allerdings wird die "auffallende Lücke" bedauert, die zwischen einem verbreiteten "unternehmerischen Selbstbewusstsein" und einer zumeist eher geringen Bereitschaft besteht, "die unternehmerische Selbstständigkeit als Teil des eigenen Lebensplans zu bestimmen" (S. 15). Bedauernd wird festgestellt, dass bei allem bekundeten Interesse an unternehmerischer Selbstständigkeit mehr als die Hälfte der Jugendlichen möglichst schnell einen sicheren Job haben möchten, was von den Bertelsmann-Forschern als "bequeme und etwas fantasielose Lebensperspektive" (S. 30) abgetan wird. Bei den Motiven für unternehmerische Selbstständigkeit werden große Unterschiede zwischen den Geschlechtern und Statusgruppen erkennbar. Jungen sind stärker motiviert als Mädchen, die zudem eher das "untypischere Leitbild des Sozialunternehmers" im Auge haben, "das die unternehmerische "Härte" in deutlich milderem Licht erscheinen lässt" (S. 24). Bedauert wird auch, dass Jugendliche, die aus lohnabhängigen Haushalten stammen, weniger flexibel als Jugendliche aus Selbstständigenhaushalten sind.    

Ein weiterer Teil des YEB widmet sich dem Bild, das Jugendliche von Unternehmern haben. Aus der Sicht der Bertelsmann Stiftung fällt es "ambivalent" aus: Nach dem Urteil der Jugendlichen leisten Unternehmer zwar viel für den Lebensstandard und das Ansehen des Landes, verlangen aber auch immer mehr von ihren Beschäftigten, möglichst für das gleiche Geld. Zwar freut es die Bertelsmann Stiftung, dass der Unternehmer als eine besonders dynamische, einfallsreiche und durchsetzungsfähige Person gedacht wird, aber es wird bedauert, dass die Risiken unternehmerischen Tuns "nicht ausreichend gewürdigt" werden und vor allem dass die "Spürnase für den Markt" nicht als "unverzichtbarer Kern des unternehmerischen Profils" (S. 16) erkannt wird. "Die Lehrer sehen viel deutlicher als die Jugendlichen, dass zum Unternehmertum zwingend eine ausgeprägte Risikoorientierung und ein gutes Gespür für Marktchancen dazugehören" (S. 79). 

Im folgenden Teil wird die Rolle der Bildungseinrichtungen "für die unternehmerische Ausbildung" (S. 80) beleuchtet. Die "wirtschaftliche Kompetenz" der Jugendlichen stellt sich als "nur mäßig ausgeprägt" heraus, doch immerhin wird ein großes Bedürfnis nach Wissen über die Wirtschaft und die unternehmerische Selbstständigkeit ausgemacht. Erfreut wird konstatiert, dass die Jugendlichen großes Interesse bekunden, sich an Schülerfirmen zu beteiligen und sich auch außerhalb der Schule mit dem Thema "unternehmerische Selbstständigkeit" zu befassen. Aus der Sicht der Bertelsmann Stiftung nimmt die Schule "ihre Zukunftsaufgabe der Entrepreneurship Education noch nicht hinreichend wahr" (S. 102) und muss stärker darauf eingehen, "wie man sich selbstständig macht, wie man eine Firma gründet" (S. 86). Im abschließenden Teil des YEB wird mittels Korrelationsanalysen versucht herauszufinden, wie tragfähig das Interesse der Jugendlichen an unternehmerischer Selbstständigkeit und wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass die positiven Einstellungen auch zu einem entsprechenden Verhalten führen. Diese "unternehmerischen Treiber" (S. 119) können allerdings nur vage bestimmt werden.

Diskussion

Das YEB reproduziert getreu die Interessen und Ideologien der Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände. Von einer unabhängigen wissenschaftlichen Studie wäre zu erwarten gewesen, dass sie den Nebel um die Begriffe Selbstständigkeit, Unternehmensgeist, Mündigkeit usw. lichtet. Stattdessen trägt die Bertelsmann-Studie dazu bei, ihn zu verdichten. Sie macht sich nicht die Mühe, zwischen den altersbedingten Wünschen nach Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, die sich auf das Verhältnis zu Eltern und anderen Erwachsenen beziehen, und dem möglichen Wunsch nach einer "selbstständigen" Unternehmertätigkeit im wirtschaftlichen Sinn zu differenzieren. Ebenso wenig differenziert sie zwischen dem "Unternehmergeist" und der Risikobereitschaft, die von den auf die Vermarktung ihrer Arbeitskraft Angewiesenen verlangt werden, und dem Unternehmertum, das auf Kapitalbesitz gründet. Mehr noch, sie versucht, die auf die Verfügung über Menschen und die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft gerichteten Bestrebungen, die sich in der Figur des "Arbeitskraftunternehmers" manifestieren, als Ausdruck des "emanzipatorischen Bildungsziels der Mündigkeit" (S. 12) und Schritt auf dem Weg zur "Selbstverwirklichung des Einzelnen innerhalb der Arbeitswelt" (S. 12) zu verkaufen.

Fazit

Eine sich als unabhängig und kritisch verstehende wissenschaftliche Forschung wird sich den im YEB angesprochenen Fragen auf andere Weise annehmen und auch den weiteren Forschungsaktivitäten der Bertelsmann Stiftung auf die Finger schauen müssen.          

Rezension von
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children’s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 02.11.2008 zu: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Heute Schüler, morgen Unternehmer? Youth Entrepreneurship Barometer. Unternehmerische Potenziale junger Menschen in Deutschland. Verlag Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) 2008. ISBN 978-3-89204-973-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6609.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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