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Stefan Schabert: [...] Lebensführung körperbehinderter Erwachsener

Rezensiert von Dipl.-Psych. Lothar Sandfort, 27.08.2008

Cover Stefan Schabert: [...] Lebensführung körperbehinderter Erwachsener ISBN 978-3-8300-3681-4

Stefan Schabert: Versuche selbstbestimmter Lebensführung körperbehinderter Erwachsener. Konsequenzen für eine realitätsnahe Körperbehindertenpädagogik. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2008. 320 Seiten. ISBN 978-3-8300-3681-4. 68,00 EUR.
Schriftenreihe Sonderpädagogik in Forschung und Praxis - Band 20
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Thema

Mögen Sie Geschichten von Abenteurern, solchen, die ihren eigentlich ganz selbstverständlichen Lebensweg verlassen, um ihr Glück zu finden? Gehören Sie vielleicht sogar zu ihren Sympathisanten, die solche verrückten Träume auch noch unterstützen wollen, möglicherweise sogar beruflich? Dann passen Sie zu diesem Buch und seinem Autor. Sie werden voller Respekt fünf schwerbehinderte Menschen kennenlernen, die durch ihren Freiheitsdrang den oft tragischen Entdeckern einer neuen Welt ähnlich werden.

Da ist Manfred, der mir beim Lesen zum glücklosen Goldsucher wurde und so endete, wie die meisten von ihnen. Ronja und Matthias, die versuchten, in einer neuen Welt mit all ihrem Unverständnis zu siedeln. Oliver, der vorsichtige Scout, und Ulrich, der noch ganz am Anfang von der Freiheit träumt und  seine Ausrüstung sammelt.

Sie alle sind weitgehend körperlich eingeschränkt. Sie können froh sein, dass sie in der heutigen Zeit leben und in Deutschland. Unsere Gesellschaft betrachtet sie mit Verfassungsrang als lebensberechtigt, obwohl sie von der Unterstützung anderer abhängig sind, was teuer ist. Der Staatsapparat, dieses anonyme Machtwerk der Verteilung, mag sie nicht deswegen. Er erzählt ihnen nicht, auf welchen Wegen sie zu ihren Rechten kommen und wenn sie es erfahren haben, müssen sie dennoch um jedes einzelne Recht kämpfen.  Der Industriestaat versorgt sie, am liebsten industriell in Großeinrichtungen oder in automatisierten, abgeschotteten Tages- und Lebensabläufen: Sonderschule, Werkstatt und Wohnen in der Familie oder im Heim. Die Bürgerinnen und Bürger danken es ihm, weil sie so mit dem für sie größten Elend nicht persönlich in Kontakt kommen müssen. Diese sonderpädagogische Welt ist wie ein eigener Kulturraum, in dem Menschen aus der Welt da draußen, die Behinderten da drinnen betreuen.     

Doch schon seit einigen Jahrzehnten befreien sich immer mehr Behinderte aus diesem Ghetto der Aussonderung und viele Pädagoginnen und Pädagogen und viele aus der pädagogischen Wissenschaft unterstützen sie dabei. Sie bauen den Aussiedlern die Schiffe. Stefan Schabert ist einer von ihnen.

Aufbau und Inhalt

Der Autor arbeitet als Wissenschaftler und die Konstruktion seiner Schiffe muss die Wissenschaft überzeugen.

  • In den ersten beiden Kapiteln des hier rezensierten Buches führt er den Beweis an, überhaupt eine Forschungslücke bearbeitet zu haben, und belegt seine Methoden der Erhebung und Auswertung. Das gehört sich so für ein wissenschaftliches Buch.
  • Dann folgt der Hauptteil. Vier kasuistische Studien, Lebensläufen von AbsolventInnen einer Körperbehindertenschule. Er ordnet die Biografien nach verschiedenen Aspekten: Die Karrieren der Gesundheit, des Wohnens, der Mobilität, der Sozialbeziehungen, der  Finanzen, der Bildung und Beschäftigung.
  • Schabert beschreibt die Folgerungen aus seinen Erhebungen in den folgenden Kapiteln.
  • Er fordert dringende weitere Forschungen und leitet Konsequenzen seiner Arbeit ab für die drei wichtigsten Zielgruppen bzw. -bereiche: für die behinderten Menschen, für deren Unterricht und für die Hochschulen.
  • Den Abschluss bieten ein Ausblick und das ausführliche Literaturverzeichnis.

Diskussion

Das Buch konfrontiert die Pädagogik in Wissenschaft und Praxis mit Berichten, Kritik und Ratschlägen, die zum Teil von Behinderten selbst erteilt werden. Der Autor begreift das ausdrücklich als Provokation. Stefan Schabert fordert, den bisherigen Objekten eines riesigen wissenschaftlichen Zweiges den Status von Lehrenden zu geben, ihnen zuzuhören und die eigenen Konzepte danach auszurichten. Das ist zurzeit noch unerhört.

Zwar haben schon immer Wissenschaftler die organisierten Behinderten beobachtet und befragt. Das Ergebnis haben sie aber als ihre Erkenntnis ausgegeben. Die ernstgenommene Rolle der Behinderten als Experten in eigener Sache ist in der Lehre neu. Stellen Sie sich vor, im Unterricht geben ehemalige MitschülerInnen ihre Lebenserfahrungen weiter und die LehrerInnen sind dabei lediglich Moderatoren. Stellen Sie sich vor, dabei käme heraus, dass die Schwerstbehinderten für alle Dinge, die sie wirklich für ihr selbstbestimmtes Leben benötigen, nicht ausgebildet wurden: Wie gehe ich mit den vielen Diskriminierungen da draußen um? Wie komme ich zu meinem gesetzlich verbrieften Recht gegen die staatlichen Gegenbemühungen? Wie leite ich mein Pflegepersonal sachgerecht an? Was muss ich machen, um einen Mietvertrag zu bekommen? Wie emanzipiere ich mich von traditionellen Rollenvorstellungen? Wie halte ich mich für einen Partner oder eine Partnerin attraktiv? Wie fahre ich mit dem ÖPNV und der Bundesbahn? Wie verwalte ich mein Geld?

Provokant sind die Konsequenzen, die das Buch empfiehlt, für die pädagogische Praxis in den Einrichtungen (z.B. Heimen), weil sie die Sicherheit des Personals bedrohen. Nachdem sehr viele Behinderte, denen das möglich war, die Integration gewagt und geschafft haben, ging man davon aus, dass die Schwerstbehinderten bleiben und den eigenen Arbeitsplatz sichern werden, egal welche Qualität die pädagogische Leistung hat. Gäbe es nun noch mehr Wahlmöglichkeiten, würden die Belegungszahlen die Einrichtungen stärken, die über ambulante, dezentrale Strukturen und pädagogische Qualität verfügen. Zum Glück gibt es davon immer mehr, was auch der modernen pädagogischen Wissenschaft zu verdanken ist, zu der der Autor gehört.

Kritik

Wer nach Beweismaterial für moderne pädagogische Aussagen sucht, kann sich das doch sehr teuere Buch sparen. Qualitative Forschungsmethoden haben immer wieder das Problem der Validität, noch dazu, wenn die Probandenzahl gering ist. Außerdem bekennt der Autor, während der längeren Beobachtung des wissenschaftlichen Gegenstandes, diesen auch wissentlich verändert zu haben. Es war offenbar nicht seine Absicht, die Rolle des distanzierten Wissenschaftlers von der des empathischen Pädagogen zu trennen.

Dennoch bleibt  das Buch als Anregung für weitere Untersuchungen und vor allem für neue Ideen und Motivationen sehr empfehlenswert.

Fazit

Stefan Schabert hat mit seinen wissenschaftlichen Ausführungen ein Buch mit neuen, herausfordernden Ideen für die Praxis in Schulen, Heimen und Werkstätten veröffentlicht. Er gibt behinderten Menschen ein Sprachrohr im wissenschaftlichen Bereich, macht sie als Experten in eigener Sache zu anerkannt Lehrenden. Er gibt Anregungen für die Hochschul-Didaktik und lässt nachempfinden, was Empowerment bedeutet.

Rezension von
Dipl.-Psych. Lothar Sandfort
Psychologischer Leiter des „Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (Trebel), seit 1971 querschnittgelähmt und so seit vielen Jahren als Peer-Counselor in Beratung und Psychotherapie tätig. Unter anderem Supervisor und Coach für Teams in Einrichtungen der Behindertenarbeit von körperlich, geistig bzw. psychisch behinderten Menschen.
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Es gibt 24 Rezensionen von Lothar Sandfort.

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Zitiervorschlag
Lothar Sandfort. Rezension vom 27.08.2008 zu: Stefan Schabert: Versuche selbstbestimmter Lebensführung körperbehinderter Erwachsener. Konsequenzen für eine realitätsnahe Körperbehindertenpädagogik. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2008. ISBN 978-3-8300-3681-4. Schriftenreihe Sonderpädagogik in Forschung und Praxis - Band 20. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6625.php, Datum des Zugriffs 26.06.2022.


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