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Kathrin Oester, Ursula Fiechter u.a.: Schulen in transnationalen Lebenswelten

Cover Kathrin Oester, Ursula Fiechter, Elke-Nicole Kappus: Schulen in transnationalen Lebenswelten. Integrations- und Segregationsprozesse am Beispiel von Bern West. Seismo-Verlag (Zürich) 2008. 324 Seiten. ISBN 978-3-03777-062-7. 32,00 EUR, CH: 48,00 sFr.

Reihe: Schriften zur sozialen Frage - Band 3.
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Das Dilemma der Schulen zwischen Integrationsauftrag, Selektionsdruck und Segregationsprozessen

In der sich immer interdependenter entwickelnden und entgrenzenden Welt haben überkommene nationale Lehrpläne, Bildungs- und Erziehungsparadigmen immer weniger Bedeutung. Die Schulen, sowohl in der Lehrerbildung, in der Curriculumdiskussion, als auch in der Systemanalyse, tun sich mit der Tatsache am schwersten, dass zum einen in offenen Gesellschaften die Schultüren nicht einfach mehr zugemacht werden können und zum anderen dass die bisher gültigen "Deutungshoheiten" schulischer Theorie und Praxis in Frage gestellt werden. Den eigentlich nur in ganz selten Fällen gültigen Homogenisierungsansprüchen bei der Zusammensetzung der Schülerinnen und Schüler, was ja nicht zuletzt das überholte dreigliedrige Schulsystem hervorgebracht hat, sind Bildungserwartungen gewichen, die sich nicht mehr an der typischen, sozialen und gesellschaftlichen Bevölkerungsverteilung festmachen lassen. Besondere Auswirkungen und gesellschaftliche Anforderungen vollziehen sich – zumindest in den westlichen Industriegesellschaften – auch dadurch, dass Migrationsprozesse eine Veränderung der "angestammten" Bevölkerung bewirken. Der Zuzug von "Fremden" in ursprünglich definierte Mehrheitsgesellschaften führt dabei zu politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die zuallererst in den Kindergärten und Schulen sichtbar werden. Die Integration von Minderheiten in die jeweils nationalen Mehrheitsgesellschaften trägt dazu bei, dass aus nationalen transnationale Lebenswelten entstehen, konfliktreich und konfliktfrei.

In besonderer Weise wirkt sich dabei die Zusammensetzung von Schülerinnen und Schülern aus Einheimischen und Zugewanderten, aus Autochtonen und Allochthonen beim schulischen Lernen und Zusammenleben aus. PISA-Ergebnisse, Bildungsanalysen und sozialgesellschaftliche Statistiken weisen immer wieder aus, dass Kinder mit Migrationshintergrund, auch wenn sie im jeweiligen Aufenthaltsland geboren sind, in ihren schulischen Lernergebnissen, statistisch gesehen, hinter dem Schulerfolg von Gleichaltrigen  aus der Mehrheitsgesellschaft zurück stehen. Strittig ist, ob ein mehrgliedriges Schulsystem, im Gegensatz zu einer "allgemeinen" (Gesamt-)Schule die Benachteiligungen erzeugt und fördert; unstrittig ist, dass eine zu frühe Selektion von Schülerinnen und Schülern zu Beginn der Sekundarstufe I in mehrere Schulformen – in Deutschland also in Haupt-, Realschule und Gymnasium – Benachteiligungen beim individuellen Bildungsprozess schafft.

Die Diskussion über Schulerfolge und –misserfolge von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund werden in der bundesrepublikanischen, föderativen Auseinandersetzung um das "richtige" Schulsystem weitgehend mit der gesellschaftlichen und politischen Erwartungshaltung geführt, dass eine gelingende Integration von Kindern ausländischer Herkunft mit dem "Einbahnstraßen-Anspruch" möglich sei – als Anpassung und bestimmt eher von Vorstellungen zur Assimilation, denn als transnationale Einstellung. Die "interkulturellen Realitäten", wonach mittlerweile rund ein Drittel der Schülerinnen, Schüler und Jugendlichen aus Migrantenfamilien kommen (vgl. dazu die Rezension zu: Schnabel u.a., Das interkulturelle Klassenzimmer. Potentiale entdecken. Anregungen für Lehrerinnen und Lehrer, 2008), werden eher zögerlich und nur soweit wahr genommen, als sie in die ideologischen und parteipolitischen Schu(l)bladen passen.

In der Situation ist es sicherlich erhellend, wenn ein Blick über den bundesrepublikanischen Gartenzaun getan wird. Dabei würde einem Schulvergleichsforscher, der sich daran macht, die Vor- und Nachteile von nationalen Schulsystemen in Hinblick auf die Bildungschancen von Kindern in multikulturellen Gesellschaften zu analysieren, nicht sogleich die Schweiz als Parameter in den Sinn kommen: Ist doch, ähnlich wie in der Bundesrepublik Deutschland, Schule und Bildung Länder-, dort Kantonssache; besteht auch in der Schweiz in der Sekundarstufe I ein gegliedertes Schulsystem, das sich zusammen setzt aus Schulen mit Grundansprüchen, Schulen mit erweiterten Ansprüchen und Schulen ohne Selektion.

Inhalt

Weil andere Mütter auch Forschungstöchter haben, lohnt es, die ethnographische Studie im "Ausländerquartier" Bern West, die von Kathrin Oester, Sozialanthropologin und Forschungsbeauftragte an der Pädagogischen Hochschule Bern, von der Soziologin und Dozentin Ursula Fiechter und von Elke-Nicole Kappus, Projektleiterin der Abteilung "Integration und Soziale Projekte" der Caritas Schweiz zur Kenntnis zu nehmen. In diesem Stadtteil der Landeshauptstadt Bern, der im Volksmund als "Ausländerghetto" etikettiert wird, leben rund 30 Prozent Menschen Nichtschweizer Herkunft. In drei Quartierschulen wurden vergleichende stadtsoziologische Untersuchungen durchgeführt, die Auskunft über "kleinräumige Segregation und deren Auswirkungen auf das Bildungssystem" geben sollten. Die Forscherinnen formulierten dabei die folgende Hypothese: Schulen an sozioökonomisch benachteiligten Standorten wirken stark assimilativ und verpflichten sich dem sozialen Lernen zu Lasten des akademischen Lernens. In diesem Sinne nehmen sie die Aufgabe der sozialen Eingliederung im Staat zum Nachteil ihrer Wettbewerbsfähigkeit wahr. Schulen an privilegierten Standorten vermögen sich dagegen Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Mit dieser Aufsplitterung der Bildungsfunktion ist aber das Prinzip der Chancengleichheit strukturell in Frage gestellt.

Diese Annahme wirkt wie ein déj-vu für Bildungsforscher aus Deutschland und anderen europäischen Ländern. Die Schweizer Forscherinnen wollen jedoch mit ihrer Untersuchung mehr als die bekannte Segregationsentwicklung in Städten aufzeigen, die sich nicht zuletzt in dem abschätzigen und resignativen Begriff "Ausländerghetto" ausdrückt; sie wollen aufzeigen, wie "Chancen und Konflikte im Zusammenleben aus der Sicht der Schulen, der Lehrpersonen, der Schülerinnen und Schüler und ihrer Eltern wahrgenommen werden". Dabei wird das Dilemma allzu deutlich: Der "system-"schulische Auftrag, in einer multikulturell verfassten Gesellschaft sowohl Integration als auch Selektion zu leisten, Anpassung zu fordern und interkulturelle Entwicklung zu ermöglichen und gleichzeitig soziales und "akademisches" Lernen zu fördern, wird zum "Dilemma der Moderne". Residenzielle Segregation, also die Beobachtung von Alltags- und Schulsituationen in den überwiegend von Migrantenfamilien bewohnten Quartieren, lässt sich am besten erkennen, wenn es gelingt, die offiziell von Regierung und den Parteien postulierten Integrationsziele und –erwartungen zu konfrontieren mit den Anpassungs-(Assimilations-)druck und den Defizitwahrnehmungen der Mehrheitsbevölkerung gegenüber den Eingewanderten: "Neben guten Dialektkenntnissen und der Anpassung an lokale Interaktionsformen hat die vorliegende Untersuchung gezeigt, dass sich die Zugehörigkeit zu den Etablierten respektive Außenseitern immer wieder daran misst, inwieweit bestimmte Ordnungs- und Sauberkeitsnormen verinnerlicht und habituell übernommen werden". Dadurch entsteht ein gesellschaftlicher Ausnahmezustand und verfestigt die vorhandenen Macht- und Ohnmachtverhältnisse. Die für das Forschungsvorhaben angenommene "doppelte Funktion des Bildungssystems" führt bei der Analyse der transnationalen Lebenswelten dazu, dass – bei Berücksichtigung des gesamtgesellschaftlichen Wettbewerbs um Bildungstitel – "die Verminderung der Wettbewerbschancen in sozial benachteiligten Quartierschulen Hand in Hand mit deren Erhöhung in sozial privilegierten Quartier geht". Damit, so die Essenz aus dem Forschungsvorhaben, ist "die kritische Selbstreflexion der Institution Schule als wertender, statt als neutraler Instanz (gefordert) … und die Einsicht, dass Gerechtigkeit im Selektionsprozess gerade nicht das Ergebnis einer reduzierten, ent-kulturierten Vorstellung von Leistung sein kann". Eine gesellschaftlich und schulcurricular brisante Erkenntnis, die übertragbar ist, weil sie die Wahrnehmung von Defiziten der eingewanderten Bevölkerung betont und die interkulturellen Ressourcen und Vielfalt von Menschen aus anderen Kulturen und Lebenswelten vernachlässigt. Die Forderungen, die das Forschungsteam zieht, kann man getrost in die Merkbücher von Gesellschafts- und Bildungspolitikern, von Schulverwaltungen, Lehrerinnen, Lehrern und Eltern auch hierzulande schreiben: "Je konsequenter … der Assimilationsdruck und mit ihm spezifische Defizitzuschreibungen reflektiert werden, desto mehr Chancen dürften Kinder mit Migrationshintergrund, aber auch solche aus unteren Schichten (der Mehrheitsgesellschaft, JS) erhalten". Dem Rezensenten reizt freilich in diesem Zusammenhang die Ergänzung: Auch Kinder aus den so genannten privilegierten Schichten profitieren von einer multikulturell verfassten, gemeinsamen Schule!

Diskussion

Um noch einmal den Blick auf die bundesrepublikanische Situation der Migrationsdiskussion zu werfen: Der Integrationsminister von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet (CDU), hat kürzlich in seinem Bundesland ermitteln lassen, welche Schulabschlüsse junge Menschen aus Migrationsfamilien erworben haben, die im Jahr 2006 einen deutschen Pass beantragten. Die überraschenden Ergebnisse: 30,3 Prozent aller Eingebürgerten haben die höchsten Schulabschlüsse erreicht (Abitur oder Fachabitur), im Vergleich zu 27,1 Prozent bei den "Herkunfts"- Deutschen. Zwar werteten sogleich Politiker und Parteien diese Werte als "positive Seiten der (deutschen) Integrationspolitik und dass sich "Zuwanderer auf der (gesellschaftlichen) Überholspur" befänden; doch – berücksichtigt man die Fragestellungen und Hypothesen des Schweizerischen Forschungsprojektes – wäre dabei nachzufragen, welchen Schichten die "Erfolgreichen" mit Migrationshintergrund angehören, welche Schulen sie besucht, welche Anpassungsleistungen sie erbracht haben und in welchen transnationalen Lebenswelten sie leben. Damit zeigt sich die Notwendigkeit, den globalen Diskurs um "Bildung für alle" offensiv, nicht nationalegoistisch, lokal und global zu führen.

Fazit

Mit dem Forschungsbericht über Integrations- und Segregationsprozesse in Schulen, in denen transnationale Lebenswelten gelebt und gelernt werden können, legt das Forschungsteam einen wichtigen Baustein vor, der zum Zukunftshaus EINE WELT passt; kein Haus von der Stange, kein Plattenbau und kein Fertighaus. Vielmehr ein Lebensraum für Menschen, der auf der Grundlage des Friedens, der Gerechtigkeit und Gleichheit das Bewusstsein schafft, dass, wie dies in der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (vom 10. Dezember 1948) zum Ausdruck kommt, nur "die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet".


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.10.2008 zu: Kathrin Oester, Ursula Fiechter, Elke-Nicole Kappus: Schulen in transnationalen Lebenswelten. Integrations- und Segregationsprozesse am Beispiel von Bern West. Seismo-Verlag (Zürich) 2008. ISBN 978-3-03777-062-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6624.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


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