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Erasmus Schöfer: Die Kinder des Sisyfos

Cover Erasmus Schöfer: Die Kinder des Sisyfos. Dittrich Verlag (Berlin) 2008. 2073 Seiten. ISBN 978-3-937717-31-9. 77,00 EUR.

Die Einzelbände sind: (Band I): Ein Frühling irrer Hoffnung. Die Kinder des Sisyfos, Dittrich Verlag, Berlin 2001, 496 S., 20 Euro, ISBN 978-3-920862-68-2; (Band II): Zwielicht. Die Kinder ..., 2004, 600 S., 24,80 Euro, 978-3-920862-58-3; (Band III): Sonnenflucht. Die Kinder..., 2005, 354 S., 19,80 Euro, 978-3-937717-16-6; (Band IV): Winterdämmerung. Die Kinder des Sisyfos. Zeitroman, 2008, gebunden, 623 S., 24,80 Euro, ISBN 978-3-937717-27-2 . Der Verlag bietet alle vier Bände unter der ISBN 978-3-937717-31-9 zum Gesamtpreis von 77 Euro an..
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Aufgebrochen und ausgebrochen aus den gepflegten Gewissheiten

Zuschreibungen, Erklärungen und Differenzierungen darüber, was die Jugend vor einer Generation, vor vierzig Jahren also, die so genannten 68er, umgetrieben hat, mit anderen als den bis dahin üblichen politischen Mitteln die ungerechte Gesellschaft zu verändern, gibt es genug! Je nach Versessenheit und Vergessenheit wird die Zeit als "Aufbruch" oder "Abbruch", als der Beginn einer neuen Zeit, wie als Irrweg in das Chaos bewertet. Ob als historische Analyse oder als irritierender Blick zurück, wie etwa Götz Aly in seiner Abrechnung mit der (seiner) Geschichtsepoche, immer geht es um Sein oder Schein, um den Anspruch auf wahrhaftige Dokumentation oder ideologische Schimpfe. In acht Audio CDs mit insgesamt 426 Minuten kommen noch einmal "Die 68er und ihre Theoretiker" zu Wort, und die Musik jener Zeit klingt uns in den Ohren (Verlag Antje Kunstmann, München 2008; vgl. dazu auch die Rezension in BerlinerLiteraturkritik). Soeben hat die Wochenzeitung DIE ZEIT damit begonnen, in einer Artikelserie danach zu fragen: "Wie ticken die …?", die Linken, die Schwarzen… Im ersten Beitrag vom 17. 7. 2008 outet sich der Berliner  Theaterregisseur und derzeitige Intendant und künstlerische Leiter des Berliner Ensembles,  Claus Peymann, als "linker Narr", indem er die Weisheit von sich gibt, wie: Linke seien Träumer, die etwas träumen, was die dann nicht hinkriegen, und Rechte seien Pragmatiker, die etwas hinkriegen, was aber letztlich dann doch schief geht. In einer Studie über politische Milieus in Deutschland hat 2007 der 1941 geborene und am Otto-Stammer-Zentrum für Empirische Politische Soziologie der FU Berlin tätige Gero Neugebauer im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Forschungsarbeit zu der Frage danach durchgeführt, welche dominanten Faktoren die öffentlich wahrnehmbare Stimmung in der deutschen Gesellschaft bestimmten. Während sich derzeit jeder dritte erwachsene Deutsche selbst als "Links" einordnet, mit steigender Tendenz angesichts der wirtschaftlichen und sozialen Unsicherheiten und des Abbröckelns der gesellschaftlichen Mittelschicht, unterteilt der Politikwissenschaftler die "Linken" in die Gewinner, die ihren Erfolg mit anderen teilen wollten und in die Verlierer, die für sich selbst ein größeres Stück vom gesellschaftlichen Kuchen beanspruchten.

Autor und Hintergrund

In dieser Situation der Erregtheiten und Aufgeregtheiten, der Sorge darüber, das Erreichte zu erhalten, wie auch der Ängste, immer mehr an Lebensqualität zu verlieren – was sich ja nicht zuletzt in der lokal und global gültigen Analyse ausdrückt: Die Reichen werden reicher und die Armen werden ärmer – ist es interessant, wenn sich einer daran macht, der zu den 68ern gehörte, 1969 den "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt" mit neun lokalen Werkstätten in Westdeutschland mitbegründete, zeitweise als Sprecher des Zusammenschlusses tätig war  und als Kommunist und linker Aktivist über die Jahrzehnte hinweg sich immer wieder mit Büchern, Radiobeiträgen, Hörspielen und als freier Schriftsteller zu gesellschaftlichen Missständen zu Wort meldet: Erasmus Schöfer. Nachdem er einige Jahre auf den griechischen Inseln Patmos und Ithaka lebte, wohnt und arbeitet er seit 1970 in Köln. Das Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland erhielt für sein literarisches Engagement zahlreiche Auszeichnungen; z. B. 1964 den Kurt-Magnus-Preis der ARD und 2008 den Gustav-Regler-Preis der Kreisstadt Merzig und des Saarländischen Rundfunks.

Mit der Romantetralogie "Die Kinder des Sisyfos" verarbeitet der am 4. Juni 1931 in Altlandsberg bei Berlin geborene Erasmus Schöfer die Geschichte der Achtundsechziger auf seine Weise; nicht als historische Dokumentation und Geschichtswerk, sondern in einer eigenwilligen, faszinierenden und gleichzeitig verstörenden und nicht selten irritierenden Erzählform.

Die vier Bände

2001 erschien der erste Band mit dem bezeichnenden Titel "Ein Frühling irrer Hoffnungen" (496 S.). Mit der rätselhaften und sybillinischen Aussage – "Ich bin … gezwungen, die Irrtümer zu schildern, ohne, wie ich glaube sagen zu dürfen, ich hielte sie für Irrtümer; schlimm genug für mich, wenn der Leser glaubt, ich hielte sie für die Wahrheit" – schickt er die Leser auf eine Reise in die junge Vergangenheit und fordert sie auf, sich mit dem eigenen Wissen, den individuellen Lebenserfahrungen, den gesellschaftlichen Wünschen und Utopien hinein zu begeben in die Zeit vor mehr als 40 Jahren.

Der zweite Band "Zwielicht", wieder von der semantischen und ideologischen Bedeutung des Wortes her ein Programm, erschien 2004 und umfasst 593 S. Es sind die 70er Jahre, und mit die Hauptfiguren des Bandes, Armin Kolenda, der Betriebsrat und anarchistische Trotzkist, Manfred Anklam und der Historiker und Kommunist Viktor Bliss – sie werden uns in den weiteren Bänden wieder begegnen – auf Menschen treffen, die antreten, gegen die Windmühlenflügel der tatsächlichen und vermeintlichen Mächte, die eintreten für Mitbestimmung und Betriebsübernahmen durch die Werktätigen, nicht als Revolutionsführer, sondern als Skeptiker des gesellschaftlichen Mainstreams.

Im dritten Band "Sonnenflucht" (2005, 354 S.) diskutiert Erasmus Schöfer die Situation, wie sie in Griechenland Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre vorherrschte, und wie er dies bereits in dem 1986 erschienenen Roman "Tod in Athen" behandelt hat. Die Auseinandersetzungen um demokratische Verhältnisse in Griechenland erleben die beiden deutschen Gewerkschafter Victor Bliss und sein Freund Manfred Anklam hautnah, und als bei einer Demonstration vor einem Athener Fabrikgelände eine griechische Studentin getötet wird, da sind sie mitten drin in ihren Hoffnungen von einer "Weltrevolution", gleichzeitig aber auch in ihren Resignationen und Erfahrungen, eigentlich machtlos zu sein.

Mit dem vierten Band "Winterdämmerung" beendet nun der Berliner Dittrich-Verlag das "Geschichtswerk" als Erzählung einer Zeit, in der Sisyfos zu einer Leitfigur menschlichen, politischen Handelns und Hoffens gemacht wird. Es ist in diesem Zusammenhang sicherlich nicht verkehrt, daran zu erinnern, dass Albert Camus in seinem "Mythos des Sisyphos" (1942) seine Philosophie des Absurden begründet und Sisyphos als Rebell gegen die Götter und die Mächte der Welt als glücklich vorstellt: "Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. […] Der absurde Mensch sagt ja, und seine Anstrengung hört nicht mehr auf. Wenn es ein persönliches Geschick gibt, dann gibt es kein übergeordnetes Schicksal oder zumindest nur eines, das er unheilvoll und verachtenswert findet. Darüber hinaus weiß er sich als Herr seiner Tage. In diesem besonderen Augenblick, in dem der Mensch sich seinem Leben zuwendet, betrachtet Sisyphos, der zu seinem Stein zurückkehrt, die Reihe unzusammenhängender Handlungen, die sein Schicksal werden, als von ihm geschaffen…". Dieser vierte Band wird exemplarisch für die Roman-Tetralogie vorgestellt.

Exemplarisch: Der vierte Band "Winterdämmerung"

Das Erkunden der eigenen gegenwärtigen Existenz, das treibt sie an, die Personen, denen wir bereits in den vorigen Bänden begegnet sind. Denn die endsiebziger und achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts sind geprägt von der Nachschau danach, was geblieben ist, was erreicht und nicht erreicht wurde; vom Widerstand gegen den Bau der Startbahn West, die Stationierung der US-amerikanischen Pershing-Raketen, der Schließung des Stahlwerks in Rheinhausen. Da treffen wir auf Demonstranten und Sympathisanten, wie Horst Karasek, Hans Dieter Hüsch, Kittner, Walter Mossmann, Hannes Wader, Erhard Eppler, Peter Härtling, der mit seinem Brief an Willy Brandt seine Mitarbeit in der SPD aufkündigt und dagegen protestiert, dass "Macht offenbar nicht hört, sondern nur handelt"; und natürlich auf Peter Weiss, der mit seiner "Ästhetik des Widerstandes" für viele 68er Richtungsgeber war und "sich ums Leben geschrieben" hat, als er am 10. Mai 1982 mit 66 Jahren in Stockholm starb. Es ist weitgehend aus dem Bewusstsein der breiteren Öffentlichkeit verschwunden, dass Zehntausende von Künstlern, Bauarbeitern, Intellektuelle, Politiker und Hausfrauen dabei waren, in der Pfalz gegen die Stationierung von atomaren Mittelstreckenraketen zu demonstrieren; dass in der Bundesrepublik mehr als vier Millionen Bürger dies mit ihren Unterschriften bekräftigten. Wie der Journalist Armin Kolenda die Räumung des Hüttendorfs durch die Polizei "mit ihren martialischen Räumgeräten, den Schutzschildern, Schlagstöcken und Wasserwerfern hautnah erlebt, eingelocht wird und verzweifelt nach dem Rechtsstaat schreit" – die Ohnmacht eines von der Ordnungsmacht gedemütigten und geschlagenen Demonstranten. Die westdeutsche Friedensbewegung, die sich am 16. November 1980 mit dem Krefelder Appell und dem Aufruf "Kampf dem Atomtod" einmischte, wurde getragen von Sozialisten, Kommunisten, Sozialdemokraten und Prominenten, wie Martin Niemöller, Helmut Ridder, Karl Bechert, Gösta von Uexküll, Petra Kelly, dem ehemaligen General Gert Bastian, Christoph Strässer. Miriam Makeba aus Südafrika lenkte den Blick auf die menschenunwürdigen Zustände in ihrem Land; und die nikaraguanische Dichterin Ioconda Belli erklärte, "dass die Welt ein Bienenstock ist".  

Der Schriftsteller Victor Bliss, der sich vor seiner Rückreise aus Griechenland bei dem Versuch, aus einem brennenden Haus Menschen zu retten, Gesicht und Körper verbrannte und in einer deutschen Klinik mit langwierigen Behandlungen wieder "lebensfähig" gemacht wurde, grub sich ein "in die Höhle der Einsamkeit, des Grübelns und auch des Einmauerns in sein Verbranntsein". Die überraschende, zufällige Begegnung mit dem Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter, seine einfühlsamen Erkundungen und sein Rat: "Allein, ohne Gegenüber kann ein Mensch sich nicht objektivieren. Wir sind als soziale Wesen konstruiert", gab dem "Verbrannten" eine Perspektive und den Mut, weiter mit zu machen bei der gemeinsamen Aufgabe, für eine bessere, friedlichere und gerechtere Welt und Gesellschaft einzutreten. Die "Macht des Faktischen" erfuhr der Mannesmann-Betriebsratsvorsitzende Manfred Anklam bei dem durchaus erfolgreichen Widerstand gegen die Absichten der parteipolitischen und Wirtschaftsmacht, die Kommunisten aus verantwortlichen Ämtern heraus zu drängen. Auch wenn später das Gericht die Entlassung, oder "Freistellung", wie dies bei den Industriebossen genannt wurde, als ungerecht bezeichnete und aufhob; seine Funktion als Betriebsratsvorsitzender war er los. Er empfand es wie eine Sünde wider die Arbeitersolidarität und willigte dann trotzdem ein: "Ich habe das Schweigegeld angenommen", mit dem verlockenden Angebot einer auf Konzernkosten finanzierten Umschulung im Betriebs-Management. Mit dem Brief, als "Post von Drüben" gekennzeichnet, berichtet der freigestellte Betriebsrat von seinem Lehrgang, der "Kur", die er in der Bad Harzburger Kaderschmiede für Wirtschaftsbosse, absolvierte. Dabei wurden die Teilnehmer nicht im Zweifel darüber gelassen, wer im Betrieb letztendlich das Sagen habe und die Entscheidungen treffe – trotz Mitbestimmung! Dabei habe Manfred Anklam, so in seinem Bericht an seine Freunde, den janusgesichtigen kapitalistischen Bazillus kennen gelernt, der "Mitbestimmung" genannt wird.

Ein anderes, unfassbares Ereignis hat die Existenzen der Beteiligten durcheinander gewirbelt und Erklärbares unerklärlich gemacht: Es ist der Tod von Hannes Sonnenfeld, des Gewerkschaftssekretärs, des verantwortlichen Redakteurs der Kulturzeitschrift des DGB, politischer Kampfgenosse und Mitdiskutierer im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt. Seine Selbsttötung wird von den Ermittlern wie von den meisten in seinem Umfeld als Eingeständnis dafür gewertet, dass er die heranwachsende Tochter seiner Lebensgefährtin Lisa Esper ermordet habe. Mit einer nahezu existentiell spürbaren Schreib-Auseinandersetzung geht Armin Kolenda mit dem Tod und der Tat seines "geistesverwandten" Freundes um, und mit der Art und Weise, wie die Öffentlichkeit im Ruhrgebiet, ebenso die "Organisation" sich damit beschäftigt. "Ich kann nicht hinnehmen, dass die Anstrengung eines ganzen Lebens ausgelöscht werden soll durch die Explosion eines Augenblicks". Das ist das allzu bekannte Hadern von Menschen mit schicksalhaften Schlägen, mit der Frage nach Schuld und Vergeltung, nach Ursachen und Erklärungen einer eigentlich unvorstellbaren Tat, und nicht zuletzt nach Sühne und Versöhnung. Es geht also um Verstehen und Bewerten, um Empathie und Objektivität, soweit das in einem solchen Fall überhaupt möglich ist. Dass ein solches Ansinnen entweder misslingen muss, oder sich eigentlich nur in Lyrik ausdrücken lässt, zeigt Kolenda mit seinem Gedicht "Aus unsern Toten sind wir erfunden", und in der Entdeckung: "Mein Freund mein Ungeheuer mein Mensch: Das bin ja ICH". In diesem Zusammenhang kommen dann auch Metaphern zustande, die beinahe kitschig und aufgesetzt, aber in dem Kontext von Freundschaft, Genossenschaft und politisch-ideologischer Überzeugung echt klingen: "Ich habe ein Rückgrat, aber nicht, um es mir brechen zu lassen!".

Und immer wieder Anklam, der Betrogene und sich selbst außer das politische Gefecht gesetzt hat, "Schweigegeld" von den Bossen angenommen hat, um des "Betriebsfriedens" willen; das "MannesmannSchwei(n)gegeld", das nach vier Jahren verbraucht war, für …, ja für was? Der neu bestallte Hüttenmeister der Krupp Stahl AG – Rheinhausen fängt wieder an, sich auf sein proletarisches Bewusstsein zu besinnen: Rheinhausen darf nicht sterben! Auffordernde, aufreizende Worte: "Kollegen Leute Menschen, das Buch der Geschichte ist aufgeschlagen, jetzt liegt es an euch ein paar neue Seiten zu schreiben, dass die Generation nach uns lesen kann, wie man einen Arbeitskampf führt, wie man diesen Vorstand in die Knie zwingt", und dann die altbekannte, abgedroschene, in der Geschichte der Arbeiterbewegung immer wieder erprobte, gescheiterte, manchmal auch gelungene Parole: "Alle Macht sagt man geht vom Volk aus…". Hüttenbesetzung – und "die Gewerkschaft guckt zu. Gesetzlich gezähmt". Stürmung der Krupp-Villa. Ist das nun Hausfriedensbruch – oder was? Und wie reagiert die Gewerkschaft darauf? Wie die Vorstandsvorsitzenden von Krupp, Mannesmann und Thyssen? Die Politik? Die Arbeiter haben da wenig Hoffnung: "Maulhurerei". Kolenda schreibt in der Demokratischen Zeitung (DZ) am 10. Dezember, dass es im Ruhrgebiet zu generalstreikähnlichen Aktionen gekommen sei, "nachdem die Krupp Stahl Aktiengesellschaft die Schließung ihrer Rheinhauser Hütte verkündet hat". Die Arbeiter hätten zu Kampfmitteln gegriffen, an die bisher niemand zu denken gewagt hatte. Streiks und Blockaden in Duisburg, Bochum, Essen, Oberhausen, Mühlheim, Dortmund und Gelsenkirchen. Der Journalist spielte in seinem Artikel an das Brecht-Wort an: "Umwälzungen finden in Sackgassen statt", und er visioniert eine Situation, dass sich in der Situation "Züge einer alternativen politischen Kultur gebildet" hätten.

Ja und dann die "rebellischen Frauen von Rheinhausen". Da ist viel Bodenständiges, Praktisches, Zupackendes zu erkennen, freilich meist in der Küche und als Versorger für die eigentlichen "Kämpfer". Ist da etwas von revolutionärer Emanzipation zu spüren? In der Liebe und bei den Ansprüchen auf Selbsterfüllung, wie im Arbeiterleben? Da klingen Kolendas Sätze wie: "Liebe… ist nicht in der Welt wie eine Silberader am Berg, die man sucht und vielleicht, zufällig, findet. Liebe ist Tätigkeit, Verhalten. Innerhalb von bestimmten Rahmenbedingungen", eher nüchtern und akademisch", aber die weibliche Interpretation von Liebe, egoistisch und emphatisch zugleich: Liebe ist … "das Leben. Das Meer. Ja, wie das Meer. Je weiter hinaus, je tiefer, Je stürmischer". Dann aber auch ein Aufbegehren gegen Besitzansprüche, gegen Konventionen, oder wie soll man es nennen, wenn man das altmodische Wort "Treue" nicht mehr so richtig über die Lippen bekommt? "Das muss ich schon selber wissen, was ich verantworten kann, auch vor uns. Mein Scheich bist du nicht". Vielleicht ist da tatsächlich Sisyfos ein Wegweiser. Da braucht es einen "Mutsucher", wie etwa Robert Jungk mit seinem Buch: "Projekt Ermutigung", als Streitschrift wider die Resignation. Seine Einlassung – "Ich bin ein suchender und irrender Mensch, der versucht, den richtigen Weg zu finden", auch auf die Gefahr hin, abzustürzen und der Hoffnung, wieder aufstehen und weitermachen zu können, etwas Neues zu wagen – wurde damals als Mut-Botschaft verstanden – und sie ist es bis heute! "Think globally, act locally", dieser von ihm in jener unruhigen Zeit in die Welt gebrachte Aufruf gilt heute ja, in den Zeiten und Unsicherheiten der Globalisierung als so etwas wie ein Anker in der stürmischen See; in der, bei einer von Jungks Lesungen Viktor Bliss seiner Jugendliebe Malina wieder begegnet, die damalige Mitarbeiterin von Robert Jungk in seiner Salzburger Zukunftsbibliothek. Doch sie finden nicht mehr zusammen; dem "zu Tod Verbrannten" scheint keine wärmende Sonne mehr. Und dann, plötzlich, unerwartet und unangemeldet steht Ann Bliss vor seiner Tür, das Kind seiner Tochter, in den USA geboren und aufgewachsen. Sie wollte von Vik, ihrem Großvater wissen, wie er ist und wie es ist. So unbestimmt und doch gleichzeitig so drängend und imponierend direkt. Für ihr Studium in Düsseldorf und Detroit wollte sie alternative Lebensformen erkunden. Der Besuch einer Kommune in Kaufungen bei Kassel, die Bekanntschaft mit dem Hüttenmeister Manfred Anklam und der Besichtigung des Werks machten Ann schwindlig, und ihre jugendliche Phantasie ging beinahe mit ihr durch: Wir müssen was ändern! Da stand diese Parole erneut im Raum, mitten in der Silvesterfeier, bei der sie wieder beisammen waren, sie alle, Armin Kolenda, Manfred , Viktor, Lisa, Margrit und die junge Ann. Und aus der Schnapsidee, die rote Fahne, die die Hüttenarbeiter beim Streik hoch oben auf dem Hochofen angebracht hatten, und die dann kleinlaut wieder von den Arbeitern herunter geholt wurde, als der Schließungsbeschluss des Werks durch war - Manfred hatte sie immer noch aufbewahrt – jetzt noch einmal dort oben im Duisburger Werk anzubringen, in der Silvesternacht, wurde so etwas wie ein Akt der Solidarität und der Erinnerung. Irgendwie waren sie jetzt glücklich, die Alten und die Junge, die "Kinder des Sisyfos", als sie zusahen, wie "der rote Fetzen flatterte".

Fazit

Erasmus Schöfer hat mit den "Kindern des Sisyfos" ein gewaltiges Werk geschaffen. Der Rezensent scheut sich, die insgesamt 2.073 Seiten als "hohe Literatur" zu bezeichnen (wobei erlaubt sein darf, diese Bezeichnung in Anführungsstrichen zu setzen). Es wäre auch unangebracht, die fleißige Arbeit als ein "Geschichtswerk" zu benennen. Es ist eine eindringliche Erzählung über eine Zeit, in der Menschen wirklich daran geglaubt haben, eine andere Wirklichkeit schaffen zu können; eine Wirklichkeit, die gemischt ist mit der Utopie von Menschlichkeit, der Hoffnung auf Gerechtigkeit und dem Willen, Gleichheit durchzusetzen. Auch wenn heute, in den Zeiten der Globalisierung und der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden Welt, eher die Resignation vorherrscht, diese hehren Ziele, je erreichen zu können – wir brauchen den Willen, humanere Gesellschaften zu erkämpfen. Die 68er haben das mit ihren eigenen Mitteln und Möglichkeiten versucht; sie haben geirrt, und so manches ist ihnen auch gelungen. Schöfer zeigt das an den eindringlichen Beschreibungen seiner Apologeten. Seine Schreibe ist sicherlich für den Leser gewöhnungsbedürftig; und die vier Bände eignen sich nur bedingt als Nachttischlektüre. Das hängt auch damit zusammen, dass der Autor absatz- und gelegentlich sogar seitenlange Sätze bildet, ohne Satzzeichen und mit Alltagswörtern gespickt, im rheinischen Slang und in Dialektform ausgedrückt. Wenn man Schöfers Schreibe charakterisieren wollte, könnte man sie als "dialektisch" bezeichnen, oder vielleicht auch als "proletarisch". Aber letzteres ist heute ja eher ein Lehnwort aus einer vergangenen Zeit!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.09.2008 zu: Erasmus Schöfer: Die Kinder des Sisyfos. Dittrich Verlag (Berlin) 2008. ISBN 978-3-937717-31-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6630.php, Datum des Zugriffs 16.09.2021.


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