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Gernot Candolini: Das geheimnisvolle Labyrinth

Rezensiert von Prof. Dr. Werner Michl, 22.08.2008

Cover Gernot Candolini: Das geheimnisvolle Labyrinth ISBN 978-3-629-02160-1

Gernot Candolini: Das geheimnisvolle Labyrinth. Mythos und Geschichte eines Menschheitssymbols. Pattloch (München) 2008. 256 Seiten. ISBN 978-3-629-02160-1. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Seit geraumer Zeit werden in Pädagogik und Psychologie die beschaulichen und besinnlichen Ebenen wie Rituale und Visionssuche, Einsamkeit und Stille, und eben auch Labyrinthe wiederentdeckt, für Besinnung und Vertiefung, für Erziehung und Erlebnis, für Spiel und Spaß, für Tanz und Therapie. Gernot Candolini ist einer der Koryphäen auf diesem Gebiet. Seine Begeisterung ist durch fachliche Recherche geprägt und nicht durch esoterische Verklärung. Das ist besonders hervorzuheben, da dieses Symbolfeld dem mystischen und magischen Denken Tür und Tor öffnet.

Aufbau und Aufmachung

Öffnet man das Buch, das in 15 Kapitel gegliedert ist, so ist man gleich gebannt von den Fotografien, die das ganze Buch prägen. Die Bilder aus allen Zeiten und aus aller Welt faszinieren den Leser fast so wie das reale Erlebnis, ein Labyrinth zu begehen.

Inhalt

Natürlich muss man unterscheiden zwischen Labyrinthen und Irrgärten – in denen man sich im Gegensatz zum Labyrinth verirren kann - und auch von anderen Ursymbolen der Menschheit wie Spirale, Mäander, Knoten und Kreisen. Das klassische Labyrinth ist ein Weg, in dem siebenmal die Mitte umkreist wird und der dann ins Zentrum führt. In den Abbildungen wird gezeigt, wie ein solches Labyrinth entsteht. Man könnte es auch als Quadratur des Kreises interpretieren. Der Ursprung, so Candolini, liegt im Mittelmeerraum und verbreitete sich von hier über den Erdball. Mit der Zeit wurden alle möglichen Formen weiterentwickelt: neben dem klassischen oder kretischen entstand das römische und gotische Labyrinth.

Sehr erhellend sind die Ausführungen Candolinis zum Mythos des Minotaurus. Wenn Theseus den Weg in die Mitte fand, um den Minotaurus zu töten, warum brauchte er dann einen Faden, um wieder herauszufinden? Candolini argumentiert mit dem Helden- und Liebesweg. Letzterer ist noch schwieriger, daher braucht er Orientierung und Führung.

Im nächsten Kapitel folgt eine Exkursion zu alten Symbolen, Felsritzungen und Rinderritualen. Über die Römer fand das Labyrinth Eingang in die christliche Glaubenswelt. Theseus wird zu Christus. Besonders endrucksvoll sind die christlichen Buchstabenlabyrinthe, Mariengedichte und geistlichen Irrgärten und selbstverständlich die zu späterer Zeit entstandenen Mosaiklabyrinthe in Kathedralen. In der Gotik wird das Labyrinth perfektioniert; 28 Kehren, das entspricht einem Mondmonat, führen mit 240 m Länge in die Mitte. Die Zahlenmystik ist unerschöpflich; überzeugend wird sie von Candolini analysiert. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden viele der Kirchenlabyrinthe zerstört oder gerieten einfach in Vergessenheit. Natürlich kann man das Labyrinth auch als Pilgerreise im kleinen Format verstehen. Andererseits findet man auf vielen Pilgerwegen Labyrinthe vor. Eine spannende historische Anmerkung für Sozialpädagogen ist die Tatsache, dass in vielen Teilen Europas Straftäter zwischen dem Strafvollzug oder einer Pilgerreise wählen konnten (S. 101).

Das Rasenlabyrinth und der Heckenirrgarten wurden in der Neuzeit erfunden. Sie dienten nicht nur der Vertiefung und dem Vergnügen, das Verirren bereitet, sondern boten auch so manchem Schäferstündchen Schutz. Solche Orte waren auch immer Anlass für Feste und Feiern, für Tanz und Spiele. Immer wieder beeindrucken die Fotos von Labyrinthen aus dem hohen Norden, wo menschliche Spuren in karger Landschaft nachhaltige Zeichen setzen. Die Labyrinthe, oft nahe am rauen Meer, dienten auch als Bittstelle für guten Wind und glückliche Heimkehr. Dann wendet sich der Autor Amerika und seinen Ureinwohnern zu.

Das Buch bietet nicht nur faszinierende Bilder, der Autor kann auch fesselnde Geschichten schreiben. Bei den Vermutungen zu Nasca, den berühmten überdimensionalen Landschaftszeichnungen, und den Symbolen der Hopi-Indianer hätte ein ethnologischer Rat gut getan.

Im elften Kapitel geht Candolini noch einmal auf die Symbolik ein: der kosmische Aspekt, der Weg, das Gefängnis, die Angst, das Böse, der Tod, die Mitte, der Tanz. Fast allem kann man folgen. Ob der Eintritt ins Labyrinth wirklich so Angst macht? (S. 168) Ja, es kann ein besonderer Augenblick sein, aber wir sollten doch auf die Gefühle der Menschen hören. Etwas diffuser wird es im nächsten Kapitel, in dem es unter anderem um Initiation geht. "Ein Mann, der meint, dass Gentechnik oder Atomenergie völlig beherrschbar seien, ist von seiner Kultur nicht initiiert worden." Solche Weisheitssätze, die bei genauerer Betrachtung zur Bauchlandung führen, hätte man sich sparen können. Sehr anregend dagegen sind die Ausführungen über das Labyrinth in der Kunst. Vielleicht liegt der Grund für die Wiederentdeckung des Labyrinths in der "Wortlastigkeit unserer Gesellschaft" (S. 202). Vielleicht auch darin, dass es ein ungestilltes spirituelles Bedürfnis gibt, das herkömmliche Religionen nicht abdecken.

Das Buch schließt mit einer Übersicht von Labyrinthen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Fazit

Es bietet nicht nur faszinierende Fotos und Abbildungen, sondern auch spannende Geschichten, anregende Thesen und beste Rechercheergebnisse in Raum und Zeit des Labyrinths. Etwas Besseres zu diesem Thema kann man sich kaum vorstellen.

Rezension von
Prof. Dr. Werner Michl
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Es gibt 37 Rezensionen von Werner Michl.

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Zitiervorschlag
Werner Michl. Rezension vom 22.08.2008 zu: Gernot Candolini: Das geheimnisvolle Labyrinth. Mythos und Geschichte eines Menschheitssymbols. Pattloch (München) 2008. ISBN 978-3-629-02160-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6617.php, Datum des Zugriffs 12.08.2022.


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