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Claudia Köhler Emmert: Unternehmensethiker - Schrittmacher zum legitimen Erfolg

Cover Claudia Köhler Emmert: Unternehmensethiker - Schrittmacher zum legitimen Erfolg. Profil einer neuen Managementfunktion. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2006. 317 Seiten. ISBN 978-3-258-07068-1. D: 45,00 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 68,00 sFr.

Reihe: St. Galler Beiträge zur Wirtschaftsethik - Band 38.
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Autor

Claudia Köhler Emmert studierte in Augsburg Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Unternehmensführung und Marketing. Als Consultant der Roland Berger & Partner Unternehmensberatung sammelte sie Erfahrungen in der Unternehmensberatung. Aus der Mitarbeit bei Projekten der kirchlichen Arbeit entstand ein Interesse an ethischen Fragen, das zu ihrer Dissertation in St. Gallen führte. Das Ergebnis ist das vorliegende Buch.

Thema

Das Wirtschaftssystem hat sich von einem Sub-System der Gesellschaft zu einem einflussreichen Supra-System entwickelt. Daher nimmt die Relevanz der Entscheidungen der Unternehmen für die Gesellschaft und ihre Bürger zu. Gleichzeitig wird dieser Bereich nicht demokratisch mitbestimmt. Unternehmen auf die Forderung, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, mit Instrumenten wie dem „Good Governance“,„Corporate Social Responsibilty“ (CSR) oder dem „Public Private Partnership“ zu reagieren.

Wie können unternehmensethische Grundsätze aussehen und im Unternehmen umgesetzt werden? Bei diesen Fragen können Unternehmen intern und extern Ethikkompetenz einholen. Wie die Rolle eines Unternehmensethikers in einem Unternehmen konzipiert sein soll und was sich daraus praktisch für diese ergibt, diesen Fragen geht das Buch von Claudia Köhler Emmert nach. Daneben ist es ihr Anliegen, aufzuzeigen, warum ethische Entwicklung in Unternehmen notwendig ist und was darunter verstanden werden kann.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in folgende vier Hauptteile:

    1. Orientierung für Unternehmung und Ethikspezialisten
    2. Das ‚Ethics Officer-Konzept‘ in der Praxis der USA
    3. Das Rollenkonzept der Ethikerin in einem europäischen Unternehmen
    4. Postulate für die praktische Ethikarbeit

Der Anhang enthält neben der Forschungsmethodik weitere Hinweise zum Konzept des Ethic Officers in den USA und eine Fallstudie zur Rollenkonzeption der Ethikerin in einem deutschen Unternehmen.

I. Orientierung für Unternehmen und Ethikspezialisten

Woran kann und soll sich ein Unternehmen in ihrer Entwicklung oder/und Umsetzung von ethischen Handlungsleitlinien orientieren? Zunächst stellt die Autorin dar, wie ein ethisches Element bereits in den Unternehmenshandlungen enthalten ist, nur i.d.R. noch nicht zielstrebig gesteuert wird. Sie begründet die Wahrnehmung eines Unternehmens als eigenständigem ethischen Akteur damit, dass Handlungsergebnisse (Produkte etc.) nicht auf einzelne Personen zurück geführt werden können, dass ein Unternehmen eine juristische Person ist und in der Öffentlichkeit als Akteur identifiziert und mit normativen Ansprüchen konfrontiert wird. Diskursethik wird als normative Grundlage für den Unternehmensethiker präsentiert. Diese wird seit Mitte der 80er Jahre von Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas entwickelt. Zentraler Aspekt der Diskursethik ist ein unparteiliches Verfahren zur Findung von Normen, das alle jeweils Betroffenen einschließt und nicht der Inhalt. Der Unternehmensethiker stößt im Unternehmen die ethischen Diskurse an und erhält sie aufrecht. Er ist gewissermaßen Moderator des Prozesses, aber auch Stimme im Sinne einer Person, die als Gewissen des Unternehmens fungiert.

II. Das „Ethics Officer-Konzept“ in der Praxis der USA

Seit zehn Jahren gibt es Ethics Officer in amerikanischen Großunternehmen. Ein Bewusstsein, dass es für Unternehmen wichtig sein kann, Normen zu folgen, entstand in den 80er Jahren. Es wurden Richtlinien vom Gesetzgeber erlassen, die Anreize für Unternehmen boten, ihr Handeln selbst zu überwachen und eigene Ethik Programme einzuführen. Letztes konnte im Fall der Straffälligkeit des Unternehmens einen Straferlass von bis zu 95 Prozent bewirken. Die Programme sind vorrangig auf Compliance (die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben) ausgereichtet und richten sich in erster Linie an die Mitarbeitenden. Weder Management noch das Unternehmen als Ganzes sind im Fokus der Umsetzung der Konzepte. Konkret entwickelt ein Ethics Officer (EO) Kommunikations- und Trainingsprogramme. Kritisch wird dargestellt, dass sich die Ethikprogramme darauf beschränken, in den Mitarbeitenden das größte Risiko für unethisches Verhalten zu sehen.

III. Das Rollenkonzept der Ethikerin in einem europäischen Unternehmen

In Europa gibt es Ethikprogramme noch nicht so lange, wie in Europa. Und es gibt noch keine Dachverbände, wie in den USA. In diesem Teil wird daher eine Einzelfalluntersuchung der Rollenkonzeption und des Ethikprogramms eines europäischen Unternehmens dargestellt: Die Unternehmensgrundsätze und ein Compliance-Programm werden in den Publikationen des Unternehmens vielfach veröffentlicht. Erklärtes Ziel ist die Reputation des Unternehmens und die Bemühung um einen Dialog mit Stakeholdern. Ein Skandal und vor allem die sich daraus ergebenden Kosten waren Hauptanlass, das Ethikprogramm aufzusetzen. Hinzu kamen ein Verlust an Reputation, Orientierungslosigkeit bei Mitarbeitern und Neugründungen der Firma im Ausland. Das in dieser Firma vorliegende Programm bezieht sich auf vier Bereiche: Rechtsverstöße, öffentliche Wahrnehmung, wünschenswerte Normen und Werthaltungen und Eingliederung von Auslandsgesellschaften. Nach innen wurde über Broschüren und Intranet informiert. Des Weiteren wurde das Compliance-Programm umgesetzt. An dieser Stelle entzündet sich die Kritik der Autorin am Ethikprogramm dieser Firma. In der Weiterbildung und Tagesgeschäft schlägt sich das Programm nur wenig nieder und die geweckten Erwartungen der Mitarbeiter werden nicht erfüllt. Die Akzeptanz des Programms auf Führungsebene ist mäßig. Ethische Verpflichtungen gelten als zeitraubend. Nach der Implementierung wird die Unternehmensethikerin durch einen Compliance-Officer ersetzt und mithin liegt der Schwerpunkt auf der Einhaltung von Gesetzen. Nach außen wurde die Reputation der Firma allerdings tatsächlich verbessert.

IV. Postulate für die praktische Ethikarbeit

Aufgrund der kulturellen Unterschiede und daraus folgenden unternehmensethischen Grundsätzen lassen sich die Konzepte von Ethikprogrammen von Unternehmen der Vereinigten Staaten nicht übernehmen. In der europäischen Praxis hat sich noch kein konzeptioneller Standard entwickelt. Daher stellt die Autorin in ihrem letzten Teil Vorüberlegungen zu einem Konzept vor.

Ein Integritätsprogramm sollte infolgedessen ein Mission Statement, bindende Geschäftsgrundsätze, Stakeholderrechte, eine diskursive Infrastruktur, Ethiktrainings und ethisch ausgerichtete Führungssysteme umfassen. Die nötigen Veränderungen können sowohl evolutionär als auch revolutionär geschehen. Vier Fragen sollte dabei die mit der Umsetzung betraute Person, die Unternehmensethikerin in die unternehmensinterne Klärung einbringen:

  • Was sind die Themen der Ethikintervention und wer, welcher Bereich im Unternehmen ist davon betroffen?
  • Was soll mit der Veränderung genau erreicht werden und wer ist der Nutznießer der Veränderung?
  • Woher kommt die Notwendigkeit der Veränderung? Worin besteht das Motiv?
  • Wie und wann solchen welche Akteure aktiv werden?
  • In Bezug auf das Stellenprofil einer solchen Unternehmensethikerin gilt es folgende Punkte zu bedenken:
  • Die Anbindung innerhalb des Unternehmens hat konzeptionelle Folgen für die Stelle. Sie sollte direkt der obersten Geschäftsleitung unterstehen.
  • Die Stelle sollte mit den nötigen Befugnissen ausgestattet sein, um in den jeweiligen Umsetzungsphasen handeln zu können.
  • Geschäftsintegrität soll nach Köhler Emmert in fünf Stufen entwickelt werden. In der Initiativ- und Aufbauphase soll das Bewusstsein für ethische Themen geweckt ein Programm partizipativ ausgearbeitet werden. Die beschlossenen Strukturänderungen und Interventionen werden dann in der Implementierungsphase umgesetzt und ggf. eine Zertifizierung angestrebt. Um das ethische Engagement des Unternehmens zu institutionalisieren und in alle Teilbereiche zu tragen, bedarf es der so genannten Dynamisierungsphase. In der Legitimationsphase wirkt das Unternehmen darauf hin, den Impuls zu ethisch verantwortlichem Verhalten in Fachverbänden und in politischen Gremien zu tragen.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an Unternehmen bzw. ihre Strategen und Entwickler, die das Interesse haben, Ihr Unternehmen in Richtung Ethik und Verantwortung zu verändern oder neue Ideen für eine vorhandene Ausrichtung suchen. Natürlich ist das Buch auch für diejenigen, die sich für das Berufsbild eines Unternehmensethikers interessieren, eine geeignete Lektüre.

Fazit

Das Buch bietet einen guten Überblick über das neue entstehende Berufsfeld des Unternehmensethikers und gibt Anregungen zur Gestaltung. Insbesondere die Gegenüberstellung der Praxis in den Vereinigten Staaten und ersten Versuchen in Europa zeigen die kritischen Punkte und mögliche Entwicklungsrichtungen auf. Die Frage der Motivation von Unternehmen, ein Ethikprogramm einzuführen, das über die Rettung der Reputation und die Einhaltung von Gesetzen hinaus geht und so dem gewachsenen Einfluss der Wirtschaft in der Gesellschaft Rechnung trägt, wird aufgeworfen, aber nicht beantwortet.


Rezensentin
Dipl.-Psych. Gesche Keding
Leuphana College, Universität Lüneburg


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Zitiervorschlag
Gesche Keding. Rezension vom 06.04.2009 zu: Claudia Köhler Emmert: Unternehmensethiker - Schrittmacher zum legitimen Erfolg. Profil einer neuen Managementfunktion. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2006. ISBN 978-3-258-07068-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6627.php, Datum des Zugriffs 26.08.2019.


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