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Reiner Sörries: Alternative Bestattungen

Cover Reiner Sörries: Alternative Bestattungen. Formen und Folgen. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2008. 232 Seiten. ISBN 978-3-940087-18-8. 19,00 EUR.

Reihe: Fachhochschulverlag - Band 190.
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Autor und Thema

Reiner Sörries studierte Evangelische Theologie, Christliche Archäologie und Kunstgeschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg. Seit 1992 ist Sörries Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal und Direktor des Zentralinstituts und Museums für Sepulkralkultur in Kassel, ferner seit 1994 apl. Professor für christliche Archäologie und Kunstgeschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg. Auch ist er im wissenschaftlichen Beirat des Bundesverbandes verwaister Eltern in Deutschland e.V. Reiner Sörries ist durch eine umfangreiche Literaturliste zu seinem Lehrgebiet ausgewiesen.

In dem vorliegenden Werk geht es im Kern um den sozialen Wandel der Bestattungskultur. Es ist dem Autor ein Anliegen, „(…) einerseits die Alternativen zu klassifizieren und zu charakterisieren, andererseits auch einer gewissen Beurteilung zu unterziehen“ (s. Vorwort).

Ziele und Zielgruppe

Angesichts einer „diffusen Welt der Möglichkeiten“ im Sterbefall versteht sich das Buch als praktischer Wegweiser für den Leser: fundierte Informationen sollen auf der Grundlage eines raschen Überblicks vermittelt werden. Ebenso wird der Umgang mit dem Internet eingeübt, angesichts der wachsenden Bedeutung dieses Mediums auch bei Themen wie Tod und Sterben.Fernermöchte der Autor einen wissenschaftlichen Beitrag leisten zum Diskurs der Bestattungskultur am Beginn des 21. Jahrhunderts.

Als Zielgruppe werden Laien wie Experten angesprochen.

Ausgangsthese

Die Ausgangsthese bei Sörries geht davon aus, dass die gegenwärtigen Wandlungen in der Bestattungskultur ein herausragendes soziales Phänomen sind (S. 10ff.). Vor allem der Umgang mit der Totenasche hat sich - trotz Friedhofszwang - maßgeblich verändert. Beispiele sind die Verstreuung der Asche vor Hawaii in Pazifik oder die Eröffnung des ersten Friedwaldes bei Kassel. Andererseits wurde zur „Rettung des Friedhofes“ der „Tag des Freihofes“ ausgerufen, flankiert von friedhofskulturellen Tagungen und gestützt durch kirchliche Träger (S. 11). So hatte Kardinal Karl Lehmann im Rahmen der Bundesgartenschau in München 2005 ausgeführt: „Es ist meines Erachtens eine leibfeinliche, vom Platonismus oder von der Gnosis beeinflusste Haltung, wenn man die Erinnerung und die Trauer im Blick auf die Toten aufspaltet, nämlich in einen rein mentalen Vorgang des digitalen Totengedenkens, das völlig losgelöst ist von jedem sinnlichen Ort, und ein fast totales Vernachlässsigen des konkreten Ortes, wo dieser Mensch bestattet beziehungsweise beerdigt ist. Man muss auch die bleibende Bedeutung eines Ortes stärken würdigen, sonst verlieren eben auch die Begriffe Vergangenheit, Erinnerung und Gedenken ihre Kraft.“ (S. 11). Reiner Sörries stellt fest, dass mit Blick auf die Bestattungskultur eine gesellschaftliche Polarisierung unverkennbar ist. „Was für den einen Menschen eine sinnstiftende Beisetzungsform ist, kann für den anderen fatal sein“ (S. 12). Erst alternative Bestattungsformen habe Möglichkeiten geschaffen, der Trauer einen „adäquaten Ausdruck“ zu geben. Ob Menschen dabei frei und nach eigenem Willen über den Verbleib der sterblichen Überreste verfügen können, ist ungelöst: „Wem gehört eigentlich der Körper?“ (S. 13). Insofern, so Sörries, fehlt eine „Ethik des toten Körpers“.

Aufbau

Die Untersuchung ist in 10 Kapiteln gegliedert.

  • Im 2. und 3. Kapitel wird der Befund alternativer Bestattung forschungsgeschichtlich aufgearbeitet (S. 15 – 22) und die These formuliert, dass Hospiz und Regenbogen die Einstellung zu Sterben und Tod verändern (S. 23 – 31).
  • Im 4. – 8. Kapitel bespricht Reiner Sörries Formen der Bestattung (S. 32 – 36), Formen der Beisetzung (S. 37 – 38), Formen der Trauer (S. 40 – 45), alternative Beisetzungen (S. 46 – 154) und alternative Trauerfeiern (S. 155 – 183).
  • Im 9. Kapitel unterzieht der Autor die alternativen Bestattungsformen einer Beurteilung. Abgeschlossen wird die Studie mit Schlussgedanken (S. 210 – 216).
  • Im Anhang wird auf Adressen und Websites wie auf die verwendete und weiterführende Literatur verwiesen (S. 220 – 232).

Inhalt

Eine Bestattung ist die nach dem Tod eines Menschen vorgenommene längerfristige Bewahrung des toten Körpers oder bestimmter Überreste, wie der Asche oder bestimmter Köperteile. Die Bestattung und Beisetzung werden im allgemeinen Sprachgebrauch nicht streng getrennt. Galten in Deutschland der Friedhofszwang für die Grabgestaltung, so ist, wie der Autor zeigt, im 21. Jahrhundert ein Wandel zu beobachten. Die Bestattungen reichen von anonym bis zu spektakulär. Wichtig ist der letzte Wille des Verstorbenen und seiner Angehörigen. War also die Beisetzung außerhalb von Friedhöfen bis in die Gegenwart undenkbar, so werden Bestattungswälder immer öfter nachgefragt. Ebenso wandeln sich die Bestattungswünsche: sie reichen von der Beisetzung an den Gestaden des Mittelmeeres oder vor Hawaii bis zur Umformung der Asche in einen Erinnerungsdiamanten. Ebenso verändert sich die Gestalt der Trauerfeier. Das Glas „Prosecco“ am offenen Grab gilt nicht mehr als unpassend.

Im Zuge einer forschungsgeschichtlichen Bestandsaufnahme über alternative Bestattungen (S. 15-22) zeigt Reiner Sörries, dass ein sozialer Konflikt vorliegt, der den Diskurs bestimmt. Bezugnehmend auf Barbara Leisner rückt Sörries die folgende Frage ins Zentrum der Diskussion: „Haben Friedhöfe Zukunft?“ Offensichtlich bestehen Interessensgegensätze klassischer Beerdigungsakteure wie Friedhofsverwaltungen, Steinmetze, Friedhofsgärtner, die beiden Kirchen und der Bundesverband Deutscher Bestatter mit den innovativen Kräften einer neuen Bestattungskultur. 2006 erklärte Oliver Roland dieses konflikthafte Geschehen wie folgt: „Die Bestattungskultur in Deutschland befindet sich im Umbruch. Soziokulturelle Entwicklungen lösen alte Verhaltensmuster ab, neue Handlungsweisen entstehen: ausgefallene und verständliche Wünsche bei Sterbenden und ihren Angehörigen bei der Beerdigung, steigende Kosten der herkömmlichen Bestattungsarten und der Wegfall des Sterbegeldes, kurzfristige Lebenskonzepte durch geforderte Mobilität in der Arbeitswelt, die Aufsplitterung sozialer Beziehungen und die Neuformatierung.“

Die Bestattungen befinden sich also in einem Spannungsverhältnis zwischen „Entsorgung und Ewigkeit“. Reiner Sörries bezeichnet diesen sozialen Wandel als „Perspektivenwechsel“ (S. 21), wobei er eine Wertung der Phänomene vermeiden möchte. Der Hintergrund ist die Suche, so der Autor, „(…) nach der identitätsstiftenden Wirkung von Bestattungs- und Trauerritualen“ (S. 21). Im Mittelpunkt steht die Identitätsarbeit für den postmodernen Menschen. Insofern ist eine Assimilation an die sich verändernde Bestattungskultur beobachtbar. „Der Tod ist ins Gerede gekommen. Allerorten beklagt man heute das anonyme Sterben in der Klinik, die Verdrängung des Todes. Als Ursachen sind der Schwund des Religiösen, die Lockerung der Familienbande, die Auflösung gewachsener Lebenszusammenhänge, die Verstädterung und Einigelung auf Kleinstgruppen oder Isolierte genannt worden“ (S. 27).

Mit Blick auf die Einstellung zu „Sterben und Tod“ beobachtet Sörries ebenfalls einen Assimilationsprozess, indem dieses Thema weit weniger verdrängt wird als noch vor 10 bzw. 15 Jahren. Hospiz und Regenbogen haben die Einstellung zu Sterben und Tod verändert (S. 23-32). Konkret sind diese Bewegungen ein fester Bestandteil der Sterbekultur geworden. Ein gesellschaftlicher Lernprozess hat eine anfängliche Ablehnung verdrängt. Die Politik und das Gesundheitswesen, Pflegeheime und Kirchen stehen diesen Institutionen offenen gegenüber. Bürgerinnen und Bürger haben, so der Autor, „(…) die Expertenkultur aufgemischt und eine eigene Laienkultur dagegengesetzt“ (S. 26). Die Selbstbestimmung bei der Grabgestaltung hat sich immer mehr durchgesetzt, flankiert von einem Urteil aus den 1960er Jahren, indem Grabfelder anzubieten sind bei freier Gestaltung. In Fachkreisen wird von „Zweifelderwirtschaft“ gesprochen. Auch hat die Einführung der Feuerbestattung die Voraussetzung gelegt für eine Variabilität und Individualisierung der Bestattungsformen.

Bestattungsformen

Als Formen der Bestattung werden die über 1000jährige Erdbestattung, die Wasserbestattung und die Luftbestattung angeführt, d.h., dass die Leichname unbestattet in Bäumen deponiert bleiben, bis wilde Tiere und Aasfresser ihr Werk vollendet hatten. Auch ist die Körperspende an ein pathologisches Institut zu Forschungs- und Lehrzwecken üblich.

Mit Blick auf die Formen der Beisetzung haben die Angehörigen keinen Einfluss auf die Lage und die Art des Grabes. In der Regel handelt es sich um Reihengräber mit durchschnittlicher Ruhezeit zwischen 15 und 30 Jahren. Auch die Formen der Trauer haben sich gewandelt. An die Stelle gesellschaftlich sanktionierten Verhaltens ist eine individuelle Trauerkultur getreten. Statt traditioneller Kirchenlieder sind Lieblingslieder des Verstorbenen zu hören (S. 40-41). Erinnert wird an „Candle in the Wind“ bei der Beerdigung von Lady Di. Festzuhalten bleibt, dass die Formen, wie Menschen trauern, heutzutage sehr vielfältig sind. „Die Art und Weise hängt nicht zuletzt von der Beziehung der Hinterbliebenen zum Verstorbenen ab“ (S. 41), soweit der Autor.

Alternative Beisetzungen lassen sich also unterscheiden in Formen der Erdbestattung, Aschebeisetzungen, Beisetzungen im Ausland und in Sonderformen. Sie werden gewählt aus emotionalen Gründen oder auch zur Entpflichtung der Grabpflege. In der Regel besteht ein Zusammenhang zwischen alternativen Beisetzungen und den Bedürfnissen der Hinterbliebenen.

Zu den Formen alternativer Erdbestattung zählen anonyme Körpergräber. Es geht um Gräber, die sich von den Reihengräbern unterscheiden, indem sie nicht gekennzeichnet sind und somit kein Grabbeet und keine Grabbepflanzung erforderlich machen. Meist werden die Gräber mit Rasen eingesät und von der Friedhofsverwaltung gepflegt (S. 47). Weitere Alternativen sind Pflegegräber. Hier wird das Grabbeet ebenfalls mit Rasen eingesät und von der Friedhofsverwaltung gepflegt. Dabei besteht die Möglichkeit zum Aufstellen eines Grabmales. Hierzu werden auch Gemeinschaftsgräber gerechnet. Kennzeichnungen mit vorgegebenen oder individuellen Grabmalen sind möglich. Dieser Grabform wird eine Zukunftsfähigkeit vorausgesagt.

Dem Trend zu naturnahen Beisetzungen folgen inzwischen zahlreiche Friedhofsverwaltungen. Alternative Benennungen sind Friedpark, Seelhain oder Ruhewald. Auch der Einfluss der Migranten hat die Friedhofsgestalt verändert. Kolumbarien für Sargbestattungen für Südländer, vor allem aus Italien, oder muslimische Grabfelder, die den kultischen Voraussetzungen der islamischen Glaubensgemeinschaft Rechnung tragen, sind zu beobachten. Alternative Formen der Aschbeisetzungen sind anonyme Urnengräber innerhalb von Friedhöfen, das Verstreuen von Asche auf einem Aschestreufeld, wie auf dem Friedhof in Rostock.

Halbanonyme Beisetzungen bedeuten, dass sich die Urne zwar unter dem grünen Rasen befindet, aber es gibt ein gemeinsames Denkmal, auf dem die Namen der Bestatteten eingetragen werden können. Auch wurden Kolumbarien als freistehende Wände mit Nischen für die Urnen errichtet. Beabsichtigt war, den Hinterbliebenen eine kostengünstige und pflegefreie Alternative anzubieten; Gemeinschaftsgrabstätten bekommen größere Bedeutung. Hierbei wird auf „archetypische Bilder“ zurückgegriffen, zumal die christlichen Symbole in einer säkularisierten Gesellschaft nicht mehr auf allgemeine Resonanz stoßen. Auch sind Clanfriedhöfe zu verzeichnen, indem Gruppen von Menschen wie Priester oder Ordensangehörige oder Mitglieder eines Sportvereins gemeinsam beigesetzt werden. Dabei ist nicht mehr die Gleichheit aller Menschen im Tode handlungsleitend, sondern es entstehen nach Gesinnung, Gruppe und Gefühl differenzierte Grabfelder. Aufgrund von Elterninitiativen ist es heute auch möglich, todgeborene Kinder ab einem Gewicht von 500 g zu bestatten; ein Beispiel für den Erfolg zivilgesellschaftlichen Engagements.

Seit den 1960er Jahren wird in Deutschland die Seebestattung verstärkt angeboten und nachgefragt. Beisetzungen sind auf nahezu allen Weltmeeren möglich. Am Beisetzungsort wird die Urne mit seemännischen Ehren dem Meer übergeben.

Mit dem ersten Friedwald im Reinhardswald bei Kassel 2001 wurde die Möglichkeit geschaffen außerhalb von Friedhöfen beizusetzen. Der Wald besitzt für viele Menschen eine hohe emotionale und sinnstiftende Qualität, die ihn als Beisetzungsort im Sinne einer „neuen Spiritualität“ interessant erscheinen lässt. Die Asche der Verstorbenen wird im Wurzelbereich der Bäume beigesetzt, definiert als Gemeinschafts-, Familien- oder Freundschaftsbäume, mit dem Ziel, der jeweiligen Verbundenheit über den Tod hinaus Ausdruck zu verleihen. Der Friedwaldgedanke hat, so der Autor, in Deutschland seinen festen Platz im Friedhofswesen eingenommen. Es wird von einer „Charta einer neuen Friedhofskultur“ gesprochen, in Großbritannien als „Woodland Burials“ bzw. „Natural burial Grounds“ bezeichnet. Auch die Forstwirtschaft ist von diesem Gedanken einer neuen Nutzung von Waldbeständen durchaus angetan. Und nicht zuletzt hat die Versicherungswirtschaft den Friedwaldgedanken aufgegriffen mit einer gezielten Sterbeversicherung für Naturbestattungen im Friedwald. Während die katholischen Bischöfe der Naturbestattung eher ablehnend gegenübertreten, ist die Friedwald-Konzeption für die Ev. Kirche Deutschlands mit der christlichen Grundüberzeugung der Würde des Toten(-Gedenkens) nicht völlig inkompatibel (Kirchenamt der EKD v. 2004, zit. S. 81). Auf Ablehnung stößt nicht die Naturbestattung, sondern ihre „Tendenz zur anonymen Beisetzung“.

2006 konnte der Bestatter Fritz Roth den 1. privatwirtschaftlich betriebenen Friedhof gründen. Zwischenzeitlich wächst die Zahl alternativer Beisetzungsmöglichkeiten. Sie wird von vielen Menschen gewünscht und sogar gefordert, so auch die Möglichkeit, Urne und Asche im häuslichen Umfeld aufzubewahren oder, wie in den Kirchen erörtert, Kirchenumnutzungen zu Beisetzungsräumen, sogenannte „Urnenkirchen“. Nach der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal (zit. S. 85) galt die Begräbniskultur in den Niederlanden als vorbildlich, weil sie so viele Möglichkeiten und Angebote kennt.

Ebenso werden Beisetzungen im Ausland wahrgenommen wie Almbestattungen im Wallis, Baum-, Fels- oder Bergbachbestattungen (S. 95). Bei der Bergbachbestattung wird die Asche des Verstorbenen in einen Bergbach mit den „plätschernden Wellen hinab ins Tal gespült“. Das Wasser mit der Asche fließt in die Rhone und mündet schließlich ins Mittelmeer. Mystische Vorstellungen eines ewigen Kreislaufs werden damit verknüpft.

Vielzählige Fotographien über Alternative Bestattungen sind in das Buch kunstvoll eingefügt (S. 97 -136):

  • Privater Friedhof Bergisch-Gladbach: Gärten der Erinnerung (Abb. 39)
  • St. Matthäuskirchhof Berlin, Eingang: Cafe Finovo Alter (Abb. 20)
  • Waldfriedhof Berlin-Zehlendorf: Humanistischer Bestattungshain (Abb. 24)
  • Bundesgartenschau in Gera 2007: Mustergrab (Abb. 1)
  • Crazy Coffin in Form eines Fußballschuhs (Abb. 30)
  • Sarg „Forum“ von Wim Segers (Abb. 32)
  • Sarg aus Ghana in Form eines Fisches (Abb. 29)
  • Heilhaus-Stiftung Ursa Paul: Bestattungsschalen für Feten (Abb. 35)
  • Friedhof Hamburg-Ohlsdorf:
  • Ruhewald (Abb. 4), Anonymes Gräberfeld (Abb. 7), Kolumbarium bei Kapelle 11 (Abb. 10)
  • Schmetterlingsgarten (Abb. 15 + Abb. 16), Grabstätte für die Aidsinfizierten (Abb. 18 + Abb. 19), Garten der Frauen (Abb. 21), Anonymer Urnenhain mit Blumenablage (Abb. 27), Mausoleum (Abb. 40)
  • Hamburger Sportverein (HSV):
  • Aschenurnen mit Schriftzug und Vereinsemblem (Abb. 17), Trauerdekoration für eine Fanbestattung (Abb. 28)
  • Friedhof Seelhorst Hannover:
  • Grabfeld gleichartiger Grabsteine (Abb. 8), Buddhistisches Gräberfeld (Abb. 23)
  • Museum für Sepulkralkultur Kassel 2007 (Abb. 3):
  • Erinnerungsdiamant und Aschen-Amulette (Abb. 26), Glasurnen (Abb. 33)
  • Hauptfriedhof Kassel:
  • Friedpark (Abb. 6), Engelgrab – Gemeinschaftsgrabstätte (Abb. 12)
  • Reinhardswald bei Kassel: Gemeinschaftsbaum Friedwald (Abb. 25)
  • Hauptfriedhof Karlsruhe: Meditationsort Lebensgarten (Abb. 13)
  • Keramikurnen auf einer Hausmesse präsentiert (Abb. 31)
  • Kolumbariumsstele aus Fertigteilen (Abb. 9)
  • Norddeutscher Friedhof: Abgedünntes Grabfeld (Abb. 38)
  • Südfriedhof Nürnberg: Baumbestattungsfeld (Abb. 5)
  • Westfriedhof Nürnberg:
  • Urnentempel, neu als Kolumbarium genutzt (Abb. 1), Muslimische Kindergräber (Abb. 22)
  • Sargwäsche auf einer Hausmesse präsentiert (Abb. 34)
  • Wiener Zentralfriedhof:
  • Gedenkstätte für Totgeburten (Abb. 2), Park der Ruhe und Kraft (Abb. 14), Romagrab und Buddhistischer Friedhof (Abb. 36 + Abb. 37)

Kritisch setzt sich der Autor mit der häuslichen Urnenpflege auseinander (S. 153). Unter Beachtung der Ritualforschung ist zu bedenken, dass die zu große Nähe zu den Verstorbenen eine zukunftsorientierte Weiterführung des Lebens verhindern könnte. Hierbei wird eine hohe Dunkelziffer von häuslichen Beisetzungen vermutet mit potentiellen Verwerfungen für die Angehörigen. Die Bestatter, so Sörries, hätten eine Verpflichtung, auf die psychologischen Probleme häuslicher Urnenpflege hinzuweisen.

Trauerfeier

Neben den alternativen Bestattungen entwickeln sich auch alternative Trauerfeiern. Seit 1996 hat sich eine Bundesarbeitsgemeinschaft Trauerfeier gegründet um Qualitätsstandards zu entwickeln und Fortbildungsmaßnahmen zu sichern. Das Spektrum reicht vom „einfachen Abtrag“, d.h., dass keine Trauerfeier stattfindet über die „stille Bestattung“, bei der keine Reden gehalten werden bis zu „alternativen Trauerfeiern“. Hierbei geht es darum, die Identität des Verstorbenen sichern zu helfen. Den soziologischen Parametern wie Gruppe, Gesinnung und Gefühl kommen eine hohe Bedeutung zu, zumal sie dazu beitragen den Personenkreis zu stabilisieren, der um den Verstorbenen trauert (S. 166). Ein Ritualverlust, wie das Kondulieren am Grab, so Sörries, verhindert, dass das Erleben des Schmerzes heilsam und notwendig sein kann. Trauerkreise, Trauerselbsthilfegruppen, Einzeltherapien, Kirchengemeinden und Einrichtungen der Erwachsenenbildung unterbreiten heute Angebote für den Ritualverlust.

Hinsichtlich der alternativen Trauerfeiern unterscheidet der Autor in Särge, Urnen und Totenkleidung, in weltanschaulich geprägte Trauerfeiern und in virtuelle Friedhöfe und Onlinebestattungen. Auch sind diese Feiern durch eine Vielfalt charakterisiert. Mit den Beurteilungen der alternativen Bestattungsformen aus der Sicht der Angehörigen, der Gewerke, der Kirchen, anderer Religionen wie aus gesellschaftlicher, wissenschaftlicher und ethischer Sicht schließt Sörries die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema „alternative Bestattungen“ ab. Prinzipiell ist festzuhalten, dass es keine übergeordnete Instanz gibt, wie in den klassisch religiös orientierten Gesellschaften, die ein „Urteil über richtiges oder falsches Trauern“ abgeben kann. Verändert hat sich dabei nicht die Bestattungskultur, so Sörries, sondern die „Mentalitäten, Weltanschauungen und Vorstellungen, Produkte, Gestaltung und Design“ (S. 185):

  • Aus der „Sicht der Angehörigen“ kommt die Vielfalt der Möglichkeiten der Beisetzung und des Trauerverhaltens ihren Bedürfnissen entgegen
  • Alternative Bestattungen sind aus der Sicht der Gewerke, d.h. der Grabmalschaffenden, Friedhofsgärtner und Floristen, Bestatter, Friedhofsträger und Friedhofsverwaltungen wie Trauerredner und Trauerberater eine betriebswirtschaftliche Herausforderung. Ökonomische Anpassungsprozesse werden erforderlich
  • Auch sind aus kirchlicher Sicht die „Mauern der Friedhofskultur nicht unumstößlich“ (S. 198). Gleichwohl werden die Formen der alternativen Bestattungen in beiden Kirchen theologisch kontrovers diskutiert
  • In gesellschaftlicher Hinsicht eröffnen die Bestattungs- und Friedhofsgesetze eine möglichst große Freiheit. Diese Freiheit geht mit der Verpflichtung des Einzelnen einher, die finanzielle Vorsorge für den Bestattungsfall zu treffen (S. 203).
  • In wissenschaftlicher Sicht ist von Interesse, inwiefern alternative Bestattungen das Ritualverhalten ändert und die Chance zum Trauern unterstützt bzw. verhindert. Mit Blick auf die tatsächliche Chance zu Trauern gibt es nach Sörries einen „schmalen Grad wissenschaftlicher Begründbarkeit eines richtigen Bestattungs- und Trauerverhaltens (S. 207)“.
  • Abgeschlossen wird die Darstellung der Sichtweisen über alternative Bestattungsformen durch die Erörterung ethischer Fragen. Eine „Ethik des toten Körpers“ wurde noch nicht entwickelt; sie steht noch aus (S. 209).

Da die Menschen die „uneingeschränkten Herrscher der Bestattungskultur“ sind, kann eine unumschränkte Freiheit, so Sörries, auch zur „Maßlosigkeit“ im Umgang mit den Toten führen, um nicht zu sagen zur „Barbarei“. Insofern ist der „geltende Friedhofszwang ein gewisses Korrektiv“.

Diskussion

Der Verlag hat ein schönes Buch vorgelegt, lesbar und durch die Kunstdrucke kunstpädagogisch und kunstwissenschaftlich besonders wertvoll. Auch ist das Werk eine Fundgrube aus dem Spektrum der Thanatologie zu Themen der Bestattungs- und Friedhofskultur, da der Autor eine umfangreiche Literaturliste anführt (S. 220-232).

Fazit

Reiner Sörries hat einen mehrfachen Anspruch verfolgt. Einerseits möchte er eine Handreichung vorlegen um mit dem Thema Tod und Sterben, Beerdigung und alternative Bestattungen kenntnisreicher umgehen. Andererseits möchte er den wissenschaftlichen Diskurs zum sozialen Wandel postmoderner Gesellschaften mit ihren Verwerfungen durch thanatologisches Materialien bereichern. Reiner Sörries knüpft an einer hermeneutisch orientierten Soziologie an, die den „sozialen Sinn“ (Hans-Georg Soeffner) assimilativer Prozesse alternativer Bestattungsformen über Rituale zu ergründen versucht. Dabei gelingt es die Bedeutung des Sterbe- und Bestattungsprozesses in das soziale Leben hereinzunehmen, zu inkludieren, durchaus in der Tradition Emile Durkheims. Alternative Bestattungsformen werden nicht als „Fremdes“ apriori stigmatisiert. Vielmehr wird versucht, das mit den alternativen Bestattungsformen verbundene „personale und soziale“ (Gerhard Wurzbacher) Anliegen aufzudecken und einem zukunftsorientierten Diskurs zuzuführen.

In Verbindung mit dem Museum für Sepulkralkultur vermittelt der Autor darüber hinaus in kunstsoziologischer Perspektive der Bestattungskultur etwas Symbolisches abzugewinnen, indem aus dem Schrecken des Todes ein integrierendes soziales Ereignis kreiert wird.

Interessant wäre sicherlich noch gewesen, exemplarisch zu erfahren, welche Assimilationsprozesse den Bestattungsformen in anderen Kulturen zugrunde liegen. Aber der Autor hat sicherlich bewusst Grenzen gesetzt um den Umfang der Studie nicht zu überziehen. Insgesamt hat Reiner Sörries ein wichtiges, vorurteilfreies, empathisches und möglicherweise auch bibliotherapeutisch angelegtes Buch geschrieben.

Literatur

  1. Gernig, Kerstin (Hrsg.) Bestattungskultur. Zukunft gestalten. Fachverlag des Deutschen Bestattungsgewerbes GmbH Düsseldorf. 1. Auflage. Düsseldorf 2004
  2. Ridder, Paul, Sonette gegen Liebesschmerz. Bibliotherapie in der Medizingeschichte. Verlag für Gesundheitswissenschaften. Greven 2008
  3. Soeffner, Hans-Georg, Zeitbilder. Versuche über Glück, Lebensstil, Gewalt und Schuld. Campus Verlag. Frankfurt-New York 2005

Rezension von
Prof. Dr. Bernhard Mann
MPH Dipl.-Sozialwirt. Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz
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Zitiervorschlag
Bernhard Mann. Rezension vom 01.04.2010 zu: Reiner Sörries: Alternative Bestattungen. Formen und Folgen. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2008. ISBN 978-3-940087-18-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6610.php, Datum des Zugriffs 21.06.2021.


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