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Lee Alan Dugatkin: Wie kommt die Güte in die Welt?

Rezensiert von Prof. Dr. Klaus Hansen, 27.10.2008

Cover Lee Alan Dugatkin: Wie kommt die Güte in die Welt? ISBN 978-3-940432-02-5

Lee Alan Dugatkin: Wie kommt die Güte in die Welt? Wissenschaftler erforschen unseren Sinn für den Anderen. Berlin University Press (Berlin, Köln) 2008. 184 Seiten. ISBN 978-3-940432-02-5. D: 34,90 EUR, A: 23,50 EUR.
Originaltitel: The altruism equation.

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Erkenntnisinteresse und Autor

Warum ist "Blut dicker als Wasser", wie der Volksmund weiß, der bekanntlich nicht immer recht hat? Warum sind blutsverwandtschaftliche Bindungen stärker als andere? Warum helfen sich Verwandte untereinander eher als Nicht-Verwandte, was bis zur Aufopferung des Bruders für seine Schwester gehen kann?

Wer Evolutionsbiologe und Darwinist ist, wie der als Professor für Biologie an der University of Louisville/USA lehrende Autor Lee Alan Dugatkin, der wird versuchen, auch die scheinbar selbstlose Hingabe für andere unter das Prinzip des "Surviving of the Fittest" zu subsumieren. Also strebt das gesamte Buch der Zauberformel von William Donald Hamilton entgegen, durch die berechnet werden kann, dass auch ein bewusst in Kauf genommenes Ab- statt Überleben des Einzelnen ein nützlicher Beitrag für das qualitative Fortleben der Eigenen sein kann.

Hamiltons Formel

Altruismus erklärt sich nach Hamiltons Formel damit, dass r mal b größer als c ist. (vgl. S. 106) r steht für den Verwandtschaftsgrad (der r-Wert zwischen Elternteil und Nachkommen beträgt 0,5); b (benefit) steht für Nutzen und c (cost) steht für Kosten des Verhaltens. Der Nutzen des Verhaltens der Arbeitsbienen, die für ihr Volk aus Königin, Drohnen und Geschwistern nicht nur schuften, sondern es auch verteidigen und dabei sterben, ist auf einer höheren Ebene als der des Individuums größer als die Kosten, die der Tod einzelner Bienen bedeutet. Der toten Arbeitsbiene könnte man darwinistisch nachrufen, sie habe durch ihre altruistische Aufopferung für die Verwandten mindestens ebenso sehr sich selbst geholfen wie den Anderen, denn: "Da Blutsverwandte viele Gene gemeinsam haben, hilft man sich, wenn man einem Verwandten hilft, indirekt selbst." (S.10) Somit liegt die zentrale Definition des Altruismus, wie sie das Buch vertritt, offen zutage, ohne dass sie so radikal formuliert wird, wie wir es hier versuchen: Altruismus ist genetischer Egoismus. Er folgt der mathematischen Formel r x b > c und reproduziert sich, setzen wir ironisch hinzu, nach der Kästner-Formel: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es." Der englische Biologe J. B. S. Haldane hat einmal gesagt, er wäre bereit, sein Leben für zwei seiner Brüder hinzugeben, nicht aber nur für einen. Da bei den Menschen Geschwister (eineiige Zwillinge ausgenommen) zur Hälfte gleiche Gene haben, würde die Rettung der beiden Brüder bedeuten, dass durch seinen Tod, genetisch gesehen, nichts von ihm verloren geht. - Das ist ein sehr eingeschränkter Taschenrechner-Altruismus, gedanklich komplex und geistig schlicht zugleich. Was ist mit dem Fremden, der einem anderen Fremden in einer prekären Notlage aus freien Stücken hilft und dabei sein Leben riskiert? Folgt man dem Tenor des Buches, liegt hier mangels verwandtschaftlicher Verbundenheit kein Fall von Altruismus vor; hier agiert ein leichtsinniger Hasardeur, der es darauf anlegt, ein Held zu werden.

Wenn die Verwandtschaft für den Altruismus eine so dominante Rolle spielt, muss die Frage erlaubt sein: Woran erkennen sich überhaupt Verwandte, zumal wenn sie nicht voneinander wissen? Ganze anderthalb und zudem unbefriedigende Seiten (vgl. S. 148f) widmet das Buch dieser zentralen Frage, um zu der Antwort zu finden: "am Stallgeruch", trivial gesagt.

Fragen

Darf, was am sozialen Zusammenleben vor allem von Insekten studiert werden kann – das Buch wimmelt von Bienen, Wespen und Ameisen -, auf menschliches Zusammenleben so übertragen werden, als lieferten die instinktgeleiteten Termiten die Blaupause für das moralische Sozialverhalten des Menschen? Wer das tut, betreibt Sozialdarwinismus, weiß auch Autor Dugatkin, gibt der Versuchung aber einige Male nach, wodurch das Buch einen gewissen agitatorischen Unterton erhält.

Das Buch wirft eine Menge Fragen auf. Die im Titel apostrophierte "Güte" ist nur das deutsche Wort für "Altruismus", unter dem allerdings ein Sammelsurium von Verhaltens-, Handlungs- und Motivationsweisen verstanden wird, die abwechselnd und offensichtlich gleichbedeutend "Hilfe", "Kooperation", "Selbstlosigkeit" und "Selbstaufopferung" heißen. Hier fehlt es an begrifflicher Präzision.

Natur vor Kultur

Für die sozialwissenschaftlichen Erklärungen des menschlichen Altruismus hat das Buch nur einige wenige Zurechtweisungen übrig. Es möchte nicht über die Auswirkungen von Erziehung und Sozialisation, von Erlebnissen und Familiengeschichte etc. auf die Entwicklung des Mitgefühls und der Hilfsbereitschaft eines Menschen diskutieren, sondern rät statt dessen einem Stiefvater, dem es schwer fällt, eine Bindung zu seinem Stiefsohn aufzubauen, sich nicht schuldig zu fühlen, denn nach Hamiltons Formel verhalte er sich völlig normal, weil sein r-Wert gegenüber dem Stiefsohn gleich 0 sei. Die nicht vorhandene Blutsverwandtschaft bringe es eben mit sich, dass er sich bei einem Stiefsohn mehr anstrengen müsse als bei einem leiblichen Sohn, ohne dadurch je die gleiche Nähe herstellen zu können. (vgl. 140f) Adoptivkinder besäßen demnach ganz schlechte Karten, während die Söhne und Töchter der Inzucht das große Los gezogen hätten.

Fremdwort Fernstenliebe

Für sozialphilosophische Erwägungen bietet Dugatkin bis auf das Kapitel über Fürst Kropotkin und seine Schrift "Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt" (S. 33ff) wenig Raum. Überlegungen zu einem "moralischen Weltklimawandel", wie sie Peter Sloterdijk jüngst angestellt hat, stehen dem Denken, das in Dugatkins Buch gepflegt wird, diametral entgegen. Sloterdijk meint, dank der elektronischen Kommunikationsmittel werde die Reichweite unserer Empathie immer größer. Wie McLuhan es prophezeit habe, werde die Welt immer mehr zum "Dorf" und der am entferntesten Ort lebende Fremde zum Objekt meiner Fürsorge und Güte. "Man muss nicht mehr zusammenleben, um verbunden zu sein; man muss nicht verwandt sein, um füreinander etwas übrig zu haben; man muss sich nicht persönlich gesehen haben, um füreinander etwas zu tun." (Peter Sloterdijk, Die Zeit, 26. 4. 2007, S. 9) In dieser Entwicklung zu einer globalen Fern-Nachbarschaftlichkeit sieht Sloterdijk den Nährboden eines neuen Altruismus. Vielleicht könnte man auch eingefleischten Jüngern Darwins, für die so etwas wie "Fernstenliebe" evolutionär gar nicht vorgesehen ist, diese Sichtweise nahe bringen, indem man den Vorgang als positiven Beitrag zur "Gesamtfitness der Rasse Mensch" plausibel macht.

Fazit

Für den in der modernen Biologie nicht allzu bewanderten, aber interessierten Leser zeichnet das Buch die Sozialgeschichte des evolutionsbiologischen Denkens seit Darwin nach und konzentriert sich auf die biologische Erklärung der "selbstlosen" Hilfe unter Verwandten, die "Altruismus" genannt wird. Dugatkin versteht es glänzend, die Meisterdenker nach DarwinThomas H. Huxley, Warder Clyde Allee, J. B. S. Haldane, William D. Hamilton u. a. - als Kinder ihrer Zeit vorzustellen und soziokulturell zu porträtieren. Die Sprache des Buches ist verständlich und anschaulich, wenngleich man sich gelegentlich etwas weniger anekdotische Schwatzhaftigkeit wünschte. Aber das ist Geschmackssache.

Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 27.10.2008 zu: Lee Alan Dugatkin: Wie kommt die Güte in die Welt? Wissenschaftler erforschen unseren Sinn für den Anderen. Berlin University Press (Berlin, Köln) 2008. ISBN 978-3-940432-02-5. Originaltitel: The altruism equation. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6641.php, Datum des Zugriffs 07.02.2023.


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