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Maja Heiner: Soziale Arbeit als Beruf

Cover Maja Heiner: Soziale Arbeit als Beruf. Fälle - Felder - Fähigkeiten. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2007. 599 Seiten. ISBN 978-3-497-01897-0. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 50,50 sFr.

Reihe: Soziale Arbeit.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-497-02147-5 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

Maja Heiner legt mit ihrem „opus magnum“ – der Bilanz langjähriger Forschungsarbeiten zu den Grundzügen eines wissenschaftlichen Modells Sozialer Arbeit [1] - eine in sich konsistente Systematik der Sozialen Arbeit vor, in der sie den Beruf in den Mittelpunkt stellt und dessen Handlungsperspektiven, Aufgabenfelder, Kompetenzanforderungen darstellt. So entsteht eben nicht nur ein Bild der Sozialen Arbeit als Beruf, sondern ein Panorama der Sozialen Arbeit als eigener wissenschaftlicher Disziplin.

Schon im Vorwort macht sie die Aufgabe der Sozialen Arbeit deutlich: „Sigmund Freud war der Auffassung, dass zwei Berufe sich Unmögliches vorgenommen hätten: Politiker der Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse und Therapeuten die Änderung menschlichen Verhaltens. Hätte Freud den Beruf der Sozialen Arbeit gekannt, so hätte er ihm wohl attestiert, dass er das Unmögliche im Quadrat anstrebt: die Initiierung und Unterstützung der Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse und menschlicher Verhaltensmuster.“ (S. 11)

(Freud hat allerdings in „Die endliche und die unendliche Analyse“ (GW.XVI) auch das Erziehen in die Trias der „unmöglichen Berufe“ aufgenommen, war also schon ein wenig an der Sozialen Arbeit dran.) Diese quadrierte Unmöglichkeit dennoch in ein wissenschaftlich begründetes, systematisches und übersichtliches Konzept zu überführen, ist Maja Heiner auf beeindruckende Art und Weise gelungen.

Autorin

Prof. Dr. Maja Heiner ist Professorin für Sozialpädagogik am Erziehungswissenschaftlichen Institut der Eberhard Karls Universität Tübingen. Sie ist Autorin mehrerer wichtiger Bücher im Feld der Sozialen Arbeit, zuletzt: „Professionalität in der Sozialen Arbeit“ 2004 bei Kohlhammer erschienen (vgl. die Rezension).

Arbeitsschwerpunkte: Methoden der Sozialen Arbeit, Diagnostisches Fallverstehen, Evaluation, Qualitative Fall- und Interaktionsanalysen.

Aufbau

Ich möchte im Folgenden dieses Buch detailliert vorstellen – als eine Art Strukturierungshilfe für das Lesen dieses komplexen Werkes und dabei immer wieder Querverweise zu einer systemischen Sicht in der Sozialen Arbeit herstellen. Denn ich glaube, dass in diesem Dialog beide Seiten gewinnen können, zumal sich an einigen Stellen des Buches die gegenseitige Anschlussfähigkeit geradezu aufdrängt.

Das Buch ist in 5 Teile gegliedert:

  • Einleitung („Die Profession zwischen Fall und Feld“);
  • Teil A („Systematische Darstellung: Ziele, Aufgaben, Formen professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit“);
  • Teil B („Kasuistik des Gelingens und Scheiterns“);
  • Teil C („Berufliche Anforderungen, berufliches Selbstverständnis und die Figurierung von Kraftfeldern“);
  • Anhang (Anhang 1: didaktische Anregungen für die Nutzung dieses Buches in der Lehre; Anhang 2: Informationsquellen für die Auseinandersetzung mit Sozialer Arbeit als Profession).

Einleitung

In der Einleitung geht es Maja Heiner um das Abstecken des Raumes, in dem sich Soziale Arbeit als Profession darstellt. Sie ist einerseits Arbeit am Fall (Heiner bezieht sich hier auf die Überlegungen von B. Müller – Fall für, Fall mit, Fall von), andererseits Arbeit in einem von Kräften durchzogenen Feld. Soziale Arbeit wird von der Autorin als ein Beruf definiert,

  • dessen Handlungsrahmen wissenschaftlich unterlegt ist;
  • der wegen seiner Bedeutung für den Erhalt der gesellschaftlichen Funktionsfähigkeit staatliche Aufträge erhält und juristisch festgelegten Rahmenbedingungen unterliegt;
  • der zirkulär auch Einfluss auf die Formulierung dieser Rahmenbedingungen nimmt (ein gutes Beispiel hierfür ist das Kinder- und Jugendhilfegesetzt von 1990/1991, das viele in der Sozialarbeitspraxis der vorausgegangenen Jahre entwickelten Handlungskonzepte in juristische Vorschriften und Forderungen an die Träger Sozialer Arbeit transformierte);
  • für die Ausbildung seiner Fachkräfte Hochschulstudiengänge erfordert,
  • und der sich einen Ethikcodex verpflichtet, der an den Grundrechten, der Gleichheit aller Menschen, der sozialen Integration und der besonderen Unterstützung von Minderheiten und Randgruppen orientiert ist.

Entsprechend dieser Merkmale kann – so die Autorin – Soziale Arbeit nicht nur als Beuf, sondern als Profession definiert werden.

Der Einstieg in die komplizierte Materie erfolgt durch ein Fallbeispiel aus der Jugendhilfe – Die Familie Bleicher. [2] Es macht die ganze Komplexität sozialarbeiterischer Berufspraxis deutlich, die neben der Vielfältigkeit sozialer Netzwerke und Handlungsmöglichkeiten auch dadurch gekennzeichnet ist, dass all unsere KlientInnen als „nontriviale Systeme“ (v. Foerster  1999) mit ihrem „Eigensinn“ (Thiersch 1992) eine prinzipielle Unbestimmbarkeit und Unwägbarkeit in die Soziale Arbeit einführen. Diese wird ja noch verstärkt, da auch die mit ihnen in Beziehung tretenden SozialarbeiterInnen selbst als „nontriviale Systeme“ und Subjekte mit Eigensinn“ zu betrachten sind, und deswegen immer Interaktionen mit „doppelter Kontingenz“ (Luhmann 1987) entstehen. [3] Und dann muss natürlich auch gesehen werden, dass die Problemkonstellationen von KlientInnen der Sozialen Arbeit sich meistens durch eine große Intensität und die Verschränkung problematischer biographischer, ökonomischer, sozialer und psychischer Faktoren gekennzeichnet ist.

Der wissenschaftliche Zugang zur Sozialen Arbeit kann ja durchaus unterschiedlich sein und gerade deshalb Beiträge zur Entwicklung dieses Wissenschafts- und Berufsfeldes erbringen. Maja Heiner wählt die handlungstheoretische Perspektive und führt dabei den Begriff des Kraftfeldes ein. Äußere Kraftfelder lassen sich durch Personen, Organisationen und Strukturen bestimmen, die Einfluss auf das Handeln einer Person nehmen, bzw. denen von der Person Einfluss gegeben wird; innere Kraftfelder sind beschreibbar durch handlungsleitende Motivationen, Impulse, Emotionen, Kognitionen. Das erinnert an die Feldtheorie Kurt Lewins, der diese Kräfte als Vektoren definierte, die mit einer positiven oder negativen Energie „geladen“ sind.

Soziale Arbeit als Profession und die sie begründende Wissenschaft als akademische Disziplin muss sich unter einer handlungstheoretischen Perspektive mit Zielen, Plänen, Prozessen, Ergebnissen und Bedingungen des professionellen Handelns beschäftigen. Quer dazu muss dass Problem der Macht thematisiert werden – es gibt keine sozialen Beziehungen ohne die Machtfrage. Hier kann Maja Heiner auf die sozialarbeitswissenschaftliche Systemtheorie von Silvia Staub-Bernasconi verweisen (Staub-Bernasconi 1995 u. 2007), die Sozialarbeit als „Menschenrechtsprofession“ bezeichnet, der die Aufgabe zukommt, unterprivilegierten Menschen dennoch Einfluss auf die Gestaltung ihres Lebens zu verschaffen.

Es liegt ja nahe, bei der Bestimmung von Sozialer Arbeit als Handlungswissenschaft über die alltagstheoretischen Ansätze (Thiersch, Grunwald und Köngeter 2002) in der Sozialen Arbeit hinaus auch einen Blick auf die systemischen Ansätze (z.B. Hollstein-Brinkmann 1993, Staub-Bernasconi 1995, Pfeifer-Schaupp 1995, Bommes u. Scherr 2000), Ritscher 2002 u. 2007) zu werfen. Sie gesteht diesen durchaus Relevanz in einzelnen Bereichen der Sozialen Arbeit zu, z.B. bezüglich der schon zitierte Machtthematik, der Kommunikation und Beziehungsgestaltung, und der Arbeit mit Familien. Aber hinsichtlich ihrer Metaperspektive hat sich die Autorin für ein handlungstheoretisches Modell entschieden, das eine Handlungssituation im Kontext eines auf sie wirkenden Kräftefeldes beschreibt. (siehe S. 46)

A. „Systematische Darstellung: Ziele, Aufgaben und Formen professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit“

Im Teil A geht es um den gesellschaftlichen Auftrag sozialer Arbeit und sie sich daraus ableitenden Aufgaben, Aufgabenfelder  und Handlungsebenen. Das Abbild auf S. 52 ist dazu ein guter strukturierender Einstieg.

Soziale Arbeit hat ein Doppelmandat – Hilfe und Kontrolle, und komplementär dazu eine doppelte Aufgabenstellung: Arbeit mit dem KlientInnensystem und dem Leistungssystem. KlientInnarbeit ist Fallarbeit im Feld und die Arbeit im Feld erfordert auch die Arbeit mit dem Leistungssystem, das im Kontext der Sozialstaatsklausel des Grundgesetzes über die Jahre hinweg etabliert wurde und in den letzten Jahren vielfältigen Revisionsversuchen (z.B. durch die Hartzgesetze I-IV) unterworfen wurde. Es geht also hier um die Verschränkung von personenbezogener Fallarbeit und Sozialpolitik auf kommunaler, regionaler, Landes-, Bundes- und auch Europaebene. Soziale Arbeit ist damit Arbeit mit, für und am Fall, und zugleich Arbeit mit und im Leistungssystem. (vgl. B. Müller 1993) Sie ist also in doppelter Weise abhängig: einerseits von der Kooperationsbereitschaft ihrer KlientInnen, andererseits von den sozialstaatlichen Vorgaben und deren Umsetzung in Gesetze, Verwaltungsvorschriften und dem Verwaltungshandeln der Instanzen des Leistungssystems.  Wichtig ist, dass die Autorin im ganzen Buch immer wieder deutlich macht, dass die Professionellen und die Profession selbst rückbezüglich Einfluss nehmen können – sowohl in der Beziehung zu den KlientInnen, den Institutionen und Organisationen. Letztlich aber geht es (hoffentlich) immer um die KlientInnen und ihre persönliche wie soziale Unterstützung mit dem Ziel der Selbsthilfe und des Empowerment, und deshalb richtet sich professionelles Handeln auf

  • Personalisation (Individuation und persönliche Entwicklung);
  • Qualifikation (der Erwerb von Kompetenzen für das Berufsleben);
  • Reproduktion (die Sicherung des Lebensunterhaltes und die Ausübung von Familienrollen);
  • Rehabilitation (die Wiederherstellung von beeinträchtigten oder verlorenen körperlichen und psychischen Fähigkeiten);
  • und Resozialisation (die Reintegration in fördernde und fordernde gesellschaftliche Zusammenhänge).

Diese Aufgabenfelder hat die Autorin in dem Schaubild auf S. 91 in einen Zusammenhang gebracht mit dem menschlichen Lebenszyklus und den auf eine bestimmte Lebensphase zugeschnittenen Arbeitsfeldern.

Daraus leiten sich dann spezifische Handlungsfelder für die Profession ab – Berufsfelder, Arbeitsfelder, Tätigkeitsfelder, Tätigkeitsgruppen und Tätigkeitsformen, wobei ich die hier vorgenommenen Unterscheidungen und Begriffe nicht schlüssig nachvollziehen kann. Warum ist die Jugendhilfe unter dem Begriff „Berufsfeld“, die Heimerziehung unter dem Begriff „Tätigkeitsfeld“, die „Situationsgestaltung“ unter dem Begriff „Tätigkeitsgruppen“ und Erziehung unter dem Begriff „Tätigkeitsform“ verortet?

Eine gut verstehbare Zusammenfassung und Verbindung dieser Bereiche am Beispiel der Jugendhilfe findet sich im Schaubild 8 auf S. 154. 

Die Autorin hat mit einer ungeheuren Akribie im Kapitel  2.1. die sozialstaatlichen Rahmenbedingungen Sozialer Arbeit dargestellt – vom ALG II über den gemeindepsychiatrischen Verbund, das sozialrechtliche Dreieck von Leistungsempfänger, Leistungserbringer und Kostenträger, die Förderfinanzierung einer Psychosozialen Beratungsstelle, bis hin zu den Tagessätzen in stationären Einrichtungen finden wir die ganze Spannbreite Sozialer Arbeit – aber immer als Beispiel für die systematisch-theoretische Darstellung ihrer Ziele, Aufgaben und Formen. Heiner spart auch nicht mit Kritik an deren „Reformierung“ in den letzten Jahren. Das macht auch eine der Stärken des Buches aus: dass trotz aller Nüchternheit in der Systematisierung auch das Herzensinteresse am Wohlergehen der AdressatInnen Sozialer Arbeit spürbar bleibt. Ohne dieses – so möchte ich hinzufügen – wird Soziale Arbeit bürokratisch, technokratisch und in der Fallarbeit auch ziemlich ineffektiv.

Auftrag, Aufgaben und Tätigkeiten werden im Kapitel 2.2. detailliert beleuchtet:

  • Die gesellschaftliche Funktion sozialer Arbeit (Stichworte: Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft in prekären bzw. krisenhaften Lebenssituationen);
  • Ziele der Sozialen Arbeit (Stichworte: sozial verantwortliche Selbstverwirklichung und Selbsthilfe, Sicherung von Normalität, Sicherung eines gelingenden Alltags, soziale Integration);
  • Die Klientel (Stichworte: Mehrfachbelastungen, Ressourcenmangel, Vulnerabilität);
  • Kontrollierte Hilfe und hilfreiche Kontrolle als die zwei Pole des grundlegenden Handlungsmodus;
  • Generelle, primäre, sekundäre und tertiäre Prävention; die Autorin geht es  hier auch um eine realistische Einschätzung der Effektivität von Prävention (hier ermöglicht auf S. 114/115 eine Tabelle den Überblick).

Im Unterkapitel 2.3. wird die schon angesprochene fallbezogene und fallübergreifende Perspektive Sozialer Arbeit nochmals genauer ausformuliert. Zusätzlich zu den beiden Begriffen – Klientensystem (KlientInnen und ihr persönliches soziales Umfeld) und Leistungssystem (helfende Organisationen, Einrichtungen und die sie sozialpolitisch einrahmenden Sozialgesetze) als Adressaten der Sozialen Arbeit werden die Begriffe Zielsysteme, Ressourcensysteme und Aktionssysteme eingeführt. [4] Das erfordert die handlungstheoretische Metaperspektive der Autorin. Zielsysteme können sowohl die KlientInnen- als auch Leistungssysteme sein, wenn die Soziale Arbeit sie als Ansatzpunkte für ihrer Interventionen bestimmt. Ressourcensysteme beinhalten Unterstützungsmöglichkeiten bei diesen Interventionen und im Aktionssystem verbinden (verbünden) sich Personen aus dem Leistungs- und Klientensystem für gemeinsame hilfreiche Interventionen, die der Veränderung des Zielsystems bzw. der Zielsysteme dienen sollen. Diese Begriffe werden an einem Beispiel erläutert und Schaubilder (auf S. 125 und auf S. 156 – hier eine Spezifizierung für die SPFH) erleichtern den Überblick.  Dabei wird zusätzlich noch zwischen direkter und indirekter Arbeit mit den Zielsystemen unterschieden. [5]  Übrigens wird dadurch der Begriff des Case-Managements geschärft: Dieser umfasst einerseits die Zielfindung und Auftragsklärung für Interventionen, andererseits Koordination und Moderation der direkten und indirekten Arbeit mit Klienten- und Leistungssystemen, um funktionierende Aktionssysteme zu bilden. Dabei geht es immer wieder neu um das Ausfindigmachen von Ressourcensystemen, wobei die Autorin darauf hinweist, dass dies nicht immer einfach ist – nicht nur im KlientInnen- sondern auch im Leistungssystem. Denn gerade im Leistungssystem sind durch den zeitgeistigen Ökonomisierungs- und Organisationsentwicklungswahn in der Sozialen Arbeit (siehe Ritscher 2007, vgl. die Rezension) viele Ressourcen gemindert und viele Kräfte durch interne Organisationsprozeduren gebunden.

Auch wieder folgerichtig unter der handlungstheoretischen Metaperspektive werden in 2.4. unterschiedliche Handlungsebenen der Sozialen Arbeit definiert, in denen deren Auftrag, Ziele, Aufgaben und Angebote kommunikativ ausgehandelt, präsentiert und durchgeführt (im Zwangskontext: durchgesetzt) werden. Das Schaubild auf S. 140 zeigt diese vier Ebenen:

  1. Interaktion (die aktuelle interpersonale Beziehung);
  2. Situation (der soziale Kontext der aktuellen sozialen Beziehung);
  3. Organisation (das interne Leistungssystem, dessen Mitglied die Sozialarbeiterin ist);
  4. Infrastruktur (das externe Leistungssystem, also das Netzwerk institutionalisierter sozialer Einrichtungen, Organisationen und deren sozialrechtliche Rahmung).

Für jede Handlungsebene gibt es unterschiedliche Handlungsanforderungen, von der Autorin als Tätigkeitsgruppen bezeichnet:

  • Interaktion mit dem Klientensystem [6];
  • Gestaltung der Interaktionssituation (hier hat die Sozialarbeiterin die Möglichkeit den Kontext ihres Kontaktes mit KlientInnen so zu gestalten, dass ihre Angebote auch auf deren Interesse stoßen können [7];
  • Kooperation mit dem internen und externen Leistungssystem (hier geht es um die Verbesserung der Lebensbedingungen von KlientInnen durch die Erschließung von Ressourcen;
  • Weiterentwicklung und Sicherung der Qualität des internen Leistungssystems sowie des eigenen Angebots (die SoziarbeiterInnen können hier mit den Mitteln der Selbstevaluation (siehe Heiner 1998) und der runden Tische die klientInnenbezogenen Angebote ihrer Organisation weiterentwickeln;
  • Planung und (Weiter-)Entwicklung des externen Leistungssystems.

Es wird deutlich, dass diese fünf Punkte von der Autorin in einer aufsteigenden Linie von der konkreten direkten Fallarbeit zur Arbeit mit und im Leistungssystem gesehen werden.

Die Tätigkeitsgruppen werden in einer  nun folgenden Tabelle mit Zielen (woraufhin wird …), Ressourcensystemen (… mit wem …) und Tätigkeitsformen (… wie gearbeitet?) verknüpft.

Unter der handlungstheoretischen Perspektive wird dem Situationsbegriff eine besondere Bedeutung zugewiesen. Folgerichtig wird er genauer erörtert: Situation wird verstanden als eine abgrenzbare Sinneinheit des interpersonellen Kontaktes und enthält die Elemente Aktivitäten, Personenkonstellation, Zeitpunkt, Zeitspanne, Ort und Ausstattung des Ortes.

Die Autorin verweist darauf, dass es auch eine genauso wichtige innere Situation gibt, die sich aus den Intentionen und emotional gerahmten Kognitionen der Beteiligten ergibt. [8]

Im dritten Kapitel von Teil A geht es nun um die Professionalität im Rahmen der Profession. Zunächst wird der Begriff der Profession detailliert geklärt. Professionen zeichnen sich durch fünf Merkmale aus:

  1. es werden Probleme bearbeitet, die sowohl für den Adressaten als auch die Gesellschaft wichtig sind;
  2. dafür werden wissenschaftlich begründete Theorien und Handlungskonzepte verwendet, deren Kenntnis und praktische Umsetzung im Rahmen einer akademischen Ausbildung erworben werden;
  3. dem Beruf selbst wird eine relative und auch juristisch gesicherte Autonomie zugestanden;
  4. die Autonomie bezieht sich auf einen von anderen Berufen abgrenzbaren Gegenstandsbereich, und die professionellen Handlungsweisen orientieren sich an Standarts, die wissenschaftlich formuliert und abgesichert sind;
  5. professionell formalisierte Berufe sind gegenüber anderen Berufen mit einem besonderen Sozialprestige ausgestattet und werden auch besser bezahlt;
  6. es werden ethische Standards für die berufliche Tätigkeit festgelegt.

Den vorletzten Punkt finde ich nicht sehr einsichtig, weil Sozialarbeit m.E. gerade darunter leidet, dass ihr Prestige innerhalb der Professionen aber auch gegenüber anderen als nicht sehr hoch eingeschätzt wird, und die Bezahlung der Fachkräfte für das was sonst leisten müssen schandbar gering ist- im Vergleich zu anderen akademisierten Berufen. Überhaupt scheint mir der häufige Verweis auf die wissenschaftliche Begründung professionellen Handelns eher der Legitimation von Sozialarbeit im politischen Diskurs und ihrer Konkurrenz mit anderen akademisch basierten Berufen (vor allem Medizin und Psychologie) geschuldet zu sein. M. E. müsste erst einmal geklärt sein, was die Autorin als grundlegende Merkmale von (Sozial)Wissenschaftlichkeit bezeichnet, und welchen Stellenwert z.B. intuitives, ungeplantes, spontanes professionelles Handeln für den praktischen Alltag hat.

Auch die Frage der Autonomie bleibt meines Erachtens offen. Es gibt Arbeitsfelder, in denen die Fachkräfte in hohem Maße von anderen Berufen abhängig sind, z.B. in medizinischen Kontexten. In anderen Bereichen, z.B. der Jugendhilfe, lässt sich eine sehr viel stärkere, durch das KJHG gestützte Autonomie konstatieren. Aber auch hier gibt es durchaus nicht hintergehbare Abhängigkeiten, wie z.B. die Abhängigkeit des Jugendamtes von den Entscheidungen des Familienrichters hinsichtlich elterlicher Sorge, Umgangsrecht und dem Aufenthalt von Kindern aus getrennten Familien. Maja Heiner weist darauf hin, hält dies aber für keine ausreichenden Argumente gegen die These, dass Soziale Arbeit eine Profession sei.

In 3.2. findet eine ausführliche Erörterung der Berufsethik statt. Es wird dadurch einsichtig, dass Soziale Arbeit ohne ethische Basis Sinn und Legitimation verloren hätte und damit sich selbst aufgeben würde. Nach dem Verweis auf die Ethikcodices verschiedener Berufsverbände zitiert die Autorin auf S. 180 zustimmend eine Rangordnung ethischer Prinzipien, die von Germain u. Gittermann 1999 aufgestellt wurde, und die m.E. eine handhabbare ethische Struktur professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit wiedergibt:

  1. Schutz des Lebens
  2. Verhinderung dauerhafter Schädigung
  3. Recht auf Selbstbestimmung
  4. Geringster Eingriff mit größtmöglicher Revidierbarkeit
  5. Unterstützung der Schwächern
  6. Verbesserung der Lebensbewältigungskompetenz und der Lebensbedingungen
  7. Vertraulichkeit und Verschwiegenheit
  8. Wahrhaftigkeit und Vollständigkeit der Informationsvermittlung.

Die systemische Ethik geht von dem „ethischen Imperativ“ Heinz von Foersters aus: „Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird“ (v. Foerster 1999, S. 40) und leitet darüber hinaus aus dem Axiom der „subjektiven Konstruktion von Wirklichkeit“ die Idee von multiperspektivischer Diskursivität und Toleranz ab. In den ethischen Prinzipien von Germain und Gitterman entdecke ich aber etwas darüber hinausgehendes, was für therapeutisch orientierte Systemiker eher im Hintergrund bleibt: die konsequente Thematisierung sozialer Ungleichheit und die Unterstützungsaufgabe finanziell, sozial und kulturell unterprivilegierter Menschen für einen selbstbestimmten Lebensentwurf und seine materielle wie auch bildungsmäßige Absicherung.

Nun folgt eine Bestimmung des Gegenstandes Sozialer Arbeit, die in ihrer Ausführlichkeit auch eine allgemeine Definition Sozialer Arbeit sein könnte: „Gegenstand beruflichen Handelns in der Sozialen Arbeit sind manifeste individuelle Probleme der Lebensbewältigung und damit verbundene kollektive soziale Probleme der Klientel.

Ziel der Sozialen Arbeit ist es, die sozial verantwortliche Selbstverwirklichung und die Autonomie der Lebenspraxis der KlientInnen zu fördern., damit zur sozialen Gerechtigkeit beizutragen und diese einzufordern.

Die Zuständigkeitsdomäne der Sozialen Arbeit bezieht sich vorrangig auf die Lebenslage von belasteten oder gefährdeten Menschen mit hoher Vulnerabilität. Lebensweise und Lebensbedingungen der KlientInnen sind gleichermaßen Gegenstand der Veränderungsbemühungen. Die Soziale Arbeit wird im Rahmen ihres gesetzlichen Auftrags und der daraus abgeleiteten staatlichen Aufgabenzuschreibung und Finanzierungsvorgaben als „Profession“ eigenverantwortlich tätig.

Die spezifische Kompetenzdomäne der Sozialen Arbeit resultiert aus einer umfassenden, personenbezogenen Bearbeitung der psychischen , physischen, sozioökonomischen, ökologischen und individuellen sozialen Probleme ihrer Klientel in alltagsnaher Form -sowohl fallbezogen als auch fallübergreifend. Die Soziale Arbeit nimmt auf mehreren Ebenen Einfluss auf die Entstehung und den Fortbestand förderlicher Kräftefelder im Zusammenspiel von Klientensystemen, von Klientensystemen und Leistungssystemen und zwischen diversen Leistungssystemen. Diese ganzheitliche Hilfe zur Selbsthilfe durch die Figurierung komplexer Kräftefelder ist kennzeichnend für das Kompetenzprofil der Fachkräfte Sozialer Arbeit.

Leitungskräfte größerer Organisationen und Basisfachkräfte nehmen bei der Bearbeitung kollektiver sozialer Probleme unterschiedliche Funktionen wahr. Während den Basisfachkräften meist nur eine indikatorische, auf organisationsinterne Stellungnahme beschränkte Funktion der Analyse und Problematisierung gesellschaftlicher Missstände zukommt, können Leitungskräfte auch politikberatend und als politische Interessenvertreter gesellschaftspolitisch tätig werden. Als Leiter größerer Organisationen treffen sie zudem wichtige sozialpolitische Entscheidungen.“ (S. 201 f.)

Im Unterkapitel 3.4. unterscheidet die Autorin zunächst zwischen einer konditionalen Steuerung, d.h., einer vorausgehenden Bedingungen für die Inanspruchnahme einer Leistung, und einer finalen Steuerung, d.h. einer auf Ziele festgelegten Steuerung von Organisationen. Organisationen der Sozialen Arbeit sind eher final gesteuert – denn letztlich geht es um das Ziel der Veränderung und Entwicklung von KlientInnen. Gerade deshalb kollidieren Institutionen der Sozialen Arbeit des öfteren mit der übrigen sie umgebenden Verwaltung, weil diese eher konditional gesteuert ist. Das Jugendamt hat z.B. das Ziel, zu einer für die Kinder erträglichen Trennung ihrer Eltern zu sorgen; das Abfallwirtschaftsamt dagegen legt fest, unter welchen Bedingungen der Müll abgeholt wird. Deutlich wird auch, dass konditionales Handeln leichter steuerbar, und seine Erfolge leichter messbar sind. Finale Steuerung dagegen kann nie beweisen, dass die festgelegten Ziele auch eindeutig durch bestimmte Interventionen erreicht wurden. 

Darüber hinaus haben Organisationen sozialer Arbeit mit immer wieder auftauchenden Problemen zu tun (S.208):

  • Die Hilfen treffen nicht immer auf diejenigen, die sie am dringendsten benötigen („Selektivität der Hilfen“); Abhilfe kann hier eine bessere „Passung von Hilfebedarf und Hilfsangebot“ schaffen;
  • Standardisierte Leistungen gehen oft an dem Bedarf des Einzelfalls vorbei („geringe Responsivität standardisierter Leistungen“); dem können kleine, dezentrale Einheiten der Hilfe und Versorgung entgegenwirken;
  • Fehlende Zusammenarbeit beteiligter HelferInnen und Organisationen („die mangelnde Koordination des Hilfeprozesses im Einzelfall“); hier ist gutes „Case Management“ gefragt;
  • Und die mangelnde Koordinierung der Hilfen im Sozialraum („unzureichende Abstimmung der Angebote im Rahmen einer regionalen Infrastuktur“); hier könnte kommunale Sozialplanung  Abhilfe schaffen.

Aber letztlich muss man anerkennen, dass Soziale Hilfen in Organisationen eingebunden sind, was eine experimentelle und individualisierende Grundhaltung beeinträchtigt. Diese Zugehörigkeit hat aber auch Vorteile. Organisationen bilden einen schützenden Kontext, sie vertreten ihre Fachkräfte nach außen, sie können ihren MitarbeiterInnen durch Arbeitsteilung das Leben erleichtern und die zu jeder Fallarbeit gehörende Kontextarbeit auf mehren Schultern verteilen. – Alles hat mindestens zwei Seiten.

B. „Kasuistik des Gelingens und Scheiterns“

Im Teil Bwird die kasuistische Auswertung von elf Interviews mit Fachkräften der Sozialen Arbeit vorgestellt. Deren interpretative Rekonstruktion gibt einen spannenden und weitreichenden Einblick in unterschiedliche Felder der Sozialen Arbeit -

  • Allgemeiner Sozialdienst des Jugendamtes (ASD), 
  • Tagesgruppe,
  • Wohnungslosenhilfe für junge Erwachsenen,
  • Intensive Sozialpädagogische Einzelbetreuung (ISE) als Maßnahme nach dem KJHG,
  • Frauenhaus,
  • Psychiatrische Klinik und gemeindenahe Sozialpsychiatrie,
  • Suchtberatung,
  • Schuldnerberatung,
  • Betreuung nach dem Betreuungsgesetz,,
  • Sozialer Brennpunkt (Obdachlosenquartier) -

und die dort vorfindbaren Anforderungen. Die interpretative Rekonstruktion der Interviews enthält darüber hinaus interessante Beschreibungen unterschiedlicher persönlicher Arbeitsstile, Bewältigungs- und Attribuierungsmuster der befragten SozialarbeiterInnen.

Die elf hier aufgeführten Interviews sind Teil einer qualitativen Studie, die insgesamt zweiunddreizig Interviews umfasste. Aus diesen wurden vier Handlungsmodellen heraus destilliert, unter welche die mit Hilfe der Interviews rekonstruierten Arbeits-, Wahrnehmungs- und Realitätskonstruktionsstile der betreffenden SozialarbeiterInnen subsummiert werden können. Diese  vier Modelle – „Dominanzmodell“, „Aufopferungsmodell“, „Servicemodell“ und Passungsmodell – werden im Teil C dieses Buches beschrieben. Sie werden von Maja Heiner – das sei hier schon im Vorgriff gesagt – als ein das gesamte Spektrum professionellen sozialarbeiterisches Handeln umfassendes Ordnungs- und Bewertungsraster verstanden

Zunächst wird die Methodik der Untersuchung geschildert. Das beginnt mit der Darstellung der allgemeinen Fragestellungen, aus denen sich spezielle Fragen an die interviewten Personen und Auswertungskategorien ableiten lassen. Diese umfassen drei im Interview nacheinander abgearbeitete Komplexe:

  1. die Eingangsfragen – zunächst drei narrative Impulsfragen (z.B. „Versuchen Sie sich bitte an wiederkehrende Situationen zu erinnern, die wichtig und kennzeichnend für Ihre Arbeit und Ihre Rolle sind – bitte schildern Sie, wie sie diese erlebt haben.“)  und anschließend vier Vertiefungsfragen (z.B. Was macht die Arbeit für Sie lohnend und reizvoll?“);
  2. Drei Skalierungsfragen mit vier Punkten (-2 bis +2 ohne 0 als Mitte), die sich auf die Selbsteinschätzung der eigenen Arbeit beziehen (z.B. eine Einschätzung der eigenen Rolle zwischen KontrolleurIn und HelferIn);
  3. Drei Fragen, die nach der Ausfüllung der Selbsteinschätzungsbögen gestellt werden (z.B. „Was ist für Sie Erfolg“);
  4. Und eine Abschlussfrage, in der allgemein nach Ergänzungswünschen seitens der interviewten Fachkraft gefragt wird.

In der Auswertung werden drei Verfahren kombiniert, eine „detaillierte Einzelfallinterpretation“, der „typologisierende Fallvergleich“ und der „thematische Aussagenvergleich, der nur selektiv auf den jeweiligen Fall zurückgreift“. (S. 230)

Mit Hilfe dieser Verfahren wird ein „Fallprofil“ für jedes Interview erstellt, d.h., es werden grundlegende Aussagen zum eigenen Handeln und dessen Begründung herausgestellt. Leitlinien für die Erstellung des Fallprofils sind die unter C.2.1. dargestellten zentralen Kompetenzen für professionelles sozialarbeiterisches Handeln:

  1. Reflektierte Parteilichkeit und hilfreiche Kontrolle
  2. Planungs- und Zielfindungsorientierung
  3. empathische aber zugleich zielorientierte Beziehungsgestaltung
  4. Interinstitutionelle und interdisziplinäre Kooperation
  5. Interesse an einer Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen des eigenen professionellen Handeln
  6. Diskursive Reflexivität.

Dieses Fallprofil wird am Ende jeder Interviewrekonstruktion zusammenfassend charakterisiert und es werden zusätzlich ein oder zwei „Zentralphänomene“ herausgearbeitet, d.h. ein oder zwei in diesem Interview besonders deutlich ausgeprägte zentrale Handlungskompetenzen. 

Zu der Interpretationen selbst habe ich eine zwiespältige Haltung. Die o.g. sechs zentralen Handlungskompetenzen bilden m.E. wichtige Handlungskompetenzen ab, und natürlich müssen Fachkräfte auch vor dem Hintergrund dieser Kompetenzanforderungen bewertet werden. Nur hatte ich beim Lesen manchmal ein unangenehmes Hintergrundsgefühl, das ich so umschreiben möchte: Einige Fachkräfte, deren professionelles Handeln nicht dem Passungs- oder zumindest dem Servicemodell zugeordnet werden konnte, werden kritisiert, ohne dass ihre ganz persönliche Belastung hinreichend gewürdigt und ihre Entwicklungspotentiale (Ressourcen) ausreichend dargestellt werden. So bleibt am Ende der betreffenden Interviewrekonstruktionen eine negative Schlagseite hinsichtlich des/der betreffenden Sozialarbeiters/Sozialarbeiterin zurück. Manchmal dachte ich dann: aus der distanzierten Sicht einer Forscherin sehen die Anforderung und Bewältigungschancen eben doch etwas anders aus, als in der konkreten Fallarbeit. Deshalb würden mich die Rückmeldungen der interviewten KollegInnen auf die Rekonstruktionen sehr interessieren.

Ich kann mein Unbehagen auch als Frage an die Forschungsmethode formulieren: Wäre es möglich, das Interview eher in der Form eines Diskurses zu führen, in dem die Kompetenzpostulate und Bewertungen des Forschers/der Forscherin von den interviewenden Personen selbst thematisiert werden, so dass die interviewte Kollegin sich selbst darauf beziehen und problematische Handlungsformen vielleicht selbst entdecken kann? Damit würde eine Forderung der Aktionsforschung realisiert, dass die Beforschten zirkulär in die Auswertung einbezogen sind, und dadurch für ihre eigene Praxis profitieren können. Das erfordert natürlich einen zusätzlichen Aufwand und macht die Auswertungsprozedur noch komplizierter. Deshalb stellt sich sofort die Frage, ob dies realistisch und realisierbar ist. Denn der allein schon für diese Methodik erforderlich Aufwand ist immens.

Vielleicht lässt sich auch in die Richtung weiterdenken, dass eine kompetente Fachkraft in unterschiedlichen Situationen diese Modelle in unterschiedlichen „Mischungsverhältnissen“ anwendet.

C. „Berufliche Anforderungen, berufliches Selbstverständnis und die Figurierung von Kräftefeldern“

Die im Teil C dargestellten Konzepte stellen einerseits die theoretisierten Ergebnisse der Interviews und ihrer Auswertung dar. Andererseits fungieren sie auch als Grundmuster für die kasuistischen Interviewrekonstruktionen im Teil B. Als Ergebnisse der die zweiunddreißig Interviews umfassenden Studie sind sie natürlich der Kulminationspunkt dieses beeindruckenden Werkes und benennen die wichtigsten Anforderungen an die Sozialarbeitspraxis.

Zunächst werden die schon erwähnten vier Handlungsmodelle herausgearbeitet. Jedes von ihnen ist durch eine bestimmte Einstellung der Fachkraft hinsichtlich der KlientInnen und der eigenen Organisation/Institution/Einrichtung charakterisiert.

Die Einstellung den KlientInnen gegenüber ist durch zwei Dimensionen gekennzeichnet:

  1. Defizit- vs. Ressourcenorientierung;
  2. Nähe/Interesse am Aufbau einer Veränderungsmotivation der KlientInnen vs. Distanz/kein Interesse am Aufbau einer Veränderungsmotivation der KlientInnen.

Die vier Modelle im Überblick:

  1. Das „Dominanzmodell“ zeichnet sich durch die Idee der Vormachtstellung der Fachkräfte aus. Interessanterweise aber wird im Kontext dieses Modells das eigene Handeln als eher wenig erfolgreich beurteilt. Diesem Modell liegt systemisch gesehen eine lineare Idee zugrunde: der kontrollierende Teil muss kontrollieren, um Einfluss zu gewinnen, und je weniger Einfluss er hat, desto mehr muss kontrolliert und erzwungen werden.
  2. Im „Aufopferungsmodell“ halten die Fachkräfte ihr Angebot und das der Einrichtung für qualifiziert, aber leider für wirkungslos. Dem versuchen sie durch ein hohes Maß an persönlichem Einsatz, z.B. durch die Herstellung von Nähe und ständige Verfügbarkeit entgegenzuwirken; wobei sie sich selbst aber permanent überfordern. Diese Modell ist deshalb hoch riskant bezüglich eines professionellen burn out.
  3. Das „Servicemodell“ ist durch eine strukturelle Distanz zu den KlientInnen, aber ein hohes Maß an Überzeugung über Qualität und Effektivität des eigenen Angebots und des der Einrichtung gekennzeichnet. Die Fachkräfte definieren sich als DienstleisterInnen, die Leistungen vermitteln und andere Ressourcen (z.B. hilfreiche soziale Netzwerke) erschließen helfen. Dabei wird aber die Motivation der KlientInnen schon vorausgesetzt, was bestimmte KlientInnen aber von vornherein ausgrenzt.
  4. Das „Passungsmodell“ – und natürlich wird dieses von der Autorin favorisiert – integriert alle Vorteile und minimiert alle Nachteile der bisher dargestellten Modelle: Das eigene Angebot wird auf den partizipativ ermittelten Bedarf  der KlientInnen zugeschnitten, es wird auch in Rechnung gestellt, dass sich Motivation erst im Verlauf einer Hilfe entwickeln kann, aber zugleich werden die KlientInnen als Handelnde und nicht als pure Opfer von Verhältnissen definiert. Es werden prinzipiell Ressourcen unterstellt, die möglicherweise aber erst erschlossen bzw. gestärkt oder erst einmal deutlicher in den Wahrnehmungshorizont der KlientInnen hereingeholt werden müssen. Es wird auch eine empathische Nähe zu den KlientInnen hergestellt, dabei wird aber auf die eigenen Ressourcen und die der Einrichtung geachtet.

Diese Handlungsmodelle wirken in den Interaktionsituationen – dem Interaktionsfeld – mit den KlientInnen, und sie vermögen dieses gegenüber der Ausgangssituation zu verändern. Die Ausgangssituation ist durch die Annahme geprägt, dass (1) gesellschaftliche Faktoren, (2) persönlich-familiäre Faktoren der KlientInnen, (3) persönlich professionelle Faktoren der Fachkraft und (4) infrastrukturelle Faktoren ein überwiegend negative aufgeladenes Kräftefeld „konfigurieren“. Die Interventionen der SozialarbeiterIn unter der Perspektive ihres Handlungsmodells vermögen diese Konfiguration zu verändern; die Grundannahme dabei ist natürlich, dass das Passungsmodell hierfür die beste Voraussetzung bietet und positive Veränderungsvalenzen induziert. Aber natürlich beeinflussen auch die anderen Handlungsmodelle das Kraftfeld nicht nur negativ, sondern auch sie können positive Veränderungsvalenzen anregen. Die Veränderungen im Kräftefeld werden durch Grafiken auf S. 420 ff. veranschaulicht.

Ein Problem bei dieser Konstruktion ist das Fehlen der KlientInnenperspektive – denn es bleibt ja immer die Frage, wie diese auf die Interventionen der SozialarbeiterIn antworten. Auch das beste Passungsmodell hilft nicht, wenn die SozialarbeiterIn trotz aller Versuche – „keinen Fuß in die Tür bekommt“ bzw. wenig nützliche Antworten der KlientInnen evoziert. Diese Einschränkung hat die Autorin selbst benannt, aber dies bleibt theoretisch ein Problem, das m.E. nur durch das Zirkularitätsaxiom der systemischen Theorie gelöst werden kann. Im Grunde wird doch davon ausgegangen, dass die neue Veränderungskraft und der damit zusammenhängende Veränderungseinfluss von der SozialarbeiterIn ausgeht. Das würde dem Dominanzmodell paradoxerweise doch eine gewisse Plausibilität einräumen. Und in Fragen der Selbst- und Fremdgefährdung wird eine Fachkraft wahrscheinlich in starkem Maße auf das Dominanzmodell zurückgreifen müssen.

Unter C.2.1. werden die schon zur Erläuterung der Interviewauswertungsmethode dargestellten sechs zentralen Handlungsanforderungen für SozialarbeiterInnen detailliert beschrieben und einer Grafik (s. 430 f.) zusammengefasst. Im Folgenden hierzu einige Kommentierungen aus systemischer Sicht.

  • Zum Begriff der reflektierten Parteilichkeit: Als Systemiker stutzt man zunächst, weil Neutralität bzw. Allparteilichkeit zu den essentiellen Prämissen systemischer Praxis gehören. Beim genauerem Lesen bemerkt man aber, dass Maja Heiner den Begriff der Parteilichkeit auf einer anderen Ebene verwendet als die Systemiker, und er dadurch auch eine andere Bedeutung bekommt. Parteilichkeit wird von ihr als kritische Unterstützung für Veränderungsprozesse verstanden, nicht als Parteinahme für einzelne KlientInnen gegen andere, gegen KollegInnen oder bestimmte Ideen. Parteinahme heißt dann auch, dass die Folgen bestimmter Handlungen hinsichtlich intendierter Veränderungsprozesse reflektiert werden und setzt deshalb die „Schaffung von Freiräumen für Reflexion durch Metakommunikation“ (S. 433) voraus. Die Autorin fordert auch eine „Kontextsensibilität“ für die kritische Parteinahme, d.h., es ist – und hier gibt es völlige Übereinstimmung mit einer systemischen Metatheorie Sozialer Arbeit – vom Kontext her zu entscheiden, ob und welche darauf bezogenen Intervention nützlich ist.
  • Hilfe und Kontrolle: seit einiger Zeit wird auch in der Theorie systemischen Therapie/Beratung heftig über den „Zwangskontext“ diskutiert. Das hat sicherlich etwas damit zu tun, dass der systemische Ansatz immer mehr die Sozialarbeitspraxis durchdringt und sich die SystemikerInnen auch auf der Theorieebene mit der Frage von Hilfe und Kontrolle, Freiheit und Zwang auseinandersetzen müssen. Für die Sozialarbeit war der Zwangskontext bzw. das Thema der Kontrolle schon immer zentral, weil sie eben auch einen gesellschaftlichen Ordnungsauftrag repräsentiert.
  • Inklusion und Exklusion: Michael Bommes, Albert Scherr und andere haben die Luhmann„sche Soziologie auch in der Sozialen Arbeit hoffähig gemacht, und dieses Begriffspaar spielt bei Luhmann eine zentrale Rolle. Seiner Ansicht nach muss jedes System sowohl inkludierende als auch exkludierende Operationen durchführen, um die eigenen Grenzen, damit den Unterschied zu anderen Systemen, und damit wiederum seine Existenz zu sichern. Oftmals wird in der Sozialen Arbeit Exklusion als um jeden Preis zu vermeidender, Inklusion als um jeden Preis anzustrebender sozialer Prozess verstanden. Die Autorin bringt hier noch eine andere Sichtweise ins Spiel: manchmal kann Exklusion auch förderlich sein, z.B. der Wechsel eines in der Regelschule überforderten Kindes in eine Förderschule. Aber auch hier wird deutlich, dass der Exklusion eine neue Inklusionsoperation folgt und damit neue Bedeutungskontexte entstehen, die durchaus der „bezogenen Individuation“ (Stierlin 1994) dienen können.

Unter 2.3. werden Anforderungen an die Ziele sozialarbeiterischen Handelns diskutiert. Möglichst partizipativ ausgehandelte Zielsetzungen und – aus systemischer Sicht damit verbundene Aufträge an alle im Hilfesystem agierenden Personen/Institutionen/Organisationen/Einrichtungen – sind in der Sozialarbeitspraxis ganz besonders wichtig, weil die Aufgaben vielfältig, die Probleme komplex, die Arbeitsabläufe oft wenig strukturiert und die Ergebnisse nicht durch einen Ausgangszustand und darauf bezogene Maßnahmen determinierbar sind. Darüber hinaus hat es die Soziale Arbeit mit einem sehr inhomogenen Klientel und den unterschiedlichsten KooperationspartnerInnen zu tun. Hier nützt Klarheit bei der Ziel- und Aufgabenbestimmung – die z.B. in der Jugendhilfe beim Hilfeplan erforderlich ist – und eine klare Formulierung der Angebote. Interessant finde ich auch die Unterscheidung in Leistungs- und Wirkungsziele. Wirkungsziele sind auf einen erstrebenswerten Zustand bezogen („outcome“), z.B. eine Veränderung im elterlichen Erziehungsverhalten; ein Leistungsziel ist dagegen die angestrebte Gewährung einer Maßnahme durch die Fachkraft bzw. ihre Institution („output“) – bei dem o.g. Wirkungsziel könnte das eine professionelle Erziehungsberatung sein. Ob dadurch das Wirkungsziel erreicht wird, steht auf einem anderen Blatt. Für die Jugendamtsarbeit ist das meiste schon getan, wenn ein Leistungsziel erreicht ist; für die Erreichung des Wirkungszieles muss dann eine andere Fachkraft bzw. Einrichtung Sorge tragen. Diese Differenz kann also zur Entlastung der Fachkräfte beitragen.

Ein aus systemischer Sicht zentraler Bestandteil der Theorie und Praxis Sozialer Arbeit wird unter C.2.4. diskutiert: die professionelle Beziehungsgestaltung. Hier helfen zum einen die drei Variablen des personenzentrierten Modells von Carl Rogers (Echtheit, Wärme, Empathie), das partizipative Aushandeln von Zielen, Aufträgen, Settings und Handlungskonsequenzen, die zeit-räumliche und emotionale Begrenzung der Beziehung, das Wechseln zwischen Nähe und Distanz [9] und die Selbstreflexion der Fachkraft in und hinsichtlich der Interaktionssituationen.

Die Autorin formuliert (auf S. 465) sechs „sowohl – als – auch – Dimensionen“, die das Feld der Beziehungsgestaltung strukturieren und die schon genannten Momente enthalten [10]:

  1. Aufgabenorientierung und Personenorientierung
  2. Symmetrie (Machtgleichheit) und Asymmetrie (Machtdifferenz) in der Beziehung
  3. Flexibilität und Konsequenz
  4. Verantwortungsübernahme und Verantwortungsübergabe
  5. Zurückhaltung und Engagement
  6. Nähe und Distanz

Unter C.2.5 wird die interinstitutionelle und multiprofessionelle Kooperation thematisiert. Es gibt wahrscheinlich keine andere Profession im psycho-sozialen und medizinischen Feld, die so sehr zur Kooperation mit anderen Professionen und Einrichtungen/Organisationen/Institutionen verpflichtet ist wie die Soziale Arbeit. Und es kommt noch dazu, dass dieses Feld hierarchisch organisiert ist und die Soziale Arbeit sich hier immer noch mit der Frage ihres Einflusses und damit auch ihrer Wert- bzw. Selbstwertfrage auseinandersetzen muss. [11]

Maja Heiner formuliert auch für diesen Aufgabe sechs die Sozialarbeitspraxis strukturierende „sowohl – als – auch – Dimensionen„:

  1. Eigenverantwortliche Fachlichkeit (z.B. im ASD) und abhängige Zuarbeit (z.B. des ASD für das Familiengericht);
  2. Spezialisierung (z.B. unterschiedliche Einrichtungen sind mit einem Fall befasst) und umfassende Zuständigkeit (die von der SozialarbeiterIn im Case Management angestrebt wird);
  3. Aufgabenerledigung und Aufgabendelegation (was tut man selbst, was überlässt man anderen und wie wird die Rückkoppelung gewährleistet);
  4. Segmentäre oder komplementäre Spezialisierung (segmentäre Spezialisierung: jede Einrichtung/Fachkraft arbeitet getrennt von allen anderen am selben Fall; komplementäre  Spezialisierung: eine Fachkraft wird durch andere Fachkräfte aus anderen Einrichtungen/Professionen in der Fallarbeit unterstützt);
  5. Konsenssuche und Konfrontation (es hängt vom Kontext ab, welcher der beiden Handlungsmodi für die Problemlösung nützlich ist; wichtig ist hier Machtposition der Fachkraft in der speziellen Situation);
  6. Profilierung und Zurückhaltung (auch hier entscheidet der Kontext darüber welcher Handlungsmodus nützlicher ist).

Im Unterkapitel C.2.6. diskutiert die Autorin Soziale Arbeit als institutionell und gesellschaftlich geregelte Praxis. Diese Perspektive verlangt von den SozialarbeiterInnen, sich im Rahmen folgender „sowohl – als – auch – Dimensionen“ zu bewegen (siehe S. 487):

  • Gemeinwohlinteresse und Organisationsinteresse (nicht nur das Interesse der eigenen Organisation, sondern das Gemeinwohl im Ganzen muss bei wichtigen Entscheidungen einer helfenden Organisation mitbedacht werden);
  • Organisationsinteresse und KlientInneninteresse (auch diese beiden Interessensstränge können sich widersprechen, wenn z.B. KlientInnen mehr verlangen als möglich, SozialarbeiterInnen mehr tun, als nützlich ist);
  • KlientInnenbezogene und leistungssystembezoge Arbeit (eine gute klientInnenbezogene Arbeit setzt auch voraus, dass auf die Strukturen und Prozesse in der eigenen Einrichtung geachtet und diese für die eigene Arbeit als Ressourcen genutzt werden, z.B. durch Teamarbeit, Supervision, Unterstützung der Fachkräfte in kritischen Situationen durch die Leitung; auch externe Leistungssysteme sind häufig wichtige Kooperationspartner und sollten als solche ernst genommen und wertgeschätzt werden);.
  • Innovation und Konsolidierung (jedes System zeigt Beharrungs- und Veränderungstendenzen; insofern gilt es, immer wieder die Balance zwischen der Sicherung des Erreichten und dem Experimentieren mit zukünftigen Lösungen zu finden).

Als letzten Punkt kompetenten professionellen Handelns betont die Autorin unter C.2.7. die Bedeutung „mehrperspektivischer Deutungsmuster“ für eine ganzheitliche Beschreibung und Erklärung von Problemlagen. Sie unterscheidet hier (1) mehrdimensionale, (2) mehrperspektivische, (3) multiniveaunale und (4) multimodale Problemanalysen.

  1. Zu (1) verweist sie auf die mehrdimensionale Problementdeckungskarte von Staub-Bernasconi, in der Ausstattungs- und Austauschprobleme von KlientInnen kombiniert werden. (s. 494) Im weiteren Verlauf entwirft sie eine eigene Tabelle zur Systematisierung von Informationen (S. 497), in der die Ausstattungsdimensionen eines Klienten/einer Klientin (physiologische, psychische, soziale, sozioökonomisch und ökologische Ausstattung) mit den Austauscherwartungen der KlientInnen und ihres sozialen Umfeldes einerseits, den Austauscherwartungen des Leistungssystems (Fachkraft und professionelles Umfeld der Fachkraft) andererseits kombiniert werden. Die damit beschreibbaren Problembereiche können nun unter dem Gesichtspunkt unterschiedlicher Erwartungen und Zuschreibungen bewertet werden: Normdiskrepanzen (Unterschiede zwischen individuellen Zielen und gesellschaftlichen Normen), Kompetenzdiskrepanzen (Unterschiede zwischen Wollen und Tun), Motivationsdiskrepanzen (intramentale Unterschiede zwischen verschieden Zielen [12]), Verantwortungsdiskrepanzen (Unterschiede zwischen der Erkenntnis eines eigenen Problems und der Zuschreibung der Verantwortung für die „Ursache“ und die Lösung des Problems auf eine oder mehrere andere Personen), Ressourcendiskrepanzen (Unterschiede zwischen vorhandenen und notwendigen Mitteln zur Problembewältigung);
  2. Unter (2) trifft sie die Unterscheidung in BündnispartnerInnen, AdressatInnen und KlientInnen; Problembeschreibungen und -lösungen müssen diese unterschiedlichen Rollen im Aktionssystem berücksichtigen;
  3. Multiniveaunale Problemanalysen (3) beziehen sich auf Größe und Komplexität der Problem- und Unterstützungssysteme, und deren Steuerung durch kontinuierlichen oder punktuellen Austausch ihrer Mitglieder;
  4. Multimodalität bei der Problembearbeitung (4) umfasst die „Organisationsform der Angebote“ (ambulant, teilstationär, stationär, komplementär), die „Sozialform der Interaktion“ (z.B. Einzelne, Paare, Familien, Gruppen, die BewohnerInnen eines Stadtquartiers) und den „Fokus der Interaktion“ (kognitionsorientierte, körpererfahrungsorientierte oder verhaltensorientierte Interventionen).

Diese vier Bereiche einer ganzheitlichen Problembeschreibung und -lösung sind in einer Tabelle zusammengefasst. (S. 506)

Bei der Sammlung von Informationen, der Hypothesenbildung und der Überlegung zu nützlichen Interventionen muss die Fachkraft sich wiederum in sechs „sowohl als -auch Dimensionen“ bewegen (S. 507):

  1. generalisierende und spezifizierende Aussagen (theoretisch-verallgemeinernd und fallspezifische);
  2. lineare und zirkuläre Erklärungsmuster;
  3. bedingungsbezogene (bzw. verhältnisbezogene) und personenbezogene Ursachenattribution;
  4. klientInnenbezogene und interventionsbezogene Reflexion (das Verhalten der KlientInnen ist immer auch abhängig von der in der Situation anwesenden Fachkraft, die das Verhalten beobachtet und beschreibt);
  5. defizitbezogenes und ressourcenorientiertes Klientenbild;
  6. erfahrungsbasierte Intuition, empirische Fundierung und systematische Reflexion (mit Hilfe von Theorien und Konzepten).

Diskussion

Das Buch ist in seiner Komplexität beeindruckend, aber darin liegt auch ein Problem für die LeserInnen. Man könnte sich im Gewirr der Begriffe, Fakten und Konzepte verirren, und am Ende des Buches nichts mehr vom Anfang wissen. Dem hat die Autorin durch vier didaktische Maßnahmen vorgebeugt. 

  1. Viele Gedankengänge werden in Schaubildern zusammengefasst, die strukturierend und weiterführend wirken.
  2. Beispielen verdeutlichen die inhaltlichen Bestimmungen der vorgestellten Begriffe und Konzepte.
  3. Am Ende jedes Unterkapitels findet sich eine Zusammenfassung, die das bisher gelesene nochmals bündelt und auch anregt, bestimmte Passagen nochmals zu lesen.
  4. Unter C.3., also am Ende des Buches fasst die Autorin nochmals die wichtigsten Aussagen und Begriffe ihres Diskurses zusammen. Das gibt dem Leser eine Struktur an die Hand, um nun das Buch quasi nochmals rückwärts zu lesen bzw. im eigenen Gedächtnis zu rekonstruieren. Die dadurch erzeugte Reduktion von Komplexität hilft dem Leser, ein aus den wichtigsten Begriffen geknüpftes Netzwerk in seinem Arbeitsgedächtnis abzuspeichern. Die so im expliziten Gedächtnis präsenten Begriffe können dann in entsprechenden Situationen durch assoziative Verknüpfungen mit weiteren  Bedeutungen angereichert werden, wodurch die Komplexität wieder ausgeweitet werden kann.

Fazit

Wahrscheinlich muss man sich dieses Buch mehrmals vornehmen und einzelne Teile unter zum jeweiligen Zeitpunkt für die eigene Theoriebildung oder Praxisgestaltung wichtigen Fragestellungen durcharbeiten.

Es entwirft ein imposantes Panorama der Sozialen Arbeit, dem ich viele LeserInnen und eine große Verbreitung in der Fachwelt wünsche.

  • Für Lehrende der Sozialen Arbeit ist es eine Fundgrube, wenn es während der Ausbildung um das Thema der professionellen Identität und des professionellen Selbstbewusstseins geht – zu dessen Entwicklung dieses Buch einen maßgeblichen Beitrag zu leisten vermag.
  • Studierende erhalten einen detaillierten Überblick über die Inhalte eines ernsthaften Studiums der Sozialen Arbeit.
  • Für Fachkräfte bietet es eine konsistente theoretische Begründung ihres praktischen Tuns – vermittelt durch viele praxisnahe Beispiele.
  • Für KollegInnen aus angrenzenden Disziplinen und Professionen ist das Buch eine gute Möglichkeit des Einblicks in die Vielfältigkeit und theoretische Begründbarkeit der Sozialarbeitspraxis.

Und als Vertreter einer systemischen Metaperspektive in der Sozialen Arbeit kann ich sagen,  dass es viele Ansatzpunkte für eine Diskurs über Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt, der uns alle voran bringen kann.

Zusätzliche Literatur:

Bommes, M. u. A. Scherr, A. (2000): Soziologie der Sozialen Arbeit. Eine Einführung in Formen und Funktionen organisierter Hilfe. Weinheim u.München (Juventa)

Elkaim, M. (1992): Wenn Du mich liebst, lieb mich nicht. Wirklichkeitskonstruktionen in der systemischen Familientherapie.Freiburg i. Br. (Lambertus)

Foerster, H. v. (1999): Sicht und Einsicht. Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie. Neuauflage Heidelberg (Carl-Auer-Systeme)

Germain, C.B. u. A. Gitterman (1999): Praktische Sozialarbeit. Das „Life-Modell“ der  Sozialen Arbeit. Stuttgart (Enke)

Grawe, K. (2004): Neuropsychotherpie. Göttingen (Hogrefe)

Heiner, M. (Hrsg.)(2004a): Diagnostik und Diagnosen in der Sozialen Arbeit. Ein Handbuch.  Berlin (Verlag des Deutschen Vereins für öffentliche und soziale Fürsorge.)

Heiner, M. (2004 b): Professionalität in der Sozialen Arbeit. Stuttgart (Kohlhammer)

Heiner, M. et al. (1994): Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit. Freiburg i.Br. (Lambertus)

Hollstein-Brinkmann, H. (1993): Soziale Arbeit und Systemtheorien. Freiburg i. Br. (Lambertus)

Luhmann, N. (1987): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a. M. (Suhrkamp)

Minuchin, S. (1977): Familie und Familientherapie. Freiburg i. Br. (Lambertus)

Müller, B. (1993): Sozialpädagogisches Können. Ein Lehrbuch zur multiperspektivischen Fallarbeit. Freiburg i. Br. (Lambertus)

Pfeifer-Schaupp, H.-U. (1995): Jenseits der Familientherapie. Systemische Konzepte in der Sozialen Arbeit. Freiburg i. Br. (Lambertus)

Ritscher, W. (2002): Systemisches Modell für die Soziale Arbeit. Heidelberg (Carl-Auer-Systeme)

Ritscher, W. (2006): Einführung in die systemische Soziale Arbeit mit Familien.  Heidelberg (Carl-Auer-Systeme)

Ritscher, W. (2007): Soziale Arbeit: systemisch. Ein Konzept und seine Anwendung. Göttingen (Vandenhoeck u. Ruprecht)

Staub-Bernasconi, S. (1995): Systemtheorie, soziale Probleme und Soziale Arbeit: lokal, national, international oder: vom Ende der Bescheidenheit. Bern (Haupt)

Staub-Bernasconi, S. (2007): Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Systemische Grundlagen und professionelle Praxis. Ein Lehrbuch. München (UTB)

Stierlin, H. (1994): Ich und die Anderen. Psychotherapie in einer sich wandelnden  Gesellschaft. Stuttgart (Klett-Cotta)

Thiersch, H. (1992): Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. München (Juventa)

Thiersch, H., Grunwald, K. u. S. Köngeter (2002): Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. In: Thole, W. (Hrsg.)(2002): Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch.      Opladen (Leske u. Budrich)

Watzlawick, P. (Hrsg.)(1985): Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu glauben wissen? Beiträge zum Konstruktivismus. München (Piper)


[1] siehe z.B. Heiner 2004a u. b, Heiner et al. 1998

[2] Spannend wäre es gewesen, wenn im weiteren Verlauf der Darstellung bei Fallbeispielen auch auf die Familie Bleicher Bezug genommen worden wäre. Dann hätte das Beispiel neben seiner hinführen Funktion für den Leser auch noch eine strukturierende Funktion für den Dialog des Lesers mit dem Text erhalten

[3] Dieser Gesichtspunkt ist natürlich für eine Systemische Soziale Arbeit von besonderer Bedeutung

[4] Wenn hier der Begriff des Systems so zentral eingeführt wird, hätte sich ein definitorischer Bezug zu einem Systembegriff angeboten , wie er in einer der Varianten der Systemischen Theorie oder der systemischen Sozialen Arbeit  beschrieben wird

[5] systemisch gesehen geht es darum, dass manchmal die Arbeit am sozialen Kontext wichtiger sein kann als die direkte Arbeit mit den KlientInnen.

[6] Hier ist die Selbstreflexionskompetenz der Sozialarbeiterin gefragt, um ihre Reaktionen in der Situation als Resonanzphänomene (vgl. Elkaim  1992) beurteilen und als Ressource für das weitere Vorgehen nutzen zu können; leider geht die Autorin darauf an dieser Stelle nicht ein, obwohl m.E. dieser Aspekt von der Systematik her an dieser Stelle benannt werden müsste

[7] Hier gibt es viele mögliche Bezüge zur strukturellen Familientherapie von Salvator Minuchin, für den die  Gestaltung der räumlichen Aspekte des  Settings  sehr wichtig war (siehe Minuchin 1977 u. Ritscher 2006)

[8] Das Emotionen den Rahmen für Kognitionen bilden und deshalb Kognitionen und Emotionen immer zusammenspielen hat meines Erachtens die Neuropsychologie bzw. Gehirnforschung nochmals herausgestellt und damit die Annahmen der Psychoanalyse und der Gestaltpsychologie Kurt Lewins bestätigt. (siehe Grawe 2004)  

[9] Minuchin prägte hierfür den Begriff des „joining“ – siehe Ritscher 2006.


Rezensent
Prof. Dr. Wolf Ritscher
Dr. phil., M.A., Dipl. Psych., Prof. em. an der Hochschule für Sozialwesen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege mit Schwerpunkt klinische Psychologie, systemische Soziale Arbeit und Familienberatung, „Erziehung nach Auschwitz“. Systemischer Therapeut und Familientherapeut, Lehrtherapeut (DGSF) und Supervisor, Mitherausgeber des „Kontext“, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Carl Auer Verlages und von FoBis Holzgerlingen. Autor zahlreicher Fachveröffentlichungen


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Zitiervorschlag
Wolf Ritscher. Rezension vom 18.08.2008 zu: Maja Heiner: Soziale Arbeit als Beruf. Fälle - Felder - Fähigkeiten. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2007. ISBN 978-3-497-01897-0. Reihe: Soziale Arbeit.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-497-02147-5 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6613.php, Datum des Zugriffs 20.01.2018.


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