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Ulrich Beck: Der eigene Gott (Religiöse Tolerenz)

Rezensiert von Dipl.-Soz. Roland Wallner, 10.10.2008

Cover Ulrich Beck: Der eigene Gott (Religiöse Tolerenz) ISBN 978-3-458-71003-5

Ulrich Beck: Der eigene Gott. Von der Friedensfähigkeit und dem Gewaltpotential der Religionen. Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag (Frankfurt am Main) 2008. 275 Seiten. ISBN 978-3-458-71003-5. D: 19,80 EUR, A: 15,30 EUR, CH: 26,40 sFr.

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Thema

Die Arbeit ist ein Beitrag zur Religionssoziologie. Der Verfasser lehrt Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und an der London School of Economics and Political Science. Im Suhrkamp Verlag erschienen u. a.: Risikogesellschaft, Was ist Globalisierung?, Weltrisikogesellschaft.

Aufbau

Das Buch ist in 6 Hauptabschnitte gegliedert.

I: Das Tagebuch des "eigenen Gottes": Etty Hillesum. Eine unsoziologische Einleitung.

Der Verfasser vertritt den Säkularisierungsansatz. Nach diesem Ansatz findet eine Entzauberung des Religiösen statt. Religiöse Erscheinungen lassen sich auf gesellschaftliche Ursachen und Leistungen zurückführen. Beck gibt dafür ein Beispiel: Die Regentanzindianer können keinen Regen herbei zaubern. Die Rituale besitzen nur den Zweck, den Zusammenhalt innerhalb der Gruppe zu stärken.

Nach diesen Ausführungen gibt er das Tagebuch der Etty Hillesum wider. Das Tagebuch dient der Beweisführung, wie ein Mensch sich selbst seinen eigenen Gott gestaltet. Das Leben dieser Tagebuchschreiberin endet in einer Katastrophe. Sie wird in Auschwitz ermordet. "Wenn ein Gott diese Welt gemacht hat", schreibt Schopenhauer, "so möchte ich nicht dieser Gott sein: Ihr Jammer würde mir das Herz zerreißen".

II: Die Rückkehr der Götter und die Krise der europäischen Moderne. Eine soziologische Einleitung.

Im zweiten Abschnitt setzt sich Beck mit dem Säkularisierungsansatz auseinander. Die Vorläufer dieses Ansatzes sind Feuerbach, Marx, Nietzsche und Freud. Seit dem Ende des Ersten Weltkrieges lässt sich in Europa ein erheblicher Rückgang der regelmäßigen Religionsausübung beobachten. Das europäische Christentum verwelkt. Während das außereuropäische Christentum aufblüht.

Mit der Säkularisierung lässt sich gleichzeitig eine Wiederbelebung der Religiosität in Europa beobachten. Wie äußert sich das? Das äußert sich in Begriffen und Bildern des Unterwegsseins, des ständigen Fragens. Man vermeidet die Sprache des Angekommenseins. Es gibt keine letzten Antworten, keine unwiderruflichen Überzeugungen und Bekenntnisse.

Gleichzeitig erfolgt ein Erstarken nicht-christlicher Religionen. Z. B. werden in Deutschland zurzeit 160 Moscheen gebaut oder geplant. Sehr viele Leute wissen nicht, dass das Tragen des Kopftuches ein muslimisches Selbstbewusstsein darstellt.

III: Toleranz und Gewalt: Die zwei Gesichter der Religionen.

Ein Schlüsselmerkmal der Religion ist die Überwindung vorgegebener Grenzen: "Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und nicht Freie, nicht Mann und nicht Frau" (Gal. 3, 28). Die Gesellschaft soll nach Paulus auf dem Reich Gottes beruhen. Wer dagegen nicht glauben will oder kann, dem droht die Verdammnis – im Diesseits und im Jenseits. Die Unterscheidung zwischen dem Wir und den anderen wird aufgeladen durch den kosmischen Kampf zwischen den "Mächten des Guten", die sich gegen die "Mächte des Bösen" durchsetzen müssen, soll die Welt gerettet werden.

Beck meint, dass trotz aller Menschlichkeit der Religionen eine totalitäre Versuchung innewohnt. Das ließe sich z. B. im Frühchristentum erkennen. Stephanus der Jerusalemer Urgemeinde wird 36/40 n. Chr. gesteinigt. Saulus schaut mit Wohlwollen zu. Der Herrenbruder Jakobus wird 62 n. Chr. gesteinigt.

In einer Kernthese fasst Beck seinen Gedanken zusammen: Der Mensch schafft sich seinen eigenen Gott, der seinem "eigenen" Leben und seinem "eigenen" Erfahrungshorizont entspricht.

IV: Häresie oder die Erfindung des "eigenen Gottes".

Die Gottesebenbildlichkeit wird übersetzt in die zu achtende Würde des Menschen (Art. 1 GG). Von ihren Anfängen her war das Christentum intolerant gegenüber anderen Religionen. Erwähnt wird der griechisch-römische Polytheismus, dann der Judaismus, von dem sich das Christentum abspaltete, und später gegenüber dem Islam. Früh in ihrer Geschichte war das Christentum intolerant gegenüber der Häresie und den Häretikern. Man denke nur an den Kampf zwischen Arius und Athanasius. Dieser Streit führte zum Konzil von Nicaea (325).

Auf diesem Konzil führte ein heidnischer Kaiser den Vorsitz. Die volle Gottheit errang der Heilige Geist erst im Jahre 381 auf der 2. ökumenischen Synode von Konstantinopel.

Thomas von Aquin beantwortet die Frage, ob Häretiker geduldet werden sollten, mit einem entschiedenen Nein. Sie verdienen nicht nur exkommuniziert zu werden, sondern sie sollen auch durch den Tod von der Welt ausgeschlossen werden. Auch Calvin lässt einen protestantischen Häretiker, Michael Servetus, 1553 auf dem Scheiterhaufen verbrennen.

Der eigene Gott kennt keine Ungläubigen, er kennt keine absoluten Wahrheiten, keine Rangordnung, keine Ketzer, keine Heiden, keine Atheisten. Im subjektiven Polytheismus des "eigenen Gottes" haben viele Götter Platz. Die Idee des Paradieses wird ersetzt durch das Konzept der Selbstverwirklichung im Hier und Jetzt.

V: Die List der Nebenfolge: Fünf Modelle der Zivilisierung weltreligiöser Konflikte.

Ein Modell ist das Marktmodell. Der Gläubige als Kunde kann zwischen verschiedenen Gott-Angeboten wählen. Die Koppelung zwischen Gott und der Warenform kann zu einer Blasphemie führen: "Dein Geld fahre mit dir ins Verderben, weil du gemeint hast, die Gabe Gottes durch Geld erkaufen zu können" (Apg. 8, 20). Das zweite Modell ist der religionsneutrale Verfassungsstaat. Nach Jürgen Habermas haben die Religionen die weltanschauliche Vielfalt nicht nur als kleineres Übel hinzunehmen, sondern zu bejahen. Ein anderes Modell stammt von Hans Küng. Die goldene Regel eines Konfuzius könnte man für alle Religionen verallgemeinern: "Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu." Das fünfte Modell stammt von Mahatma Gandhi. Erst ein Austausch mit fremden Kulturen und Religionen wird als Bereicherung erfahren.

VI: Frieden statt Wahrheit? Zukünfte der Religionen in der Weltrisikogesellschaft.

Paulus hat als hellenistischer Jude die Jesus-Bewegung von einer jüdischen Sekte zu einer globalen Religionsbewegung verwandelt. Der universalistische Anspruch der christlichen Offenbarung wird von Ulrich Beck grundsätzlich in Frage gestellt. Die Gewissheiten der christlichen Offenbarung treffen auf die Gegengewissheiten der islamischen usw. Offenbarung. Herausragende Religionswissenschaftler werden Gegenstand von Todesdrohungen, weil sie sozialwissenschaftliche Interpretationen für religiöse Texte heranzogen (z. B. Ende der Opfertheologie?). Beck ist der Auffassung, Theologie als wissenschaftliche Begründungsinstanz des Glaubens müsse aus dem Kreis der Wissenschaften ausgeschlossen werden. Die Ängste, die der Islam in Europa hervorruft, dürften damit zu tun haben, dass dieser zu einem mächtigen Teil der gegenwärtigen globalen Wanderungsbewegungen der Weltreligionen geworden ist.

Diskussion

Die Soziologie ist in einer besonderen, schwierigen Lage. Sie muss sich mit dem Thema Religion neu befassen, weil bislang ein Großteil der Soziologie sich mit dem Begriff der Säkularisierung auseinandergesetzt hat. Soziologie und Säkularisierung sind auf das Engste miteinander verbunden.

Die Vorstellung, dass die Säkularisierung die große Grundrichtung der Modernisierung ist, wird durch eine ganze Reihe von Entwicklungen in Frage gestellt. Man kann nicht nur von der Entzauberung der Religion sprechen, sondern gleichzeitig von Zügen einer Wiederverzauberung der Religion in der Moderne.

In der Erörterung um Säkularisierung wird gefragt, ob nicht Säkularisierung ein europäischer Sonderweg ist. Es gibt in Europa Schlüsselerscheinungen für Säkularisierung. Der Rückgang der regelmäßigen Religionsausübung im Sinne eines Kirchganges wäre so eine Erscheinung. Seit dem Ende des 1. Weltkrieges bricht in einigen Ländern der Kirchgang fast zusammen. Gleichzeitig zu diesem Einbruch der Religionsbedeutung in Europa läuft weltweit eine Missionierungswelle, eine Ausdehnungsphase des Christentums, der katholischen Kirche, der Evangelikalen überall in der Welt, die in der Geschichte des Christentums keinen Vergleich kennt. Diese Ungleichzeitigkeit muss man sich vor Augen halten. Das hat damit zu tun, dass beispielsweise Südamerika, auch Nordamerika zunehmend, noch mehr als bisher katholisiert wird, aber auch die Evangelikalen einen zunehmenden Einfluss in Südamerika ausüben. In Afrika läuft eine große Welle der katholischen Taufe. Das hat auch teilweise damit zu tun, dass die bevölkerungsreichsten Länder christlich werden.

Das ist ein Fehler, den Samuel Philipps Huntington ["The Clash of Civilizations"] mit seiner Zivilisationstheorie verursachte. Er glaubt, die christliche Zivilisation schrumpft. Das ist schlicht falsch. Das Christentum wächst. Wir erleben einen Zusammenbruch des europäischen Christentums. Wir erleben aber eine Ausdehnung der außereuropäischen Christenheit. Das europäische Christentum verliert seine Prägekraft. Es entsteht ein außereuropäisches Christentum. In diesem Zusammenhang macht Ulrich Beck darauf aufmerksam, dass sich in Europa eine Islamangst breit macht. Beck erwähnt auch, dass in manchen Bereichen die Wirtschaft ohne Migranten zusammenbrechen würde. Nach Auskunft einer Personalreferenten eines großen deutschen Unternehmens sind 80 % der Bewerbungen Schrott. Sie will damit sagen, um in eine engere Auswahl zu kommen, werden an die Bewerbungsunterlagen hohe Anforderungen gestellt. Auf Grund mangelnder Deutschkenntnisse scheitern Migranten oder ausländische Arbeitskräfte bereits an der ersten Hürde einer Bewerbung. Wenn der Arbeitsmarkt auf ewig verschlossen und diese Gruppe ein Leben lang auf "Stütze" angewiesen ist, kann das auch für die Gesellschaft zu einem Nullsummenspiel werden.

Säkularisierung bedeutet Entmachtung der Kirchen, der Religion und auch die Trennung von Staat und Religion. Damit muss nicht unbedingt eine schrumpfende Bedeutung von Religion verbunden sein. Dass mit der Entmachtung der Religion auch eine Aufhebung der theologischen Fakultäten verbunden sein sollte, wird nicht jeder Leser akzeptieren können. Aus den theologischen Fakultäten kommen wichtige Forschungsbeiträge. Ich erwähne nur die Zwei-Quellen-Theorie, die Infragestellung der mittelalterlichen Satisfaktionstheorie, der formgeschichtliche oder der kritisch-historische Ansatz. Kann Säkularisierung nicht als ein großer Gewinn für die Religion gedeutet werden? Um sich diesen Blickwinkel zu vergegenwärtigen, ist es wichtig, sich anzuschauen, was ist mit Säkularisierung verbunden?

Mit der Säkularisierung gibt die Religion die weltliche Herrschaft ab, damit auch die Verpflichtung, Herrschaftsstrukturen, politische Strukturen zu legitimieren. Sie tritt hinter dem Staat und der staatlichen Autorität zurück. Sie entlastet sich damit zugleich von der Verpflichtung, von der Unmöglichkeit, entsprechende religiöse Legitimation für Herrschaft zu leisten. Sie gibt die Kontrolle über Erkenntnis und Gewissheit an die Wissenschaft ab.

Die Wissenschaft steht nun andauernd unter der Verpflichtung, Wahrheit zu produzieren. Wissenschaft kann diese Verpflichtung selbst nicht immer einlösen. Wenn die Kirche diese Verpflichtung schon nicht einlösen konnte, kann das die Wissenschaft auch nicht.

Die Religion kann jetzt das werden, was ihren Möglichkeiten entspricht, nämlich nichts als Religion zu sein. Sie kann Religion werden in dem Sinne, dass sie den Zusammenhang von Immanenz und Transzendenz zum Mittelpunkt ihrer Erörterungen, ihrer Weltdeutungen, ihrer Praxis, ihrer Seelsorge und der sozialen Politik macht, die damit verbunden ist.

Wir haben es zwar mit einer Wiederkehr der Religiosität am Beginn des 21. Jahrhunderts zu tun, aber in einer bestimmten Form. Religion verwandelt sich in Religiosität. Religion meint organisierte, mit Autorität und Theologie ausgerüstete Institution in verschiedenen Überlieferungen. Religiosität meint den subjektiven Gesichtspunkt, die subjektive Erfahrung, den subjektiven Glauben. Es kommt zu einer Abspaltung, Entkoppelung von Religion und zu einer größeren Bedeutung des subjektiven Glaubens.

Der Kern der Religiosität ist es, einen eigenen Gott zu besitzen, der für andere vielleicht nicht einleuchtend ist, aber für einen selbst eine unüberbietbare Richtschnur des Denkens und Handelns ist. Das ist aber meistens nicht der Gott der Kirchen, der Synagogen, der Moscheen und Tempel, sondern der Gott der eigenen Erfahrung, auch der Gott der eigenen Wahl, der in gewisser Weise diese Art des Gottesbildes, dem man sich verpflichtet fühlt, sich selbst schafft.

Die Menschen basteln sich ihre eigenen Glaubenserzählungen zusammen, die dem eigenen Leben und dem eigenen Erfahrungshorizont entsprechen. Der Zweifel kann eine Wiederbelebung des Glaubens sein.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich nicht nur an Studenten, die das Fach Religionssoziologie studieren, sondern auch an die Fachöffentlichkeit. Theologen oder Religionswissenschaftler dürften sich vom Titel ("Der eigene Gott"), Friedensforscher (wie kann Frieden hergestellt werden?), Politologen oder Islamwissenschaftler (ein islamisches Land in die EU?), Historiker (Kolonialismus), Ethnologen (clash of civilisations) angesprochen fühlen. Aber auch für all die Leser wird das Buch lehrreich sein, die einen Einblick erhalten wollen, wie sich Religion in Europa und in der Welt aus soziologischer Perspektive entwickeln wird.

Fazit

Soziologie ist ein Werkzeug menschlicher Erkenntnissuche. Soziologie will Alltagswelt gestalten. Ulrich Beck liefert einen wichtigen Beitrag zur Religionssoziologie. Er versucht die säkulare Religiosität zu entschlüsseln. In dem Werk ist eine Fülle von Erkenntnissen verarbeitet und eingeflossen. Wer sich einen Überblick über die soziologische Denkweise in Bezug auf religiöse Entwicklungen in Europa und in der Welt verschaffen will, wird dieses Buch zu Rate ziehen.

Rezension von
Dipl.-Soz. Roland Wallner

Es gibt 9 Rezensionen von Roland Wallner.

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Zitiervorschlag
Roland Wallner. Rezension vom 10.10.2008 zu: Ulrich Beck: Der eigene Gott. Von der Friedensfähigkeit und dem Gewaltpotential der Religionen. Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag (Frankfurt am Main) 2008. ISBN 978-3-458-71003-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6618.php, Datum des Zugriffs 20.04.2024.


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